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Hans-Günter Thien: Die verlorene Klasse - ArbeiterInnen in Deutschland

Cover Hans-Günter Thien: Die verlorene Klasse - ArbeiterInnen in Deutschland. Verlag Westfälisches Dampfboot 2018. 2. korrigiert und erweitert Auflage. 235 Seiten. ISBN 978-3-89691-782-9. 25,00 EUR.
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Thema

Zwar trügt der Titel des Buches nicht, aber er könnte dazu verführen, eine vorherrschende wissenschaftliche Meinung zu assoziieren, der Begriff der Klasse sei obsolet geworden und ArbeiterInnen mit einem zumindest potentiellen oder ggf. rudimentären Klassenbewusstsein gleicher ‚objektiver‘ Lage und gleicher Interessen im vormaligen Sinne des Marxismus seien von der Bildfläche sozialer Zu- und Umstände nicht nur bundesrepublikanischer Wirklichkeit verschwunden. Zwar ist Schelskys Diagnose einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ schon lange und zumal gegenwärtig nicht mehr haltbar (vgl. z.B. S. 22 f. u. S. 100), zwar ist der Grundwiderspruch von Lohnarbeit und Kapital als Bezugspunkt für Analysen von gesellschaftlicher Wirklichkeit in ihren Erscheinungsformen zwischen zunehmender und nicht zu übersehender Prekarisierung und nicht unwesentlich der Benachteiligung von Frauen trotz aller Reformanstrengungen nicht weitestgehend, aber weitgehend abgeschattet, zwar scheint der Klassenbegriff selbst in etlichen ‚linken‘, auf aufklärende politische Praxis zielenden Diskussionen fragwürdig bis ‚überholt‘ geworden zu sein, doch zeigt ein Wiedererstarken marxistisch orientierter Soziologie (und, nicht zu vergessen, auch Philosophie, zumal bei jüngeren VertreterInnen), dass der Gegenstand ‚Klasse‘ als sich wissenschaftlich und politisch stellendes Problem nicht so vom Tisch ist, wie es nach gängigen (und vielleicht interessierten), wissenschaftlich unterfütterten Verlautbarungen erscheint. So gesehen, nämlich lapidar als Strich unter eine Summe, die nicht aufgeht, transportiert der Titel Kritik, die Hans-Günter Thien in seinem Buch überzeugend vorstellt, wobei er „von der für kritische Gesellschaftsforscher*innen zentralen Selbstverständlichkeit“ ausgeht, „dass es eine von der Gesellschaftsanalyse separate Klassenbestimmung nicht geben kann“ (S. 209) – worin das Problem von theoretischer Fundierung empirischer Befunde (resp. Erscheinungsformen gesellschaftlicher Zustände und Bewegungen) aufgeworfen ist, was Thien in seinen gut lesbaren weil allgemein verständlichen Kapiteln überzeugend leistet.

Die Kapitel sind (überarbeitete) Erstveröffentlichungen seit 1985 (nachgewiesen auf S. 182). Dieses daraus zusammengestellte Buch, das – am Rande – durchaus nicht den Eindruck eines Sammelbandes macht, hält der Autor für „zeitgemäß“, weil es auf Grund neuerer ökonomischer Entwicklungen und ihrer Auswirkungen auf Gesellschaft und immer mehr Menschen „seit einiger Zeit eine Neuentdeckung einer Art Klassenfrage“ gibt; „doch nicht zeitgemäß“ scheinen sie ihm, „als sie mehrheitlich gerade in dem Zeitraum geschrieben wurden, in dem den meisten alles noch in Ordnung schien.“ (Eben „schien“, möchte man nach der Lektüre des Buches einwerfen.) Dass er nicht „allen Verästelungen sozialer Ungleichheit“ nachgeht, was ihm nicht überflüssig erscheint, wofür es aber hinreichend Studien gäbe, scheint lässlich, zumal er dafür – was eigentliches Thema ist – „die Verbindung von einer auf der Höhe der Zeit befindlichen Kapitalismustheorie mit einer entsprechenden Klassenanalyse“ präsentiert, die primär auf ArbeiterInnen bezogen ist, wobei er gleich eingangs darauf verweist: „Wenn dabei im Anschluss an Marx auf eine dort ausgeführte Klassentheorie nicht zurückgegriffen werden kann, so bleiben immerhin diverse Anknüpfungsmöglichkeiten etwa in den historischen Schriften und insbesondere im Kapital.“ (S. 7 f.) Jenseits der Frage, ob Marx expressis verbis überhaupt eine Klassentheorie ‚ausgeführt‘ hat und sie nicht aus dem ‚Kapital‘ erhellt, erweist sich Thien als marxistisch orientierter Soziologe, der sich nicht in die Reihe von ihrem Selbstverständnis nach kritischen Soziologen einreihen lässt, wo sich bei der Lektüre ihrer Beiträge „im Endeffekt eine gewisse Ratlosigkeit einstellt angesichts der doch sehr unterschiedlichen Einsätze zur Analyse des Gegenstandes, der die Ausrichtung auf eine Modulation der Soziologie nicht unbedingt bekommt.“ (S. 9, Anm. 1) Soziologiekritik insbesondere und Kritik herrschender Wissenschaft ist nicht Thiens zentraler Gegenstand; dafür aber kann sein Buch nicht nur in toto genommen werden, sondern solche immanenten Kritiken sind (unverzichtbare) Grundlage für seine fundierten Argumentationen.

