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Naoki Higashida: Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen

Cover Naoki Higashida: Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen. Ein junger Mann erzählt aus der Stille des Autismus. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2018. 192 Seiten. ISBN 978-3-499-63369-0. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR.

Dormagen, Christel (Übersetzerin).
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Thema

Naoki Higashida spricht so gut wie nicht und dennoch ist die Sprache, die er in seinen Büchern findet, sehr kraftvoll. Mit einem feinsinnigen Humor behandelt er Themen wie Schule, Inklusion, Familie, Reisen und Mode, aber auch Einsamkeit und Zorn. Damit gibt eine beeindruckende Innensicht und einzigartige Einblicke in das Leben eines jungen Mannes, der unter den Bedingungen von Autismus lebt. Im Klappentext ist zu lesen: „Ihm ist schmerzlich bewusst, wie seltsam sein Verhalten auf andere wirken muss – ändern kann er es nicht. Stattdessen strebt er danach, das Verständnis für Menschen mit Autismus zu befördern und unsere Gesellschaft dazu zu ermutigen, behinderte Menschen als Menschen und nicht als Probleme wahrzunehmen“.

Autorin

Naoki Higashida wurde 1992 in Kimitsu in Japan geboren. Im Alter von fünf Jahren wurde schwerer, nonverbaler Autismus diagnostiziert. Mittels einer Alphabet Tafel lernt er zu kommunizieren und mit der Hilfe der Tafel schrieb er schon früh Gedichte und Kurzgeschichten. Mit 13 Jahren (2007) schrieb er das Buch „Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann“. Es ist mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt worden. Eine Rezension liegt vor: www.socialnet.de/rezensionen/16944.php.

Naoki Higashida wurde für seine Texte mehrfach ausgezeichnet und hält Vorträge zum Thema Autismus.

Entstehungshintergrund

Auf einer Papp-Buchstabentafel tippte Higashida Buchstabe für Buchstabe und erzählt davon, was er erlebt und wie er die Welt sieht. Mit Hilfe einer engagierten Lehrerin und seiner Mutter und Dank seines starken Willens hat er gelernt, sich auszudrücken. Die Papptafel besteht aus den vierzig grundlegenden japanischen Hiragana-Silben; ihre deutsche Entsprechung ist eine auf Pappe gemalte und laminierte sog. QWERTZ-Tastatur. Auf diese Weise schrieb er schon in der Grundschule Gedichte und kleine Geschichtenbücher. Über diesen Weg kommuniziert er mit seiner Umgebung, eine mündliche Kommunikation ist ihm kaum möglich.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Hardcover Format Din A 5 erschienen und hat einen Umfang von 153 Seiten. Diese gliedern sich in acht Teile.

  • Erster Teil: aus meiner Perspektive
  • Zweiter Teil: Zeit und Leben
  • Ein alphabetisches Interview aus Big Issue
  • Dritter Teil: Sprechblasen
  • Vierter Teil: Schuljahre
  • Eine Reise
  • Fünfter Teil: Inneres Wetter
  • Sechster Teil: Mit Vorsicht behandeln
  • Ein alphabetisches Interview aus Big Issue
  • Siebter Teil: Draußen in der Welt
  • Achter Teil: Zuhause
  • Nachwort

Gegenüber der japanischen Ausgabe enthält das Buch neue Kapitel. Es handelt sich um Antworten auf Fragen von Übersetzeri*nnen. Andere Kapitel wurden vom Autor noch einmal überarbeitet. Das Kapitel „eine Reise“ sowie die Antworten aus dem Interview mit der japanischen Zeitung Big Issuestammen aus dem Jahr 2015.

