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Norbert Schneider: Grundriss Geschichte der Metaphysik

Cover Norbert Schneider: Grundriss Geschichte der Metaphysik. Von den Vorsokratikern bis Sartre. Eine Einführung. Felix Meiner Verlag GmbH (Hamburg) 2018. 554 Seiten. ISBN 978-3-7873-3431-5. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR, CH: 55,63 sFr.
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Thema

Obwohl die Metaphysik schon lange aus der Mode gekommen ist und auch davor immer wieder heftig kritisiert wurde, braucht sie keineswegs nur für Philosophiehistoriker interessant zu sein. So nimmt z.B. das noch 2017 erschienene „Handbuch Metaphysik“ wahr, dass die Metaphysik als „Kerndisziplin der Philosophie immer wieder aufblüht“ (Schrenk, Handbuch Metaphysik, Vorwort, vii) und hat sich z.B. sogar Gilles Deleuze noch als Metaphysiker betrachtet (A.J. Greenstine & R.J. Johnson (eds.), Contemporary Encounters with Ancient Metaphysics. Edinburgh 2017, 3)

Autor

Norbert Schneider ist emeritierter Ordinarius für Kunstgeschichte an der Universität Karlsruhe (KIT). Er hat Bücher veröffentlicht über die Kunst des Mittelalters, der frühen Neuzeit, sowie über kunstwissenschaftliche Methodologie und philosophiehistorische Monographien zur Ästhetik, Kunsttheorie und Erkenntnistheorie.

Aufbau

Schneiders mehr als 500 Seiten umfassendes Buch setzt sich zum ehrgeizigen und bewundernswerten Ziel die komplexe Geschichte der Metaphysik zu behandeln. Der Autor wollte „auch nach der beruflichen Entscheidung für das Fach Kunstgeschichte“ die anderen Disziplinen seines Studiums weiterpflegen und hat versucht sich in ihnen auf dem Laufenden zu halten (552). Dieses Buch hat, so der Autor, „Einführungscharakter“, und ist sicher „nicht als ein mit Letztgültigkeitsanspruch auftretendes Nachschlagewerk“ gemeint (553). Es möchte vor allem „Lust auf die Lektüre der Originaltexte machen“ (553). Das Buch fängt an mit einem sogenannten „kleinen Vorspann“, beschreibt in fünf philosophiehistorische Teile die Hauptstadien der Geschichte der Metaphysik und endet mit einem „kleinen Nachspann“, einem „Glossar“ und einer allgemeinen Literaturliste. 

Was Schneider unter „Metaphysik“ versteht, bleibt leider unklar, und genauso unklar bleibt warum er genau in dieser Zeit ein derartiges Einführungswerk in die Metaphysik schreiben möchte. Stellt er sich die Geschichte der Metaphysik so vor, dass sie im Prinzip jederzeit für uns da vorhanden liegt, dass wir sie nur noch zu beschreiben brauchen? Manchmal scheint „metaphysisch“ hier einfach identisch mit „philosophisch“ zu sein (4), da ja „unter den philosophischen Disziplinen (…) die Metaphysik die älteste“ ist. „Ihre Bedeutung“ war „in vormoderner Zeit so groß (…), dass sie nachgerade mit der Philosophie überhaupt gleichgesetzt wurde.“ (XI) Anderswo sieht es so aus, als ob die Metaphysik für den Autor erst da anfängt wo es eine „entmythologisierte Weltentstehungslehre“ gibt, also z.B. sicher nicht bei Homer. Später hat es den Anschein, Metaphysik sei identisch mit Naturphilosophie.

