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Wilhelm Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen

Cover Wilhelm Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. 393 Seiten. ISBN 978-3-518-12717-9. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.

Reihe: Edition Suhrkamp - 2717.
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Thema

Bis zur Mitte 1980er Jahre schien noch alles klar zu sein: Die Welt war bedrohlich, aber überschaubar. Der Westen, mit den Vereinigten Staaten von Amerika an der Spitze, stand dem sogenannten Ostblock, den sozialistischen Staaten unter der Führung der Sowjetunion, im harschen Konflikt, genannt der Kalte Krieg, gegenüber. Beide Systeme schrammten öfters mal an einem menschenvernichtenden Nuklearkrieg vorbei. Große Unsicherheiten aber, wer die Verantwortung für die Gefahren und Bedrohungen zu tragen habe, gab es innerhalb der Führungsspitzen der jeweiligen Systeme kaum. Für die Politiker (und das waren in der Regel Männer) im Ostblock waren der imperialistische Westen und besonders die „imperialistischen Kriegstreiber“ in der BRD sowie in den USA die Bösen und verantwortlich für den Kalten Krieg. Die „im Westen“ sahen im „Ostblock“ den Erzfeind der freien Welt.

Und dann kam die Wende. Das Jahr 1989 ist aber nicht nur das Jahr, in dem die DDR zusammenbrach und die Ost- und Westdeutschen ihren Honeymoon feierten, der allerdings sehr schnell vorbei war und einem herben Ehealltag weichen musste, sondern markiert auch den Schlussstein jener Epoche, in der sich die zwei großen Weltsysteme im grundsätzlichen und kalten Widerspruch gegenüberstanden.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erscheint die Welt als Komplex von vielfältigen und unvorhersehbaren Wirklichkeiten, mit denen individuelle Akteure ebenso konfrontiert sind wie Gruppen, Organisationen, Staaten, global agierende Vereinigungen oder kulturelle Gemeinschaften. Die unvorhersehbaren Wirklichkeiten haben nicht nur mit Terrorgefahren und Migration zu tun, sondern auch mit Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau, Umweltzerstörung, Lebensmittelrisiken, Auflösung traditioneller Sozialbeziehungen, Fundamentalismus, wirtschaftlicher und digitaler Vernetzung usw. Am Ende der 1990er Jahre und im Übergang zum 21. Jahrhundert erreichten die „dunklen Bedrohungen“ im Westen offenbar eine Vielfalt und Vielgestaltigkeit, dass es nicht abwegig zu sein scheint, von einem neuen Zeitalter zu sprechen: von einem Zeitalter diversifizierter Bedrohungen.

Die scheinbaren, faktischen oder postfaktischen Bedrohungen durch „den“ Islam, „die“ Muslime oder dem „Flüchtlingsstrom“ sind nur die Oberfläche einer neuen Epoche. Diese Oberfläche wird bedeutsam (oder salient), wenn Menschen die komplexen Herausforderungen und diversen Bedrohungen kognitiv, emotional und sozial zu reduzieren versuchen.

Wilhelm Heitmeyer geht es um die Oberflächen- und Tiefenstrukturen der vervielfältigten Bedrohungen: „Die Sehnsucht nach Sicherheit, die angesichts all dieser Bedrohungen viele Menschen hegen, findet in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse oft einen regressiven, autoritären Ausdruck und macht die Menschen empfänglich für die entsprechenden autoritären Versuchungen“ (S. 10 f., Hervorh. i. Original).

Autor

Wilhelm Heitmeyer vorzustellen, ähnelt den überflüssigen Versuchen, Eulen nach Athen zu tragen, obwohl es dort von dem fliegenden Getier nur so wimmelt. Und in der sozialwissenschaftlichen Literaturlandschaft wimmelt es tatsächlich von Heitmeyerschen Publikationen und deren Zitationen. So verweist Google Scholar unter dem Suchwort „W. Heitmeyer“ auf ca. 3.800 Einträge, Zitate eingeschlossen.

