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Eva Illouz: Warum Liebe endet

Cover Eva Illouz: Warum Liebe endet. Eine Soziologie negativer Beziehungen. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. 447 Seiten. ISBN 978-3-518-58723-2. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.

Adrian, Michael (Übersetzer).
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Thema

Das hier zu rezensierende Buch ist kein gewöhnliches, denn es setzt sich mit dem Ende der Liebe auseinander. Die Autorin, Eva Illouz, beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Frage, wie der Konsumkapitalismus unser Gefühls- und Liebesleben transformiert hat. Mit Blick auf unsere sexuellen und romantischen Beziehungen wird vor allem eines deutlich: nämlich sich von ihnen zu verabschieden.

Autorin

Eva Illouz lehrt als Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einer Einleitung in sechs Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert und endet mit einem Schluss zu „Negative Beziehungen und die Schmetterlingspolitik des Sexes“.

1.) In der „Einleitung: Von der Wahl zur Nichtwahl“ wird hervorgehoben, dass es sich aus soziologischer Sicht beim Ende der Liebe um die Auflösung sozialer Beziehungen handle. Das Buch fragt nach den kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen der Beendigung einer Beziehung, ein Terrain wie die wechselseitige Durchdringung von Kapitalismus, Sexualität, Geschlechterverhältnisse und Technologie, das uns zeigt, wie eine neue Form von (Nicht-) Sozialität entstehe (S. 13). Ebenso soll verdeutlicht werden, dass die Folge der Ungewissheit von Liebe. Romantik und Sexualität eine direkte soziologische Folge einer Ideologie der individuellen Wahl sei. Die Desorganisation des Privat- und Intimlebens solle nicht allein der Psychologie überlassen werden, sondern die Soziologie habe hier einen immensen Beitrag zu leisten. Das libertäre Prinzip des Selbsteigentums beinhalte die Freiheit über die eigenen Gefühle zu verfügen, den eigenen Körper zu besitzen und ihn zu kontrollieren sowie seine Sexualpartner auszuwählen und Beziehungen nach Belieben einzugehen oder zu beenden (S. 19).

2.) Im zweiten Kapitel „Vormodernes Liebeswerben, soziale Gewissheit und die Entstehung negativer Beziehungen“ wird anhand von Fallvignetten aus geschichtlichen Erzählungen und Romanen zum anomischen Begehren Stellung genommen. Es geht um alleinstehende Männer, die sich von einem Objekt zum nächsten bewegten und somit in einem Zustand der Ungewissheit leben. Diese seien unfähig, Entscheidungen zu treffen, weil das Begehren nicht fest auf eine Person oder Institution gerichtet werden könne. Die Autorin beschreibt im Folgenden wie die Anbahnung einer Liebe und späteren Heirat in früheren Jahren vollzogen wurde. Beispiele sind die Galanterie bei Hofe, eine Aufwartung zu vollziehen, Geschenke zu bereiten, die dazu dienten, die eigenen Absichten und Gefühle verbindlich zu gestalten etc. Im Laufe des 20. Jahrhunderts war es zunehmend möglich, die eigene Sexualität zu aufzubauen, sich attraktiv und selbstbestimmt zu zeigen, wobei die wesentlichste kulturelle Ressource dafür die Konsumkultur war.

3.) „Verwirrender Sex“ ist der Titel des folgenden Kapitels. Die Autorin setzt sich hier insbesondere mit den Facetten des Gelegenheitssexes auseinander. Die Sexualität sei von der Wirtschaft erobert und in Szene gesetzt worden, sodass die sexuelle Begegnung in eine Ware verwandelt wurde, die man schnell erwerben und auch wieder los werden kann (S. 102 ff). Soziologisch sei die Frage relevant, wie sich der Aufbau von Beziehungen durch den Gelegenheitssex verändert. Letzter ziele auf die Anhäufung lustvoller Erlebnisse und Partner, auch darauf, einen Körper zu haben, der attraktiv bewertet wird und die Wahlfreiheit nach sich ziehe. „Die klassische hegemoniale Männlichkeit definiert sich durch die Fähigkeit, sexuelle Gelegenheitsbegegnungen anzuhäufen und die Frauen anschließend wieder loszuwerden“ (S. 115). Schließlich sei der Gelegenheitssex ein Weg, um schnell Karriere zu machen, also ein Drehbuch für eine Nichtbeziehung.

