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Heather C. Lench (Hrsg.): The Function of Emotions

Cover Heather C. Lench (Hrsg.): The Function of Emotions. When and Why Emotions Help Us. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2018. 540 Seiten. ISBN 978-3-319-77618-7. D: 128,39 EUR, A: 131,99 EUR, CH: 132,00 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit Emotionen. Diese spielen im praktischen Handlungsalltag bestimmter Professionen wie Pädagogik, Psychotherapie und Soziale Arbeit eine bedeutende Rolle, ohne dass sie doch stets angemessen reflektiert würden. Einer solchen Reflexion widmet sich schon seit Langem die Psychologie – hier recht breit gefasst und etwa auch die Psychodynamik einschließend. Die deutschsprachige akademische Psychologie hat zu Emotionen einschlägige Übersichtsarbeiten vorgelegt, doch sind die letzten inzwischen recht bejahrt. Die meisten davon stammen aus dem Jahr 2003, jüngeren Datums sind nur zwei (Brandstätter & Otto, 2009; Stemmler, 2009). Natürlich ist seither Neueres (auch von der deutschen Psychologenschaft) zu Emotionen publiziert worden – aber eben in Formaten (z.B. spezialisierte Fachzeitschriften), die dem normalen Lesepublikum unzugänglich sind.

Da freut man sich doch sehr über ein Buch wie das vorliegende. In ihm werden Forschungsergebnisse aus der Verhaltens- und Neurowissenschaft sowie anderen Wissenschaftsgebieten zusammengebracht. Das ergibt ein Gesamtbild, das uns Emotionen als bedeutsame Steuerungsgröße für alltägliches Verhalten zeigt. Rund ein Dutzend basaler Emotionen werden näher in Augenschein genommen; darunter manche, von der Bedeutung wir im Alltag wissen, von denen Poet(inn)en schreiben und Wissenschaftler(innen) meist schweigen: Ärger und Eifersucht etwa oder Langeweile, Scheu und Schmerz.

Zwei „große“ Themen, das sei schon hier vermerkt, vermisst man: Vertrauen und Scham. Für das erste sei verwiesen auf Franz Petermanns „Psychologie des Vertrauens“ (Petermann, 2013) und für das zweite auf Günther Seidlers „Der Blick des Anderen. Eine Analyse der Scham“ (Seidler, 2012; vgl. Heekerens, 2012).

Zu den im Buch behandelten Fragen gehören u.a.:

  • Wie fördern Furcht und Angst Aufmerksamkeit und schützendes Verhalten?
  • Wie stimulieren Niedergeschlagenheit und depressive Verstimmung die Analyse komplexer Probleme bei der Zielverfolgung?
  • Wie bringt Glücksgefühl Aufmerksamkeit voran?
  • Wie gibt Liebe Kraft für Beziehungsentwicklung und Zielerreichung?
  • Wie befördert Stolz Gespür für Selbst und Identität?

Herausgeberin

Heather C. Lench, 2007 an der University of California, Irvine, in Sozialpsychologie promoviert, ist seit 2016 Leiterin des Department of Psychology an der staatlichen und für ihre Forschungsintensität bekannten Texas A & M University, College Station.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit Danksagungen, einem sehr kurzen Überblick, einem Inhalts- und Autorenverzeichnis sowie getrennten Verzeichnissen von Abbildungen und Tabellen; am Ende findet sich ein Sachwortverzeichnis. Dazwischen liegen 13 Kapitel mit je eigenem Literaturverzeichnis unterschiedlicher Autoren, Autorenpaare und Autorengruppen.

Im 1. Kapitel, mitverfasst von der Herausgeberin, wird in Beantwortung der Frage What do emotions do for us? erklärtermaßen eine Einleitung in das Ganze des Buches gegeben. Die zentrale Botschaft lautet: Emotionen bestimmen in bedeutsamer Weise, was und wie wir denken, empfinden und uns verhalten. Nur war dieser Einfluss lange Zeit und ist es vielfach bis heute negativ konnotiert. „Irrationale“ Emotionen wurden und werden vielfach noch heute in Gegensatz gesetzt zu „rationalem“ Denken und dem Zweiten Vorzug gegeben – von der Wissenschaft bis zur Rechtssprechung. „Emotionalität“ hatte und hat bis heute – von bestimmten Nischen wie Theater, Film und darstellende Kunst abgesehen – einen schlechten Ruf. So verschiedene Menschen(gruppen) wie Gutacher(innen), Richter(innen) und Wissenschaftler(innen) werden fortwährend ermahnt, sich von „Emotionalität“ tunlichst fernzuhalten. Hier hingegen ein wissenschaftlich begründetes Plädoyer für eine aufmerksame Zuwendung zu Emotionen – nicht zuletzt ihrer (lebens-)förderlichen Seiten wegen.