Wilhelm Heitmeyer (Jahrgang 1945) ist Soziologe und Erziehungswissenschaftler, war bis 2013 Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld (das er 1996 gegründet hat) und ist dort als Forschungsprofessor tätig. Zu den wichtigsten Forschungen in Heitmeyers Œuvre gehören seit 1982 der Rechtsextremismus (z.B. Heitmeyer, 1989), Gewalt und Fremdenfeindlichkeit (z.B. Heitmeyer & Möller, 1995; Heitmeyer, 2002), ethnisch-kulturelle Konflikte und soziale Desintegration (z.B. Heitmeyer& Imbusch, 2012) sowie die Langzeitstudien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, die zwischen 2002 und 2012 durchgeführt und publiziert wurden (Heitmeyer, 2002 bis 2012).

Aufbau und Inhalt

Jetzt also die autoritären Versuchungen. Heitmeyer geht es im vorliegenden Band nicht nur um die besagten vielfältigen Bedrohungen, sondern auch um deren Signaturen, um die Spuren also, die die Bedrohungen auf ökonomischer, politischer, sozialer und individueller Ebene hinterlassen. Die zentrale Frage lautet demgemäß: Wie sieht es aus mit der Dialektik von autoritärem Kapitalismus, sozialer Desintegration, zerrütteten demokratischen Strukturen und autoritären Bewegungen und Parteien?

In 16 Kapiteln entwickelt Heitmeyer seine Antworten. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Das Kapitel 1 trägt den Titel „Ein Schritt zur Gesellschaftsanalyse: Der autoritäre Nationalradikalismus als Bedrohung der offenen Gesellschaft und der liberalen Demokratie“. Heitmeyer stellt in diesem Kapitel die Agenda seines Buches vor und skizziert knapp den Rahmen seines Theoriekonzepts, das sich u.a. auf autoritarismustheoretische Arbeiten, auf Krisentheorien, auf die eigenen Arbeiten zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und zur sozialen Desintegration sowie auf anomietheoretische Ansätze, Bewegungstheorien und auf sozialpsychologische Konzeptionen, wie die Theorie der sozialen Identität, stützt.

Es lohnt ein längeres Zitat, um die Heitmeyers Forschungsansatz zu markieren: „Dem vorliegenden Band liegt die Annahme zugrunde, dass die Erfolge rechter Bewegungen und Parteien nicht möglich gewesen wären ohne bestimmte Entwicklungen im ökonomischen System des globalisierten Kapitalismus, im politischen System der Demokratie und im sozialen System der Gesellschaft. Deshalb soll das Zusammenwirken von autoritärem Kapitalismus, sozialen Desintegrationsprozessen und politischer Demokratieentleerung als Ursachenmuster für die Realisierung autoritärer Sehnsüchte analysiert werden“ (S. 16).

Heitmeyers Schrift lässt sich somit in die Reihe aktueller Arbeiten einordnen, die der Autoritarismusforschung in jüngster Zeit einen neuen Schub gegeben haben (z.B. Albertus & Menaldo, 2018; Best, 2018; Brown, 2018; Decker & Brähler, 2018; Conway & McFarland, 2019; Fuchs, 2018; Giroux, 2018; Neimark et al., 2019; Weyland, 2018 u.v.a.).

Flankiert wird diese Einordnung durch Heitmeyers Hinweis (S. 18) auf Ralf Dahrendorf, der bereits 1997 darauf aufmerksam gemacht hat, dass sich die modernen Gesellschaften an der „Schwelle zum autoritären Jahrhundert“ befinden.

Im Kapitel 2 („Ankertext von 2001: Autoritärer Kapitalismus, Demokratieentleerung und Rechtspopulismus. Eine Analyse von Entwicklungstendenzen“) wird ein Text vorgestellt, den Wilhelm Heitmeyer gemeinsam mit Dietmar Loch bereits 2001 publiziert hat. Die zentrale Botschaft damals lautete: Der globalisierte Kapitalismus habe in den letzten Jahren zunehmend autoritäre Züge angenommen und zu einem Kontrollgewinn geführt, der mit Kontrollverlusten für nationalstaatliche, demokratisch legitimierte Politik verbunden sei. Gewinner der Demokratieentleerung und der politischen Entfremdung auf der Seite der Bevölkerung werde in Zukunft der rabiate Rechtspopulismus sein.