4.) Im Kapitel vier „Der Aufstieg der ontologischen Ungewissheit“ setzt sich die Autorin mit dem ökonomisch- sexuellen Subjekt der Moderne, das seine Individualität durch Wünsche und Begehren stilisiert, das ständig eine Wahl oder auch Nichtwahl hat, auseinander. Es ist der wirtschaftliche Wert des weiblichen Körpers durch dessen Verwandlung eine neue handhabbare Größe, ein „Look“ entsteht, der als Inszenierung als Ökonomie der Bilder zirkuliere. Der visuelle sexuelle Akteur sei Experte darin, anderen als visuelle Oberfläche, an der gearbeitet und verschönert werden muss, zu begegnen (S. 160). Verdinglichung des Körpers, der Sexualität heiße, sie meiner Macht und Kontrolle zu unterwerfen, indem ich sie von meinem individuellen Blickwinkel bewerte, die dadurch Ungewissheit über den eigenen Wert nach sich ziehe. Diese nun zu Konsumgütern gewordene Dinge können Zurückweisung bedeuten, Personen werden Dinge und werden damit tendenziell abgewertet. Als wesentlich betrachtet die Autorin auch die Obsoleszenz der Sexualität, weil sie eine permanente Erneuerung und Verbesserung des Aussehens zur Aufrechterhaltung von Jugend und Attraktivität impliziere (S. 189). Der Körper von Frauen, so weiter, werde durch Männer parzelliert, die den Geschlechtsmerkmalen eine besondere Bedeutung und Handlungsmacht verleihe.

5.) Das nächste Kapitel fünf widmet sich dem Thema „Eine Freiheit mit vielen Grenzen“. Hier geht es um die Grundlage von Verträgen, Verträge zur Heirat oder anderer Art, die von umfassenderen Konzeptionen der Person abgelöst seien, so genannte „Situationships“. Das sind Beziehungen bei der sich beide Partner einig sind, zwar mehr oder weniger regelmäßigen Sex zu haben, aber diese Beziehungen seien nicht öffentlich, nicht bindend, werden in der Gegenwart gelebt, haben jedoch keine Zukunft. Schnell führe eine Bedrohung des Selbstwertgefühls zur Abwanderung, zur Nichtwahl, zum Rückzug aus einer (potentiellen) Beziehung, die noch nicht einmal eine Rechtfertigung des warum benötigt. Die psychischen Ressourcen von Menschen, die in solchen Bindungen leben, erinnerten an ökonomische Akteure, die bemüht seien, Ungewissheiten und Risiken finanzieller Erträge zu minimieren. Rückzug sei deshalb die einfachste Lösung für den Konflikt zwischen Selbstwertgefühl, Autonomie und Bindungswunsch (S. 250). Die Autorin fährt in ihren Ausführungen des sehr langen Kapitels fort, dass beim Aufbau von einer Bindung eine Beendigung oft dem Widerspruch vorgezogen werde, weil letztere Abhängigkeit und Schwäche verrate, während erstere die Durchsetzungsfähigkeit des Selbst sei. Die Institutionalisierung der Freiheit habe Liebesbeziehungen grundsätzlich verändert, sodass selbst die Vertragsfreiheit untergraben werde.

