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Benjamin Strahl: Heimerziehung als Chance?

Cover Benjamin Strahl: Heimerziehung als Chance? Erfolgreiche Schulverläufe im Kontext von stationären Erziehungshilfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 272 Seiten. ISBN 978-3-7799-3915-3. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Heimerziehung: Malaise oder Manifest?

Das Heim wird in der Literatur und in der Lebenswelt der Menschen mit ganz unterschiedlichen Bezeichnungen belegt; da wird die Heimat besungen und in Sprichwörtern dargestellt, in der die Bewohner ein umsorgtes, glückliches Leben in Gemeinschaft mit anderen Menschen verbringen – aber auch als Ort des Horrors, der Drangsal und des Leids. Wenn von Heimerziehung die Rede ist, kommt meist ein eher gedämpfter, mitleidiger bis nachsichtiger Ton ins Spiel: Die armen Kinder, die keine Familie haben und deshalb im Heim leben müssen! Die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Berichte über das Aufwachsen von Kindern in Heimen füllen ganze Bibliotheken. Es sind historische Erzählungen, Biografien und Bestandsaufnahmen über individuelle und gesellschaftliche Zustände, soziale Analysen und institutionell-rechtliche Bestimmungen. Es sind sozialpädagogische Forschungsarbeiten mit den Zielsetzungen der Erfassung und Bewertung des Phänomens und der Entwicklung von theoretischen Konzepten und praktischen Umsetzung von menschenwürdiger Bildung und Erziehung. Der öffentliche Ruf der Heimerziehung bewegt sich im Spagat von gelingendem und misslingendem Leben im Heim. Da ist z.B. die Rede vom „Kindergefängnis“ (www.socialnet.de/rezensionen/20068.php), aber auch von Fürsorge (www.socialnet.de/rezensionen/22314.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Es ist wohl so, dass – sowohl in der populären Literatur (Mats Strandberg), als auch in der wissenschaftlichen Forschungstätigkeit – Heimerziehung eher negativ konnotiert wird. Ohne den Anspruch erheben zu wollen, dies zu belegen, genügt ein Blick auf die im Internet-Rezensionsdienst Socialnet in der Rubrik „Schlagwort“ aufgeführten Buchtitel zum Thema: Überwiegend die Mehrzahl der wissenschaftlichen Literatur befasst sich mit den negativen Folgen von Heimerziehung! Da ist es an der Zeit, eine Forschungsarbeit vorzulegen, in der „erfolgreiche Schulverläufe im Kontext von stationären Erziehungshilfen“ thematisiert und nachgewiesen werden.

Der am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim tätige Sozialpädagoge Benjamin Strahl legt mit dem Buch „Heimerziehung als Chance?“ die Ergebnisse seiner Dissertationsschrift vor. Seine Bestandsaufnahme der bisher nicht hinreichend – sowohl seitens der institutionalisierten, als auch der sozialpädagogischen Bereiche – beachteten Bildungs- und Erziehungspraktiken bei Kindern und Jugendlichen mit Heimunterbringung, ergab die Themenfindung für seine Forschungsarbeit: „Wie gestalten sich erfolgreiche schulische Verläufe im Kontext der stationären Hilfen zur Erziehung?“. Der Autor führte biographische Interviews mit 17 jungen Erwachsenen durch, die auf eine erfolgreiche Schullaufbahn zurückblicken konnten und ein Hochschulstudium aufgenommen bzw. bereits abgeschlossen haben. Es handelt sich bei der Arbeit demnach um eine positive Auswahl von Personen mit Heimunterbringung und deren erfolgreichen Lebenswegen. Damit ist das Ziel der Forschungsarbeit benannt: Es sollen Bedingungen, Ursachen und Verläufe ermittelt werden, die es ermöglichen, dass junge Menschen „in den stationären Hilfen zur Erziehung Bedingungen vorfinden, die sie bei ihrem schulischen Werdegang unterstützen und schulischen Erfolg befördern, oder ob die Maßnahmen selbst als Schulerfolg be-(fördernd? JS) oder verhindernd zu sehen sind“.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, mit der der Autor über Methodik und Konzeption der Forschungsarbeit informiert, wird in den folgenden Teilen die Bedeutung der „Schule in den stationären Erziehungshilfen“ thematisiert, es werden „Forschungsdesign und -praxis“ vorgestellt, „Fallanalysen“ aufgeführt, „erfolgreiche schulische Verläufe im Kontext von stationären Erziehungshilfen“ herausgearbeitet, und schließlich „Schulerfolg und Bildungsaufstieg“ aufgewiesen. Bei den statistischen, in der wissenschaftlichen Forschung ermittelten Befunden bei fremduntergebrachten Kindern und Jugendlichen in Deutschland werden zwei wesentliche Defizite deutlich: Zum einen ist es die geringe Wertschätzung der schulischen Bildung sowohl bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen, als auch bei den Institutionen und dem Erziehungspersonal; zum zweiten sind es die korrespondierenden schulischen Misserfolge. So zeigt sich, dass bei mehr als der Hälfte der in Heimen untergebrachten Kindern erhebliche Schulprobleme auftreten: 24 % der jungen Menschen gelten als unbeschulbar; fast ein Drittel aller Kinder schwänzen regelmäßig die Schule; der Anteil der SonderschülerInnen beträgt 40 %, während nur 1 % ein Gymnasium besuchen. Eine Zusammenarbeit von Schule, Sozialbehörde und Heim ist, wenn überhaupt, nicht institutionalisiert und hängt eher von der Bereitschaft und Sensibilität von Lehrerinnen, Lehrern, SozialpädagogInnen und Verwaltungskräften ab. Zwar liegen einige wissenschaftliche Untersuchungen über Konzepte und Organisation von stationären Erziehungshilfen vor, wie z.B. die JULE-Studie zu „Leistung und Grenzen der Heimerziehung“ (1998), die Untersuchung „Effekte erzieherischer Hilfen und ihre Hintergründe“ (2002), und die Studie „Wirkungsorientierte Jugendhilfe“ (2010), doch eine Gesamtbetrachtung des Zusammenhangs von individuellen und gesellschaftlichen Bedingungen und Ursachen zum Forschungskomplex gibt es nicht. Einige Untersuchungen und biographische Aussagen zur Situation der „Care Leaver“ z.B. machen deutlich, dass „Bildungserfolg nicht per se als erstrebenswert bzw. unproblematisch gesehen werden muss“; allein eine erfolgreiche schulische Bildung hebe die Prekarität der individuellen und gesellschaftlich diskriminierenden Lebenssituation nicht auf (Mangold / Schröer, 2014). Diese erst einmal für pädagogisch positiv eingestellte Praktiker irritierende, pessimistisch wirkende Feststellung jedoch enthält bei genauerer Betrachtung einen Wahrheitskern; verdeutlicht sie doch, dass (auch) im Zusammenhang mit stationären Hilfen die traditionellenBildungs- und Lernbegrifflichkeiten einer Revision unterzogen werden müssen.

