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Hans Jürgen Boxberger: Kleine Brötchen backen?

Cover Hans Jürgen Boxberger: Kleine Brötchen backen? Als Asperger-Autist in den Tücken des Berufslebens. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2018. 256 Seiten. ISBN 978-3-86059-250-2. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Was bedeutet es heutzutage in der Arbeitswelt Autist zu sein? Immer wieder kommt es vor, dass Menschen erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter erfahren, dass sie Autisten sind. Durch die Autismus-Diagnose finden viele Probleme, die das gesellschaftliche und das berufliche Leben der Betroffenen prägen, eine schlüssige Erklärung. Doch die Diagnose macht das Leben für sie nicht wirklich einfacher. Zumindest wissen sie aber, woran sie sind. (Klappentext).

Autor

Hans-Jürgen Boxberger lebt unter den Bedingungen von Autismus. Die Diagnose erhielt er im Alter von 52 Jahren.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Softcoverformat erschienen und hat einen Umfang von 253 Seiten, die eng beschrieben sind. Neben dem Vorwort, der Danksagung, den Literaturangaben, Links und Endnoten gliedert sich das Buch in 22 Kapitel, die nicht durchnummeriert sind. In den einzelnen Kapiteln gibt es kaum Zwischenüberschriften, die den Text untergliedern. Die Kapitelüberschriften sind derart formuliert, dass sie einen Einblick auf den Inhalt geben wie z.B. „die Kindheit in der Nussschale“. Die Schilderungen im Buch erstrecken sich über den Zeitraum von 1958 bis 2017, die einzelnen Kapitel behandeln einzelne Lebensabschnitte wie Kindheit, Schule, Studium oder die Arbeit als Wissenschaftler und auch immer wieder als Arbeitssuchender.

Der Protagonist Armin erhält mit 52 Jahren seine Diagnose Autismus. Dadurch erhalten viele Probleme, die das gesellschaftliche und das berufliche Leben prägen, eine schlüssige Erklärung. Doch die Diagnose macht das Leben für ihn nicht wirklich einfacher, er weiß aber, woran er ist. Aus Sicht von Armin kommt die Diagnose zu spät, denn er ist aufgrund seiner „autistischen Veranlagung“ (Klappentext) auf dem Arbeitsmarkt gescheitert.

Sein Lebensweg verläuft zu Beginn klassisch: Geburt 1958, Kindheit, Schule, Studium, die Arbeit als Wissenschaftler und die Habilitation. Man erfährt etwas über das Leben in den einzelnen Abschnitten und wie die Freizeit verbracht wurde. Motorradfahren ist die große Leidenschaft. Er trifft seine zukünftige Frau, heiratet, wird Vater.

Im Alter von 40 Jahren werden die Magen-Darm-Beschwerden immer stärker, er leidet unter Stress und immer wiederkehrenden Selbstzweifeln, der Druck steigt. Er macht sich selbstständig, das läuft anfänglich gut, dann kommt der Einbruch. Er wagt einen neuen Anlauf, auch dieser scheitert. Das Arbeitsamt ist insgesamt wenig hilfreich, er schreibt zahlreiche Bewerbungen und bekommt ebenso viele Absagen. Endlich gelingt es ihm (mit Hilfe seiner Frau), eine Anstellung zu erlangen, allerdings setzt diese sich aus vier Teilverträgen zusammen, der letzte Vertrag endete nach drei Jahren. Armin erlebt sich auf dieser Stelle als produktiv und erfolgreich, kann sein Wissen einbringen und sicher weiter entwickeln. Wider Erwarten wird sein Vertrag nicht verlängert, eine Intrige im Kollegium bringt ihn zu Fall, eine Aufklärung ist nicht gewünscht. Armin muss sich wieder beim Arbeitsamt melden. Einige Monate erhält er noch ALG I, darauf folgte ALG II, bekannter unter Hartz IV. Dieser Umstand erhöht den Druck, eine Stelle zu finden, das gestaltet sich schwer, denn Armin ist mittlerweile 50 Jahre alt. Finanzielle Sorgen belasten ihn, seine Schulden aus Vorzeiten drücken, eine Stelle, die in Aussicht gestellt wurde, kann aufgrund von Vorschriften doch nicht angetreten werden – ein Arzt stellt die Diagnose „mittelschwere depressive Episode“ und empfiehlt eine Therapie, die Armin jedoch ablehnt, einer Veränderung seiner medikamentösen Behandlung stimmt er zu. 

