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Lotte Rose, Rhea Seehaus: Was passiert beim Schulessen?

Cover Lotte Rose, Rhea Seehaus: Was passiert beim Schulessen? Ethnographische Einblicke in den profanen Verpflegungsalltag von Bildungsinstitutionen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 284 Seiten. ISBN 978-3-658-07303-9. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.
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Thema

Der Titel des Bandes kann durchaus als widersprüchlich/spannungsvoll empfunden werden: Warum lohnt sich ein wissenschaftlicher Einblick in das „Schulessen“, wenn es sich dabei doch um einen „profanen“, also alltäglichen Vorgang handelt, der zudem von einem Teil der Leserschaft zumindest punktuell erfahren wurde? Doch im Zuge des zeitlich verlängerten Aufenthaltes von Kindern und Jugendlichen in Schulen rückt das Mittagessen als Teil eines ganztägig organisierten Bildungstages zunehmend in den Blickpunkt. Vordergründig wird die Essensversorgung in Verbindung mit expliziter Ernährungserziehung/Ernährungsbildung zum „guten Essen“ gesetzt. Im Schatten dessen sind Mensen und Cafeterien aber zugleich – u.U. sogar vor allem – soziale Räume, in denen Kinder und Jugendliche Pause haben und im Kreis der Gleichaltrigen ihre peerkulturellen Ordnungen aushandeln. Welche Bedeutungen das Mittagsessen aus dieser Perspektive hat und in welchem Verhältnis diese zu den formal-funktionalen (pädagogischen) Erwartungen der Essenversorgung stehen, ist bisher ein weitgehend unbearbeitetes Forschungsthema. Der vorliegende Band präsentiert hierzu Ergebnisse des ethnografischen Forschungsprojektes „Doing Gender und Doing Diversity beim Schulessen“, das an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) durchgeführt wurde.

Herausgeberinnen

Als Herausgeberinnen fungieren Lotte Rose, Professorin an der Frankfurt UAS/Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit sowie Leiterin des Gender- und Frauenforschungszentrums der Hessischen Hochschulen (gFFZ), und Rhea Seehaus, wissenschaftliche Mitarbeiterin des gFFZ und Feldforscherin innerhalb des Projektes. Die beiden Wissenschaftlerinnen haben in Gemeinschaft mit den weiteren Mitgliedern des Forschungsteams an nahezu allen Beiträgen als Autorinnen mitgewirkt.

Aufbau

Der Band enthält nach dem einleitenden Kapitel zunächst sieben weitgehend ähnlich gestaltete, eigenständige Aufsätze, in denen nach wiederum thematischer Einleitung empirisches Material des Projektes strukturiert – i. S. von bspw. Handlungsmustern, Typen – gezeigt und analysiert wird.

Inhalt

Das einleitende Kapitel führt auf verschiedenen Ebenen in das Thema Schulessen und das Forschungsprojekt ein. Vorgestellt werden zuerst die Rollen der einzelnen Autorinnen und Autoren innerhalb des Forschungs- und Publikationsprojektes.

Daran anschließend wird über den Forschungsstand und die theoretische Perspektive sowie das methodische Design des Projektes informiert. Anders als die bisherige, eher der Marktforschung ähnelnde, zudem distanzierte Forschung, versteht sich das Projekt als „Sozialreportage“ (12), die sich der gesellschaftlich unterschätzten Randerscheinung Schulessen („bloße und unvermeidliche ‚Nebenwirkung‘ bildungspolitischer Umbrüche“ [2]) kritisch widmet. Dabei wird das Thema in Verbindung mit aktuellen kindheits-, sozialisations- und bildungstheoretischen Debatten diskutiert.

Als Forschungsfeld werden drei Formen des Schulessens

  • „Betreutes Essen“
  • „Mensa- oder Caféteria-Modell“,
  • betreutes Essen in der Mensa als Übergangsform (16)

untersucht.

Die sieben aufgesuchten Schulstandorte – darunter Grundschule, Gesamtschule, Hauptschule und Gymnasium – werden am Ende des Einleitungskapitels vorgestellt.

Nachfolgend breiten Lotte Rose und Rhea Seehaus in zwei Aufsätzen Befunde zu den „Stummen Akteuren des Schulessens“ aus. Die Speise an sich sowie Raumarchitektur und Möbel werden als Artefakte verstanden, deren Bedeutung für die Akteur*innen sich aus den Praktiken ableiten lässt. So werden Handlungsmuster von Kindern und Jugendlichen zur „Prüfung der Speise“ (31) ebenso thematisiert wie die Essensausgabe, die sich letztlich als „exponierte Arena der Aufführung von Generationendifferenz und Generationenmacht [entpuppt; Umstellung T.M.]“ (70).

