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Silvia Schneider, Jürgen Margraf (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie

Cover Silvia Schneider, Jürgen Margraf (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Psychologische Therapie bei Indikationen im Kindes- und Jugendalter. Springer (Berlin) 2018. 2., vollst. überarbeitete und aktual. Auflage. 1114 Seiten. ISBN 978-3-662-57368-6. D: 89,99 EUR, A: 92,51 EUR, CH: 92,50 sFr.

Band 3.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Lehrbuch der Verhaltenstherapie umfasst vier einander ergänzende Bände:

  • Band 1: Grundlagen, Diagnostik, Verfahren und Rahmenbedingungen psychologischer Therapie.
  • Band 2: Psychologische Therapie bei Indikationen im Erwachsenenalter.
  • Band 3: Psychologische Therapie bei Indikationen im Kindes- und Jugendalter.
  • Band 4: Materialien für die Psychotherapie

Die ersten drei Bände liegen bereits in zweiter Auflage vor, der vierte noch in der ersten. Insgesamt umfasst das Werk satte 3560 Seiten, wobei der vorliegende Band mit 1062 Seiten der längste ist. Im für alle Bände gültigen Vorwort weisen die Herausgeber [1] darauf hin, dass der Begriff „Verhaltenstherapie“ im Grunde nicht mehr zeitgemäß sei: „Der Wunsch nach einer Überwindung des veralteten Schulendenkens und der quasi-ekklesialen Organisation der Psychotherapie ist aktueller denn je“. Als genuin psychologischer Heilkundeansatz kann die Verhaltenstherapie mit besonderem Recht die Bezeichnung „psychologische Therapie“ beanspruchen. Dieser Begriff ist genauer, umfassender und zukunftsweisender als die historisch ausgerichtete Bezeichnung „Verhaltenstherapie“, deren Grundlagen und Verfahren schon lange über Behaviorismus bzw. „Verhaltenspsychologie“ hinausgehen (S. V). Der Begriff „psychologische Therapie“ präzisiere die heute existente Psychotherapie, welche eine Grundorientierung verfolge, die auf der wissenschaftlichen Psychologie fuße. Dieser Begriff solle jedoch nicht berufspolitisch missverstanden werden.

HerausgeberInnen

Prof. Dr. Silvia Schneider ist Professorin für klinische Kinder- und Jugendlichenpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum.

Prof. Dr. Jürgen Margraf ist Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum.

Gemeinsam leiten sie als Direktorinnen das Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit (FTZ) an der Ruhr-Universität Bochum.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Lehrbuch ist wie bereits oben beschrieben im Gesamtkontext aller vier Bände zu betrachten. Die Herausgeberinnen weisen bereits im Vorwort darauf hin, dass die Verhaltenstherapie mittlerweile so komplex geworden sei, dass kein/e einzelne/r Autor/in sie mehr im Detail überblicken könne. In der Folge sei eine Vielzahl von Experten für die Autorenschaft gewonnen worden.

Daraus resultierend seien die einzelnen Artikel zum Teil unterschiedlich gestaltet worden. Grundsätzlich sind sie jedoch wie folgt gegliedert:

Aufbau der Grundlagenkapitel

  • Einleitung
  • Darstellung der Grundlagen
  • Ausblick
  • Zitierte und weiterführende Literatur

Aufbau der Verfahrenskapitel

  • Theoretische Grundlagen
  • Praktische Voraussetzungen und Diagnostik
  • Darstellung des Verfahrens
  • Anwendungsbereiche und mögliche Grenzen (Indikationen und Kontraindikationen)
  • Empirie: Wirkmechanismen und Effektivität
  • Zitierte und weiterführende Literatur

Aufbau der der Diagnostikkapitel

  • Hintergrundwissen
  • Praktische Hinweise für den Einsatz
  • Grenzen und typische Probleme
  • Zitierte und weiterführende Literatur

Aufbau der Störungskapitel

  • Darstellung der Störung
  • Modelle zu Ätiologie und Verlauf
  • Diagnostik
  • Therapeutisches Vorgehen
  • Fallbeispiel
  • Empirische Belege
  • Zitierte und weiterführende Literatur

Den kompletten Inhalt eines über 1000 Seiten langen Lehrbuches hier darzustellen, würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Insofern sei auf das Inhaltsverzeichnis verwiesen.