Inhalt

Die Bewegung des Kapitals produziert und reproduziert bei allen anscheinenden Veränderungen die „Grundfigur des Gegensatzes von Arbeit und Kapital“ (S. 10); davon geht Hans-Günter Thien in der Einleitung aus und zeigt, dass die Frage nach der ArbeiterInnenklasse nicht nur erneut gestellt werden kann, sondern muss, wobei es nicht nur um soziale Lagen geht, sondern es sich um ein soziales Verhältnis handelt. Dass er dabei gleich Positionen wie etwa die von Demirović hinterfragt und sie in die Nähe einer Tautologie rückt, dass nämlich die Existenz der Klassen nicht anderes als die Art ihres Kampfes sei, lässt ihn fragen, worin dann dieser besteht. Mit plausiblem Rückgriff auf Marx macht er deutlich, dass es nicht nur um Nachweis des „allgemeinen Verblendungszusammenhanges“ geht, sondern er macht einen „Erfahrungsbegriff stark“: „Gemeint sind Widerspruchsmomente im alltäglichen Leben, sind Erinnerungen an Unterdrückungserfahrungen, sind Überlieferungen von Kampferfahrungen, von Siegen und Niederlagen.“ Thien weiß um Einwände von Kapital-Logikern, Systemtheoretikern und Poststrukturalisten, fordert aber (hier bereits) mit Seitenblick auf den Hegemonie-Begriff Gramscis erst einmal die „Lebensweisen“ von ArbeiterInnen (auch derer, die unter ‚Subalterne‘ rubriziert werden) „und ihre Verbindungen zum herrschenden Diskurs zur Kenntnis zu nehmen“, Voraussetzung auch für emanzipatorische Politik. (S. 10 ff.) Auch mit Blick auf – weltweite – „Fragmentierungsprozesse“ und dem Anschein nach in weite Ferne rückendes „‚Multiversum der Arbeiterinnen und Arbeiter‘“ bleibe doch zu konstatieren, „dass auch hierzulande Arbeiterinnen und Arbeiter zunehmend ein realistisches Bild von den vor ihren Augen ablaufenden Veränderungen gewinnen.“ Um daran nicht vorschnell auf „Klasse im Werden“ (im Sinne von Thompson; vgl. S. 57 zum „historische[n] Charakter der Klassenerfahrungen und des Klassenkampfes“) anzuschließen, gibt Thien zu bedenken: „Ob daraus auch und möglicherweise welche Kämpfe resultieren, ist damit allerdings noch keineswegs gesagt; man sollte eher skeptisch sein…“. (S. 15)

Unter Einstieg: Zur Klassenstruktur kapitalistischer Gesellschaften thematisiert Thien zunächst Klassen, Schichten und Individuen und erklärt vor allem, was die Gesellschaftsstruktur mit der kapitalistischen Gesellschaft und mit Klassen zu tun hat. Es geht ums „‚ökonomische(.) Bewegungsgesetz‘“, um die „allgemeine Formbestimmtheit der kapitalistischen Gesellschaft in ihrem Stellenwert für die Klassenverhältnisse“, was im (analytischen) Ergebnis, nicht, wenn auch darum bemüht, von „Schichtungs- und Stratifikationsmodellen“ widerlegt werden könne, und wobei selbstredend der ökonomische Entwicklungsstand, die historischen und politischen Hintergründe verschiedener Länder berücksichtigt werden müssten (S. 21), was verdeutliche, dass zum einen der Klassenbegriff „in der gesellschaftlichen Form der Produktion und Reproduktion des Lebens der Menschen und ihrer historischen Entwicklung“ gründe und sich an „dieser grundsätzlichen Form der gesellschaftlichen Struktur (…) seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Deutschland/der BRD im Kern nichts Wesentliches geändert“ hat. (S. 24) Zu bestimmen bleibt, „in welcher Weise und aus welchen Gründen die Individuen Klassen konstituieren und wie sich ihre Einbezogenheit in die Sphäre der ‚Ökonomie‘ im einzelnen darstellt“, was heißt zu zeigen, dass das Kapitalverhältnis gesellschaftlichen Prozessen zugrunde liegt und „wie es auch die wesentliche Voraussetzung für das Handeln der Individuen bildet (ohne diese damit bis ins letzte zu determinieren, wie man bis heute nicht überdrüssig wird, Marx zu unterstellen).“ (S. 27)

Es folgt eine konzise Darstellung von „Kapitalverhältnis und Klassenbildung“, d.h. Beantwortung der Frage, wie kapitalistische „Produktion und Reproduktion der Mittel und der Form des Lebens in der bürgerlichen Gesellschaft erfolgt und in welcher Weise hierin Klassenverhältnisse eingeschlossen sind.“ (S. 27) Dabei hält der Autor sich eng an das ‚Kapital‘ und die ‚Grundrisse‘ von Marx (wobei man den Eindruck gewinnt, dass diese wenigen Seiten fruchtbarer sind als manche Marx-Einführungen und darunter besonders als die marktgängiger Marx-Logiker). Auf dieser Basis greift Thien (ältere und neuere) Debatten zur „Klassenstruktur kapitalistischer Gesellschaften“ auf und diskutiert sie kritisch unter der Perspektive von „zu beachtenden Differenzierungen“ auf der Folie des „sachlich vermittelten strukturellen Gegensatzes von Lohnarbeiter- und Kapitalistenklasse“. (S. 42) Da ist dann (u.a.) aufzunehmen, dass der Anteil der „staatlichen Lohnabhängigen erheblich angewachsen“ und der Anteil „der traditionellen Mittelklassen (also des klassischen Kleinbürgertums)“ erheblich geschrumpft ist. Trotz aller Veränderungen entstehe eher ein „statischer Eindruck“; „durch die Einbeziehung der Akkumulationsbewegung des Kapitals und ihr Durchschlagen auf die Klassen könnte ein weiterer Einblick gewonnen werden, in dem zugleich die Auswirkungen von Konjunktur und Krise auf die unterschiedlichen Klassenindividuen geklärt werden könnte.“ (S. 46 f.)

