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Wolf Rainer Wendt: Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen

Cover Wolf Rainer Wendt: Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen. Eine Einführung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. 7., überarbeitete und erweiterte Auflage. 347 Seiten. ISBN 978-3-7841-3048-4.

Reihe: Soziale Arbeit.
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Thema

Thema des Buches ist das Care und Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen in seiner Theorie und Anwendung.

Autor

Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt (Dipl. Psychologe) lehrt an der Dualen Hochschule BW sowie an anderen Hochschulen, ist Case Management Ausbilder und war bis 2015 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management. Er ist deren Mitbegründer und weiterhin im Vorstand tätig. Er gilt als der wichtigste Vertreter der Theorie des Case Managements im deutschsprachigen Raum.

Entstehungshintergrund

Die Erstausgabe des Buches des Buches (erschienen 1990, damals unter dem Titel „Unterstützung fallweise. Case Management in der Sozialarbeit“, seit 1997 unter dem Titel: „Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen“ im Handel) war eines der ersten deutschsprachigen Werke zum Thema und damals noch stark an der amerikanischen Literatur orientiert. In den letzten Jahrzehnten hat der Ansatz Case Management in Deutschland Verbreitung gefunden und Wendt hat wie kein zweiter nicht nur die Übertragung und Transformation in den deutschsprachigen Raum geleistet, sondern das Handlungskonzept im Hinblick auf die hiesigen Bedingungen zu einem eigenständigen Programm maßgeblich (mit-)gestaltet. Die jetzt vorliegende Ausgabe stellt daher einen fundierten nationalen und internationalen Überblick über den aktuellen Stand des Case Managements dar. Es gilt als Standardwerk.

Aufbau

  • Teil 1 (Grundlagen) umfasst in drei Kapiteln neben den Grundlagen insbesondere die historische Entwicklung.
  • Teil 2 (Verfahren, Struktur, Funktionen) beschreibt in zwei Kapiteln den Handlungsansatz im Kontext von Versorgungssteuerung.
  • Teil 3 (Anwendungen) führt im 6. Kapitel in die praktischen Umsetzungen in verschiedenen Handlungsfeldern ein.

Das umfangreiche Literaturverzeichnis umfasst zentrale internationale und deutschsprachige Veröffentlichungen nicht nur der aktuellen, sondern auch relevante Werke der letzten 40 Jahre. Eine Besonderheit besteht darin, dass nach jedem Unterkapitel weiterführende spezifische Literatur zur Vertiefung angegeben ist.

Ein Stichwortverzeichnis und Glossar (zu nahezu hundert zentralen Begriffen) schließen das Buch ab.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Nach einer Einführung in das Werk, die die Grundlinien und Anliegen des Buches vorstellen, beginnt der

1. Teil (Grundlagen)

Auf gut 100 Seiten entfaltet Wendt die Geschichte und Philosophie des Case Managements.

In Kapitel 1 werden das Konzept und seine Entwicklung nachgezeichnet. Von der Entstehung in den USA und Großbritannien wird erläutert, wie der Ansatz seine Verbreitung im deutschsprachigen Raum erlangt hat. Ausführlich schildert Wendt die spezifischen Ansatzpunkte: Case Management wird als Programm und Verfahren vorgestellt, das insbesondere bei komplexen Problemlagen und kooperativer Leistungserbringung angezeigt ist. Er weist auf die Verschränkung von Fall- und Systemebene hin und erläutert die politischen Implikationen. Case Management soll nicht nur zu einer besseren Versorgung der Klienten beitragen, sondern auch die Kosten „im Blick“ behalten.

Im 2. Kapitel stehen die fallbezogenen Grundlagen im Mittelpunkt, die in einer Verknüpfungsleistung von Selbstmanagement, informeller und formeller Versorgung besteht. Case Management wird in seiner personenbezogenen Dimension vorgestellt und die im Case Management entwickelte Sorgeberatung erläutert. Ausführlich wird auf das Verständnis von „Management“ eingegangen und darüber, was zu „managen“ ist und über welche Kompetenzen ein Case Manager verfügen sollte.

Im 3. Kapitel geht es dann aus einer „Vogelperspektive“ um die Gestaltungsaufgaben im Case Management. Stichworte sind hier u.a. Nutzer-/Ressourcenorientierung, Kontraktbildung, Qualitäts- und Versorgungsmanagement. Und zwei durch Wendt geprägte Begriffe werden anschaulich erläutert: die prozedurale Fairness (etwa: Behandlungsgerechtigkeit/Transparenzgarantie) und das Arrangement der Versorgung („was bei Lage der Dinge machbar ist“). Teil 1 geht zusammengefasst der Frage nach, ob Case Management den Anspruch erfüllen kann, als spezifisch transdisziplinärer Steuerungsansatz von Versorgung im Rahmen von Care Management, diesen theoretisch zu begründen.

Teil 2 (Verfahren, Struktur, Funktionen)

Teil 2 behandelt im 4. Kapitel die Dimensionen des Case Managements. Es wird zunächst der Regelkreislauf des Case Managements in seinem Phasenverlauf vorgestellt. Die heute geläufigen Verfahrensschritte Kontaktaufnahme, Einschätzung und Bedarfsklärung, Zielvereinbarung und Hilfeplanung, Kontrollierte Durchführung, Evaluation und Rechenschaftslegung werden einerseits generell vorgestellt, sind aber immer mit praktischen Bezügen zu den sehr unterschiedlichen Anwendungsfeldern im Case Management versehen. So gelingt einerseits der Überblick, andrerseits wird veranschaulicht, wie dies in dieser oder jenen praktischen Anwendung konkretisiert werden kann.

