socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hannah Ahlheim: Antisemitismus zum Weihnachtsfest

Cover Hannah Ahlheim: Antisemitismus zum Weihnachtsfest. Boykotte gegen jüdische Geschäfte 1928-1934. Klemm & Oelschläger (Münster) 2018. 52 Seiten. ISBN 978-3-86281-137-3. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR.

edition pyrrhus.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Untertitel verrät, worum es geht. Aber warum Weihnachtszeit? Weil dies schon damals die beste Geschäftszeit für den Einzelhandel gewesen ist, weshalb sich der Boykott jüdischer Geschäfte sehr gut nachweisen lässt. Die Verf. zeigt Motive und Praktiken der sozialen Ausgrenzung.

Autorin

Hannah Ahlheim hat eine Professur für Zeitgeschichte an der Universität Gießen. Bei der vorliegenden Publikation schöpft sie aus den Studien zu ihrer Dissertation mit dem Titel „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ Antisemitismus und politischer Boykott in Deutschland 1924 bis 1935 (Göttingen 2011).

Aufbau und Inhalt

Die Verf. beginnt ihre Schilderung von lokalen Schikanen, Angriffen und Boykottmaßnahmen mit einem Fall aus Schwerin, wo ein Kaufmann 1934 Zug um Zug gezwungen wurde, jede Art von Weihnachtsdekoration aus seinem Schaufenster zu nehmen, weil „christliche“ Symbole, darunter der Weihnachtsbaum, in einem „Judenladen“ nichts zu suchen hätten. Die Akteure waren teils Beamte, teils junge Leute (erstes Kapitel).

Im zweiten Kapitel werden ähnliche Boykottaktionen an verschiedenen Orten quer durch das Deutsche Reich vor 1933 beschrieben, also vor dem Machtantritt des NS-Regimes.

Das dritte Kapitel beginnt mit der Darstellung des reichsweiten Boykotts, zu dem die NS-Führung am 1. April 1933 aufgerufen hatte. In der Folgezeit wurden solche Boykottmaßnahmen von der Partei und der Verwaltung nicht mehr unterstützt, weil man zu der Einschätzung kam, dass sie den Wirtschaftsaufschwung hemmten, was viele Parteigenossen vor Ort nicht hinderte, auf eigene Faust zu handeln.

Im vierten Kapitel beschreibt die Verf., wie Einzelhandelsverbände Verzeichnisse „christlicher“ oder „deutsch-christlicher“ Geschäfte zur Information der Kunden erstellten und wie einzelne Geschäfte oder Werbekreise mit Verweis auf die kulturelle Differenz um die Kundschaft warben. Daher die Überschrift „Kennzeichnen, Ausschließen, Werben“.

Im Schlusskapitel werden die Leser*innen noch einmal auf bestimmte Aspekte der damaligen Boykottpraxis aufmerksam gemacht. Verzeichnisse der Archive und Quellen und der Literatur geben Aufschluss über die Referenzen.

Diskussion und Fazit

Die kleine Studie ist verdienstvoll und lesenswert:

  • Erstens verdeutlicht sie, wie verbreitet antisemitische Einstellungen schon vor 1933 waren, und dass außerdem Diskriminierung und Ausgrenzung der jüdischen Staatsbürger nicht einfach Folge eines Diktats „von oben“ gewesen sind, wie meist nach 1945 behauptet.
  • Zweitens bestätigt die Studie, dass Antisemitismus ein Mittelschichtphänomen war (und vermutlich noch ist).
  • Drittens zeigt die historische Darstellung, wie durch die wiederholten Aktionen, bei denen viele nur Zuschauer blieben, eine Normalisierung rassistischer Ausgrenzung erreicht wurde, weil sich mit der Zeit eine „mentale Trennung“ in den Köpfen vollzog (47 f.) – ein höchst aktueller Aspekt.

Und von aktuellem Interesse ist auch die eigenwillige und willkürliche, ja groteske Bestimmung dessen, was als „christlich“ oder „deutsch-christlich“ zu gelten hat.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
E-Mail Mailformular


Alle 70 Rezensionen von Georg Auernheimer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 03.12.2018 zu: Hannah Ahlheim: Antisemitismus zum Weihnachtsfest. Boykotte gegen jüdische Geschäfte 1928-1934. Klemm & Oelschläger (Münster) 2018. ISBN 978-3-86281-137-3. edition pyrrhus. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25179.php, Datum des Zugriffs 18.03.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung