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Harald Künemund, Uwe Fachinger (Hrsg.): Alter und Technik

Cover Harald Künemund, Uwe Fachinger (Hrsg.): Alter und Technik. Sozialwissenschaftliche Befunde und Perspektiven. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. 228 Seiten. ISBN 978-3-658-21053-3. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 46,50 sFr.

Reihe: Vechtaer Beiträge zur Gerontologie.
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Thema

Seit einigen Jahren ist ein deutlicher Anstieg an Technikentwicklungsprojekten für das Alter(n) in Deutschland zu verzeichnen, was nicht zuletzt auf einen Zuwachs an Förderlinien des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sowie europäischer Forschungsförderung zurückzuführen ist (Jokisch & Wahl 2016). Der Wunsch alter Menschen, möglichst lange selbstbestimmt in der eigenen Häuslichkeit zu leben, der demografische Wandel sowie der Fachkräftemangel in der Pflege, stellen u.a. die zukünftige Versorgung alter Menschen vor große Herausforderungen. Neue Technologien für das Alter(n) können einen Beitrag zur Bewältigung dieser zentralen Zukunftsfragen leisten, indem sie bspw. die Selbstständigkeit fördern, Lebensqualität erhöhen, das Sicherheitsgefühl stärken und Pflegekräfte entlasten. Häufig orientieren sich jedoch Technikentwicklungsprojekte eher am technisch Machbaren bzw. entlang technischer Innovationsleistungen und weniger an den tatsächlichen Bedarfen und Bedürfnissen potentieller Nutzer*innen. Wie die Herausgebenden in der Einleitung des Werkes feststellen, überwiegen vielmehr defizitorientierte Altersstereotype (S. 9). Selbstredend haben diese Einschreibungen auch Auswirkungen auf die Technikakzeptanz potentieller Nutzer*innen.

Herausgeber

Prof. Dr. Harald Künemund lehrt Empirische Altersforschung und Forschungsmethoden an der Universität Vechta.

Prof. Dr. Uwe Fachinger lehrt ebenfalls an der Universität Vechta in den Feldern Ökonomie und Demografischer Wandel.

Beide Herausgebende sind zudem am Institut für Gerontologie der Universität Vechta tätig.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband fußt auf einer 2014 ausgetragenen Jahrestagung des Instituts für Gerontologie der Universität Vechta. Wie die Autor*innen im Vorwort mitteilen, verzögerte sich die Fertigstellung des Sammelbandes jedoch um einige Jahre. Dies hat zur Folge, dass einige der Beiträge des Bandes bereits im Jahr 2014 fertiggestellt wurden, während andere Beiträge erst in den Jahren 2015 bis 2017 entstanden sind. Das Werk erscheint in der Reihe „Vechtaer Beiträge zur Gerontologie“.

Aufbau

Insgesamt sind zehn Beiträge enthalten. Vier Beiträge widmen sich grundlegenden Perspektiven und ökonomischen Einschätzungen. Erfahrungen und Befunde werden in sechs weiteren Kapiteln dargelegt.

Inhalt

Zu Beginn vermittelt Rolf G. Heinze einen Überblick über verfügbare Technologien für ein selbstständiges Leben und Wohnen im Alter. Dabei reicht das Spektrum von seit längerem recht etablierten Hausnotrufsystemen bis hin zu aktuellen telemedizinischen Entwicklungen. Als Treibkraft der zunehmenden Technikentwicklung in Deutschland erachtet er sowohl den demografischen Wandel als auch den nach wie vor bestehenden Wunsch vieler älterer und alter Menschen nach einem selbstständigen Wohnen in häuslicher Umgebung. Gleichwohl erörtert Heinze auftretende Hürden und Barrieren beim Übergang neuer Technologien hin zur Marktverfügbarkeit. Hierbei sieht er insbesondere die Notwendigkeit „innovativer Allianzen“ (S. 28) zwischen Wohnungsunternehmen, Sozial- und Pflegediensten, kommunalen Akteur*innen sowie der Pflege- und Krankenkassen, um konkrete Umsetzungsformen für einen Realbetrieb des technikunterstützten Lebens und Alterns zu ermöglichen.