Inhalt

1. Antike Metaphysik

Es ist, neben dem Teil über die mittelalterliche Metaphysik, eines der kleineren Teile dieses Grundrisses. Zur antiken Metaphysik rechnet der Autor neben den milesischen Naturphilosophen Thales, Anaximander und Anaximenes, vom Autor zusammengefasst als Denker die respektive ein stoffliches Element (Wasser), ein geistiges („apeiron“) und wiederum ein stoffliches (Luft) Element als Urgrund annahmen, Pythagoras und seine Anhänger. Von den Pythagoreern wurde, so der Autor, „die Zahl zu einer Wesenheit hypostasiert“ (9). Interessant ist übrigens, dass in dieser Paragraph Philolaos erwähnt wird als besonders herausragender Schüler von Pythagoras; leider erfährt man weiterhin aber nichts über ihn (7). Demnächst behandelt dieses Kapitel Xenophanes (seine Kritik an den Göttermythen so wie seine monotheistische Vorstellung [10]), Parmenides (dessen Wahrheitslehre, zusammengefasst im Satz der Identität von Denken und Sein, dem Autor eher „autoritativ“, ja sogar „dogmatisch“ vorkommt, da ja für sie keine epistemologische Begründung geliefert wurde (13)) und Heraklit, dessen Lehre auch als eine, wenigstens zum Teil, hylozoistische Weltentstehungstheorie dargestellt wird, mit, jetzt, als Urprinzip: Feuer (14). Heraklit wird vom Autor auch den „weinenden Philosophen“ genannt, leider ohne Verweis auf Quellen (15)). Demnächst kommen Empedokles (seine vier Elemente sind die drei bereits genannten Elemente, jetzt ergänzt um das Element „Erde“), Anaxagoras (dessen Atomenlehre, die ein „qualitativer Atomismus“ ist und nicht „physikalistisch zu interpretieren“ sei (17) und seine Lehre vom „Nous“ worin das „geistige Prinzip“ dominant hervortritt (17)) und Demokrit (dessen „Physikalismus“ immer wieder ins Spiel gebracht wird, immer da, wo gegen die kirchliche Institution „aufbegehrt“ wurde [21]) zur Sprache.

Das, bedauerlich knapp ausgefallene (6 Seiten), Kapitel über Platon fängt mit der Behauptung an, dass die in Platons frühe Schriften vorgestellte Philosophie des Sokrates hier nur gestreift werden kann. In Wirklichkeit ist aber fast die Hälfte des Platon-Kapitels der Darstellung von Sokrates' Philosophie gewidmet. Die eigentliche Philosophie von Platon, das ist für den Autor die Ideenlehre. Sie wird „elitär“ genannt, einer „Apologie der herrschenden Schicht“ dienend (27) – sozioökonomische Rückführungen des philosophischen Denkens wie diese begegnet man übrigens häufig in diesem Buch. Dass es ausgerechnet Platon selbst war, der seine Ideenlehre immer mehr kritisiert hat, und zwar in seinen Dialogen, kommt hier leider kaum zur Sprache. Man kann zwar lesen, dass Platon kein „widerspruchsfrei kohärentes System formuliert“ hat, und dass „vieles in mythischer, bildlicher Verkleidung nur angedeutet ist“, ja sogar „einfach im Aporetischen stecken“ bleibt (24). Was hier aber fehlt, ist die Einsicht, dass die literarische Form der philosophischen Gedanken, ausgerechnet beim Kunst- und Literaturfeind Platon, in der heutigen Platonforschung immer mehr Aufmerksamkeit bekommen hat als genau etwas Wesentliches über dessen Begriff von Philosophie aussagend. Auch die Sichtweise, dass Platon in seinen frühen Dialogen noch ganz und gar unter dem Einfluss des Sokrates stand, und dass seine eigene Philosophie sich erst später bildete, trägt der heutigen Platonforschung kaum Rechnung. Das kann auch nicht wundern, wenn man bedenkt, dass die vom Autor in diesem Kapitel zitierte Literatur kaum Beleg dafür liefert, dass der Autor sich auf dem Laufenden der neueren Platonforschung gehalten hat.

Demnächst kommt Aristoteles kurz zur Sprache, das heißt seine Metaphysik, seine Kritik der Ideenlehre Platons, die wichtigsten Begriffe seiner Metaphysik (Form, Materie, Potenzialität, Aktualität) und zum Schluss seine Theologie. Wenn man bedenkt, dass bei Aristoteles der Begriff der Metaphysik zum ersten Mal in der Geschichte auftaucht, kann man sich über die Knappheit dieses Kapitels nur wundern, sowie übrigens auch über den Umstand, dass Werner Jaegers Befunde, die im 1912 erschienenen Buch veröffentlicht wurden, hier präsentiert werden ohne Rechenschaft davon zu geben, dass auch seine Einsichten inzwischen kritisiert worden sind.

