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Petra Wild: Lieblingsfeind Islam

Cover Petra Wild: Lieblingsfeind Islam. Historische, politische und sozialpsychologische Aspekte des antimuslimischen Rassismus. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2018. 272 Seiten. ISBN 978-3-85371-444-7. D: 17,90 EUR, A: 17,90 EUR.
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„An dem vorherrschenden, zum Mainstream gewordenen negativen Islambild ist alles falsch“

In der Menschheitsgeschichte gibt es die unheilige und (eigentlich) unmögliche Situation, dass Individuen und Gesellschaften „einseitig“ denken und handeln: Meine Meinung, meine Einstellung und meine Weltanschauung ist besser als deine, und sie ist die alleinig richtige! Diese Unverträglichkeiten und Unduldsamkeiten bewirken Kriege, Hass und Feindschaft. Sie sind bestimmt von Überheblichkeiten und Höherwertigkeitsvorstellungen, die zu Ego-, Ethnozentrismus, Rassismus und Populismus führen. Besonders die Auffassung, dass nur die eigene Religion die einzig richtige und jede andere falsch und deshalb abzulehnen und zu bekämpfen ist, hat die zahlreichen Glaubenskämpfe in der Menschheitsgeschichte bewirkt. Sie dauern bis heute an! Eine der Auseinandersetzungen bestimmt das Verhältnis von Andersgläubigen zum Islam. In der mehr als 1.300 jährigen Geschichte des Islam gibt es positive und negative Situationen, die von friedfertigen und feindschaftlichen Entwicklungen künden. Es gibt Zeugnisse des Miteinanders, etwa wenn im 12. Jahrhundert vom „goldenen Zeitalter des Islam“ die Rede war, in der muslimische und jüdisch-christliche Denker – Averroes und Maimonides – in al-Andalus ein fruchtbares, tolerantes Miteinander lebten; und es gibt ein Gegeneinander mit Kreuzzügen und „heiligen Kriegen“. Die finger- und faustzeigartigen Vorwürfe, dass der Islam ein auf Feindschaft gegen Ungläubige ausgerichteter Glaube sei, bestimmt bis heute die Meinungen und Einstellungen von Nichtmuslimen; ebenso die Einschätzung, dass im Islam keine Aufklärung stattgefunden habe (Thomas Bauer, Warum es kein islamisches Mittelalter gab. Das Erbe der Antike und der Orient, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25077php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Die zweitgrößte Welt-Religionsgemeinschaft des Islam versammelt rund 2 Milliarden Gläubige, im Vergleich mit dem Christentum nur wenig weniger. Hier wie dort kann man nicht von jeweils einer Einheit sprechen; es sind vielfältige Strömungen und Glaubensauffassungen, die sich in der Geschichte und teilweise bis heute bekriegen, ablehnen und diskriminieren. Es ist deshalb schwierig, wenn nicht unmöglich, vom ISLAM als eine gemeinsame Glaubensgemeinschaft zu sprechen. Und es sind vor allem die dogmatischen Interpreten, die die Offenbarung auslegen und jede zeitgemäße Anschauung als Sakrileg und Gotteslästerung verdammen. Immerhin: In den Islamwissenschaften und aufgeklärten Kreisen gibt es Bestrebungen, für einen religiösen und interreligiösen, kritischen Dialog einzutreten.

(Auch) die Berliner Islamwissenschaftlerin und Publizistin Petra Wild sorgt sich, dass aktuell die Islamfeindlichkeit weltweit zunimmt: „Der gegen Muslime gerichtete Rassismus ist in den westlichen Ländern mittlerweile so stark geworden, dass es gerechtfertigt ist, von der größten rassistischen Mobilisierung seit dem Faschismus zu sprechen“. In ihrem Buch „Lieblingsfeind Islam“ weist sie darauf hin, dass der antimuslimische Rassismus sowohl historische, als auch politische und sozialpsychologische Ursachen hat. Es bedarf einer offenen, menschenrechtlichen Aufmerksamkeit, um diese gefährlichen, menschenunwürdigen Entwicklungen zu erkennen und ihnen mit dem Humanum entgegen treten zu können. Es sind ethnozentristische, rassistische Einstellungen und Höherwertigkeitsvorstellungen, bei denen das eigene, scheinbar erkannte und gewohnte, egozentrierte Bild als Maß aller Dinge bezeichne und alles, in vielen Fällen unbekannte Andere abgelehnt wird und alle Wege hin zu der toleranten Einstellung versperrt: „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“ Menschen- und Fremdenfeindlichkeit erzeugen Feindbilder, wie sie sich im Antisemitismus und Antimuslimismus darstellen.

