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Kristen Cheney, Aviva Sinervo (Hrsg.): Disadvantaged Childhoods and Humanitarian Intervention

Cover Kristen Cheney, Aviva Sinervo (Hrsg.): Disadvantaged Childhoods and Humanitarian Intervention. Processes of Affective Commodification and Objectification. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2019. 222 Seiten. ISBN 978-3-030-01622-7. 74,89 EUR.
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Thema

In der Welt befinden sich viele Kinder in Notlagen, sie sind z.B. großer Armut, Kriegen oder wirtschaftlicher Ausbeutung ausgesetzt, befinden sich auf der Flucht, um ihr Leben zu retten oder wirtschaftlicher Not zu entkommen, werden zum Objekt von Menschenhändlern und vieles mehr. Ohne Zweifel benötigen diese Kinder Hilfe und Unterstützung, von hilfsbereiten Menschen in ihren Ländern, in den Ländern und Regionen, in die sie geflohen sind, sowie von Staaten und international agierenden Organisationen. Die große Frage ist, ob die Hilfe, die sie erfahren, ihrer Situation und ihren Interessen angemessen ist oder ob sie ihre Notlage nur verlängert und möglicherweise sogar neue Notlagen und Probleme für die Kinder erzeugt. Auch stellt sich die Frage, ob humanitäre Hilfe überhaupt angemessen sein kann und ob sie nicht sogar die Ursachen der Probleme verdeckt, statt sie zu bekämpfen. Hinzu kommt, dass humanitäre Hilfe insbesondere für Kinder heute vielfach zum Geschäft geworden ist und die Kinder, denen vermeintlich geholfen werden soll, wieder zum Objekt gemacht werden. Wenn Hilfsorganisationen um Spenden werben, um ihre Aktivitäten zu finanzieren, werden die Kinder oft in einer Weise dargestellt, die ihre Würde verletzt und sie mittels einer „Pornographie des Elends“ erneut zu Opfern degradiert. Das vorliegende Buch diskutiert anhand von Beispielen aus mehreren Ländern, welche Probleme vielfach mit humanitärer Hilfe verbunden sind und wie sie den mit der Not der Kinder entstehenden Herausforderungen am ehesten gerecht werden kann.

Aufbau und Inhalt

Im Zentrum des Buches stehen die mit der humanitären Hilfe für Kinder verbundenen Prozesse und Probleme von „affective commodification“ und „objectification“. Diese Begriffe lassen sich nicht mit einem Wort auf verständliche Weise ins Deutsche übersetzen. Sie bedeuten, dass Lebewesen (hier: Kinder) zu einer Art Handelsware und zu Objekten herabgewürdigt werden, wobei es auch um die Mobilisierung von Emotionen bei denen geht, die für die humanitäre Hilfe sorgen oder gewonnen werden sollen.

Die Herausgeberin Kristen Cheney ist Professorin für Kindheits- und Jugendstudien am International Institute of Social Studies in Den Haag (Niederlande), die Mitherausgeberin Aviva Sinervo ist Dozentin für Anthropologie an der San Francisco State University und für Human Development an der California State University, East Bay (USA). Im einleitenden Kapitel erläutern sie, was sie unter „Gefühlsökonomie“ (Economies of Affect) von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) verstehen, und geben einen Überblick über verschiedene Ansätze ihres humanitären Engagements für Kinder in zeitgenössischer und historischer Perspektive.

In den Beiträgen, die sich auf Länder in verschiedenen Regionen der Welt, im Süden ebenso wie im Norden, beziehen, werden unter anderem folgende Fragen gestellt:

  • Wie agieren humanitäre Organisationen, um die Notlagen und Bedürfnisse von Kindern zu verstehen, auf sie zu reagieren oder auf sie aufmerksam zu machen?
  • Wie sind solche Bemühungen mit strukturellen, organisatorischen, finanziellen oder politischen Rahmenbedingungen verknüpft?
  • Welche Akteure sind beteiligt? Inwieweit verleitet die Verwandlung der Not der Kinder und der Kinder selbst in „Objekte“ von Hilfe die NGOs dazu, sich von ihren erklärten humanitären und Entwicklungszielen zu entfernen?