Das vierte von Nora Adio-Zimmermann, Katharina Schneider und den Herausgeberinnen verfasste Kapitel führt in die soziale Raumordnung des Schulessens ein. Daran schließen sich die von den Herausgeberinnen verfassten Abschnitte zum Spiel während des Mittagessens bzw. zu Tischgesprächen an. Nachfolgend diskutieren Lotte Rose und Nora Adio-ZimmermannUnfrieden beim Schulessen“ als Interaktionen der Aushandlung u.a. geschlechtlicher und generationaler Ordnungen.

Im achten, von Rhea Seehaus und Tina Gillenberg verfassten Kapitel wird die Thematik „Schulessen zwischen Gesundheitsanliegen und Praxisalltag“ zunächst umfangreicher theoretisch eingeführt und mit einer Analyse von beratenden Texten zum Schulessen ergänzt, bevor den Praktiken empirisch nachgespürt wird. Die Wissenschaftlerinnen können dabei aufgrund der drei erfassten, an verschiedene Alter gebundenen Typen des Schulessens die lineare Annahme, dass anfangs betreut essende Kinder zu später gesundheitsbewusst essenden Jugendlichen erzogen werden, hinterfragen.

Der Band schließt mit einem vergleichenden Blick auf institutionelle Verpflegungssituationen von Kindern. Marc Schulz, der an der Interpretation der Daten der Studie mitgewirkt hat, bringt dabei Ergebnisse eigener Forschungen ergänzend und kommentierend ein.

Diskussion

Die von Vertreter*innen der Sozialen Arbeit unternommene Forschung dokumentiert empirisch geleitet den Alltag des Schulessens. Das Handeln der Kinder und Jugendlichen untereinander, aber auch die pädagogische und organisatorische Arbeit der Erwachsenen innerhalb schulischer Essensituationen werden dabei einer präzisen und kritischen Analyse zugeführt. Die Studie hat das Potenzial ein gewinnbringender Reflexionsanlass für die Modifikation und Konzipierung ganztagsschulischer Konzepte zu sein. Daher wäre es zu wünschen, dass die Analysen auch innerhalb der Schulpädagogik zur Kenntnis genommen würden.

Auf methodischer Ebene eröffnet die Studie einen Einblick in die Leistungsfähigkeit ethnografischer Forschung innerhalb scheinbar allzu bekannter Felder. Dabei die erzählten Befunde als „Sozialreportage“ zu betiteln kann allerdings aufgrund der langjährigen Verwendung des Begriffes durch Karl-Heinz Braun im Zusammenhang mit fotografischen Erkundungen/Analysen zu Missverständnissen führen.

Formal wäre es für die Orientierung in den bis zu 50seitigen Aufsätzen wünschenswert gewesen, wenn deren erste Gliederungsebene ebenso im Inhaltsverzeichnis oder zu Beginn der Texte ausgewiesen worden wäre (- wohlwissentlich, dass dem oft Verlagsvorgaben entgegensprechen). Dies hätte die zielgenaue Suche bestimmter Inhalte in den leider unnummeriert gegliederten Texten erleichtert.

Fazit

Die Alltäglichkeit des Mittagessens in der Schule verliert ihre Banalität, wenn sie aufgeschrieben wird. Sichtbar werden widersinnige, kuriose, lustige, spannende, konstruktive usw. Interaktionen innerhalb einer Bildungseinrichtung. Insofern bietet das Werk Studierenden einen Einblick in nur scheinbare Selbstverständlichkeiten eines pädagogischen Feldes und in die Ethnografie als Forschungszugang. Zudem sind die Texte für diejenigen pädagogischen Praktiker*innen im Feld Schule geeignet, die ihr alltägliches Handeln im Zusammenhang mit dem organisierten Essen hinterfragen wollen ohne dabei zugleich eine Ratgeberliteratur zu erwarten.


Rezensent
Dr. Thomas Markert
Hochschule Neubrandenburg, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
Homepage www.hs-nb.de/fachbereich-soziale-arbeit-bildung-und ...
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Zitiervorschlag
Thomas Markert. Rezension vom 22.01.2019 zu: Lotte Rose, Rhea Seehaus: Was passiert beim Schulessen? Ethnographische Einblicke in den profanen Verpflegungsalltag von Bildungsinstitutionen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-07303-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25155.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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