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Daniela Flemming: Praktische Validation erfolgreich anwenden

Cover Daniela Flemming: Praktische Validation erfolgreich anwenden. Ein Ratgeber bei der Pflege von Menschen mit Demenz. Conte Verlag GmbH (St. Ingbert) 2018. 137 Seiten. ISBN 978-3-95602-141-1. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR.
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Thema

Der Umgang mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium ist in Deutschland in den letzten Jahrzehnten zumeist eine Geschichte von Irrungen und Wirrungen. Als vor ca. 40 Jahren im Rahmen der Psychiatriereform die Langzeitpflegeabteilungen der psychiatrischen Krankenanstalten aufgelöst wurden, kamen die Demenzkranken überwiegend in die Alten- und Altenpflegeheime, ohne dass diese Institutionen auf diese neuen Bewohner angemessen vorbereitet waren (Lind 1989).

Neben dem so genannten „Integrationskonzept“ (eine Entlehnung aus der Behindertenhilfe) bildete die so genannte „Realitätsorientierungstherapie“ (ROT) zu dieser Zeit die einzige Orientierungsgröße im Umgang mit den „Altersverwirrten“ oder „Dementen“, wie die Demenzkranken damals überwiegend bezeichnet wurden. Als sich in der Praxis jedoch schnell herausstellte, dass die ROT bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium geradezu kontrainduziert war, konnten im deutschsprachigen Bereich Ansätze von Erwin Böhm  und Naomi Feil (Validation) in der Altenpflege Fuß fassen.

Das Validationsmodell (Feil 2000) dominierte ca. ein Jahrzehnt die Demenzpflege in Deutschland; sie wurde ein fester Bestandteil der Altenpflegeausbildung und Inhalt vieler Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen (nebst verschiedenen Ausbildungsmöglichkeiten zum so genannten „Validations-Anwender“).

Im Windschatten der Ausbreitung und damit auch Etablierung des Validationsansatzes entstanden mehrere Nachahmungsmodelle: der Ansatz der „Mäeutik“ von Cora van der Kooij (Kooij 2017) und das Modell der „Integrativen Validation“ von Nicole Richards. Die vorliegende Veröffentlichung kann als ein weiterer Versuch der „Weiterentwicklung“ des „Validationsansatzes“ aufgefasst werden. 

Autorin

Daniela Flemming, Studium der Erziehungswissenschaften,ist examinierte Altenpflegerin und Lehrerin für Pflegeberufe mit dem Schwerpunkt „Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei Teile mit jeweils ca. 12 Abschnitten untergliedert.

Im ersten Teil (Wie Demenz „geht“ und wie es sich anfühlen mag, von einer Demenzerkrankung betroffen zu sein, Seite 11 – 45) werden kurz Begriffe wie „Demenz“ und „Verwirrung“ in ihrer Unterschiedlichkeit erläutert. Die Autorin konstatiert, dass die Alzheimerdemenz letztlich keine „todbringende Krankheit“ sei, denn die Todesursachen wären meist eine allgemeine Organschwäche oder eine Infektion (Seite 27). Das ist nicht ganz korrekt, denn im Endstadium der Demenz (Stadium 7 der Reisbergskalen) versterben die Demenzkranken meist an Exsikkose und Kachexie. Dabei handelt es sich um ein krankheitsbedingtes Organversagen und nicht um eine Organschwäche. Also ist Alzheimer letztendlich doch eine tödliche Erkrankung, aber nur relativ wenige erreichen dieses Endstadium.

Es folgt die Beschreibung der Alzheimerdemenz anhand der Stadien des Abbauprozesses und anschließend mittels der Metapher „Haus“ („Alzheimer ist wie ein Haus“ Seite 28), wobei die verschiedenen Zimmer des Hauses die verschiedenen Erinnerungen und damit Langzeitgedächtnisinhalte symbolisieren sollen, die im Laufe der Erkrankung verloren gehen. Doch unter dem „Dach des Hauses“ wohnt noch etwas, das noch gut erhalten ist und das sind die „ureigenen Gefühle“ (Seite 32). Die vaskuläre Demenz versucht dann die Autorin anschließend mit dem „System Wasserschlauch“ zu verdeutlichen. Dabei bringt sie einiges durcheinander. So verwechselt sie z.B. kognitive Minderleistungen aufgrund mangelnder Sauerstoffversorgung mit vaskulären Demenzen (Seite 35 ff). Weiter geht es in der Bildersprache, wenn sie die Multiinfarktdemenzen mit dem „System Glühbirne“ zu erklären versucht (Seite 39). Den Abschluss bilden knappe Anmerkungen u.a. zur Fronto-temporalen Demenz und zu Morbus Parkinson.

Im zweiten Teil (Was Validation ist und was Validation will, Seite 47 – 82) wird zu Beginn eine Definition der „Validation“ vorgestellt: „Validation ausüben = das Validieren, ist Arbeit, Gefühlsarbeit.“ (Seite 48). Anschließend grenzt sich die Autorin von Elementen des ursprünglichen Validationsansatzes von Naomi Feil ab, indem sie die „nicht aufgearbeiteten Lebensereignisse“ als Ursache einer Demenz als nicht mehr zeitgemäß beurteilt.