Die ersten beiden Kapitel behandeln diese Fragen auf globaler Ebene. Zunächst zeichnen Kristen Cheney und Stephen Ucembe nach, wie der im Westen verbreitete Wunsch, „Waisenkindern“ zu helfen, eine Millionenindustrie der Waisenbetreuung geschaffen hat, an der eine Vielzahl von Akteuren beteiligt ist, von religiösen Organisationen bis hin zu privaten Reiseunternehmen. Die Autorin und der Autor argumentieren, dass die mit der Kommerzialisierung verbundene „Herstellung“ (manufacture) von Waisenkindern nicht nur für Kinder, Familien und Communities, sondern auch für die staatliche Kinderschutzpolitik bedenkliche Auswirkungen haben kann. Im folgenden Kapitel beschreibt Karishma Desai, wie zwischenstaatliche und unternehmerische Initiativen zur Bildungsförderung von Mädchen weltweit Emotionen erzeugen, um das Bewusstsein für Hilfe zu wecken und private Spenden zu generieren. Die Autorin konzentriert sich auf die Rolle der ehemaligen First Lady Michelle Obama als emblematische Figur einer weltweiten Kampagne, die Mädchen ermöglichen soll, trotz klassen- und rassistisch bedingter Benachteiligung erfolgreich zu sein. Nach Überzeugung der Autorin erzeugt diese Art von Kampagnen „moralische Empfindungen, um dringende Maßnahmen rund um das Problem des fehlenden Schulbesuchs der Mädchen zu mobilisieren, und die Notwendigkeit, ihr neoliberales Potenzial zur Entwicklung der Nationen zu nutzen“ (S. 81). Auch wenn es gelingt, die Einschulungsraten von Mädchen zu erhöhen und sogar die lokalen Herzen und Köpfe über die Fähigkeiten von Mädchen und ihre Stellung in der Gesellschaft zu verändern, haben solche Kampagnen, so die Autorin, oft die Folge, Unterschiede und rassistisch orientierte Stereotypen von benachteiligten Mädchen in „Entwicklungsländern“ zu verstärken.

In drei weiteren Kapiteln wird untersucht, wie Kinder in bestimmten Kontexten in emotional aufgeladene Gegenstände verwandelt werden, die zur Fehlinterpretation ihrer Notlagen und Bedürfnisse führen. Miriam Thangaraj diskutiert am Beispiel Indien, wie Aktivisten einer Kampagne gegen Kinderarbeit und für das Recht auf Bildung zur Stigmatisierung der arbeitenden Kinder beitragen. Die Konstruktion der Notlage und der Bedürfnisse der Kinder sieht sie von der kolonial-paternalistischen Ideologie beeinflusst, dass Hilfe nur „von außen“ und „von oben“ durch besonders aufgeklärte und zivilisierte Menschen geleistet werden könne. Sie führe im konkreten Fall dazu, die Gründe und Motive, die Kinder mit ihrer Arbeit verbinden, zu ignorieren und die Kinder zusätzlich zu benachteiligen. Sara Lahti beschreibt, wie erwachsene Akteur*innen, die im Senegal Hilfe für Talibés (Koranschüler) leisten wollen, verschiedene Geschichten über das Leid der Kinder erzählen. Das Betteln dieser Kinder auf der Straße werde mal auf Kinderhandel und Zwangsarbeit, mal auf religiöse Traditionen zurückgeführt. In der Fixierung auf eine dieser vermeintlichen Ursachen komme den NGOs der Blick auf die Erfahrungen und Sichtweisen der Kinder abhanden, und sie seien nicht in der Lage, gemeinsam mit den Kindern nach Lösungen für ihre Notlagen zu suchen. Estella Carpi und Chiara Diana untersuchen mit Blick auf Jungen, die aus den Kriegsgebieten in Syrien in den Libanon geflohen sind, wie im Rahmen des Programms „Sport for Development“ deren politisch-religiöse Radikalisierung verhindert werden soll. Indem der Sport unter dem Motto „Recht auf Spiel“ nur zur Ablenkung diene, werde versäumt, sich intensiv mit der politischen Sozialisation und dem Bewusstsein der Jugendlichen zu befassen und ihre eigenen Sichtweisen ernst zu nehmen. In der Folge würden nur festgefahrene Vorstellungen von „unschuldiger Kindheit“ reproduziert und die Intervention bleibe ergebnislos. Die Quintessenz dieser Kapitel ist, dass humanitäre Interventionen nur Erfolg haben können, wenn auf den lokalen Kontext und die Realitäten der Erfahrungen, Ambitionen und Wünsche der Kinder und Jugendlichen geachtet wird.