Josef Hilbert, Denise Becka, Michael Cirkel und Elke Dahlbeck knüpfen an den ersten Beitrag an und erweitern diesen um die Perspektive der Gesundheitswirtschaft. Die große Bedeutung des Themenfeldes ‚Alter(n) und Technik‘; für die Gesundheitswirtschaft ergibt sich so u.a. durch das prognostizierte Wachstum des Marktes, zunehmenden Befürchtungen hinsichtlich der Versorgungssicherheit insbesondere in ruralen Gegenden und nicht zuletzt wissenschaftlichen Hinweisen darauf, dass sich Gesunderhaltung, Pflege und Kuration älterer Menschen durch assistive Technologien verbessern lassen. Dennoch sind, neben einem geringen Verständnis der Technikherstellenden über die realen Kontexte z.B. in der häuslichen Pflege und mangelnder Nutzer*innenintegration, insbesondere fehlende Geschäftsmodelle und schlechtes Schnittstellenmanagement wesentliche Problemstellungen, die bislang häufig eine nachhaltige Implementierung von Technikentwicklungen verhindern. Als Lösungsansatz präsentiert der Beitrag zwei sich ergänzende Vorschläge. Erstens wird das Modell „Innovationsstraße Gesundheit“ des Instituts für Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule skizziert, in welchem bereits bei der Entwicklung und Erprobung neuer technischer Lösungen sämtliche Rahmenbedingungen strukturiert miteinbezogen werden. Zweitens wird ein „Refinanzierungsbasteln“ (S. 45) empfohlen. So sollen aufgrund fehlender übergeordneter Finanzierungsmöglichkeiten vorwiegend regional zugeschnittene Finanzierungskonzepte aus unterschiedlichen Töpfen entwickelt werden.

Uwe Fachinger behandelt ökonomische Potenziale assistierender Technologien in Gesellschaften des langen Lebens. Entlang einiger Beispiele, wie Hausnotruf und e-Health, werden Marktpotenziale und die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Technologien aufgezeigt. Gleichwohl wird darauf verwiesen, dass die Vergleiche unterschiedlicher Studien keine konsistenten Ergebnisse erzielen – nicht zuletzt das Resultat einer fehlenden internationalen Definition von Assistenzsystemen und unterschiedlichen Teilmärkten. Abschließend wird konstatiert, dass eine ökonomische Einschätzung der wirtschaftlichen Relevanz von Assistenzsystemen aussteht.

Den ersten Teil des Sammelbandes schließen Tanja Bratan und Sven Wydra, die aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive heraus auf den medizintechnischen Fortschritt blicken. Zunächst erörtert der Beitrag dessen Auswirkungen sowohl auf die Gesundheitsausgaben als auch auf Wachstum und Beschäftigung. Anschließend werden auf Mikroebene drei Fallstudien (z.B. inhalative Glukokortikoid-Therapie bei Asthma Bronchiale) zu unterschiedlichen Kosten-Nutzen-Verhältnisgruppen von Innovationen präsentiert. Der Beitrag schließt mit der Empfehlung, die Auswirkungen möglichst differenziert zu betrachten. So führt der medizintechnische Fortschritt zwar nicht zu einer Kostenexplosion der Gesundheitsausgaben, allerdings lässt sich die Effizienz des Einsatzes von Technikinnovationen durchaus verbessern. Hierzu zählt u.a. das Generieren eindeutiger Erkenntnisse zum Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Helga Pelizäus-Hoffmeister kritisiert, dass bei vielen Technikentwicklungsprojekten die technische Machbarkeit in den Vordergrund und die Nutzer*innenperspektive in den Hintergrund gerückt wird. Aufbauend auf die von ihr postulierte These, dass Technologien nur dann von Älteren in den Alltag integriert werden, sofern bereits während der Entwicklung die Bedeutungs- und Verwendungszusammenhänge der Zielgruppe Berücksichtigung finden, entwickelt Pelizäus-Hoffmeister eine Typologie an unterschiedlichen Technikdeutungen älterer Menschen. Der Beitrag beschreibt acht resultierende Typen. Insgesamt zeigt sich, dass die instrumentelle Dimension von Technikdeutungen einen herausragenden Platz einnimmt: Der Lebensalltag soll durch den Technikeinsatz effizienter gestaltbar sein.