  • Der erste Teil Aus meiner Perspektive“ gliedert sich in acht Unterkapitel auf. Darin beschreibt der Autor z.B. über den Regen, kalte Bäder und Falten.
  • Im zweiten TeilZeit und Leben“ wird die Nummerierung weitergeführt (bis S. 21), Schwerpunkt bildet die Zeit wie z.B. Jahreszeiten oder die Zeiteinteilung.
  • Nun folgt ein alphabetisches Interview aus der Zeitschrift Big Issueund zwar der 1. Teil mit Fragen von A-M. Der Autor wird z.B. gefragt, ob er träumt, wie er mit seiner Familie kommuniziert oder was für behinderte Menschen am besten ist. Der Autor empfiehlt, dass es hilft, wenn der Helfende sich in die Lage des Hilfenehmers versetzt. Auch sollte geprüft werden, ob die Hilfe wirklich nutzt.
  • Um Sprechblasen geht es im dritten Teil (bis S. 30). Vor der Autor die Fähigkeit erlangte, die Alphabet Tafel zu benutzen, hatte er keine Worte und erlebte wie er sagt Einsamkeit und „Höllenqualen“. Heute weiß er, dass es viele Menschen gibt, denen es so ergeht.
  • Im vierten Teil widmet er sich den Schuljahren (bis S. 41). Er beginnt im Kindergarten, in dem er lernt Schere und Kleber zu benutzen. Allerdings schafft er es nicht, selber kreativ zu sein – so sehr man sich auch darum bemühte, es ihm beizubringen. Heute weiß er, dass Bücher, die anzeigen, wie das gewünschte Ergebnis aussehen soll, hilfreich sind. Er weiß, dass er viel üben muss, aber es gelingen kann, es ohne Unterstützung zu schaffen. Naoki Higashida besuchte bis zur fünften Klasse die Grundschule, wechselte dann aber aufgrund von körperlicher und seelischer Erschöpfung in eine Förderschule. Er erlebte diesen Wechsel mit gemischten Gefühlen, positiv war, dass er nicht mehr der Problemfall war. Auf der neuen Schule traf er zum ersten Mal auf gleichgesinnte Kinder, die wie er auch unter den Bedingungen von Autismus leben. Später allerdings verlässt er den dort vorgezeichneten Weg wieder, weil er feststellt, dass eine Atmosphäre der Fremdbestimmung vorherrscht, die er für sich so nicht hinnehmen will.
  • In die einzelnen Teile sind Gedichte und mit dem Titel „Der Reise“ auch eine Geschichte eingestreut.
  • Der fünfte TeilInneres Wetter“ (bis S. 50) beschreibt aus dem inneren Empfinden: was ist Autismus, wie steht es um Geduld, Mitgefühl und Ausdauer? Der Autor schreibt von Zorn und Lachen, aber auch über Gnade. Oft erträumte Naoki Higashida sich, ein neurotypisches Kind zu sein, doch heute weiß er, dass dies ein „Schwindel-Ich“ ist und er erkennt an: es ist wie es ist.
  • Inhalt des sechsten Teils sind Beschreibungen, die mit Vorsicht zu behandeln sind (bis S. 61) z.B. Zwänge, die er als „eingeschliffene Verzierungen“ (S. 191) bezeichnet.
  • Anschließend folgt der zweite Teil des alphabetischen Interviews der Zeitung Big Issue mit den Buchstaben N – Z. Darin wird er z.B. danach gefragt, welches Wort er der Definition „Autismus“ vorziehen würde. Die Antwort: „Krankheit des in sich selbst verschlossen seins“ (S. 197). Auch wird er gefragt, welches sein Lieblingswort ist. Seine Antwort: Lieblingsbuchstabe O und Lieblingswort „Hoffnung“ (S. 201).
  • Um „Draußen in der Welt“ (bis 71) handelt der siebte Teil, in dem es um ein Tor, um Reisen und die Stadt New York geht. Das Buch schließt mit dem letzten Teil (acht) „Zuhause“ (bis 80). Dabei stellt er seine Familie vor: Mama, Papa, Eltern und die Schwester.

Diskussion

Naoki Higashida schreibt direkt, schnörkellos und klar. Seine Ehrlichkeit und Direktheit ist bestechend. Seine Antworten schaffen Verständnis für eine uns fremde Welt. Er räumt mit manchem Vorurteil auf z.B. Autisten seien gefühllos oder beziehungslos. Es ist kein Ratgeber, sondern der Bericht eines Teenagers, der das Buch so einzigartig macht.

Higashida lernt zu kommunizieren, indem er Zeichen auf eine Papptafel tippte und auf diese Weise Wörter buchstabiert. Ein neben ihm sitzender Helfer transkribierte diese, sodass aus den Wörtern Sätze, Abschnitte und ganze Bücher werden. So hat er das erste Buch geschrieben. Mittlerweile schreibt er am Computer und an der Schreibtafel. In der direkten unmittelbaren Kommunikation verzichtet er auf den Computer und nutzt nur die Schreibtafel.