Dieser ‚Einstieg‘ wird mit Erläuterung von „Kapitalverhältnis, Klassenstruktur und Erfahrungen“ abgerundet, wo der Autor mit „Akzentsetzungen“ seine vorherige Argumentationsfigur präzisiert und weniger auf empirische „Ausprägungen des Klassenverhältnisses“ abhebt (S. 47), wobei er nochmal deutlich vor Augen führt, dass das Kapital wesentlich Kapital und damit das Klassenverhältnis produziert, wobei er auf die „innewohnenden Widersprüche“ und ihre Ursachen aufmerksam macht (S. 50), die ‚strukturelle‘ sind und sich auf Verschiebungen in der ‚Sozialstruktur‘ durch Fraktionierungen auswirken und eben auch – über ‚Erfahrung‘ – relevant sind für Einstellungsmuster, ggf. normative Orientierungen und Bewusstseinsinhalte. Damit kreist er um den heute fast unsinnig scheinenden Satz von Marx, aus vereinzelten ökonomischen Bewegungen könne eine politische Bewegung hervorgehen, „d.h. eine Bewegung der Klasse, um ihre Interessen durchzusetzen in allgemeiner Form, in einer Form, die allgemeine, gesellschaftlich zwingende Kraft besitzt.“ (Marx zit. S. 53) In diesem Diskussionszusammenhang äußert sich Thien auch zur Rolle und Funktion des Staates. Was ihm – im Anschluss am Thompson – zwingend erforderlich scheint und wofür er gute Gründe unterbreitet hat, ist, die Subjektivität der Geschichtsakteure und ihren interaktiven Zusammenhang – d.h. ihre Lebensweise – als „widersprüchliche Momente des gesellschaftlichen Strukturzusammenhangs aufzunehmen und darzustellen“, was heiße, die „Klassenstruktur der kapitalistischen Gesellschaft“, wie er sie in seinem Band ins Zentrum stellt, „zu erweitern um die Klassenbewegung und den Erfahrungsprozess der Klassenindividuen.“ (S. 58)

Mit der Frage „Abschied von der Klassentheorie?“ beginnt das folgende Kapitel zu „Arbeiterklasse, Klassenindividuen und Arbeiterkultur – Überlegungen zu einem fragwürdigen Zusammenhang“. Hier beginnt er mit einer Kritik an Theoremen zu einer ‚integrierten Arbeiterklasse‘. Dabei nimmt er auch die Rede vom „subjektlosen Kapitalismus“ (Horkheimer/Adorno, zit. S. 62) nicht aus (wie er auch den Begriff des „Verblendungszusammenhanges“ an anderer Stelle kritisch relativiert), mehr noch aber auf unreflektierte Aufnahmen in der entsprechenden Literatur abhebt. Ihm geht es darum, „dass in Bezug auf die Arbeiterklasse die Momente von struktureller Lage und Individualität in dem Argumentationsfeld von ‚Arbeiterkultur‘ zusammengefaßt werden“, was er im Folgenden leistet, dabei den „Marxschen Diskurs“ aufnehmend. (S. 64) Dazu skizziert er unter „Klassenstruktur und Arbeiterklasse“ die Verfasstheit, die interne Strukturierung, der Arbeiterklasse in der Bundesrepublik, um danach unter der Frage „Individualisierung ‚jenseits von Stand und Klasse‘?“ nicht nur Individualisierungstheorien verschiedener Provenienz kritisch zu inspizieren, sondern vor allem zu analysieren, ob ArbeiterInnen zwar nicht zur Seite ihrer ‚objektiven‘ Stellung, aber im Hinblick auf ihre ‚Subjektivität‘ und ihrer bislang zu beobachtenden Lebensweise losgelöst resp. abgekoppelt wären. Insbesondere Beck nimmt er dabei (überzeugend und gut nachvollziehbar) ins Gebet und macht dabei deutlich, dass die „historische Entwicklung sehr viel genauer (…) auch in ihrer inneren Widersprüchlichkeit“ einzubeziehen ist, „die sich dem Auge nicht unmittelbar enthüllt und in Zahlen nicht zusammenfassen läßt.“ Hier speist Thien „Arbeiterkultur – Einige historische Anhaltspunkte“ ein, wo er theoretisch gesättigt die Brüche und Facetten in dem darstellt, was unter Arbeiterkultur gehandelt wird, was auch abverlange, den „Blick auf die Institutionen und Organisationen der Arbeiterklasse“ zu überwinden und durch einen Blick auf „die Lebensweise der Klassenindividuen“ zu ergänzen oder zu ersetzen (was er nicht nur reklamiert, sondern leistet). (S. 58) Dazu beruft er sich auf Gramsci und dessen Hervorhebung der „Bedeutung des Alltäglichen für den politischen Diskurs“ sowie dessen Begriff von Herrschaft als „Hegemonie gepanzert durch Zwang“, worunter er „‚weiche‘ Formen der Integration der Klassenindividuen in den herrschenden Block an der Macht“ aufgezeigt habe, was jedoch keine „bewußtseinsmäßig totale Einbindung“ bedeute. (S. 89) Das Kapitel schließt mit „Arbeiterkultur heute – Einige Schlußbemerkungen“, was nicht nur illustrativ ist, sondern den Blick auch für eher Unspektakuläres im Faltenwurf der Lebensweise von ArbeiterInnen schärft.

