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Hannelore Schlaffer: Rüpel und Rebell

Cover Hannelore Schlaffer: Rüpel und Rebell. Die Erfolgsgeschichte des Intellektuellen. zu KLAMPEN! Verlag (Springe) 2018. 189 Seiten. ISBN 978-3-86674-581-0. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.

Reihe: Zu Klampen Essays hrsg. von Anne Hamilton.
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Thema

Typischerweise werden Intellektuelle mit ihren Ideen und Standpunkten, mit geistiger Tätigkeit und kritischem öffentlichen Denken assoziiert. Ihr Stil, ihr Auftreten, ihr Gebaren ist bisher der Aufmerksamkeit entgangen: In Hannelore Schlaffers Essays stehen sie im Zentrum.

Autorin

Hannelore Schlaffer ist freie Schriftstellerin und Publizistin. Von 1976–1978 war sie Lektorin in Paris, bis 2001 Professorin für Neuere deutsche Literatur an den Universitäten Freiburg und München. Seit 1980 schreibt sie regelmäßig für Tageszeitungen und Rundfunkanstalten. Sie hat Bücher und zahlreiche Aufsätze vor allem zur Literatur der deutschen Klassik und Romantik sowie mehrere Essaybände vorgelegt. 2014 erhielt sie von der Friedrich-Ebert-Stiftung den Preis „Das politische Buch des Jahres“ für „Die City“.

Aufbau und Inhalt

Der Band versammelt verschiedene Essays zum Thema Intellektuelle, die inhaltlich durch die These einer Stilgeschichte der Intellektuellen verbunden sind.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Einleitung

Die Einleitung führt zunächst die Intellektuellen als außenstehende Querulanten, als ortlose Querdenker und Kritiker ein, die sich durch geistreiche Angriffe und provokante Gesten in der Öffentlichkeit hervortun. Auch wird hier die zentrale These des Essaybandes formuliert: „alle Abhandlungen über den Intellektuellen leiden darunter, dass sie ihn aufs Wort festlegen und den Stil (…) übersehen“ (S. 9). Sein Denken und seine Meinungen mögen sich wandeln, aber sein (aufmüpfiger) Charakter und sein (schlechtes) Benehmen seien, so die Autorin, neben allen unterschiedlichen kritischen Verlautbarungen konstant.

Rameaus Neffen

Im ersten Essay stellt Schlaffer den Urtyp jener Figur des Intellektuellen vor. Diderot zeigt in Jean Francois Rameau eine Person, die mittels Hohn und Spott, Zynismus und Kritik die aristokratische Gesellschaft des Frankreichs des 18. Jhds. aufs Korn nimmt. Wichtig dabei ist Schlaffer, dass diese Rolle nicht nur in Wort, sondern auch im Schauspiel, im Sich-geben der Person, in Charakter und Kleidung und Haltung ihren Ausdruck findet. Nur so kann ihr Diderots Rameau zum Kronzeugen der Körpergeschichte der Intellektuellen werden.

Dabei ist wichtig, dass Diderot mit dieser Darstellung auf Rousseau anspielt, ein Grund, warum er den Dialog, in dem Rameau auftritt, zeitlebens nicht veröffentlichte. Zu einfach hätten die Zeitgenossen den bekannten Rousseau wiedererkannt. Dabei ist diese Parallele nicht die einzige nennenswerte, verfolgt Schlaffer doch die Genealogie ihrer Figur bis in die Antike und findet in Diogenes, dem Kyniker, die eigentliche Urgestalt des rüpelhaft rebellischen Denkers, der auch seinen Auftritt als bewusst „asozial“ zelebriert. 