Das 5. Kapitel widmet sich dann den Strukturen des beruflichen Case Managements. Wendt unterscheidet strikt das Case Management als Handlungsansatz und Programm von der Tätigkeit eines Case Managers. Ersteres ist ein Versorgungs- und Gestaltungssystem im Rahmen von Care (Sicherstellung und Gestaltungsauftrag von Versorgung), letzteres ist eine Tätigkeit im Rahmen dieses Systems (konkrete Arrangements). Von daher geht es in dem Kapitel sowohl um die Vernetzungsfunktion im Case Management als auch um die Funktionen und (Berufs-)rollen von Case Manager/innen. Wendt vertritt hier die Auffassung, dass das Case Management zwar eine eigene Fachlichkeit beansprucht, sich aber nicht als eigene neue Profession etabliert.

Teil 3 (Anwendung)

Die praktischen Anwendungen von Case Management werden im 3. Teil in Kapitel 6 (Einsatzgebiete von Case Management) beschrieben. Wendt wählt 12 Einsatzgebiete aus: Case Management in der Pflege, in der Rehabilitation, in der Behindertenhilfe, in der rechtlichen Betreuung, in der Familienhilfe, in der Kinder- und Jugendhilfe, in der Straffälligen Arbeit, in der Arbeit mit Suchtmittelabhängigen und Wohnungslosen, in der Psychiatrie, in der Krankenversorgung, zur Arbeitsmarktintegration und im Versicherungswesen. Diese Vielfalt in den Anwendungen (und im Buch befindet sich „nur“ eine Auswahl) bezieht nicht nur Modelle und Erfahrungen aus Deutschland ein, sondern wird durch vielfältige internationale Erfahrungen und Verweise belegt. Zudem erfolgen in den Anwendungsfeldern Bezüge zu (sozial-)rechtlichen Dimension von Case Management, die zeigen, dass das Programm politisch zwar zunehmend ernst genommen wird, verschweigt aber nicht die Probleme Widersprüche. Wendt zeigt, dass die Ausgestaltung eine eigene Aufgabe von Organisationen ist.

Diskussion

Das Buch ist nun in der 7.Auflage erschienen. Es ist nach Meinung des Rezensenten das Standardwerk zum Case Management, da es Grundlagen und Entwicklungslinien in gebotener Tiefe aufzeigt. Wendt beschäftigt sich seit über 40 Jahren in zahlreichen Publikationen mit dem Case Management. So fließt in das Buch der jahrzehntelange internationaler Erfahrungsschatz des Autors ein. Es ist sein Grundlagenwerk. Wendt schafft es, die neueren Entwicklungen des Ansatzes und dessen Weiterentwicklung wieder in die neue Auflage einzupflegen. Und es ist mehr als nur die Anpassung des Literatur- und Schlagwortverzeichnisses oder des Glossars. Die Dynamik des Ansatzes wird in zusätzlichen (Teil-)Kapiteln anschaulich erläutert und neue Anwendungsgebiete werden vorgestellt. Selbst für Leser/innen, die eine frühere Ausgabe des Werkes besitzen, lohnt sich Anschaffung der Neuauflage. Das Buch zeigt deutlich, dass selbst dieser fundierte Überblick für eine Implementierung und Umsetzung von Case Management nicht ausreicht und der Autor daher auch immer wieder auf weiterführende Literatur verweist.

Mit dem Erwerb der Print-Ausgabe ist der kostenlose Download auf den PC/das Smartphone und das Tablet inbegriffen. Das ermöglicht die Nutzung von Lesezeichen und eigenen Anmerkungen. Ein nützliches „Gimmick“ des Verlages. Zu kritisieren ist lediglich, dass die im Buch übersetzten Standards der Case Management Society of America (CMSA) weiterhin in der 1995-Fassung abgedruckt ist. Hier hätte der Verlag gern in die 2016er Version wechseln können, da die aktuelle Fassung durchaus einige Neuerungen aufweist. Aber dies könnte ein Anreiz für die sicher kommende 8. Auflage sein.

Fazit

Das Werk ist für Student/innen aller Fächer des Sozial- und Gesundheitswesens als Grundlagenlektüre sehr zu empfehlen. Es ist für Praktiker/innen, die sich intensiv mit dem Ansatz Case Management auseinandersetzen möchten geradezu unentbehrlich, ebenso für alle, die Case Management lehren. Es hilft sogenannten Entscheidern in Organisationen, die über den Einsatz von Case Management und dessen Implementierung zu befinden haben, die Weichen für eine fachliche Umsetzung zu stellen. Es ist ein Buch, das hoffentlich die Quote des „Nicht überall, wo Case Management draufsteht, ist auch Case Management drin“, sinken lässt und die Implikationen eines fachlichen Case Management in Zusammenhang von fallbezogenen und systembezogenen Aspekten nachhaltig verdeutlicht.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Löcherbach
Sozialarbeitswissenschaft: Case Management, Systemtheorien und Soziale Arbeit, Bedarfsermittlung und Angebotsplanung
Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC)
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension entstand im Rahmen des Masterstudiengangs Kindheits- und Sozialwissenschaften (MAKS) der Hochschule Koblenz.


Lesen Sie weitere Rezensionen zu früheren Auflagen des gleichen Titels: Nr.832


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Zitiervorschlag
Peter Löcherbach. Rezension vom 04.03.2019 zu: Wolf Rainer Wendt: Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen. Eine Einführung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. 7., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7841-3048-4. Reihe: Soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25160.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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