Von der Arbeiterkultur zur Individualisierung? Eine polemische Skizze zum Lobe der Massenkultur“ lautet das folgende Kapitel (in dem der Autor allerdings nicht nur ‚polemisiert‘). Topoi wie „Gefährdungslagen“ (Beck) und „Kopplung von Individualisierungs- und Erosionsthese“ werden kritisch hinterfragt (S. 102) und in einem zweiten Schritt „Individualisierung versus Arbeiterkultur?“ auf ihre Erklärungsreichweite hin überprüft. Angesichts von ‚Freisetzungen‘ und Auflösung traditioneller Arbeits-Abhängigkeiten bleiben auch neue Spielarten der Veräußerung der Ware Arbeitskraft, wie sie in dieser „Art“ als ‚individuelle Freiheit‘ proklamiert werden mögen, „zugleich die völlige Aufhebung aller individuellen Freiheit und die völlige Unterjochung der Individualität unter gesellschaftliche Bedingungen“. (Marx, zit. S. 105) Der Autor korrigiert dabei auch über historische Verweise das häufig geschönte Bild einer „Arbeiterbewegungskultur“ (S. 107) und thematisiert Nötigungen aus der (Überlebens-)Notwendigkeit von ArbeiterInnen. Auch wenn sich die Lage von ArbeiterInnen in der Bundesrepublik für größere Teile durch etwa Konsumchancen verbessert habe, stünde aber „begründet zu vermuten, dass die alltäglichen Verhaltensweisen heutiger Menschen noch immer in ihrer Klassenlage und den mit ihr gegebenen Verhaltenszumutungen, mit denen umzugehen ist, verankert sind.“ (S. 109) Kritik gilt da auch der Wirkmächtigkeit der „Kulturindustrie“ nach Kritischer Theorie und vereinseitigender Sicht wie der Vorstellung vom ‚eindimensionalen Menschen‘ als gängiges Stereotyp, den es im ‚Alltag‘ so nicht gäbe. Genauer müsste auf die „Gegensätze im Bewußtsein und Verhalten“ und auf die „Zuspitzung der gesellschaftlichen Widersprüche“ (auch und gerade in der Alltagspraxis von Arbeiterinnen) geguckt werden. (S. 112 f.) Dabei sei zu beachten, dass und wie gerade bei ArbeiterInnen Arbeit und Freizeit „miteinander verschränkte Felder einer Lebensweise“ sind und das Diktat der „Rekreation der Arbeitskraft“ bis in die Arten der Freizeittätigkeiten fortwirkt. (S. 115) Worauf „Gewerkschaftskultur und Kulturarbeit“ zielt(e), Vermittlung und Angleichungen an ‚Hochkultur‘, verfehlte die vorgebliche Absicht einer Ermächtigung und es spiegele sich darin, „dass die Interessen der ArbeiterInnen ein ebensolches Konstrukt sind, wie diese selbst.“ Gewerkschaften, die sich der „hegemonialen Kultur“ gegenübersähen, müssten sich gerade in „Zeiten krisenhafter Umstrukturierungsprozesse“ umorientieren, würde ihnen doch die „Gebundenheit von Interessen und Interessenvertretung an die vorausgesetzten Gesellschaftsstrukturen (…) zum Problem.“ Kultur- und Bildungsarbeit erscheine heute mehr den je dringend geboten, doch müsse es eine sein, die sich der „Widersprüchlichkeit“ aussetze. Thien schließt dieses Unterkapitel, es möge „noch so utopisch klingen: Geboten ist ein Gegenentwurf.“ (S. 120 f.)

Strukturen, Klassen und Kulturen oder Von der Schwierigkeit, soziale Ungleichheit in heutigen kapitalistischen Gesellschaften zu erkennen“; auch hier unterzieht der Autor die zu diesen Diskussionspunkten vorliegende Literatur einer kritischen Aufnahme und diskutiert sie zunächst unter „As Sociology meets Politics“ und „As sociology meets history and culture“, um auf Gramscis Begriffe der „società civile“ und „società politica“ zu fokussieren (S. 127), dann um die unter der Thematik ‚Volkskultur‘ vorgetragenen Erkenntnisse für ‚ArbeiterInnenkultur‘ fruchtbar zu machen. Diesem Argumentationsstrang folgend zeigt er dann auch, dass Habermas, obwohl er „zur Untermauerung seiner These von der Kolonisierung der Lebenswelten Themen und Konfliktpotenziale der neuen sozialen Bewegungen“ aufgreife, damit im Hinblick auf seine „Vollendung der Moderne“ letztendlich der „gesellschaftliche Adressat“ fehle. Unter Fluchtlinien hält er gegen Erklärungsversuche, in denen in Anknüpfung an Regulationstheorie und Verquickung mit Kritiken der „Verdinglichung menschlicher Beziehungen und subjektiven Verhaltens“ (so bei Hirsch) die ArbeiterInnen als „Antipoden verflüchtigt werden“ (so bei Demirović), um schlussendlich zu argumentieren, die „für eine radikale Gesellschaftstheorie in politischer Absicht sich darstellende Hermetik der politischen Verhältnisse der letzten Jahre“ scheine „hier zu einer Vereinseitigung zu führen, die vor allem darauf hinausläuft, die potentiellen politischen Akteure auch in ihrer gesellschaftlichen Relevanz zu unterschätzen“, um pointiert zu resümieren: „gesellschaftliche Verhältnisse werden letztlich zu systemischen verdünnt.“ (S. S. 138 f.) Dieses Kapitel beschließt Thien mit einigen „Anmerkungen zu Verschiebungen der politischen Kultur in der BRD nach 1945“, wo er am Ende festhält, heutige Deregulierungsprozesse möchten in ihren Folgen und bei „anhebenden Widerstandskämpfen“ eine „Wiederkehr der Proletarität“ (Roth) entdecken lassen, wobei er angesichts der „Vielschichtigkeit der kulturellen Transformationsprozesse“ solche Hoffnung für vorschnell hält: „Eine Rückkehr zu alten Konzepten führt hier ebensowenig weiter wie das Setzen auf neue Modelle, denen die Lage und Lebensweise der arbeitenden Menschen äußerlich bleibt.“ (S. 151)