Übersetzung ins Deutsche

Kein geringerer als Goethe übersetzte dann Diderots Dialog „Rameaus Neffe“ ins Deutsche. Goethe erkannte wohl sich selbst in seiner Sturm-und-Drang-Zeit im Neffen wieder, frönte er doch zu gern den „drei Kardinaltugenden des Intellektuellen, Streunen, Denken, Trinken (…)“ (S. 53). Gerade hier wird die generationelle Komponente des Konflikts zwischen Arrivierten und Avantgarde besonders hervorgekehrt. Im Philister schaffen sich insbesondere das deutsche Studententum, die Stürmer und Dränger, aber auch die Romantiker, ihre Hassgestalt, die später in den Begriffen Biedermann und Spießer wiederkehrt. Das Gegenbild ist das französische Ideal der Bohème, die nicht nur jugendlich-studentischen, sondern auch quasi-erwachsenen Bewohner des Pariser Künstler- und Intellektuellenmilieus.

Die englische Version

Der Brite George Brummel, genannt Beau Brummel, ist der Dandy par excellence und der Dandy sei wiederum eine Spielart des Intellektuellen. Seine Art sich zu kleiden sei seine Art zu denken gewesen, urteilten die Zeitgenossen. Geschmack, Stil, Verfeinerung der Gesten – all das wurde von Byron, Wilde, Barbey d’Aurevilly und vielen Unbekannteren nachgeahmt. Die kühle, leidenschaftslose Pose geistiger Beschäftigung ohne Anstrengung oder gar Festlegung bzw. Spezialisierung zeichnet den Dandy aus. Er genießt und verbreitet stilsicher seine Bewertungen über Zeitgenossen, ihre Mode, ihre Lebensweisen. In dieser spöttischen Überlegenheit des modischen Trendsetters und scharfsichtigen Gesellschaftskommentators ist der Dandy dem Bohémien ebenso ähnlich wie dem Flaneur. Sein bevorzugter Kommentar ist das Aperçu oder der Aphorismus, der Spruch, wie man heute sagen würde. Dazu gesellte sich in England noch die Atmosphäre der exklusiven Clubs, in die nicht jeder – ganz anders als in die Pariser Cafés – Einlass fand.

Weibliche Verwandte

Viele Salons im 18 Jhd. waren von Frauen geführt. Dort finden die Intellektuellen ein Publikum, vor dem sie ihren Auftritt, aber auch ihre Erklärungskunst üben konnten. Schließlich waren die Salondamen kein gelehrtes, wenn auch ein gelehriges Publikum und so mussten sich die Denker und Künstler um eine angemessene Sprache bemühen. Dieses Wenden an eine allgemeine Öffentlichkeit wurde dann auch im Feuilleton und im Zeitungsessay als publizierte Form ihrer Gedanken deutlich.

Schlaffer führt zwei weibliche Figuren an, die sich anschickten, den Männern die Sphäre der Öffentlichkeit, und zwar sowohl die Straße als auch die Zeitungsseite streitig zu machen: die Mätresse und die Schriftstellerin. Die Mätresse ist dabei vor allem ökonomisch orientiert und interessiert, wobei auch das Ausleben der eigenen Erotik nicht vergessen werden darf. Die Mätresse ist wirtschaftlich erfolgreich und zeigt dies auf der Straße, auf der sie sich sehen lässt oder die sie in einer Kutsche befährt, und vor allem in Begleitung ihrer Liebhaber im Theater oder Konzert. Ist die Mätresse also vor allem ökonomisch unabhängig, so strebt die Schriftstellerin nach geistiger Unabhängigkeit. Waren Frauen bereits schon immer mehrheitlich das Publikum der Literatur, werden sie jetzt selbst zu Produzentinnen. Dass sie mit ihren Romanen und ihren Zeitungsartikeln den Männern Konkurrenz machen, zeigt eine deutliche Kritikertätigkeit männlicher Intellektueller.

Beide öffentlichen Figuren verbinden sich für Hannelore Schlaffer in Germaine de Stael und George Sand, die nach geistiger wie sexueller Selbstständigkeit streben. Ganz allgemein werden die Schauplätze der Inszenierung der Intellektuellen – der Salon, das Café, die Straße und die Zeitung – weiblicher.