6.) Mit dem sechsten und damit letztem Kapitel „Die Scheidung als negative Beziehung“ werden die Ausführungen des Bandes beendet. Es wird herausgearbeitet, dass die signifikantesten Entwicklungen des 20. Jahrhunderts der Wandel der Familie durch die Scheidung sei, die zu einem festen Potenzial der modernen Ehe wurde und eng mit dem emotionalen Ideal der romantischen Liebe verbunden sei. Gefühle spielten heute eine besondere Rolle von Ehe und Scheidung, um die sich vor allem die Frauen sorgen. Sie sind es deshalb auch, die überwiegend die Scheidung einreichen, wobei mit wachsender Beschäftigungsquote von Frauen auch die Scheidungsrate steige (S. 280). Frauen suchten eher eine Bindung, reichten eher eine Scheidung ein und sie tun das insbesondere aus emotionalen Gründen. So sei die emotionale Intimität für Frauen auch das legitimierte Kriterium für eine Ehe. In vielen Fallvignetten, die zwischen den Ausführungen eingefügt sind, betont die Autorin, dass die Vielfalt der Gründe für eine Scheidung nicht gut erfassbar seien, sie beruft sich deshalb auf narrative Erzählstrukturen ihrer Interviewten. Es sei die große Verfügbarkeit sexueller Körper und die Norm zur Monogamie, die eine dauerhaft drohende Gefahr für eine Ehe sind. Sie fährt fort, dass sich Frauen eher emotionalen Ontologien bedienten, um Beziehungen zu bewerten, weil derartige Ontologien Formen der sozialen Kompetenz, der Sorge darstellten. In Frauen spiegele sich auch in der kapitalistischen Gesellschaft deren doppelte Stellung wider: als sexuelle Akteurinnen, die vom männlichen Blick eingestuft und konsumiert werden und als Anbieterinnen von Fürsorge, die für die Gefühle zuständig seien. Illouz beendet dieses Kapitel mit der Feststellung: „Die vielleicht wichtigste Behauptung … lautet, dass der Prozess des Entliebens, der einer Scheidung vorausgeht. …ein Niederschlag derselben sozialen Kräfte ist, die auch unverbindliche negative Beziehungen prägen“ (S. 326).

Auf den folgenden letzten zwanzig Seiten folgt der „Schluss: Negative Beziehungen und die Schmetterlingspolitik des Sexes“. Die Freiheit des sexuellen Erlebens habe im skopischen Kapitalismus zur Ausbeutung des sexuellen Körpers durch die visuellen Industrien geführt. Frauen pflegten ihren Körper, um als ökonomische und sexuelle Akteurinnen Wert zu produzieren, während Männer diesen Wert als Statusmerkmal im männlichen Konkurrenzkampf konsumierten (S. 333). Infolge dessen entstünden negative Beziehungen, die in Intimbeziehungen, Sexualität und Familie, Eigenschaften des Marktes und des Konsums und nicht zuletzt im kapitalistischen Arbeitsplatz widergespiegelt würden. Diese wiederum tragen zur negativen Dynamik, zur Nichtentstehung von Bindungen und zur Auflösung bestehender bei. Der skopische Kapitalismus erzeuge neue Formen sexueller Ungleichheit zwischen jenen, denen sexuelles Kapital gegeben ist und jenen, die keins haben. Insofern habe die Freiheit zur Limitation der Erfahrungen von Ungewissheit, Abwertung und Wertlosigkeit geführt.

Fazit

Es ist eine theoretisch tiefgreifende philosophisch-soziologische Analyse über negative Beziehungen, Gelegenheitssex und viele andere Facetten, denen wir im alltäglichen Liebesleben begegnen. Es ist ein sehr gelungener Versuch, dem epistemischen Imperialismus der Psychologie etwas entgegenzusetzen, weil die Soziologie besser gerüstet sei, um die Fallen, Sackgassen und Widersprüche von heute zu lösen und analytisch aufzuarbeiten (S. 340). Die in diesem Buch beschriebene neue Form des Kapitalismus und das ist für mich neben vielen anderen interessanten Aspekten die wichtigste Aussage, verändere die Ökologie von Intimbeziehungen, führe zur Unterwerfung der Frauen und zu einem Ausmaß von Zurückweisungen, Verletzungen, Enttäuschungen und zur Erfahrung des „Ent- oder Nichtliebens“. Eine äußerst empfehlenswerte wissenschaftliche Schrift, auch wenn die ersten vier Kapitel etwas kürzer hätten gefasst werden können. Besonders hervorzuheben sind die profunden literarischen Quellen, die zur Erklärung der Phänomene verwendet werden und die sehr treffenden Fallvignetten.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 25.02.2019 zu: Eva Illouz: Warum Liebe endet. Eine Soziologie negativer Beziehungen. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-518-58723-2. Adrian, Michael (Übersetzer). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25191.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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