Im Einleitungskapitel wird auch dargelegt, was unter „Emotion“, so wie von ihr im vorliegenden Buch gesprochen wird, zu verstehen sei. Drei Kennzeichnungen sollte man bei dessen Lektüre stets im Hinterkopf haben.

  1. Zum einen wird damit ein recht großer Geltungsbereich abgedeckt: Emotionen reichen von „Appetit bekommen“ beim Anblick einer Leckerei bis zum komplexen Gefühl von „Nostalgie“, das uns befallen kann, wenn wir etwa gerade ein Studium abgeschlossen haben.
  2. Was aber, und dies gilt es als Zweites stets zu bedenken, jede Emotion kennzeichnet: Sie bezieht sich jeweils auf ein spezifisches Objekt oder ein besonderes Ereignis.
  3. Drittens schließlich: Emotionen sind – im Unterschied und im Gegensatz zu länger währenden inneren Zuständen – von relativ kurzer Dauer und haben jeweils einen relativ klar identifizierbaren Anfang und ein recht eindeutig feststellbares Ende.

Das zweite und dritte Kriterium erlauben je einzeln und/oder zusammen Emotionen von inneren Zuständen abzugrenzen. Das ist für die Beurteilung einer möglichen Psychopathologie von Bedeutung. Wenn die psychiatrische Medizin von einer „generalisierten Angststörung“ oder von einer „Depression“ spricht, benutzt sie diese beiden Kriterien, um Emotionen – auch sehr belastende und/oder verstörende – von behandlungswürdigen Zuständen „mit Krankheitswert“ abzugrenzen.

Das 2. Kapitel behandelt mit Fear and anxiety eine Thematik, die sowohl im alltäglichen Leben als auch in Theorie und Praxis der helfenden Berufe, von Pädagogik und Sozialer Arbeit bis zu Psychiatrie und Psychotherapie eine prominente Rolle spielt. Oft eine negativ besetzte; die Psychopathologie listet von der Agora- und Klaustrophobie bis zur „generalisierten Angststörung“ Vieles auf. Das Kapitel macht auf die Unterschiede zwischen „normalen“ und „unnormalen“ Formen von Furcht und Angst aufmerksam und es klärt, worin Gemeinsamkeiten wie Unterschiede zwischen den beiden bestehen.

On sentinels and rapid responders: the adaptive functions of emotion dysregulation ist die Überschrift des 3. Kapitels. In Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Literatur zu Emotionsregulierung wird darauf hingewiesen, dass Emotionen in der menschlichen Entwicklungsgeschichte nicht entstanden sind, um uns mit „schönen Gefühlen“ zu beglücken, sondern um unserer (Über-)Leben zu sichern. Traurigkeit erscheint wohl vielen Menschen als ein Gefühl (das ist die kognitive Erfahrung / Wahrnehmung einer Emotion), das am besten gar nicht erst entwickelt worden wäre.

In Kapitel 4 Sadness, the architect of cognitive change wird überzeugend herausgearbeitet, welche grundlegend positive Funktion Traurigkeit hat (bzw. haben kann).

Dies wird im nachfolgenden 5. Kapitel On the functions of sadness and grief unter Einbezug von Kummer differenziert und vertieft.

Dass selbst Langeweile seine guten Seiten hat oder haben kann, verdeutlicht Kapitel 6 mit dem Beitrag Boredom: what is it good for?

Eifersucht hat unter Menschen, die sich irgendwie „kultiviert“ fühlen, keinen guten Ruf, und diese Einschätzung wird bestärkt durch Aussagen der Psychologie und Psychotherapie, dass Eifersucht letztendlich doch nur Ausdruck eines persönlichen Defizits, wenn nicht gar Anzeichen einer ernsthaften psychischen Störung sei. Die Lektüre von The adaptive functions of jealousy (Kap. 7) kann einen eines Besseren belehren.

Auch Zorn gehört zu den Gefühlen, derer man sich als „kultivierter“ Mensch doch eher schämt; am besten man(n und frau) macht eine Psychotherapie, um von so etwas loszukommen oder zumindest ein Training, um dergleichen im Zaum zu halten. Kapitel 8 Functions of anger in the emotion system ist kein Plädoyer dafür, seinem Zorn stets ungehemmten Lauf zu lassen, aber es macht eindringlich auf die positiven Funktionen von Zorn im Emotionssystem aufmerksam.

In Nurturant Love and Caregiving Emotions (Kap. 9) plädieren die Autor(inn)en unter Bezugnahme auf die einschlägige Fachliteratur für die Existenz eines spezifischen „emotional state“, den sie „nurturant love“ nennen und der nach ihrer Ansicht aktiviert wird durch aktivierende Hinweisreize von Niedlichkeit (Stichwort „Kindchenschema“) und Hilflosigkeit.