Ebenfalls sehr kurz werden die Metaphysik der Stoa und die Metaphysikkritik des Skeptizismus besprochen, in jeweils kaum drei Seiten. Nach der Metaphysikkritik des Skeptizismus werden Plotin und der Neuplatonismus als „Rückkehr zur Metaphysik“ präsentiert. Plotins Emanationssystem wird dargestellt als „Überwindung“ der Platonischen „methexis“, obwohl später behauptet wird, dass der emanatio-Begriff „entgegen der üblichen Darstellung in Philosophiegeschichten (…) bei Plotin kaum eine dominante Rolle spielt“ (48). Die Gnosis wird vom Autor vorgestellt als, gegenüber den milesischen Naturphilosophen, die „die Mythen Zug um Zug destruieren“ wollten, eine „Remythisierung“, eine Hypostasierung von Begriffen (53).

2. Mittelalterliche Metaphysik

Der Autor rechnet zuerst Augustin hierzu, dessen Metaphysik zum einen eine Theodizee ist, zum anderen eine die den freien Willen thematisiert (64/65). Der Autor weist übrigens auf mehreren Stellen darauf hin, dass „theodizee“ eigentlich ursprünglich „nichts anderes“ als „Rechtfertigung Gottes“ (178) bedeutet – dass der Bezug zum Leiden ursprünglich also nicht Teil des Begriffs ist. Auch die Mystische Theologie des Pseudo-Dionysius Areopagita wird in diesem Teil angesprochen, allerdings beschäftigt sich fast die Hälfte dieses Kapitels mit Johannes Scotus Eriugena und mit dessen vierfachen Naturbegriff. Ein drittes Kapitel ist dem frühmittelalterlichen Universalienstreit gewidmet. Sehr klar deutet der Autor an, dass Realismus hier nichts mit unserem heutigen Realismusbegriff zu tun hat, dass es eher um einen „Begriffsrealismus“ geht (74). Nach einer kurzen Behandlung von Roscelin von Compiègne und den „drei Positionen im Universalienstreit“ schliesst der Autor dieses Kapitel ab mit einem kleinen Exkurs zu Avicenna. Das Kapitel über Anselm von Canterbury, dessen „apologetische“ Theologie vom Autor zurückgeführt wird auf dem „um die Erhaltung seiner Macht besorgten Klerus“ (81), endet mit der Zusammenfassung der Kritik von Gaunilo am Beweisverfahren von Anselms Gottesbeweis, wobei die Kritik dieser Kritik leider in einer Fussnote versteckt wurde. In knapp 23 Seiten kommen, zum Schluss dieses dritten Teils, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Duns Scotus, Wilhelm von Ockham und Nikolaus von Kues zur Sprache. Dass Thomas „ganz selbstverständlich den ontologischen Gottesbeweis von Anselm von Canterbury übernimmt“ (94) ist sehr zweifelhaft. Jedenfalls hätte eine Auseinandersetzung mit einer jüngeren Thomas-Monographie, wie z.B. die von James Weisheipl, zu der nuancierten Einsicht führen können, dass Thomas das ontologische Argument von Anselm zwar erwägt, „es aber letztendlich ablehnt“ (James Weisheipl, Thomas von Aquin. Sein Leben und seine Theologie, 1996, 210). Überdies gilt, dass der Autor der Gedanke zu wenig Aufmerksamkeit schenkt, dass Thomas eher von „Wege“ („viae“) die zu Gott führen gesprochen hat, als von „Gottesbeweise“. In der Besprechung von Wilhelm von Ockham wird leider nicht weiter erläutert, was es genau meint, dass sich hier ein Wandel „von der Sach- zur Satzwissenschaft“ (102) abzeichnet. Außerdem fällt hier der verwirrende Sprachgebrauch über Metaphysik und Ontologie auf: Während die in der Arbeit von Albert Zimmermann angedeutete Frage „Ontologie oder Metaphysik“ in einer Fußnote (Seite 102) erwähnt wird, belässt der Autor es in seinem eigenen Text bei einen alle Differenzierungen und Nuancen vernachlässigenden „Metaphysik bzw. Ontologie“ (102).