Es folgt die Einschätzung der „integrativen Validation“ von Nicole Richard („Werkzeug zum verständnisvolleren Umgang“ Seite 51). Die „Praktische Validation“ der Autorin basiert auf den beiden angeführten Validationskonzepten mit dem Anliegen, „die theoretischen Aspekte der Validation in eine praktische Handlungsempfehlung umzuwandeln.“ (Seite 51). Diesbezüglich werden einige Kernpunkte angeführt: Respekt, Rituale, Blickkontakt und Sprache, wobei die Autorin sich hierbei vehement gegen das Duzen und die so genannte „Babysprache“ ausspricht („fehlender Anstand und Respekt“). Vermieden werden sollte im Umgang mit Demenzkranken u.a. das Korrigieren, Blamieren, Kleinreden, Wegreden, vorschnelle Ratschläge und das Fragen stellen. Zum Schluss wird kurz auf mögliche Belastungssituationen („Eskalationsfallen“) und deren Bewältigung („der erste richtige Satz“) eingegangen.

Im dritten Teil (Praktische Validation – kleines Regelwerk, Seite 83 – 132) beschreibt die Autorin die Elemente ihres Ansatzes: u.a. die Verwendung des „Krankenschwester-Wir“, Sprichwörter, Allgemeinplätze und Schlüsselworte als so genannte „Türöffner zur Biografie“.

Es folgt die Erläuterung des Kernelements des Ansatzes der „praktischen Validation“ – die „sechs Schritte“:

  1. in die Schuhe des Demenzkranken treten,
  2. ihn dort abholen, wo er sich gerade befindet,
  3. zeigen, dass das Gefühl und die Sachlage verstanden wurden,
  4. passendes Schlüsselwort oder Sprichwort finden,
  5. Gemeinsamkeiten signalisieren und
  6. Lösungen anbieten.

Anhand mehrerer Beispiele werden diese Schritte konkret und recht ausführlich veranschaulicht. Zum Schluss werden einige Verhaltensauffälligkeiten Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium wie ständige Forderungen stellen und das Weglaufverhalten angeführt, ohne jedoch hierbei Lösungsansätze anzubieten („praktische Validation ist kein Allheilmittel“).

Diskussion und Fazit

Die vorliegende Publikation vermag weder im theoretischen noch im praktischen Teil als innovativer Beitrag zur gegenwärtigen Demenzpflege in Deutschland zu überzeugen. Es liegt fehlendes Fachwissen über Demenzen vor. Damit mangelt es an einer neuropathologischen Grundlage als Bezugsrahmen für die Entwicklung praxisbezogener Verhaltensempfehlungen für den Umgang mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium. 

Dieses Defizit an notwendigen Wissensständen wirkt sich bei der Autorin u.a. auch in ihrer Beurteilung bestimmter Umgangsstile aus, wenn sie z.B. das Duzen, die Ammensprache („Babytalk“) und den Befehlston als respektloses und damit entwürdigendes Verhalten einstuft. Hier fehlt das Wissen, dass Demenzkranke im schweren Stadium oft nur mittels dieser biografisch vertrauten Umgangsformen erreicht werden können. Mitarbeiter haben vermehrt beobachtet, dass sie im Laufe des Abbauprozesses regelrecht vom „Sie“ zum „Du“ beim Pflegen und Betreuen wechseln mussten, andernfalls hätten die Betroffenen sich nicht angesprochen gefühlt (Sachweh 2000, Tanner 2018).

Die Autorin muss sich des Weiteren den Vorwurf gefallen lassen, dass ihr striktes und schematisches Kommunikationsmodell (die „sechs Schritte der praktischen Validation“ als konkrete „Gefühlsarbeit“) mitsamt der Sprichwörter, „Schlüsselwörter“ und Fragestellungen letztlich von den Pflegenden und Betreuenden nicht angenommen wird, denn die kommen sich bei der Anwendung dieser Validationskommunikation äußerst komisch vor; sie empfinden diese Redeweisen im Wesentlichen als bloße „Schauspielerei“ (Dammert 2016). Es kann vermutet werden, dass auch Demenzkranke sich vielleicht nicht ganz wohl und angesprochen fühlen, wenn sie zum Beispiel morgens mit Sprüchen wie „Guten Morgen, Herr Meyer, der Schützenkönig aus dem Taunus“ oder „Guten Morgen, Frau Müller, Sie gute Mutter von fünf Kindern“ begrüßt werden (Seite 56).

Es bleibt das betrübliche Fazit zu ziehen, dass auch diese Validationsweiterentwicklung in der Demenzpflege und Demenzbetreuung nicht von Nutzen sein wird.

Literatur

Dammert, M. et al. (2016): Person-Sein zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Beltz Juventa Verlag (Weinheim und Basel).

Feil, N. Validation (2000): Ernst Reinhardt Verlag (München) 6. Auflage. https://www.socialnet.de/rezensionen/260.php

Kooij, Cora van der (2017): Das mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell. Hogrefe (Bern). https://www.socialnet.de/rezensionen/260.php

Lind, S. (1989). Psychiatrie im Altenpflegeheim. Probleme einer krankheitsangemessenen Versorgung. Deutsche Krankenpflege-Zeitschrift, 42, 10, 676 – 680.

Sachweh, S. (2000): «Schätzle hinsitze!». Kommunikation in der Altenpflege (2., durchgesehene Auflage), Peter Lang (Frankfurt am Main).

Tanner, L. (2018): Berührungen und Beziehungen bei Menschen mit Demenz. Hogrefe (Göttingen) 2018 https://www.socialnet.de/rezensionen/24970.php


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 14.06.2019 zu: Daniela Flemming: Praktische Validation erfolgreich anwenden. Ein Ratgeber bei der Pflege von Menschen mit Demenz. Conte Verlag GmbH (St. Ingbert) 2018. ISBN 978-3-95602-141-1.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25188.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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