Heute, mehr als 18 Jahre nach Erscheinen des „Ankertexts“ lasse sich konstatieren, dass sich die damaligen Vorhersagen weitgehend bestätigt haben. Allerdings erfordere die Analyse der gegenwärtigen Situation auch neue Begriffe zur Charakterisierung der autoritären Versuchung. Das beträfe u.a. auch den Begriff des Rechtspopulismus. Es sei verharmlosend, etwa Pegida und AfD als rechtspopulistische Strömungen zu bezeichnen. Angemessener sei es, diese und ähnliche Bewegungen oder Parteien im Hinblick auf ihre autoritär-nationalreaktionären Züge und Merkmale zu analysieren (S. 76).

Kapitel 3 („Weiterführungen: Verschärfte Ambivalenz der Moderne erzeugt verschiedene Formen des Autoritarismus“) dreht sich um die Frage, inwieweit „die kapitalismusgetriebene Ambivalenz der Moderne neue qualitative Formen von Autoritarismus erzeugt hat“ (S. 78 f., Hervorh. i. Original). Mit dem Konzept der ambivalenten Moderne greift Heitmeyer auf den bekannten Ansatz von Zygmunt Bauman (1992) zurück. In der ambivalenten Moderne haben zwar die ursprünglichen psychoanalytischen Autoritarismus-Konzeptionen an Relevanz verloren; nichtsdestotrotz bleibe das Konzept des Autoritarismus insgesamt höchst relevant und müsse unter sich wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen immer wieder neu bestimmt werden. Eine solche Neubestimmung erfordere vor allem eine Analyse „…von ökonomischen, sozialen und politischen Entsicherungen und Kontrollverlusten“ (S. 83).

Im Kapitel 4 („Entsicherte Jahrzehnte. Autoritäre Versuchungen haben die offene Gesellschaft erreicht“) präsentiert Heitmeyer u.a. empirische Befunde aus den Jahren 2002 bis 2016, die zum Teil im Rahmen der Langzeitstudien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und der „Mitte“-Studien (Zick et al., 2016) erhoben wurden. Quintessenz: Schlüsselereignisse, wie die Finanzkrise im Jahre 2008, islamistisch inspirierte Terroranschläge oder die Flüchtlingsbewegungen im Jahre 2015, sowie das Eindringen kapitalistischer Nützlichkeits- und Verwertungsprinzipien in soziale Beziehungen haben bei großen Teilen der Bevölkerung Bedrohungsgefühle, Verstörungen, Gefühle der Benachteiligung hinterlassen. Solche Verstörungen können zu einer Flucht in die vermeintliche Sicherheit führen, „…die autoritäre politische Akteure mit ihren dichotomen Welt- und Gesellschaftsbildern verheißen“ (S. 112). Gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen bei Teilen der Bevölkerung bieten einen Rahmen, an dem die autoritären Akteure anknüpfen können.

Um „neuere Entwicklungen im autoritären Kapitalismus“ geht es im Kapitel 5. Eine wichtige Rolle in diesem Kapitel spielt das Konzept von der „Landnahme des Sozialen“, das im deutschsprachigen Raum vor allem von Klaus Dörre ausdifferenziert wurde. Was ist gemeint? Es geht darum, dass zentrale Lebensbereiche, wie der Wohnungsmarkt, das Gesundheitswesen, der Bildungssektor, zunehmend unter kapitalistischen Druck geraten und nach kapitalistischen Prinzipien gemanagt werden. Die damit beschriebenen Entwicklungen verstärken die Orientierungs-und Kontrolllosigkeit in der Bevölkerung und schaffen weitere Bedingungen für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und autoritäre Folgebereitschaft. Derartige Prozesse öffnen „dem autoritären Nationalradikalismus (AfD, Pegida & Co.) die Tür“ (S. 141).

Kapitel 6 („Gesellschaftliche Integrations- und Desintegrationsdynamik in entsicherten Zeiten“) enthält ein innovatives, empiriehaltiges Theoriekonzept zu eben jener im Titel genannten Dynamik. Ohne auf die von Heitmeyer vorgestellten Befunde ausführlich eingehen zu können, verweist der Rezensent nur auf einen Befund: Auch die „Mitte“ ist von Statusgefährdungen und Verunsicherungen betroffen und für autoritäre Versuchungen empfänglich.