Aufbau und Inhalt

Die Welt ist aus den Fugen geraten! Ressentiments, Vorurteile und Stereotypenbildungen bestimmen den lokalen und globalen, individuellen und gesellschaftlichen Alltag. Allzu wohlfeile, undifferenzierte Ja-Nein-Antworten und Rezepte für einfache Lösungen von komplizierten Fragen und Problemen, werden von ideologischen Gruppierungen, Bewegungen und Parteien angeboten und von „Einfach-Denkern“ bereitwillig angenommen (vgl. dazu auch: 18. 9. 2016: www.sozial.de/einfalt-ist-simpel-und-bequem.html).

Die Autorin gliedert ihre Studie, neben der Einführung, in 14 Kapitel.

  1. Im zweiten analysiert sie den „Begriff des antimuslimischen Rassismus“;
  2. im dritten setzt sie sich auseinander mit der „langen Geschichte des Feindbildes Islam in Europa“;
  3. im vierten definiert sie „Zivilisationsrassismus: Der Westen und seine Werte“;
  4. im fünften geht es um die „Instrumentalisierung der Frauen-Frage“;
  5. im sechsten vergleicht sie Antisemitismus mit dem antimuslimischen Rassismus;
  6. im siebten rekurriert sie die Aspekte von Antimuslimismen mit dem Konzept „Kampf der Kulturen“;
  7. im achten weist sie die „Erzeugung des antimuslimischen Rassismus durch Kulturindustrie und Politik“ nach;
  8. im neunten diskutiert sie „institutionellen und staatlichen Rassismus“;
  9. im zehnten zeigt sie auf, wie „antimuslimischer Rassismus als Deckmantel der autoritären Formierung nach innen“ dient;
  10. im elften verdeutlicht sie mit „Sozialdarwinismus und Rassismus“ die beiden Seiten der „neoliberalen Medaille“;
  11. im zwölften benennt sie den antimuslimischen Rassismus von rechts: „Pegida, AfD und Co.“;
  12. im dreizehnten den von links: „Die Antideutschen“;
  13. im vierzehnten stellt sie sozialpsychologische Tendenzen des antimuslimischen Rassismus fest: „der alte autoritäre Charakter und der neue neoliberale Charakter“ und
  14. im fünfzehnten Kapitel fokussiert sie die geschichtlichen Entwicklungen, wie sie sich im Okzident und Orient vollzogen haben und konstruiert daraus das „christlich-jüdisch-muslimische Abendland“.

Es sind die vielfältigen, in die Geschichte und Gegenwart hineinragenden, kulturellen, zivilisatorischen und weltanschaulichen Entwicklungen, die das „Feindbild Islam“ entstehen lassen, Macht- und Ohnmachtsempfindungen bewirken, Dominanzen und Unterordnungen fordern und freiheitliches, gleichberechtigtes Zusammenleben verhindern. Es sind individuelle und kollektive Unterscheidungen, die sich in äußerlichen Bildern (z.B. Kopftuch, Frauenemanzipation) und religiösen Ordnungsvorstellungen artikulieren; und es sind politische Interessen, die Formen von strukturellem Rassismus erzeugen. Die Autorin greift dabei in den Geschichts- und aktuellen Warenkorb und begibt sich auf die zahlreichen Parallel-, Einbahn-, Stoppstraßen und Irrwege im Verhältnis der (europäischen) Okzidentalen zu den (morgenländischen) Orientalen.

Fazit

Weil Verstehen immer verbunden ist mit den richtig gestellten Fragen – „Wer bin ich? Woher komme ich? Was soll und kann ich tun? Wie kann ich mich ändern?“ – und der Suche nach den humanen, menschenwürdigen Antworten, kommt es darauf an, nach den Ursachen von Missverstehen zu forschen. Die Autorin liefert mit ihrem Buch eine Fülle von Fakten und Analysen dazu. Gelänge es, lokal und global die Überzeugung zu vermitteln – „Weder Europa noch die arabische Welt wären ohne die gemeinsame wechselvolle und oftmals konfliktreiche Geschichte heute das, was sie sind“ – würden viele Stolpersteine und Barrieren weggeräumt, die in den christlich-jüdisch und muslimisch geprägten Gesellschaften und Zivilisationen Hemmnisse, Missverständnisse und Aggressionen aufbauen. Das ruft nach Verständigung, Kooperation und Begegnung auf Augenhöhe, Hier, Heute und Morgen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.12.2018 zu: Petra Wild: Lieblingsfeind Islam. Historische, politische und sozialpsychologische Aspekte des antimuslimischen Rassismus. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2018. ISBN 978-3-85371-444-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25154.php, Datum des Zugriffs 14.12.2019.


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