Nur folgerichtig schließt sich das nächste Kapitel an: „Die soziale Frage neu entdeckt: gespaltene Gesellschaften“, wobei der Autor den stehenden Begriff ‚soziale Frage‘ für „‚tückisch‘“ hält, weil dieses „vielbehandelte Leitthema des 19. Jahrhunderts schlichtweg überholt scheint“ (S. 152), was jedoch, wie er als Frage formuliert und dann nachweist, daran liege, dass sich „SozialwissenschaftlerInnen bei der Analyse historischer Phänomene davon abhalten lassen, nach den diesen zugrundeliegenden gesellschaftsstrukturellen Voraussetzungen zu fragen und sie in Verbindung mit eben jenen Phänomenen zu analysieren“. (S. 153 f.) Wenn auch die einer Armutsforschung zu entnehmenden Ergebnisse zu (medienwirksamen) Klagen und ggf. sozialstaatlichen Interventionen führen, bleibt solcher Forschung (mit Gerstenberger) vorzuhalten, dass ihre „grundsätzliche Schwäche im Ausblenden gesellschaftsstruktureller Armutsursachen“ besteht. Das gebetsmühlenartig beschworene Mantra des Allheilmittels ‚Wirtschaftswachstum‘ hat – weltweit gesehen und zunehmend deutlicher in den reicheren bis reichen Ländern – nicht einmal mehr die Qualität der Ruine eines potemkinschen Dorfes, zu unübersehbar sind immer mehr Menschen betroffen, ob man sie unter soziale Gruppen, Schichten oder Klassen rubriziert. Das auch historisch unzulänglich bleibende Kürzel von der „neuen sozialen Frage“ täusche häufig über den „Verursachungszusammenhang“ hinweg und Soziologien wie die der „Überflüssigen“ (so z.B. Bude) wären „wohl mehr ihrem rastlosen Treiben und Betreiben des Wissenschaftsgeschäft geschuldet denn der notwendigen Analyse“. (S. 163 f.) Eine „Schwachstelle“ auch in der kritischen Variante soziologischer Diskussion sei zudem die „fast ausschließliche Konzentration auf widerständige Befindlichkeiten bei den Unterdrückten, Ausgegrenzten oder von Ausgrenzung Bedrohten“, wobei demgegenüber diejenigen, die Marx unter „Bourgeoisie“ gefasst hätte, weniger Beachtung fänden, deren Interessen, Zielorientierungen, Strategien – wie etwa „Spitzenmanager“ (deren Analyse selten, doch aber in „bewundernswerter Hartnäckigkeit“ vor allem von Hartmann betrieben werde). (S. 165) Die „soziale Frage“, darauf macht Thien in diesem Kapitel überzeugend aufmerksam, „ist keine einer soziologischen Definition, sondern eingespannt ins politische Feld, ins Verhältnis von Politik und ‚Ökonomie‘; dieses Feld beinhaltet nicht nur soziale Lagen und die Sichtweisen durch die Beteiligten, sondern den Prozess der politischen Hegemonie.“ Im Weltmaßstab gesehen wird eine überholte Zielvorstellungen hinter sich lassende, aber auch nicht originäre, „windschnittigere Politik“ es auch nicht richten, eine Politik, „in der neue Eliten den Weg in eine zeitgemäße Zukunft weisen können sollen.“ (S. 167) Da gibt der Autor ein Hobsbawm-Zitat mit auf den Weg: „Wenn die Menschheit eine erkennbare Zukunft haben soll, dann kann sie nicht darin bestehen, dass wir die Vergangenheit oder Gegenwart lediglich fortschreiben.“ (zit. ebd.)