2010 stößt seine Frau bei Recherchen im Internet auf die Diagnose Asperger Syndrom. Armin erlebt diese Entdeckung (angelehnt an Tony Attwood, ein weltweit anerkannter australischer Autismus Spezialist, der diesen Terminus statt den Terminus Diagnose benutzt) wie eine „Geburt 2.0“. Der 19. Oktober war wie ein zweiter Geburtstag, der sein Leben in zwei Hälften teilte: ein Leben mit und eines ohne Wissen um die Besonderheit. Er wendet sich an eine Autismus Ambulanz in Berlin, die diese Entdeckung nach gründlicher Untersuchung bestätigt. Gestärkt durch die Aussagen der UN Behindertenrechtskonvention, die 2011 verabschiedet wurde und durch ein einjähriges Training in einem Berufstrainingszentrum (BTZ) bewirbt sich Armin erneut auf 102 Stellen, doch eine Einstellung will nicht gelingen. Sehr detailgenau wird beschrieben, was Armin alles tut, um wieder am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Er läuft von Pontius zu Pilatus und erhält doch immer wieder nur Absagen. Wieder steht der Gang zur Agentur für Arbeit bevor, wieder wird er aufgefordert, an Maßnahmen der Wiedereingliederung teilzunehmen, seine Bemühungen münden schließlich in einem von der Rentenversicherung finanzierten Praktikum, das sich von anfänglich 3 Monate auf 15 Monate (kostenfrei für den Arbeitgeber) sukzessive verlängert und dann doch nicht in einer Anstellung mündet.

Die Schilderung seiner Bemühungen zeigt sehr gut auf, in welchem Dschungel sich arbeitssuchende Personen in Deutschland zurechtfinden müssen, da ist es kein Wunder, wenn so mancher aufgibt. Nicht so Armin, der mit der Unterstützung seiner Frau, zwischen Resignation und Durchhaltewillen weiterhin nach einer Anstellung sucht. Mittlerweile ist ihm – bei all den schönen Worten und Versprechungen – klar, dass er als Mensch mit einer Beeinträchtigung und trotz der Rechtsgrundlage der UN Konvention ein Bittsteller geworden ist, ein Zustand, der schwer auszuhalten ist. Er erlebt, dass die zuständigen Stellen, sich sehr oft hinter der Aussage „nicht zuständig“ verschanzen und er erkennt, dass nur er derjenige ist, der etwas ändern kann. Aus dieser Erfahrung heraus hat er mittlerweile mehrere Notfallpläne entwickelt, um auf möglichst viele Eventualitäten vorbereitet zu sein. Nach 20 Jahren Arbeitssuche, Praktika, Arbeitslosigkeit, Integrationsmaßnahmen gelingt es ihm, doch noch einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu unterschreiben, der in der Vergütung allerdings weit unter dem liegt, was er entsprechend seiner Ausbildung am Anfang seiner beruflichen Laufbahn verdient hat.

Das Buch endet mit einer im Endeffekt negativen Standortbestimmung „Autisten auf dem Arbeitsmarkt“ und dem persönlichen Fazit von Armin, zusammengefasst in einer Liste mit 10 lesenswerten Punkten wie z.B. sich nicht seinen Selbstzweifeln und Ängsten zu überlassen, sondern sich seinen Stärken und Fähigkeiten bewusst zu sein oder dem Hinweis, Foren und Selbsthilfegruppen zu suchen und die Möglichkeit der Peerberatung (Autisten für Autisten) zu nutzen.

Punkt 10 der Liste lautet: Vernetzt Euch! Informiert Euch! Organisiert Euch! Wehrt Euch!