Im Kapitel 7 („Demokratieentleerung und Ökonomisierung des Politischen“) konstatiert Heitmeyer nicht nur, dass die „innere Demokratie“ zunehmend autoritär durchgesetzt wird, sondern dass politische Entscheidungen – zumindest aus Sicht der Bevölkerung – eher aus marktwirtschaftlichem Kalkül gefällt werden. Skepsis und Ablehnung von offizieller Politik und etablierten Parteien spiegeln sich auch in den Einstellungen und Wahrnehmungen der Bevölkerung wider. Folge: Große Teile der Bevölkerung entwickeln ein Gefühl der Entfremdung vom demokratischen System.

Kapitel 8 („Empirische Zusammenführungen und Entwicklungsverläufe“) widmet sich den theoretischen und empirisch nachweisbaren Zusammenhängen zwischen autoritärem Kapitalismus mit seinen Folgen auf individueller Ebene, den sozialen Desintegrationsprozessen und deren Auswirkungen im Sinne einer Demokratieentleerung. Offensichtlich gelingt es autoritär-nationalistischen Bewegungen und Parteien (in Deutschland eben der AfD), die Bedrohungswahrnehmungen und Verunsicherungen der Bevölkerung und die Defizite der demokratischen Institutionen zu nutzen, um Wut, Gewalt- und Demonstrationsbereitschaft in der Bevölkerung zu aktivieren und für die Angriffe auf die Demokratie zu instrumentalisieren. Die von Heitmeyer präsentierten Daten zeigen aber auch, dass die „Einstellungen, denen sich der Erfolg von Pegida und AfD verdankte, schon lange latent vorhanden waren und heranreiften“ (S. 218).

Das Kapitel 9 („AfD: Autoritärer Nationalradikalismus“) bietet einen sehr guten Einblick in die Taktiken und Strategien der AfD. Trotz aller soziodemografischer Unterschiede zwischen den Parteigängern und ihren Anhängern sowie möglicher Differenzen zwischen den politischen Flügeln der Partei wird Folgendes deutlich: A) Der in der Bevölkerung existierende Autoritarismus hat durch den autoritären Nationalradikalismus der AfD ein neues politisches „Ortsangebot“ erhalten (S. 237). B) Die von der AfD proklamierte Ideologie liefert dichotome Gesellschaftsbilder (z.B. Volk versus Elite, Deutsch-Sein versus Internationalität, „Wir“ versus „Die“, Opfer versus fremde Aggressoren). C) Kontrolle bedeutet für die AfD Überwachung von Sachen, Vorgängen, Ideen und Personen. D) Gesellschaftliche Probleme werden emotionalisiert und dramatisiert (z.B. durch „kulturelle Überfremdung“, „Lügenpresse“, Geschichtsrevisionismus). E) Eskalation und Zuspitzung von gesellschaftlichen Widersprüchen dienen der Mobilisierung von AfD-Anhängern. F) Durch soziale Vergleichsprozesse werden Opferstilisierungen und Radikalisierungsprozesse aktiviert (z.B. „Wir sind das Volk“, S. 259, Hervorh. i. Original). G) Das „Deutsch-Sein“ gehört zu den Schlüsselkategorien der AfD-Propaganda. H) Sprachliche Eskalationsspiralen gehören zu den wichtigen Provokationen ebenso wie psychische und physische Gewaltandrohungen.

Im Kapitel 10 („Mechanismen: Destruktion durch Normalitätsverschiebungen“) beleuchtet Heitmeyer quasi die sozialen Rahmen, innerhalb derer sich Taktik und Strategie der autoritär-nationalistischen Bewegungen und Parteien entwickeln können. Drei Fragen stehen im Mittelpunkt dieses Kapitels: Wie wirken Eliten und rohe Bürgerlichkeit zusammen? Wie funktioniert die Ausbreitung der Hasskommunikation, welche Rolle spielt sie für die Normalisierung autoritärer Versuchungen? Welchen Anteil hat die zunehmende Verbreitung von Verschwörungstheorien?