„Gesellschaft(en) scheinen heutzutage weltweit im Umbruch, ihre Strukturen in grundlegender Veränderung, ihre Mitglieder in Bewegung, vielleicht ins Abseits, möglicherweise in einen Aufbruch“ (S. 168); darum kreist das Kapitel „Geschichte, Gesellschaft und Handeln oder: die Revolution als Wunsch“. Auch hier ist (innerhalb einer breiteren Argumentationskette) Wissenschaftskritik im Sinne einer Hinführung zu politisch notwendigen Reflexionen wichtiger Angelpunkt. An Hardt/Negri wird die „Hilflosigkeit einer Theorie angesichts eines sich verändernden gesellschaftlichen Zusammenhanges“ exemplifiziert, „den sie zu erfassen behauptet und in den sie auch noch handelnd eingreifen will.“ Unbeschadet seiner vorherigen Hinweise auf die Notwendigkeit von Aufklärung (die ja auch mit seinem Buch geleistet wird), mahnt Thien „Intellektuelle“, sie „sollten zurückhaltender sein bei der Einkategorisierung von aktuellen Phänomenen und ihrer Einbindung in allgemeine theoretische Konzepte“, weil ihre Einlassungen mehr enthielten, „nämlich die Positionierung der Diskutanten zum politisch-gesellschaftlichen Prozess und seinen AkteurInnen. Mit einer Vorwegnahme extrapolierter Ergebnisse sollten Möglichkeiten ihres Handelns nicht abgeschrieben oder ihnen gewissermaßen ein gewünschtes Handeln vorgeschrieben werden.“ Und in seinem Schlusssatz, bevor man sich in alte und ggf. anhaltende Diskussionen um Positionen wie etwa bei (und zwischen) Lenin und Rosa Luxemburg und studentenbewegter Aktivisten mit Adorno und dessen Warnungen erinnernd vertieft, setzt Thien eine Position (die wiederum an die empörte Kritik von Clara Zetkin an politisch-taktischen Orientierungen des Austromarxisten Adler erinnern könnte), die allenthalben in seinem Buch aufscheint: „Vielmehr hätten Intellektuelle mehr als genug Grund, ihr eigenes Handeln – auch politisches – kritisch zu bedenken. Das schließt Handeln keineswegs aus.“ (S. 181)

Hier endet das Buch mit einem sehr umfangreichen Literaturverzeichnis – vorläufig. Es ist ergänzt um ein „Nachwort 2018: Notizen zur neueren Diskussion“, das weit mehr ist als bloß ein allfälliges Nachwort, auch mehr als eine nur schlaglichtartige Aufnahme neuerer Literatur zum Thema, sondern kritische Beweisführung dessen, was in den vorausgegangenen Kapiteln tragend war (s.o.), „dass es eine von der Gesellschaftsanalyse separate Klassenbestimmung nicht geben kann. Die zweifellos gegebenen Veränderungen der kapitalistischen Gesellschaft mit ihren Implikationen für die Klassenstruktur sind damit thematisiert, die allerdings nicht zuletzt auch durch das Handeln der beteiligten Personen, sozialer Gruppierungen und Klassen bestimmt werden“. Gegenwärtiges Beispiel ist dabei eine technologische Umwälzung mittels „Digitalisierung“ (aufbauschend in Ignoranz gegenüber bei Marx zu beziehender analytischer Einschätzung ‚industrielle Revolution 4.0‘ genannt), die „‚das Kapital‘ in die Offensive“ brachte und die „Arbeiter*innenbewegung deutlich in die Defensive“ drängte. Nicht nur dies, sondern andere Phänomene mehr, sind im Hinblick auf sein Desiderat eine „vertrackte Angelegenheit“, was in selteneren „soziologischen/politikwissenschaftlichen Bestsellern und ihren Implikationen für eine Klassenbestimmung“ aufscheint. (S. 209 f.) In dieses verwirrende Dickicht schlägt Thien eine Bresche, wobei er nicht behaupten will, dass „sich alles auf der Welt aus dem Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital deduzieren lässt.“ (S. 229) In dezidierter Kritik der von ihm behandelten Erklärungsansätze (so u.a. Nachtwey, Lessenich) arbeitet Thien heraus, dass – unter dem Strich – in den „Vordergrund (…) eine Labilisierung des zu Vermarktenden“ rückt, „nicht die solide theoretische wie empirische Fundierung.“ Es müsse da „schon fast betulich und altbacken wirken, wenn statt des Schwebens in solch luftigen Höhen auf einer Verbindung einer reflektierten kapitaltheoretischen Grundlegung mit der Erfassung der empirischen Verlaufsweisen gesellschaftlicher Veränderungen und ihren Auswirkungen auf die beteiligten Individuen, die Klassenindividuen, selbst mit ihren Handlungen in diesen Prozess einbezogen sind und möglicherweise als Klasse handeln können, bestanden wird.“ Und Recht hat der Autor, dass solche „Aufgabenstellung“ derweil offensichtlich „jeden kulturindustriellen Hypes“ entbehrt, was aber einmal mehr anhalten sollte, seiner, Thiens, „Aufgabenstellung“ nachzukommen und dies nicht nur unter eher beliebigen, passförmigen Bezugnahmen auf Marx. (S. 228 f.) Diese Aufgabenstellung speist sich aus der Notwendigkeit politisch-emanzipatorischer Intervention. Ersichtlich und spürbar sind Krisen. Automatisch ist damit aber nicht eine „Krise der herrschenden Hegemonie“ angezeigt, eher scheine mit Blick auf europaweiten Rechtspopulismus das Gegenteil der Fall zu sein. Um dieser Bedrohung zu begegnen und um eine „emanzipatorische Transformation der kapitalistischen Gesellschaft“ zu verfolgen, bestünde angesichts der herrschenden Entwicklungen umso „mehr Grund, die in sich uneinige Linke daran zu erinnern, dass auch für sie endlich eine ‚Zeitwende‘ angesagt ist, nämlich die Notwendigkeit der Gewinnung zentraler Gruppierungen der gesellschaftlichen Gesamtarbeiter*in für den Kampf um gesellschaftliche Emanzipation.“ (S. 229 f.)