Diskussion

Fachbuch oder Biografie? Obwohl der Autor seinen Protagonisten nicht Hans Jürgen, sondern Armin genannt hat, beschreibt das Buch sein eigenes Leben. Die Seiten sind eng bedruckt und enthalten kaum Zwischenüberschriften, es wirkt, als habe der Autor sich seine Lebenserfahrungen von der Seele geschrieben. Fachbuch oder Biografie?, eine Einordnung vorzunehmen fällt mir schwer. Der Klappentext fasst gut zusammen: „An dem Protagonisten Armin wird eine aus klinischer Perspektive geradezu klassische Konstellation mit hoch funktionalem Autismus (Asperger-Syndrom) dargestellt. Was die theoretischen Überlegungen in der Praxis eines gelebten Lebens und insbesondere im Arbeitsleben bedeuten, schildert dieses Buch anschaulich, unterhaltsam und mit einem Schuss Gesellschaftskritik.“

An dieser Aussage kann ich mich anschließen. Dem Autor ist gelungen, die Intensität des Lebens unter den Bedingungen von Autismus in Worte zu fassen. Die Texte sind sehr verdichtet, viele Informationen auf einmal, genau so kann man sich das Leben vorstellen, wenn – wie es bei Menschen mit der Diagnose Autismus Spektrum der Fall ist – die Reizfilterung und Informationsverarbeitung anders als landläufig bei neurotypisch veranlagten Menschen funktioniert.

Der Text ist gespickt von Umschreibungen und Metaphern, hat man ein Gedankenbild erfasst, folgt schon das nächste. Es ist merklich, dass Boxberger einen großen Anspruch hat. Verdichtet und dennoch sehr detailliert werden die Erfahrungen beschrieben, bei mir hat es den Eindruck erzeugt, mitten drin, dabei gewesen zu sein – bemerkenswert. Anderseits fühlte ich mich von der Fülle der Informationen aber auch erschlagen. Zwischenüberschriften und Absätze, an denen sich das Auge ausruhen könnte, fehlen. Durch das Layout und die Aufbereitung des Buches wird man quasi mitgerissen, muss immer weiter lesen, wie in einem Strudel. Das hat mich auf die Dauer ermüdet und ich musste das Buch immer wieder zur Seite legen.

Bemerkenswert ist die Beharrlichkeit, mit der der Protagonist Armin sich immer wieder aufrafft, um eine Stelle zu finden oder eine alternative lebenswerte Option (z.B. eine Erwerbsrente) für sich und seine Familie, was ihm am Ende auch gelingt, allerdings weit unter dem Gehalt, das ihm aufgrund seiner Ausbildung zusteht.

Fazit

Was bedeutet es heutzutage in der Arbeitswelt Autist zu sein? Immer wieder kommt es vor, dass Menschen erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter erfahren, dass sie Autisten sind, so ergeht es auch dem Protagonisten Armin im Buch. Er erlebt, dass die Autismus-Diagnose für viele Probleme, die das gesellschaftliche und das berufliche Leben der Betroffenen prägen, eine schlüssige Erklärung finded. Doch die Diagnose macht das Leben für Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, nicht wirklich einfacher. Zumindest wissen sie aber, woran sie sind. (Klappentext)

Ich persönlich finde Berichte und Bücher von Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, deren geschilderten Erlebniswelten und Innensichten sehr hilfreich und wichtig, sie haben meine Außensicht bereichert, mich oft nachdenklich gemacht und zu anderen Schlussfolgerungen gebracht. Diese Perspektiven sind zentraler Teil meiner Fortbildungen und Beratungsangebote (www.abc-autismus.de) geworden. Beim Lesen dieses Buches habe ich den Wunsch verspürt, jedes Wort aufzusaugen, aber es ist mir nicht gelungen, da die Texte schwer wie Bleiwüsten gewirkt haben und oft ein Gefühl von Zerschlagenheit hinterlassen haben. Diese Gefühle sind sicher nicht nur dem Layout und der Aufbereitung der Texte geschuldet, sondern auch den Schilderungen, die an vielen Stellen wirklich bedrückend sind.

Geholfen hätten mehr Abschnitte und Zwischenüberschriften, die den Text gliedern. Ich kann gut nachvollziehen, dass alles erzählt werden will, Boxberger hat zudem großes sprachliches Talent und eine bemerkenswerte Ausdrucksweise, an der einen oder anderen Stelle wäre auf meiner Sicht weniger einfach mehr gewesen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 15.03.2019 zu: Hans Jürgen Boxberger: Kleine Brötchen backen? Als Asperger-Autist in den Tücken des Berufslebens. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2018. ISBN 978-3-86059-250-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25164.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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