Es geht schlicht und ergreifend auch darum, wie durch die mediale und politische Kommunikation (und auch durch die wissenschaftliche, ergänzt der Rezensent) Grenzen des Normalen, des Sagbaren und des Handelns verschoben werden. „Durch die Ausweitung von Normalitätsgrenzen ist es darüber hinaus möglich geworden, jenen lange Zeit nur latent (‚hinter den Gardinen‘) vorhandenen, individuellen feindseligen Einstellungen auch ein öffentliches Forum zu bieten“ (S. 291). Mit der „rohen Bürgerlichkeit“ will Heitmeyer nicht die sozioökonomischen Besonderheiten der Personen und Gruppen beschreiben, die sich in Distanz zu den Eliten verstehen. Vielmehr geht es ihm darum, auf die Tatsache zu verweisen, „dass unter einer dünnen Schicht zivilisiert-vornehmer (»bürgerlicher«) Umgangsformen autoritäre Haltungen verborgen sind, die immer deutlicher sichtbar werden, meist in Form rabiater Rhetorik“ (S. 310). Man muss dabei nicht unbedingt an fremdenfeindliche Sprüche auf Demonstrationen in Sachsen denken oder an den Goebbels-Sound von Björn Höcke, um sich dieser rabiaten Rhetorik zu erinnern. Es reicht schon, einfach mal Bundestagsreden von AfD-Abgeordneten zu hören. Das Problematische daran ist nicht nur das Gesagte; problematisch ist (und darauf will auch Heitmeyer hinweisen), dass rabiate Worte und Sätze sowie kalkulierte Mehrdeutigkeiten mittlerweile auch zur Normalität in den Äußerungen von Politiker/innen anderer Parteien geworden sind. Der folgende Satz ist ja nicht vergessen: „Die Migrationsfrage ist die Mutter aller politischen Probleme in diesem Land“.

Wilhelm Heitmeyer thematisiert im Kapitel 11 („Von der gesellschaftlichen zur parlamentarischen Einflussmacht des autoritären Nationalradikalismus“) dann auch die Gefahren, die bestehen, wenn der Einfluss der AfD nicht zurückgedrängt werden kann. Die AfD ist ja kein „Vogelschiss“ in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus. Wenn Heitmeyers These stimmt, dass die Erfolge der AfD nur durch das langfristige „Zusammenwirken von autoritärem Kapitalismus, Demokratieentleerung und sozialen Desintegrationsprozessen im Zuge einer beschleunigten Globalisierung“ (S. 328) zu erklären sind, wird die AfD noch länger auf der politischen Bühne mitspielen.

Um die Versuche der konservativen Parteien, der AfD den Wind aus den Segeln zu nehmen, in dem sie (also die etablierten Parteien) Inhalte und Inszenierungen der AfD übernehmen, geht es im Kapitel 12 („Kontrollversuche konservativer Politik: Riskante Anpassungen als weitere Normalitätsverschiebung“). Heitmeyer erinnert u.a. an das Zehn-Punkte-Programm zur „Leitkultur für Deutschland“, das der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière 2017 vorgestellt hat.

Die Migrationsfrage und die Flüchtlingsbewegung sind eben nicht die Mutter aller politischen Probleme. Das wird noch einmal dezidiert im kurzen Kapitel 13 abgehandelt („Die Flüchtlingsbewegung: Nicht Ursache, sondern Beschleunigungsfaktor für die Ausbreitung des autoritären Nationalradikalismus“).

Auch das Kapitel 14 („Das Eskalationskontinuum und der Mythos vom Verschwinden des Autoritären“) umfasst nur wenige Seiten. Hier behandelt Heitmeyer u.a. den Aufstieg der national-autoritären Rechten in Europa und macht deutlich, dass die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, das autoritär-nationalradikale Milieu (AfD, Pegida u.a.), das systemfeindliche Milieu (z.B. autonome Nationalisten, die Identitären) und die nationalsozialistischen Unterstützungsnetzwerke (z.B. die Kameradschaften) eng zusammengehören und Schichten auf einem Kontinuum der Eskalation darstellen.

Es spricht vieles für „Autoritäre Verdunkelungen in Europa“ (Kapitel 15). Man denke z.B. an den politischen Einfluss von Ukip in Großbritannien, an PiS in Polen, an Fidez und Jobbik in Ungarn oder an den Front National (jetzt: Rassemblement National) in Frankreich.