Diskussion

Zur zweiten, korrigierten und um ein Nachwort erweiterten Auflage bemerkt Thien, dass ihm, nachdem sein Buch erstmals 2010 erschienen ist, „das seinerzeit Geschriebene noch immer ziemlich zutreffend“ scheint. (S. 209) Das kann man nur mit Nachdruck unterstreichen. Darum erweckt dieses Buch auch nicht den Eindruck einer Textsammlung, sondern es ist, möglicherweise auch durch punktuelle Bearbeitungen und das „Nachwort“ (das diesen Charakter nicht hat), gleichsam aus ‚einem Guss‘. Wie auch immer Hinweise und Ermutigungen von Torsten Bewernitz, Alex Demirovi, Heide Gerstenberger, Ulf Kadritzke und Martin Kronauer (ebd., Anm. 1) ausgefallen und ggf. aufgenommen sein mögen, im Kanon der in den letzten Jahren wieder breiter gefächerten Diskussion um den Klassenbegriff nimmt dieses Buch, nehmen die hier versammelten Beiträge einen (nach wie vor) prominenten Platz ein, nicht nur weil der Autor mit seinen weiterhin gültigen Kritiken an soziologischen, oft um Aufmerksamkeit bemühten Erklärungsversuchen besticht, sondern weil er implizit damit Überlegungen zu politischer Praxis in emanzipatorischer Absicht anleitet – und so, wie er es tut, gegen integrierende Modellierungen feit, d.h. in seiner Argumentation die kapitalistische Grundstruktur von Gesellschaft nicht deklamatorisch verkommen lässt. Wie im Mantel-Text hervorgehoben, überzeugt der „Rückbezug auf die historischen Transformationen der Formen kapitalistischer Gesellschaftlichkeit“ und seine Darstellung ist „vielleicht“ von einem „unzeitgemäßen Reiz“, der allerdings das Buch aus der Riege verschiedenster Publikationen zum Thema weit herausragen lässt. Bemerkenswert ist aber auch, wie und dass er Ansprüchen an theoretische Durchdringung seitens namhafter Autoren folgt, die er mit Blick auf praktische Übersetzung und Fokussierung auf eine bestimmte Sicht kritisiert, moderat und durchaus ernst zu nehmen (vgl. bspw. S. 62 u. S. 112), ein in Bezug auf das Buch insgesamt lässlicher Diskussionspunkt, der gleichwohl angerissen werden darf, zumal Thien selbst auf diesen theoriekritisch nicht belanglosen Punkt führt:

SoziologInnen haben vor nicht allzu langer Zeit das Thema ‚Gesellschaft‘ von Freizeit- über Informations- bis Arbeitsgesellschaft u.a.m. durchbuchstabiert. Derzeit wird – zumal auf dem Hintergrund einer Debatte um Digitalisierung und smart factories – eine Dienstleistungsgesellschaft in die sozialwissenschaftliche Optik genommen, innerhalb derer zumindest in den Metropolen, den sogenannten hochindustrialisierten Ländern, die ArbeiterInnen, die vormaligen ProletarierInnen, höchstens noch als historische Reminiszenz vorkommen. Damit ist auch und wiederholt der Klassenbegriff, wie er analytisch ausgewiesen und für politisch emanzipatorische Praxis bedeutsam war (und ist, wie Thien zeigt), in den letzten Jahrzehnten selbst für eine sich kritisch verstehende Soziologie jenseits inzwischen absinkender systemtheoretischer Beschreibungen von Gesellschaft und (noch) modisch reüssierender postmoderner Erklärungsversuche hinter einem ständig vermeintlich aktualisierten und revidierten Schichtenbegriff und Sozialstrukturanalysen abgeschattet worden. Das mag sinnvoll sein, soweit darin Prozesse gesellschaftlichen und ggf. kulturellen Wandels zum Ausdruck gebracht werden. Man kapriziert sich jedoch auf ‚Erscheinungen‘, ohne sie – zumeist jedenfalls – auf das ‚Wesen‘ von Gesellschaft zu beziehen bzw. es in diesen Erscheinungen zu erhellen. Dass dabei, wenn überhaupt, Marx Analysen auf der Strecke bleiben oder positivistisch stromlinienförmig vergewaltigt werden, Horkheimers und vor allem Adornos Schriften nur noch bruchstückhaft und höchst selektiv zitiert werden, nimmt nicht wunder. Mehr ein Ärgernis ist es, auch weil dem weitgehend nicht widersprochen wird, wenn bspw. ein Philosophieprofessor, Tilo Wesche, in seiner jüngst erschienenen Einführung in Adornos Werk dieses schlicht unter Identifizierungen der Pathologien der Moderne einreiht und Adorno als Mentor des Sieges einer unversehrten Vernunft missbraucht. Unangenehmer noch stößt eine vermeintlich kritische Haltung auf, wenn eine Soziologieprofessorin, Gesa Lindemann, die Fahne „Strukturnotwendige Kritik“ hisst, was bei Adorno unter „Integration“ zu rubrizieren wäre, als Glättung von Verwerfungen im Alltagsgeschäft Sozialer Bewegungen, die von ‚Systemzwängen‘ abwinkeln.