Die Straße

Das Revier der philosophierenden Müßiggänger, streunenden Künstler, der Flaneure und der Clochards ist die Straße. Alles wird dort zum Gegenstand intellektueller Betrachtung und Kritik. Nicht umsonst spricht man auch immer noch von Boulevardpresse, denn dort findet sich, was die Intellektuellen den immer zahlreicheren Blättern anbieten. Typisch wird für diese denkenden und beobachtenden Streuner das „Botanisieren“ auf der Straße. So findet sich als journalistische Kleinform der physiologische Artikel, spöttischer, die physiologische Glosse, die aus dem im Spazieren beobachteten Personen Typen formt und diese dem Publikum präsentiert. Schon Diogenes – Schlaffers Gewährsmann des Intellektuellentyps – streunte und flanierte, lebte von der Hand in den Mund und konsternierte durch seine Ablehnung von nützlicher wirtschaftlicher Tätigkeit. Stilistisch, so Schlaffer, sei die Straße heutzutage nicht mehr der Intellektuellen Heimstatt, da ein jeder herumlaufen könne wie ein „Diogenes der Moderne“ (S. 156). 

Abschiedsszenen

Schlussendlich muss der Intellektuelle verabschiedet werden. In der Literatur, bei Handke und Bernhard, bäumt er sich noch einmal als publikumsbeschimpfender, menschenkennender aber -verachtender Zeitgenosse auf, dessen ätzender Hohn auch vor sich selbst nicht Halt macht. In der sogenannten „Schickeria“ findet der Intellektuelle, nach den Phillistern und den Spießern noch einmal einen kollektiven Feind, doch Schlaffer sieht ihn nur noch einmal „jahrhundertealte Beschimpfungen“ hervorkeuchen, „die den Bürger erschrecken und ein letztes Mal amüsieren“ (S. 173).

Der Erfolg

Sonderling, Enfant terrible, Außenseiter, Eigenbrötler, Intellektueller – all das kann heute jeder sein und – so Schlaffer – jeder sieht diese Bezeichnungen als Ritterschlag eines gelungenen Individualismus. Gleichzeitig läuft der Fernsehexperte dem Intellektuellen den Rang ab, wobei letzterer heute sowieso über das Cicero-Ranking bestimmt und seine Deutungsmacht quantitativ errechnet wird. Der Intellektuelle ist nicht mehr als solcher identifizierbar, seine geistige Rauflust ist kaum gefragt und er ist auch sonst stilistisch kaum als eigener Typ zu erkennen „in einer Gesellschaft, in der alle den unangepassten Sonderling spielen“ (S. 189).

Diskussion

Hannelore Schlaffer schreibt in ihren Essays eine Performanzgeschichte des Intellektuellen. Dabei überhöht sie m.E. ihre eigene Pointe von den Intellektuellen, die vornehmlich an ihrem Benehmen und Auftreten zu erkennen seien. Schnell erfolgt eine Gleichsetzung von Dandy, Kurtisane, Mätresse, Bohemien, Stadtstreicher, Flaneur, Künstler, Schriftsteller, philosophe mit dem Intellektuellen, ohne zu fragen, ob diese Sozialfiguren denn nun wirklich ein und dasselbe sind oder ob sie sich wirklich alle durch rüpelhaft rebellisches Auftreten zusammendenken lassen.