Glück (Beglückung) scheint den meisten von uns „das höchste der Gefühle“. „Das höchste“ meint: das schönste. Doch unter funktionalem Aspekt betrachtet, werden auch seine (möglicherweise) negativen Eigenschaften sichtbar. Mehr dazu in Kapitel 10 The functional and dysfunctional aspects of happiness: cognitive, physiological, behavioral, and health considerations.

Im 11. Kapitel Awe: a self-transcendent and sometimes transformative emotion gilt die wissenschaftliche Aufmerksamkeit einem „Gegenstand“, der für die Psychologie ein recht neuer, ein alter hingegen für die Poesie ist: der Ehrfurcht angesichts einer (realen oder figurativen) „Weite“. Bergsteiger(innen) beispielsweise berichten uns angesichts realer Weiten von dergleichen; sei es beim Blick von unten eine hunderte Meter hohe Steilwand hinauf oder beim Gipfelblick über den Wolken in die Ferne bis zur Verschmelzung von Himmel und Erde.

Vom Trio der „emotions of excellence“ ist im darauffolgenden 12. Kapitel Emotions of excellence: communal and agentic functions of pride, moral elevation, and admiration die Rede. Angesichts einer exzellenten Leistung kann man, sofern selbst deren Verursacher, Stolz empfinden oder aber, wenn andere dahinterstecken, moralisch bewerten oder Bewunderung hegen. Die Funktionen dieses Emotionstrios für die Gemeinschaft und einem selbst wird diskutiert.

Kapitel 13 The emotional toolkit: lessons from the science of emotion, von der Autorin mit verfasst, ist eine zusammenfassende und auf die Lebenspraxis ausgerichtete Wertung der in den voranstehenden Kapiteln dargelegten (Er-)Kenntnisse.

Diskussion

Das vorliegende Buch ist eine wertvolle Quelle von psychologischen und neurowissenschaftlichen (Er-)Kenntnissen über Emotionen und ihre Funktionen im alltäglichen Leben. Es ist von Interesse für alle, die sich als Wissenschaftler(innen) um ein Verständnis von Emotionen bemühen – von Studierenden bis Professor(inne)n und außerhalb von Hochschulen Forschenden. Es ist aber auch von Bedeutung für alle jene, die auf bestimmten Gebieten praktisch arbeiten: Pädagog(inn)en etwa oder Sozialen Arbeiter(inne)n, Personal Coaches, Führungskräftetrainer(innen) und Psychotherapeut(inn)en.

Fazit

Ich empfehle, das Buch bei der Ausbildung von Pädagog(inn)en, Sozialen Arbeiter(inne)n und Psychotherapeut(inn)en zu berücksichtigen. Diese Empfehlung ist verbunden mit einem doppelten Hinweis: Man(n und frau) kann sich an den (Er-)Kenntnissen dieses Buches nur erfreuen, wenn man erstens bereit ist mangelnde Englischkenntnisse bei der Lektüre auszugleichen (ein vernachlässigter Aspekt des allseits propagierten life-long-learning!) und zweitens, sofern nicht durch ein Psychologiestudium entsprechend sozialisiert, sich in die hier gebrachte Terminologie – und die ist v.a. psychologischer und neurowissenschaftlicher Art- einzuarbeiten.

In Bibliotheken der entsprechenden Ausbildungseinrichtungen sollte es in mindestens einem Exemplar greifbar sein. Das Buch hat seinen Wert über den Tag hinaus. Und es finden sich für ein so informatives Buch immer wieder Leser(innen).

Literatur

  • Brandstätter, V. & Otto, J. H. (Hrsg.) (2009). Handbuch der Allgemeinen Psychologie – Motivation und Emotion. Göttingen u.a.: Hogrefe.
  • Heekerens, H.-P. (2012). Rezension vom 27.11.2012 zu Seidler, G. H. (2012). Der Blick des Anderen. Eine Analyse der Scham. Stuttgart: Klett-Cotta. socialnet Rezensionen (www.socialnet.de/rezensionen/13641.php).
  • Petermann, F. (2013). Psychologie des Vertrauens (4., überarb. Aufl.). Göttingen u.a.: Hogrefe.
  • Seidler, G. H. (2012). Der Blick des Anderen. Eine Analyse der Scham. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Stemmler, G. (Hrsg.) (2009). Psychologie der Emotion. Göttingen u.a.: Hogrefe.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 27.02.2019 zu: Heather C. Lench (Hrsg.): The Function of Emotions. When and Why Emotions Help Us. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2018. ISBN 978-3-319-77618-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25159.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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ISSN 2190-9245

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