Die letzten drei Kapitel des Buches setzen sich mit humanitären Aktionen für benachteiligte innerstädtische Jugendliche in den USA, HIV-positive Kinder in Uganda und indigene Kinder in Australien auseinander. Im Kapitel über die USA zeigt Caroline Compretta, wie Mitarbeiter einer religiösen Organisation ihr Bild von „unschuldiger Kindheit“ mit rassistisch orientierten Vorurteilen über einkommensschwache afroamerikanische Familien verknüpften, um teilnehmende Kinder in sozialer, moralischer und spiritueller Hinsicht als „rettungsbedürftig“ erscheinen zu lassen. Da die Rettungsbemühungen bei den anvisierten Kindern und ihren Familien nicht die erwartete Resonanz fanden, griff die Organisation, um ihre Spender bei der Stange zu halten, letztlich auf Kinder zurück, die im Sinne der Organisation gar nicht hilfsbedürftig waren, verkaufte dies aber als Erfolg. Mit ähnlichem Ergebnis zeigt Colleen Walsh Lang in dem Kapitel über Uganda, wie bestimmte von HIV betroffene Kinder von der Betreuung durch eine NGO faktisch ausgeschlossen wurden, weil sie mit deren Handlungsmaximen und wirtschaftlichen Interessen nicht kompatibel waren. Während einerseits ihre Hilfsbedürftigkeit betont wurde, wurden sie andererseits sich selbst überlassen, um den Bestand und das den Spendern vermittelte Bild der Organisation nicht zu gefährden. Schließlich legt Drew Anderson im Kapitel über Australien dar, wie eine NGO die Notlage indigener Kinder für Werbezwecke instrumentalisierte. Trotz des erklärten Anspruchs, den Kindern durch die von ihnen verbreiteten Fotos eine Bühne für eigenes Handeln zu verschaffen, griff die Organisation letztlich auf solche Darstellungen zurück, die Personen zum Spenden animieren, und stigmatisierte damit die Kinder.

Diskussion

Die Diskussion um die Fallstricke und problematischen Implikationen humanitärer Intervention wird seit einigen Jahren geführt, auch im deutschsprachigen Raum (siehe z.B. die Publikationen von glokal e.V.: www.glokal.org/publikationen/ – oder die Rezension meines 2017 erschienenen Buches „Postkoloniale Kindheiten“: www.socialnet.de/rezensionen/23078.php). Das hier rezensierte Buch bereichert die Diskussion um konkrete ethnographische Fallstudien, aus denen sich im Detail lernen lässt, wie im Rahmen humanitäre Hilfe bestimmte Kindheitsbilder erzeugt werden, die vor allem die Hilfsbedürftigkeit marginalisierter Kinder unterstreichen sollen. Das Buch zeigt Ähnlichkeiten zwischen den Praktiken verschiedener auf Kinder spezialisierter NGOs, z.B. die Tendenz, die Bedürfnisse der Kinder von denen ihrer Familie und Community zu trennen, oder visuelle Darstellungen von Kindern in Not zu verbreiten, um Gefühle des Mitleids hervorzurufen und Interventionen zu rechtfertigen. In einigen Beiträgen wird auch deutlich, wie willkürlich soziale Räume konzipiert und praktisch hergestellt werden, die für das Heranwachsen der Kinder als besonders geeignet gelten, ohne die Bindungen, Vorerfahrungen und Sichtweisen der Kinder zu berücksichtigen. Die empirischen Studien vermitteln einen konkreten Eindruck von der Funktionsweise des humanitären Rettungskomplexes, seiner oft negativen Folgen für die Kinder und die Gründe ihres häufigen Scheiterns.

Fazit

Eine gelungene Sammlung von Fallstudien, aus denen hervorgeht, wie die Notlagen von Kindern für religiöse, ideologische oder kommerzielle Zwecke instrumentalisiert werden.

Conclusion and Summary

The discussion about the pitfalls and problematic implications of humanitarian intervention has been going on for several years, also in German-speaking countries (see, for instance, the publications of glokal e.V.: www.glokal.org/publikationen/ – or the review of my book "Postkoloniale Kindheiten", published in 2017: www.socialnet.de/rezensionen/23078.php). The book reviewed here enriches the discussion with concrete ethnographic case studies from which it can be learned in detail how certain childhood images are generated in the context of humanitarian aid, which are intended above all to underline the need for help of marginalised children. The book shows similarities between the practices of various NGOs specializing in children, such as the tendency to separate the needs of children from those of their families and communities, or to disseminate visual representations of children in need in order to evoke feelings of compassion and justify interventions. In some chapters, it also becomes clear how arbitrarily social spaces are conceived and practically produced that are considered particularly suitable for children's growing-up, without taking into account the bonds, previous experiences and views of the children. The empirical studies give a concrete impression of the functioning of the humanitarian rescue complex, its often negative consequences for the children and the reasons for their frequent failure.

A successful collection of case studies showing how children's emergencies are instrumentalised for religious, ideological or commercial purposes.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/person/person-action/manfred-lieb ...
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 16.05.2019 zu: Kristen Cheney, Aviva Sinervo (Hrsg.): Disadvantaged Childhoods and Humanitarian Intervention. Processes of Affective Commodification and Objectification. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2019. ISBN 978-3-030-01622-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25170.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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