Grundsätzlich ist dieser Band in folgende Teile aufgeteilt:

1. Spezifische Grundlagen für die Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen

Hier werden insbesondere die Grundlagen, die nach der Allgemeinen Prüfungsverordnung (KJPsychTh-AprV) für die Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten relevant sind, umfassend dargestellt. Beispielsweise wird auf Entwicklungsaspekte eingegangen, biologische Grundlagen von psychischen Erkrankungen sowie Psychotherapieforschung und den Einfluss gewalttätiger Medien auf aggressives Verhalten beschrieben.

2. Verfahren

In diesem Kapitel werden sowohl die klassischen Verfahren der Verhaltenstherapie (z.B. Psychoedukation, operante Methoden, kognitive Verfahren), als auch darüber hinausgehende Aspekte wie zum Beispiel Online-Therapie beschrieben.

3. Spezifische Störungen

Bei den spezifischen Störungen werden im Grunde sämtliche Störungsbilder der gängigen Klassifikationssysteme (ICD-10 & DSM-V) dargestellt, wobei hier vor allem darauf hingewiesen werden muss, dass es im Kindes- und Jugendalter zusätzliche Diagnosen gibt, die im Erwachsenenalter nicht mehr diagnostiziert werden (z.B. Bindungsstörungen).

4. Spezielle Indikationen

Aufbauend auf das vorangegangene Kapitel werden hier typische Konstellationen im kinder- und jugendpsychotherapeutischen Setting dargestellt. Es wird zum Beispiel auf die Arbeit mit Kindern psychisch kranker Eltern, Kindern aus Pflegefamilien, nach Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung und anderen ähnlichen Thematiken eingegangen

5. Rahmenbedingungen

Im abschließenden Kapitel wird auf Verhaltenstherapie in Pädiatrie und Pädagogik, berufsethische und rechtliche Aspekte, Supervision, das Erstellen von Fallberichten und die Ausbildungsspezifika im deutschsprachigen europäischen Raum eingegangen.

Diskussion

Bei einem derart umfassenden Buch kann auf Details der einzelnen Kapitel nicht eingegangen werden, da dies den Rahmen der Rezension sprengen würde. Insgesamt kann jedoch festgehalten werden, dass die Qualität der Beiträge sehr hoch ist. Sämtliche Artikel wurden von renommierten Forscherinnen und Therapeuten geschrieben und geben den aktuellen Stand der Forschung und somit die Empfehlungen der gängigen Leitlinien der Fachgesellschaften wieder.

Das Buch ist deutlich zu umfangreich, um es am Stück durchzulesen – dies gilt sicherlich umso mehr, wenn man in Betracht zieht, dass es sich hierbei im Grunde nur um ein Viertel des Gesamtlehrwerkes handelt. Hierfür sind Lehrbücher jedoch auch nicht gedacht, es sei denn, man nutzt es im Rahmen der Ausbildung. Ansonsten dürfte es eher zum Nachschlagen der relevanten Themen dienen.