Von solchen praktisch philosophischen Zungenschlägen und auch einer scheint's kritischen Soziologie ist Hans-Günter Thien weit entfernt. Wissenschaftliche Ansätze, die eng an Affirmation und Legitimation siedeln, sind Gegenstand seiner Kritik. Gleich eingangs macht er mit einem längeren Adorno-Zitat klar, das er gegen die Anstrengungen der Widerlegung der Klassentheorie wendet, was die Crux dieser Bemühungen ist. Es heißt bei Adorno am Anfang des Zitats: „Was die Soziologie gegen die Realität der Klassen vorbringt, ist nichts anderes als das Prinzip der Klassengesellschaft: die Allgemeinheit der Vergesellschaftung ist die Form, unter der Herrschaft historisch sich durchsetzt.“ Auch darüber gibt Thien nähere Auskunft. Dieses „Trugbild des Klassenlosen“ (S. 22, Anm. 2) ist Teil jenes „perennierenden Gebells“, wie Adorno in seiner Vorlesung zur Philosophie und Soziologie sagte, dass zwischen diesen beiden Wissenschaften herrscht, geschuldet einer Abkoppelung der „erkenntnistheoretischen Konstitutionsfrage“ in einzelwissenschaftlicher „Tatsachenforschung“. Was Adorno hier (allgemein) kritisiert, „die Arbeitsteilung zwischen der positiv auf Tatsachen gerichteten Einzelwissenschaft und der reflektierenden Besinnung auf die erkenntniskritischen Konstitutionsprobleme“, Thien ist es mit seiner kritischen Reflexion des klassentheoretischen Problemhorizontes in keiner Weise anzulasten, im Gegenteil. Thien repräsentiert ein Denken (und Forschen), „das da lehrt“, wiederum laut Adorno in seiner Philosophischen Terminologie in Auseinandersetzung mit ‚Metaphysik‘, „dass das Wesen erscheinen muss, und sich damit beschäftigt, wie es erscheint“, ein Denken, „das sich mit dem in der Erfahrung Gegebenen, Tatsächlichen nicht zufrieden gibt“. Auf diesem Hintergrund ist Thiens Begriff der „Erfahrung“ (auch) zu lesen.

Auch gibt der Autor sich „nicht zufrieden“, als er ganz ersichtlich zum einen seinen Gegenstand unter diesen relevanten theoretischen Prämissen behandelt; zum anderen verlässt er die Ebene des „Tatsächlichen“ (das nicht zu vernachlässigen ist und das er ausführlich darstellt), wie es in auch kritisch gemeinten Studien als ‚Wesentliches‘ in den Vordergrund gespült wird. Mit solchen, vergleichbaren Irrungen, die schlussendlich auch zu historisch ‚falschen‘ politischen Wegweisern führten, hatten sich Marx und Engels schon zu ihrer Zeit auseinandersetzen (müssen). Insofern schließt Thiens Buch an: Als Analyse vergangener Diskussionen um ‚Klassen‘ ist es dann dringend in gegenwärtigen Debatten aufzunehmen; denn nicht nur nimmt er die zahlreichen soziologischen Studien zur Lage der ArbeiterInnen kritisch auf, verweist auf insgesamt veränderte Handlungsbedingungen mitsamt ihren Ursachen, was unverzichtbar ist. Somit thematisiert er die veränderten Handlungsbedingungen jener, die, um es mit Marx zu formulieren, im Status der „Klasse an sich“ sind und dies bis zur Unkenntlichkeit festgeschrieben bleiben, was kontrovers behandelter Gegenstand linker AutorInnen aus verschiedenen theoretischen und politischen ‚Lagern‘ ist. Da speist der Autor ein ausgefeiltes Bild des sozialen Wandels in seiner Relevanz auch für politische Haltungen (deutscher) ArbeiterInnen ein, thematisiert damit sich auf der Erscheinungsebene verändernde Formen von Gesellschaftlichkeit im Kapitalismus, der ihm kein phraseologisches Kürzel ist. Eine akademische Übung ist es nicht, worum es Thien geht und was er deutlich in seinem „Nachwort 2018: Notizen zur neueren Diskussion“ schreibt, nämlich dass es in der gegenwärtigen Situation mehr als einen triftigen Grund gibt, „die in sich uneinige Linke daran zu erinnern, dass auch für sie endlich eine ‚Zeitwende‘ angesagt“ ist (s.o.), hin zu einem nicht um Reflexionen verarmten, sich parolenhaft begnügenden, doch im Sinne von Thiens „Aufgabenstellung“ und dadurch praktisch angeleiteten Schulterschluss – und dies bei aller Skepsis gegenüber den herrschenden Verhältnissen selbst als Initiationen für widerständige Opposition auf einem Weg zur Emanzipation, was Thien nicht unterschlägt (vgl. bspw. S. 15 u. S. 151). Das ist mehr als nur Position und Aufruf zugleich und zeigt erst einmal und vor allem, wie marxistische Soziologie (und eben nicht nur Philosophie) heute (als Weiterdenken) zu konturieren ist und im Sinne der 11. Feuerbachthese von Marx auszurichten.

Fazit

Zweifelsfrei ist die „Verlorene Klasse“ ein wichtiges Buch für alle, die sich – nicht nur als in emanzipatorischem Sinne politisch aktive Menschen – orientieren möchten und sich nicht im Netz bloßer Meinungsbekundungen, die vielfach als erkenntnisgesättigt daherkommen, verfangen wollen. Insofern ist es zumal Student*innen der Sozialwissenschaften, der Politikwissenschaft und auch Philosophie zu empfehlen, die – was inzwischen wieder öfter der Fall zu sein scheint – mit dem, was man sie lehrt und was zu reproduzieren sie genötigt sind, unzufriedener werden und auf ‚Erklärung‘ dringen. Da werden sie bei Thien fündig.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 07.03.2019 zu: Hans-Günter Thien: Die verlorene Klasse - ArbeiterInnen in Deutschland. Verlag Westfälisches Dampfboot 2018. 2. korrigiert und erweitert Auflage. ISBN 978-3-89691-782-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25194.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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