Annette Spellerberg und Lynn Schelisch diskutieren Ergebnisse des Smart-Home-Systems PAUL, eines der ersten in Deutschland entwickelten intelligenten Assistenzsysteme für den häuslichen Bereich. Der Beitrag fokussiert auf geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Anwendung des Systems. PAUL ermöglicht mittels Touchdisplay die Hausautomationssteuerung in den Bereichen Komfort (z.B. Rolladensteuerung), Sicherheit (z.B. Türkamera), Kommunikation (z.B. Videotelefonie) sowie weiterer Features (z.Bsp. Spiele, Radio) und verfügt zudem über ein Inaktivitäts-Notfallsystem. Die Ergebnisse zweier qualitativer Evaluationsstudien mit rund 30 Teilnehmenden zeigen, dass Frauen zwar prinzipiell offener für die Teilnahme an den Tests sind, die teilnehmenden Männer unterdessen jedoch häufiger auf PAUL zugreifen. Während Frauen Funktionen mit konkretem Nutzen präferieren, zeigen Männer eine höhere Bereitschaft PAUL auch für Komfortfunktionen einzusetzen. Die Autor*innen subsummieren, dass Technik, die spielerisch bedient werden kann, häufig von den Anwender*innen nicht mehr mit Technik assoziiert wird. So wird bspw. PAUL häufig als Mitbewohner oder Untermieter beschrieben. Insgesamt konstatieren die Autor*innen, dass PAUL nicht nur den ‚üblichen‘ Bereichen von Smart-Home-Systemen wie Sicherheit und Gesundheit dient, sondern auch Aspekte wie Empowerment, Freude und Unabhängigkeit fördern kann.

Andreas Hoff, Sue Yeandle, Kate Hamblin und Emma-Reetta Koivunen berichten über das britische Forschungsprojekt AKTIVE. Das Projekt widmet sich der (Weiter-)Entwicklung von Notrufsystemen für Menschen mit Sturzgefährdung und/ oder dementieller Erkrankung. Ziel des 36-monatigen Projektes war die Anpassung bereits marktreifer Technologien an die Bedarfe und Bedürfnisse primärer und sekundärer Nutzer*innen. Neben dem Einsatz bewährter Forschungsmethoden wurde in dem Projekt eine neue Forschungsmethode, die „Alltagslebensanalyse“ (Everyday Life Analysis), entwickelt. Anschaulich zeigen die Autor*innen, dass es auch in Großbritannien häufig an Wissen über die Lebenssituation und Bedarfe der Zielgruppen von Seiten der Technikentwickelnden mangelt. Insgesamt schreibt das Projekt Assistenzsystemen für sturzgefährdete und/ oder Menschen mit Demenz speziell im ländlichen Raum ein hohes Potenzial zu. Die Autor*innen empfehlen und unterstreichen die Notwendigkeit von (ggf. mehrfachen) kostenlosen Technikeinweisungen sowie eines bedürfnisorientierten Systemdesigns. Der Beitrag endet mit einem Appell, die Finanzierungsfragen zu klären und die notwendige Infrastruktur (z.B. Breitbandinternet) auch im ländlichen Raum zu schaffen.

Aus einer Evaluation von 14 Projekten im Bereich AAL, die aus einer Gesamtzahl von 59 Projekten als Best practice-Beispiele ausgewählt wurden, berichtet Sibylle Meyer. Insgesamt wurden 90 Haushalte befragt sowie 60 Interviews mit Projektleiter*innen, Geschäftsführer*innen der involvierten Wohnunternehmen sowie Technikherstellenden geführt. Als besonders attraktiv werden assistierende Technologien in den Feldern Sicherheit und Komfort bewertet. Identifizierte akzeptanzhemmende Faktoren waren u.a. mangelnde Schnittstellen, fehlende Alltagsorientierung und Datenschutzerwägungen. Ältere Menschen kennen häufig weder Angebot noch den konkreten Nutzen durch ein Leben in intelligenten Wohnungen, was zu einer sinkenden Bereitschaft der Bezahlung höherer Mietpreise oder eigener Anschaffungen führt. Neben dem Aufzeigen des Nutzens, dem Erbringen des dringend notwendigen (sozialwissenschaftlichen) Wirksamkeitsnachweises, gilt es insbesondere auch Altersstigmatisierungen bei der Anpreisung von AAL-Produkten zu vermeiden.