Stichwort Ausbildung: Zielgruppe des Lehrbuchs seien vor allem „(…)Studenten, Ausbildungskandidaten, Praktiker und Forscher aus den Bereichen Klinische Psychologie, Klinische Kinder- und Jugendpsychologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie deren Nachbardisziplinen“ (S. VI). Für direkt Betroffene (Patientinnen und Angehörige) sei es nicht geschrieben worden. Angesichts des Umfanges und des Preises ist dies auch schlüssig. Für die erstgenannten Studentinnen und Ausbildungskandidaten wird dieses Buch jedoch kaum erschwinglich sein. Zumindest finden sich hier zum Teil deutlich günstigere Lehrbücher, die qualitativ vielleicht nicht so elaboriert ausgearbeitet wurden, aber dennoch ihren Zweck erfüllen dürften: (Lauth et al. 2018, vgl. die Rezension unter www.socialnet.de/rezensionen/6631.php; Petermann, 2019; Mattejat, 2006, Borg-Laufs, 2007, vgl. die Rezension unter www.socialnet.de/rezensionen/5589.php). Wer sich dieses Buch jedoch gönnt oder schenken lässt, erhält unterm Strich sicher mit das Beste, was derzeit am Markt zu haben ist.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt jedoch: Aktuelle Entwicklungen der Verhaltenstherapie, insbesondere die Therapieformen der sogenannten „Dritten Welle“ werden in diesem Band aus meiner Sicht nicht genügend gewürdigt. In Vorwort nehmen die Herausgeberinnen hierzu Stellung: „Verhaltenstherapeutische und kognitive Verfahren sind ebenso wie neuere, sogenannte 'Dritte-Welle'-Verfahren Teile einer gemeinsamen Grundströmung, deren wichtigste gemeinsame Klammer die Fundierung in der empirischen Psychologie ist. Allerdings muss die Auffassung von Verhaltenstherapie, die dem Lehrbuch zugrunde liegt, explizit kenntlich gemacht werden. Dies geschieht ausführlich im einleitenden Kapitel von Band 1 ('Hintergründe und Entwicklung')“(S. VI). Das ist auch der Fall. Im von Jürgen Margraf verfassten Kapitel wird im Abschnitt „Kontinuierliche Weiterentwicklung“ auf zwei Seiten auf derartige Entwicklungen eingegangen. Dies scheint angesichts der insgesamt über 3500 Seiten, die das Lehrbuch über alle vier Bände umfasst, jedoch ein wenig dünn. Zudem fehlt ein derartiger Artikel in Band 3 komplett. Da angesichts des Preises davon ausgegangen werden kann, dass viele Menschen sich nicht das komplette Lehrwerk anlegen werden, entgeht ihnen dieser Abschnitt folglich auch. In den störungsspezifischen Kapiteln stellen einzelne Autorinnen allerdings, wenn sie selbst in diesem Bereich bereits forschen oder arbeiten, entsprechende Interventionen vor. So erläutert Michael Simons beispielsweise anschaulich metakognitive Therapiestrategien bei Zwangsstörungen, die Dialektisch-Behaviorale Therapie und die Schematherapie erfahren ihre Würdigung im Kapitel über nichtsuizidale Selbstverletzungen und Borderline-Persönlichkeitsstörung (In-Albon & Schmid).

Dieser Kritik könnte mit einiger Berechtigung entgegen gehalten werden, dass im Bereich der Behandlung von Kindern und Jugendlichen diese Therapieformen bislang noch nicht so verbreitet sind wie bei der Behandlung von Erwachsenen. Dennoch finden sich hier bereits diverse vielversprechende Publikationen und ein entsprechender Forschungsstand. Von einem derart umfassenden Lehrbuch wäre hier sicher mehr zu erwarten gewesen.

Fazit

Insgesamt gibt es am Markt unterschiedliche konkurrierende Lehrwerke, die allesamt durchaus Qualität besitzen. Das vorliegende Lehrbuch ist das derzeit aktuellste am Markt, konzentriert sich vor allem auf die Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen im Ganzen und nicht explizit auf spezielle Formen wie kognitive Verhaltenstherapie oder Verfahren der „Dritten Welle“ und eignet sich perfekt zur Begleitlektüre im Rahmen der Psychotherapieausbildung oder als Nachschlagwerk. Allerdings hat die Qualität ihren Preis.


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden männliche und weibliche Form jeweils wechselseitig verwendet. Es sind immer beide Geschlechter gemeint.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 04.06.2019 zu: Silvia Schneider, Jürgen Margraf (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Psychologische Therapie bei Indikationen im Kindes- und Jugendalter. Springer (Berlin) 2018. 2., vollst. überarbeitete und aktual. Auflage. ISBN 978-3-662-57368-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25195.php, Datum des Zugriffs 17.11.2019.


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