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Monika Staemmler: Das erzähl‘ ich nur Ihnen!

Cover Monika Staemmler: Das erzähl‘ ich nur Ihnen! Die Kunst der Beziehungsarbeit in 15 Geschichten. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2017. 187 Seiten. ISBN 978-3-86739-121-4. D: 14,95 EUR, A: 15,50 EUR.

Reihe: Balance Erfahrungen.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der professionellen Beziehung bzw. Beziehungsgestaltung wird in der Praxis und Theorie der Sozialen Arbeit (wie auch der Sozialpsychiatrie) eine hohe Bedeutung im Sinne „einer zentralen Schlüsselqualität für die Soziale Arbeit“ (Gahleitner 2017, S. 15) beigemessen. Sie trägt entscheidend zum Gelingen einer „Hilfe“ bei. Zugleich bleiben die Ausführungen häufig auf einer sehr abstrakten Ebene. Wie kann konkret eine vertrauensvolle, offene, von Neugier geprägte und ressourcenorientierte Beziehung professionell „gelebt“ werden?

Dieser Thematik widmet sich das Buch von Monika Staemmler. Basierend auf ihren beruflichen Erfahrungen in der ambulant-aufsuchenden sozialpsychiatrischen Arbeit beschreibt sie in 15 Geschichten, wie individuell Lebens- und Gesundungswege sein können und wie unterschiedlich Beziehungsarbeit ganz konkret gestaltet werden kann – auf eine Art und Weise, „dass sie vor unseren Augen und in unseren Nasen lebendig werden“ (Ilse Eichenbrenner im Vorwort, S. 8).

Autorin

Monika Staemmler ist Diplom-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin und Systemische Therapeutin (Einzel-, Paar- und Familienberatung). Sie arbeitet seit 1991 in der Beratungsarbeit und seit 1996 im gemeindenahen sozialpsychiatrischen Bereich.

Aufbau

Die Publikation besteht aus 15 Geschichten. Sie wird gerahmt durch ein Vorwort von Ilse Eichenbrenner, eine Einleitung der Autorin und ein Dankeswort sowie ein Glossar und ein kurzes Literaturverzeichnis.

Die Geschichten:

  1. „Jetzt hab ich die Schlüssel!“ (Herr Werholz)
  2. „Die machen mir alles kaputt“ (Frau Gluth
  3. „Das wird nichts mehr mit mir!“ (Frau Bleibtreu)
  4. „Sie haben mich nie hintergangen!“ (Frau Trampeneau)
  5. „Haben Sie nicht eine Kollegin, die so ähnlich ist wie Sie?“ (Herr Hermann)
  6. „Und bitten Sie die gnädige Frau um eine gütige Entscheidung“ (Herr Zimmermann)
  7. „Lieber Gott, ich brauche morgen 2000 Euro!“ (Frau Henning)
  8. „Ich weiß nicht, wie lange das meine Arme noch tragen können!“ (Familie Surikov)
  9. „Können Sie mich begleiten, meine Kinder loszulassen?“ (Frau Hansen)
  10. „Ich möchte so gern noch raus aus meinem dunklen Tunnel, raus ins Licht!“ (Frau Rosenbaum)
  11. „Seien Sie froh, dass Sie Sie sind!“ (Herr Schade)
  12. „Bitte sehen Sie nach mir“ (Frau Wilhelm)
  13. „Ich bin eine hysterische Perfektionistin!“ (Frau Schumann)
  14. „Ach, haben Sie doch ein bisschen Gottvertrauen!“ (Frau Giese)
  15. „Ich unterscheide die Ärzte und die vom Staat, die nichts tun, und bin unter Umständen bereit, für Sie eine dritte Schublade einzurichten“ (Gabriel)

Inhalt

Jede Geschichte beginnt mit der eigentlichen „Fallvignette“, gefolgt von einer Reflexion der Autorin entlang folgender Fragen: Was war das Besondere an der Begegnung? Zu welchen Interventionen hat mich diese Begegnung angeregt? Was ist davon heute übrig geblieben? Welche Herausforderung lag in dieser Begleitung? Welche Bilder habe ich mitgenommen? Welche Sätze sind geblieben? Was hat Herr/Frau X mir Neues vom Leben gezeigt? Was sagt Herr/Frau X zu meiner Geschichte? In diese Reflexionen fließen zusätzlich auch noch neue Aspekte der Geschichte ein.

Die Geschichten einzeln zu schildern ist aufgrund ihres Detailreichtums (oftmals enthalten sie, wenn auch in Miniaturform, ein ganzes Leben) kaum möglich und würde auch das je eigene Leseerlebnis schmälern oder vorwegnehmen. Deshalb wird an dieser Stelle der Versuch auch nicht unternommen.

Sie handeln von Männern, Frauen, Familien, Angehörigen, jung und alt – deren Leben, Erfahrungen, Gefühle, Suchbewegungen und Träume. Die Erkrankungen kommen auch vor, aber nicht im Sinne feststehender und -legender Diagnosen, sondern gedeutet als Reaktionen auf bestimmte kritische Lebensereignisse, als Bewältigungsstrategien.