3. Metaphysik der frühen Neuzeit vom Renaissance-Humanismus bis Kant

Als die wichtigsten Stadien in dieser Metaphysik gelten hier, nacheinander: Marsilio Ficino, bei dem es um eine „Erneuerung des Platonismus“ geht, Giordano Bruno, bei dem von einer „Aufschwung der Naturphilosophie“ die Rede ist, ein Aufschwung der nach der Auffassung des Autors mit „sich ausdehnenden Urbanisierungen“ (119) zu tun hatte, Francis Bacon, der dargestellt wird als „erste methodische Offensive gegen die scholastische Metaphysik“, Thomas Hobbes und sein „weiterer Angriff auf die traditionelle Metaphysik“ und René Descartes „Konstruktion einer rationalistischen Metaphysik“, wobei auffällt, dass der Autor ohne weitere Angabe von Gründen den Authentizitätswert des Narrativs in Descartes' „Discours de la méthode“ anzweifelt, anscheinend einfach nur weil es ein Narrativ ist. Demnächst kommen zur Sprache: Benedictus de Spinoza, wobei auffällt, dass der Autor sich zwar „auf die in der Ethik dargelegten Hauptgedanken zur Metaphysik“ (160) beschränkt, aber nicht erklärt, was es meint, dass Spinozas „Ethik“ auch seine Metaphysik enthält, Gottfried Wilhelm Leibniz und seine Nachfolger (Walther von Tschirnhaus, Christian Wolff, Alexander Gottlieb Baumgarten (der, obwohl heute überwiegend wegen seiner Ästhetik bekannt, „vorrangig Metaphysiker“ [198] war) und die „unterhaltsamere“ (200) Metaphysik von Georg Friedrich Meier, John Lockes erkenntnistheoretische Überwindung der Metaphysik, George Berkeley's Revision von Lockes These der „primären Qualitäten“, David Humes Skeptizismus, und zum Schluss Etienne Bonnot de Condillacs Sensualismus und Julien Offray de La Mettries Materialismus.

4. Metaphysik der klassischen deutschen Philosophie

Dazu zählen nicht nur, wie üblich in Grundrissen wie diese: Kant, Fichte, Schelling und Hegel, sondern auch die unmittelbaren Nachfolger und Kritiker von Kant (Reinhold, Beck, Maimon, Schulze, Fries und Jacobi), allerdings in knapp zehn Seiten. In Bezug auf dem Kant-Kapitel fällt auf, wie wenig Aufmerksamkeit der „Kritik der praktischen Vernunft“ gewidmet wurde – anscheinend ist Metaphysik für den Autor zunächst und überwiegend ein Teil der theoretischen Philosophie. Überdies fällt in Bezug auf diesem Kapitel auf, dass der Autor viele seiner Daten über Kant den Büchern von Oswald Külpe (1907!) und Kuno Fischer (1909!) entnimmt. Abwesend ist hier also z.B. die bereits 2001 erschienene Kantbiographie von Manfred Kühn. Beim Lesen des Kapitels über Schelling fällt auf, dass nur der frühe Schelling behandelt wird, dass vom späten Schelling, geschweige denn von seinem Einfluss auf den Existenzialismus, keine Rede ist. Das Kapitel über Hegel behandelt zunächst, ziemlich ausführlich, seine „Phänomenologie des Geistes“, sodann die „Wissenschaft der Logik“ und zum Schluss seine „Philosophie des Geistes“, ohne aber auf die Entwicklungen im Denken Hegels einzugehen. Mit einem Exkurs zu Hegels Naturphilosophie und, was in diesem Buch öfter passiert, mit einem langen (Hegel) Zitat, ohne nähere Erläuterung oder Interpretation, kommt dieses Kapitel zum Ende.