Verwunderlich ist der Sprachstil des Buches. Er klingt nicht wie der eines 13 jährigen Jungen, die Ausdrucksweise klingt sehr erwachsen. Das könnte natürlich daran liegen, dass die japanische Sprache formeller klingt oder daran, dass seine Buchstaben transkribiert wurden, um dann von einer Japanerin ins Englische übersetzt und danach auf Deutsch veröffentlicht zu werden. Das sind Einflussfaktoren, die verzerrend wirken können. Anbei ein Beispiel: Einmal beschreibt er, wie er begleitet durch seine Betreuungsperson um Bilderbücher anzugucken in die öffentliche Bibliothek geht. Diese geben ihm „therapeutischen Trost“ (S. 228), ich frage mich, würde ein Teenager sich wirklich so ausdrücken?

Das Buch endet mit folgender Feststellung: „Verständnis und Akzeptanz sind Schlüssel zu einem positiven Leben. Wir alle brauchen Mut um wieder aufzustehen, wenn wir hingefallen sind.“ (S: 253). Naoki Higashida wünscht, dass das Buch hin und wieder einen kleinen Schubs in die richtige Richtung gibt.

Aus eigenem Erleben weiß der Autor, dass eine kommunikative Nichtfunktionalität mit einer kognitiven Nichtfunktionalität verwechselt wird. Diese Aussage sollte uns Lesenden sehr wachsam machen! Es ist ratsam, seine Schlussfolgerungen zu einer Person, vor allem wenn sie unter erschwerten Bedingungen lebt, stets kritisch zu reflektieren, statt sie ihr unreflektiert zuzuschreiben. Verhalten ist immer subjektiv sinnvoll und es ist die Aufgabe des Umfeldes, zu entschlüsseln, was es ausdrücken will.

Es zeigen sich gewisse Parallelen zur Einschätzung von Menschen, die taub sind. Anfänglich dachte man ähnlich wie beim Autismus. Bis zur Entwicklung der Gebärdensprache war eine typische Kommunikation schwer möglich.

David Mitchell, der das Vorwort schrieb, ist selber Vater eines autistischen Kindes und beschreibt, dass er beim Lesen des Buches viel gelernt hat z.B. das Beste anzunehmen, geduldig zu sein und im Alltag immer wieder behutsame Lerngelegenheiten zu geben. Dieses Wissen wendet er auf seinen Sohn an: Statt in Ein-Wort-Sätzen werden nun ganze Sätze gesprochen und es wird zunehmend sensibel darin, unausgesprochene Wünsche zu erraten, statt zu unterstellen, dass sein Sohn keine hatte.

Fazit

Naoki Higashida spricht so gut wie nicht und dennoch ist die Sprache, die er in seinen Büchern findet, sehr kraftvoll. Mit einem feinsinnigen Humor behandelt er Themen wie Schule, Inklusion, Familie, Reisen und Mode, er schreibt aber auch über Einsamkeit und Zorn. Das Buch ist ein „autistisches Selbstzeugnis“ (S. 25), das dazu beitragen will, mit alten überholten Mythen über Autismus aufzuräumen und einem Verständnis von der Neurodiversität den Vortritt zu geben. Das Buch gibt eine beeindruckende Innensicht und einzigartige Einblicke in das Leben eines jungen Mannes, der unter den Bedingungen von Autismus lebt. Im Klappentext ist zu lesen: „Ihm ist schmerzlich bewusst, wie seltsam sein Verhalten auf andere wirken muss – ändern kann er es nicht. Stattdessen strebt er danach, das Verständnis für Menschen mit Autismus zu befördern und unsere Gesellschaft dazu zu ermutigen, behinderte Menschen als Menschen und nicht als Probleme wahrzunehmen“.

Der Titel des Buches ist an ein japanisches Sprichwort angelehnt. Es will darauf hinweisen, hartnäckig zu sein und nicht aufzugeben, denn es ist mehr möglich als man sich vorstellen kann. Das Buch liefert dazu Erfahrung, Rat und Hoffnung.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), Autismus, TEACCH, erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 24.01.2019 zu: Naoki Higashida: Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen. Ein junger Mann erzählt aus der Stille des Autismus. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2018. ISBN 978-3-499-63369-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25165.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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