Und sie beinhalten die Erfahrungen und Erkenntnisse von Monika Staemmler. Einige seien an dieser Stelle zitiert: „Der Beziehungsaufbau beginnt damit (…), dass der Klient entscheidet, ob er uns in seine Wohnung lässt“ (S. 19). „Was wir taten, unternahmen wir in seinem Beisein (…)“ (S. 20). „Hilfsbedürftigkeit macht klein und abhängig“ (S. 25). „(…) das Recht auf ein eigenes Lebenskonzept, egal wie schräg es ist, egal wie sehr es dem sogenannten Normalen entgegensteht, solange es niemanden gefährdet“ (S. 55). „Weniger ist mehr und langsamer ist schneller“ (S. 84). „Das Sehen und Gesehenwerden ist ein menschliches Grundbedürfnis“ (S. 151). „(…) dass sich kreative Räume nur öffnen lassen, wenn ich andere Räume respektiere“ (S. 168). „(…) unbedingt den Ressourcen Raum zu geben, und seien sie mir noch so fremd“ (S. 179).

Diskussion

„Die Beziehung in der Sozialen Arbeit ist ein entscheidendes Medium für den Unterstützungsprozess, unabhängig davon, ob es um die Entwicklung personaler Potenziale, die Vermittlung von Wissen und Können oder die Lösung akuter Probleme geht. Allerdings ist die Beziehung in der Sozialen Arbeit mehr als ein Mittel zum Zweck, sie stellt auch eine eigenständige Hilfeform dar“ (Ansen 2009, S. 381). Diese Aussage von Ansen wird im Buch von Staemmler konkret und lebendig.

Ihre Geschichten, die auch alle einzeln für sich stehen und gelesen werden können, vermitteln auf anschauliche und immer wieder sehr berührende Art und Weise, wie Beziehungsarbeit mit unterschiedlichen Menschen gestalten werden kann, ohne Hindernisse, Grenzen und Herausforderungen auszuklammern oder zu beschönigen. Staemmler lässt die Leser*innen an hoffnungsfreudigen Erfahrungen wie auch an Erfahrungen des Scheiterns und des Verlusts (Abbrüche, Suizid, Tod) teilhaben. Dabei macht sie durchgängig deutlich, dass professionelles Handeln den einzelnen Menschen mit seinen (Lebens-)Erfahrungen in den Fokus nimmt und nicht nur Klient*innen mit diagnostizierten Störungen oder (fremd-) definierten Hilfebedarfen.

Die detaillierten Beschreibungen sind in einer zugänglichen, dadurch aber nicht weniger „fachlichen“ Sprache verfasst. Oder wie es Eichenbrenner im Vorwort ausdrückt: „Sie schildert mit höchstem Respekt und deutet ausgesprochen wertschätzend die Eigenarten ihrer Klientel als Copingstrategien“ (S. 8). Hierdurch werden die Leser*innen in die Situationen (bzw. Wohnungen) hineingenommen, die Atmosphäre wird spürbar – man ist quasi als Gast mit dabei.

Die Geschichten stehen allerdings nicht nur für sich. Durch die Reflexionen (Fragen) am Ende jeder Geschichte werden Bezüge zur Theorie hergestellt. Es wird deutlich, dass professionelle Beziehungsarbeit eben nicht „einfach so“ möglich ist, sondern als zentrales fachliches Element theoretische Rückbindung und kritische Reflexion benötigt. Die Fragen und deren Antworten ermöglichen den Leser*innen (Studierenden, Auszubildenden, Fachkräften, aber auch Lehrenden), Anregungen zum Nach- und Weiterdenken zu geben, auch im Hinblick auf das eigene In-Beziehung-Treten in der Vergangenheit und Zukunft.

Fazit

„Das erzähl ich nur Ihnen!“ gibt einen hilfreichen Einblick in die Kunst der Beziehungsarbeit und ist in dieser Form eine seltene, wertvolle und positive Erscheinung auf dem Markt der Fachpublikationen. Die Geschichten zeigen, wie vielfältig und „bunt“ Leben sein kann und machen dabei gleichzeitig deutlich, dass Methoden/Interventionen nur auf Basis einer professionellen Beziehung wirksam werden können. „Doch jetzt geht es los: Ziehen Sie sich bequeme Schuhe an, wenn Sie Monika Staemmler bei ihrem Gang durch die Treppenhäuser über die Schulter schauen“ (S. 8).

Literatur

Ansen, H. (2009): Beziehung als Methode in der Sozialen Arbeit. Ein Widerspruch in sich? In: Soziale Arbeit 58 (2009) 10, S. 381–389.

Gahleitner, S. (2017): Soziale Arbeit als Beziehungsprofession. Bindung, Beziehung und Einbettung professionell ermöglichen, Weinheim und Basel: Beltz Juventa.


Rezensent
Dipl.-Soz.Päd. Michael Domes
Diplom-Sozialpädagoge, Professor für Theorien und Handlungslehre in der Sozialen Arbeit, TH Nürnberg Georg Simon Ohm
Homepage www.michaeldomes.de
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Zitiervorschlag
Michael Domes. Rezension vom 12.12.2018 zu: Monika Staemmler: Das erzähl‘ ich nur Ihnen! Die Kunst der Beziehungsarbeit in 15 Geschichten. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2017. ISBN 978-3-86739-121-4. Reihe: Balance Erfahrungen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25169.php, Datum des Zugriffs 23.01.2019.


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