5. Metaphysik im 19. und 20. Jahrhundert

Hier fällt nicht so sehr auf, dass der Autor die Klassiker in dieser Hinsicht behandelt (Schopenhauer, Nietzsche, und Heidegger), sondern dass die Mehrheit der Seiten Philosophen wie Herbart, Lotze, Vogt, Moleschott, Büchner, Haeckel, Boutroux, Bergson, Peter Wust und Nicolai Hartmann gewidmet ist. Positiv erwähnenswert ist schon das, dass diesen oft stiefmütterlich oder gar nicht behandelten Philosophen hier Aufmerksamkeit bekommen. Interessant ist z.B. das Kapitel über Rudolf Hermann Lotze, wo von seiner „Lehre von den Beziehungen“ oder Relationalität (380) gesprochen wird. Genau das, dass Lotze also „von der Wesensmetaphysik etwas wegführt“ (381), hätte mehr philosophische Aufmerksamkeit verdient, sowie auch der nur kurz angedeutete Begriff einer „induktiven Metaphysik“ (376). Auch der Umstand, dass der Autor Henri Bergson in diesem Kontext behandelt, verdient Beachtung. Leider aber kommt Bergsons „Einführung in die Metaphysik“ nur zum Schluss und sehr marginal zur Sprache – vielleicht da sie, laut der Autor, „gegenüber den vorangegangenen Texten aus seiner Feder nichts wesentlich Neues“ (414) bringt. Das Kapitel über Nietzsche enthält zum größten Teil sehr kurze Besprechungen der wichtigsten Werke von Nietzsche. Der Schlussparagraph über „Metaphysik und Metaphysisches in der Sicht Nietzsches“, der eigentlich der wichtigste Paragraph hätte sein sollen, ist leider viel zu kurz ausgefallen. Im (vorletzten) Kapitel über Heidegger fällt die Neigung des Autors auf, das Auftauchen, in „Sein und Zeit“, von Begriffen wie „Sorge“ und „Ängste“ zurückführen zu wollen, ohne das übrigens mit Quellen zu belegen, auf das ökonomische und gesellschaftliche Phänomen der Geldentwertung im damaligen Deutschland. Heideggers spätere Schriften kommen nur sehr beschränkt zur Sprache. Auch im Kapitel über Jean-Paul Sartre fällt diese Vernachlässigung der späteren Arbeiten des behandelten Autors auf.

Im sogenannten „kleinen Nachspann“ erklärt der Autor warum er sich in diesem Buch auf die „klassische Metaphysik“ beschränkt hat, die „New Metaphysics“ also nicht mehr mit einbezieht, obwohl auch er einsieht, dass es auch ihr um die Grundfrage der Metaphysik – „Is metaphysics possible?“ (473) – und um wichtige metaphysische Begriffe geht. Es bleibt letztendlich unklar, warum der Autor sich dazu entschieden hat, trotz seiner Begründung, dass es hier eigentlich um ein Verfahren handele, das an der Spätscholastik erinnert, da die hier verwendeten Methoden diejenige der Logik, Logistik und Propositionsanalyse sind (473). Wäre der, wie der Autor selber sagt, „bemerkenswerte“ Umstand, dass gerade die Analytische Philosophie sich wieder metaphysischen Fragen geöffnet hat, kein Grund sie, statt Sartre, in diesem Grundriss am Schluss zu behandeln?

Fazit

Es verdient besondere Beachtung, dass der Autor sich in seiner Übersicht der Geschichte der Metaphysik nicht auf diejenigen Denker beschränkt hat die man in Einleitungen wie diese meistens, nur, begegnet. Dass hier also z.B. nicht nur Leibniz, sondern auch Philosophen aus dem Umkreis und in der Nachfolge von Leibniz behandelt werden, dass nicht nur Kant, sondern auch Philosophen wie Jacob Sigismund Beck, Salomon Maimon, Gottlob Ernst Schulze, Jacob Friedrich Fries und Friedrich Heinrich Jacobi zur Sprache kommen, dadurch schlägt dieses Buch eine neue Brücke zwischen den detaillierten Hand- und Lehrbüchern einerseits und den üblichen, sich auf die „Hauptstadien“ fokussierenden Einführungen andererseits.