Diego Compagna thematisiert die vielmals misslungene Nutzer*inneneinbindung bei Technikentwicklungsprojekten. Zwar hat sich diese gerade bei der Entwicklung von AAL-Technologien als notwendige Erfolgsbedingung (nicht zuletzt auch für die Akquise von Drittmitteln) durchgesetzt, dennoch weist ihre Umsetzung vielfach Defizite auf. Aufbauend auf die Erkenntnisse eines Forschungsprojektes zur Inklusion von Pflegekräften und älteren Pflegebedürftigen in (Weiter-)Entwicklungsprojekte für robotische Servicesysteme in der Pflege, werden grundsätzliche Probleme partizipativer Technikentwicklungen im AAL-Segment aufgezeigt und in theoretische Bezüge eingebettet. Es wird dafür plädiert, dass weitere Optimierungsbestreben direkter Partizipationsmethoden (z.B. Nutzer*inneneinbindung während der Konzipierungs- oder Planungsphase) überdacht und bspw. vielmehr Strategien des ‚Rapid Prototyping‘ implementiert werden sollten. Zu Beginn von Entwicklungsprojekten sollen stärker Szenarien entwickelt und potentielle Nutzer*innen erst zu einem späteren Zeitpunkt – dann jedoch verstärkt – in die Entwicklung einbezogen werden.

Der Sammelband wird von Cordula Endter mit einem Plädoyer für eine möglichst frühzeitige Nutzer*inneneinbindung geschlossen. „Ko-Konstruktion“ (S. 220) bezeichnet das Phänomen, dass Technikentwickelnde während des Entwicklungsprozesses von AAL-Technologien nicht nur ihre eigenen Vorstellungen über das Alter(n) und der Techniknutzung im Alter(n) in das Produkt einfließen lassen, sondern zeitgleich damit auch eine Vorstellung eines technikgerechten Alter(n)s konstruieren. Eine späte Einbindung potentieller Nutzer*innen verschärft diese Problematik, vielmehr soll eine frühzeitige Austarierung aller Akteur*inneninteressen in Gang gesetzt werden. AAL-Entwicklungsprozesse werden so zu Arrangements zwischen allen Beteiligten.

Diskussion

Den Herausgebenden gelingt es durch die Zusammensetzung der Beiträge sowohl Neueinsteiger*innen als auch Berufstätige in Praxis und Forschung gleichermaßen anzusprechen. Während die einführenden Kapitel einen disziplinübergreifenden Einstieg in das Themenfeld gewähren, eignen sich die späteren Kapitel zur Reflexion der eigenen Forschungs- und/ oder Berufspraxis. Bisweilen ist bemerkbar, dass einige Beiträge bereits älteren Datums sind. Dem Erkenntnisgewinn tut dies allerdings keinen Abbruch. Nach der Lektüre wird deutlich: Die Frage nach einer zielführenden Nutzer*inneneinbindung ist komplex und längst nicht beantwortet. Umso dringender wird das Plädoyer, dem sozialwissenschaftlichen Beitrag in Forschungs- und Entwicklungsprojekten für ‚Technik im Alter(n)‘ eine höhere Bedeutung beizumessen.

Fazit

Der Sammelband besticht nicht zuletzt durch die Vielzahl an Beiträgen renommierter Autor*innen. Den Herausgebenden ist für ihren langen Atem während des Entstehungsprozesses zu Danken und dem Werk eine breite Rezeption sowohl in Praxis- als auch Wissenschaftskreisen zu wünschen.

Literatur

Jokisch, Mario; Wahl, Hans-Werner (2016): Expertise zu Alter und Technik im deutschsprachigen Raum. Heidelberg: Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie.


Rezensent
Johannes Steinle
M.A. Angewandte Gesundheitswissenschaft
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Zitiervorschlag
Johannes Steinle. Rezension vom 21.03.2019 zu: Harald Künemund, Uwe Fachinger (Hrsg.): Alter und Technik. Sozialwissenschaftliche Befunde und Perspektiven. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-21053-3. Reihe: Vechtaer Beiträge zur Gerontologie.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25174.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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ISSN 2190-9245

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