Die Forschungsarbeit zur schulischen Situation von jungen Menschen in stationären Erziehungsmaßnahmen profitiert auch vom Diskurs und der Kooperation beim internationalen Forschungs- und Praxisprojekt „Higher Education without Family Support“, das israelische und deutsche Forscherteams 2012 bis 2014 bearbeiteten. Benjamin Strahl beteiligte sich von deutscher Seite daran. Ergebnisse daraus flossen auch in die biographieanalytische Untersuchung der Lebensgeschichten von „bildungserfolgreichen“ Care Leavers ein. Die Fallanalysen bilden den Hauptteil der empirischen, wissenschaftlichen Arbeit. Die Interviews liefern ausführliche und aussagekräftige, differenzierte Informationen, die der Autor in themen-, sachbezogene und psychische Aspekte gliedert und so Vergleiche, Parallelen und Unterschiede zu in Familien aufgewachsenen Kindern und Jugendlichen ermöglicht. Es sind vor allem die Begrenzungen und Abhängigkeiten von in der Heimerziehung befindlichen Personen, im Gegensatz zu den Lebenssituationen und Bewältigungsstrategien von (im allgemeinen!) in behüteten und geförderten, funktionierenden Familien aufwachsenden Kindern und Jugendlichen, die selbstbestimmte, lebensweltliche Entwicklungs- und Bildungswege zumindest erschweren. Aus den Lebensanalysen der an dem Forschungsprojekt Beteiligten wird deutlich, dass Bildungsaufstiege von Menschen mit stationären Erziehungshilfen und Fremdunterbringung oftmals erheblich anstrengendere und herausfordernde Aktivitäten und Initiativen erfordern. Dort, wo die Antriebe und Möglichkeiten zur Selbstentfaltung nicht vorhanden sind, oder die Erwartungen nicht erfüllt werden können, dürften deshalb die Abstiege und Abbrüche umso heftiger und existentiell dramatischer ausfallen. Das aber ist ein anderes Forschungsthema!

Fazit

Der Fokus der Forschungsarbeit liegt auf gelingender Lebensentwicklung. Sie wird ermöglicht, gefördert und unterstützt durch Bedingungen, die schulische Bildung und Erziehung als Bring-Pflicht ausweisen. Es sind pädagogische, emanzipatorische und professionelle Angebote, die Heimkindern die Chance bietet, für sich selbst und mit ihren Bildungsinitiativen einen Perspektivenwechsel hin zu einem gelingenden Bildungsverlauf zu stemmen. Hierfür ist „eine Flexibilisierung der Hilfen zur Erziehung notwendig, die sich in erster Linie an den individuellen Bedarfen orientiert sowie eine weitgehende Mit- und Selbstbestimmung der jungen Menschen unterstützt und erlaubt“. Das ist ein Ergebnis der Forschungsarbeit, und gleichzeitig Herausforderung für erfolgreiche Schulverläufe im Kontext von stationären Erziehungshilfen – Heute und Morgen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.01.2019 zu: Benjamin Strahl: Heimerziehung als Chance? Erfolgreiche Schulverläufe im Kontext von stationären Erziehungshilfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3915-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25177.php, Datum des Zugriffs 19.03.2019.


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