Es ist zu bezweifeln, ob dieses als Einführung gedachte Buch über die Metaphysik den, eine Einführung brauchenden, suchenden Leser*innen wirklich dazu verführen kann sich weiterhin mit dieser Thematik zu beschäftigen. Das hängt zunächst damit zusammen, dass trotz des Umfangs dieses Buches nicht klar wird, was denn eigentlich mit Metaphysik gemeint ist. Ist es identisch mit Philosophie? Dann wäre ein Titel wie „Einführung in die Philosophie“ adäquater gewesen – obwohl dieses Buch das in der Tat nicht leistet. Und wie steht es mit dem verwandten, aber historisch erst viel später auftauchenden Begriff der „Ontologie“? Meistens umgeht der Autor diese Problematik dadurch, dass von „Metaphysik bzw. Ontologie“ gesprochen wird. Und wenn, z.B. im Kapitel über Schopenhauer, der Autor meint, dass sowohl die Ästhetik wie auch die Ethik Schopenhauers hier übergangen werden muss, da es in diesem Buch ja vorrangig um den „metaphysischen Aspekt“ geht, wie ist dann zu verstehen, dass bei Schopenhauer – und übrigens natürlich nicht nur bei ihm – die Rede ist sowohl von einer „Metaphysik des Schönen“, wie auch von einer „Metaphysik der Sitten“? Und kann man die Begriffsverwirrung über den Begriff der Metaphysik wirklich dadurch umgehen, dass man ihn in einem Glossar am Ende des Buches kurz (knapp sieben Seiten) zusammenfasst?

Die Absicht sich auch in den anderen Fächern auf den Laufenden zu halten ist bewundernswert, wird hier aber nur zum Teil erreicht. Zwar werden nämlich einige jüngere oder erst vor kurzem erschienene Einführungen in die Metaphysik, wie z.B. die von Jean Grondin, Jörg Disse und Theodor W. Adorno erwähnt, deren inhaltlichen Einfluss auf diese Arbeit kommt aber nicht zum Tragen, ja scheint sogar abwesend zu sein. Überdies bezieht der Autor sich in diesem Buch oft auf Bücher die schon längst ihren Ehrentitel von Klassiker eingebüßt haben, einfach dadurch, dass es neuere Forschung gibt. So fällt z.B. auf, dass im Kapitel über Aristoteles die Literatur die nach Werner Jaeger erschienen ist fast total abwesend ist. Hätte man in einer Besprechung der Metaphysik von Aristoteles nicht auch die bahnbrechende Arbeit von Pierre Aubenque wenigstens erwähnen müssen, da er in „Le problème de L'être chez Aristote. Essai sur la problématique aristotelicienne“ (Paris 1962) eindringlich darauf hingewiesen hat, dass man die Metaphysik von Aristoteles vielleicht besser lesen sollte, als seinen sowohl äußerst ambitionierten wie auch gescheiterten Versuch eine Wissenschaft im Sinne einer „ersten Philosophie“ zu etablieren?

Die Frage, ob dieses Buch „Lust auf die Lektüre der Originaltexte machen“ wird, kann angezweifelt werden: dass der Autor oft ziemlich große Zitate aus Originaltexte in seinem Buch aufgenommen hat, ist sicher sehr positiv zu bewerten und könnte als Schutz dienen gegen eine Tendenz die diese Originaltexte dem Blick entzieht, dadurch, dass man zu viel Wert legt auf den mittlerweile auch zu Klassikern gewordenen Interpretationen. Problematisch ist aber, dass der Autor oft Originaltexte zitiert – und nicht selten Kapitel mit Original-Zitate abschließt – ohne jedwede Erklärung oder Interpretation.

Die Frage kommt auf, ob man vom Autor einer heutigen Einführung in die Geschichte der Metaphysik nicht eine bessere Einarbeitung – statt nur Erwähnung – der neueren Literatur verlangen dürfte. Denn, obwohl die meisten biographischen Daten über Augustin, Thomas von Aquin usw. sich in der neueren Forschung wahrscheinlich nicht erheblich geändert haben, hat sich, wenn es um die Interpretation derer Arbeiten geht, vieles geändert im Vergleich zu den Arbeiten und Interpretationen von, z.B. Maurice de Wulf, Wilhelm Windelband, Werner Jaeger oder Oswald Külpe.


Rezensent
Dr. Rob Plum
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Zitiervorschlag
Rob Plum. Rezension vom 30.04.2019 zu: Norbert Schneider: Grundriss Geschichte der Metaphysik. Von den Vorsokratikern bis Sartre. Eine Einführung. Felix Meiner Verlag GmbH (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-7873-3431-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25175.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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