Hier besteht die Gefahr alle rebellischen Rüpel oder rüpelhaften Rebellinnen, jeden (selbststilisierten) Außenseiter zum Intellektuellen zu machen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen auch immer mit einer neuen Pose, neuen Mode, neuen Haltung einhergeht, aber das ist eben nicht das einzige Merkmal des Intellektuellen. Er oder sie muss auch etwas zu sagen haben, muss auch in die Sphäre der Politik, der Gesellschaftskritik hinüberreichen bzw. einen gesellschaftsverändernden Anspruch nicht nur an seine eigenen Kleidungs- und Umgangsformen anlegen. Die Autorin streift zwar immer wieder auch das „eingreifende Denken“ (Brecht) Intellektueller, doch ent-idealisiert sie Intellektuelle soweit, dass sie oft als reine Stilwesen, nicht (auch) als Ideenwesen erscheinen. Um ein vollständiges Bild der Intellektuellen zu ergeben, muss jedoch m.E. beides zusammengebracht werden.

Die Autorin sieht, wie viele andere, den Niedergang der Intellektuellen bzw. ihre Verwandlung in den (immer als defizitär) angesehenen Experten. Der Bereich der Intellektuellen ist die Öffentlichkeit, sie sind öffentliche Denker, womit auch die Rede von öffentlichen Intellektuellen sich als Pleonasmus erweist. Dennoch gibt es die verbreitete Klage, in die auch Schlaffer einstimmt, über das Auftreten Intellektueller in Fernsehsendungen, die dann als Medienintellektuelle verschrien sind. Diese Verfallserzählung entlarvt sich als unhaltbar, denn Intellektuelle bedienten sich schon immer den aktuellen Medien ihrer Zeit (Zeitungen, Büchern, Gesprächen in Salons, auch Kleidung und Auftritt sind Stilmittel – also Medien).

Nicht von der Hand zu weisen ist: Der (klassische) Intellektuelle wird heutzutage in die Zange genommen von demokratischen, freien elektronischen Medien, in denen jede und jeder ätzenden Spott und Gesellschaftskritik, wenn nicht gar Schlimmeres absondern kann, und eben von Expertinnen und Experten, denen das Publikum im Falle von Klimakrise, Postdemokratie und Populismus oft höhere Deutungsmacht einräumt als der Schriftstellerin, dem Künstler, der Schauspielerin, dem Regisseur.

Aber Totgesagte leben bekanntlich länger und so verwundert nicht, dass die Intellektuellen in einer Vielfalt an Metamorphosen auch im 21. Jhd. auftauchen. Das hat Caspar Hirschi in einem Artikel in der FAZ gezeigt, in dem er von Wissenschaftsintellektuellen spricht und damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler meint, die sich auf Grundlage ihrer fachlichen Expertise in politische Diskussionen einbringen – eine mögliche Rückkehr der Intellektuellen. 

Fazit

Ein Intellektueller ist nur der Geistesarbeiter, der, als öffentlicher Denker, sich an ein allgemeines Publikum richtet – selbst dann, wenn er dieses Publikum ablehnt – um sich politisch zu Wort zu melden und seinen Einfluss, seine Bekanntheit, seinen Status zu nutzen. Dass er mit seinem Auftritt unterstreicht, ein enfant terrible der Gesellschaft zu sein, ein Monster – wie Sartre meinte – weil der Intellektuelle immer wieder auf Missstände hinweist und keine Ruhe gibt, ist von Hannelore Schlaffer in ihren Essays deutlich dargelegt worden – selbst wenn sie über dem Auftritt und Stil des Intellektuellen sein Denken ein wenig vernachlässigt. Darin allerdings, in einer Performanz- und Körpergeschichte des Intellektuellen, liegt der Wert von Hannelore Schlaffers Buch zur Diskussion um Intellektuelle; ihre Essays bereiten den Weg für weitere Arbeiten in diese Richtung.


Rezensent
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 21.02.2019 zu: Hannelore Schlaffer: Rüpel und Rebell. Die Erfolgsgeschichte des Intellektuellen. zu KLAMPEN! Verlag (Springe) 2018. ISBN 978-3-86674-581-0. Reihe: Zu Klampen Essays hrsg. von Anne Hamilton. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25182.php, Datum des Zugriffs 26.05.2019.


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ISSN 2190-9245

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