So bleibt schließlich nur noch die Frage nach der Zukunft des autoritären Nationalradikalismus. Eine knappe Diskussion dazu findet sich im abschließenden Kapitel 16 („Zukünfte. Der autoritäre Nationalradikalismus als politisches Wachstumsmodell“). Ja, „…es gibt faschistische Tendenzen, aber der Faschismus ist bisher nicht zu einem gesamtgesellschaftlich wirksamen System ausgewachsen“ (S. 372, Hervorh. i. Original).

Was also tun, damit es nicht schlimmer wird mit den Angriffen auf die Demokratie?

Fazit

Wilhelm Heitmeyer hat ein dichtes, theoretisch und empirisch profundes, im hohen Maße sozial- und politikkritisches Buch vorgelegt. Der Rezensent konnte nur Passagen würdigen, wünscht dem Buch aber viele kritische und politisch engagierte Leserinnen und Leser. Die Lehre aus der Lektüre sollte sein:

„Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch.
So was hätt' einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Dass keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ (Bertolt Brecht, „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“).

Zitierte Literatur

  • Albertus, M., & Menaldo, V. (2018). Authoritarianism and the elite origins of democracy. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Bauman, Zygmunt (1992). Moderne und Ambivalenz. Hamburg: Junius.
  • Best H. (2018) Rechtsextremismus im Kontext der politischen Kultur des Freistaats Thüringen. In T. Oppelland (Hrsg.), Politik und Regieren in Thüringen. Wiesbaden: Springer VS.
  • Brown, K. P. (2018). Saving the Sacred Sea: The Power of Civil Society in an Age of Authoritarianism and Globalization. New York: Oxford University Press.
  • Conway III, L. G., & McFarland, J. D. (2019). Do right-wing and left-wing authoritarianism predict election outcomes?: Support for Obama and Trump across two United States presidential elections. Personality and Individual Differences, 138, 84-87.
  • Decker, O. & Brähler, E. (Hrsg.). (2018). Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Die Leipziger Autoritarismus-Studie. Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Fuchs, C. (2018). Digitale Demagogie. Autoritärer Kapitalismus in Zeiten von Trump und Twitter. Hamburg: Verlag Hamburg.
  • Giroux, H. A. (2018). Terror of Neoliberalism: Authoritarianism and the Eclipse of Democracy. New York: Routledge.
  • Heitmeyer, W. & Möller, R. (1995). Gewalt in jugendkulturellen Szenen. In: W. Ferchhoff, U. Sander, & R. Vollbrecht (Hrsg.). Jugendkulturen – Faszination und Ambivalenz. Weinheim, München: Juventa.
  • Heitmeyer, W. (1989). Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen. Empirische Ergebnisse und Erklärungsmuster einer Untersuchung zur politischen Sozialisation. (2ed.). Weinheim, München: Juventa.
  • Heitmeyer, W. (2002 bis 2012). Deutsche Zustände Folge 1 bis 10. Frankfurt am Main bzw. Berlin: Suhrkamp.
  • Heitmeyer, W. (2002). Rechtsextremistische Gewalt. In W. Heitmeyer & J. Hagan, Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 501-546.
  • Heitmeyer, W., & Imbusch, P. (Hrsg.). (2012). Desintegrationsdynamiken: Integrationsmechanismen auf dem Prüfstand. Wiesbaden: Springer VS.
  • Neimark, B., Childs, J., Nightingale, A. J., Cavanagh, C. J., Sullivan, S., Benjaminsen, T. A., ... & Harcourt, W. (2019). Speaking Power to “Post-Truth”: Critical Political Ecology and the New Authoritarianism. Annals of the American Association of Geographers (Online-Version: DOI: 10.1080/24694452.2018.1547567).
  • Weyland, K. (2018). Populism and authoritarianism. In C. de la Torre (Hrsg.), Routledge Handbook of Global Populism (333-347). New York: Routledge.
  • Zick, A., Küpper, B., Krause, D., Melzer, R., & Berghan, W. (2016). Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung.

Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 13.03.2019 zu: Wilhelm Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-518-12717-9. Reihe: Edition Suhrkamp - 2717. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25185.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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