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Susanne Aldrian: Illegalisierter Substanzkonsum von Akteuren aus der Suchthilfe

Cover Susanne Aldrian: Illegalisierter Substanzkonsum von Akteuren aus der Suchthilfe. Eine Gratwanderung zwischen Freizeit und professionellem Auftrag. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 142 Seiten. ISBN 978-3-658-24263-3. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: BestMasters.
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Thema

In ihrer ausgezeichneten Master-Arbeit untersucht die Autorin die bisher wenig erforschte Situation, wie SozialarbeiterInnen im Drogenbereich mit ihrem eigenen Konsum illegalisierter Drogen umgehen. Sie verbindet dabei jeweils kurze Übersichten aus der einschlägigen Literatur mit sechs Interviews – jeweils drei Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter mit breiter Altersstreuung und Berufserfahrung – sowie zwei Interviews mit Führungskräften aus diesem ambulanten Berufsfeld.

Autorin

Die Autorin arbeitet als ausgebildete Sozialarbeiterin und Gruppentrainerin in der Straffälligenhilfe in Graz. Ihre in der Springer-Reihe BestMaster erschienene Masterarbeit schrieb sie im Masterstudiengang Suchtberatung und Prävention an der FH St. Pötlten.

Aufbau und Inhalt

Einleitend gibt sie einen Überblick über die dabei zumeist eingesetzten psychoaktiven Substanzen – Cannabis bzw. Amphetamine und deren Derivate – über deren Verbreitung und Strafbarkeit in Österreich, sowie über die von ihr eingesetzte Interview-Methodik.

Die ausführlicher beschriebenen Konsum-Biographien reichen, bei unterschiedlich hohem Alkohol-Konsum, vom Cannabis-Freizeit-Konsum bis hin zur Überdosis-Erfahrung und früheren Dealer-Aktivitäten.

Nach einer kurzen Übersicht über mögliche Funktionen des Konsums dieser Drogen und den Risiken, bei ‚hoher Vulnerabilität und Neigung eher ein riskantes Konsummuster zu entwickeln‘ (S. 41), beschreiben die Befragten ihre Gründe für den eigenen Substanz-Konsum. Sie reichen von Entspannung und Wohlbefinden, persönlicher Weiterentwicklung und Bewältigung von Lebenskrisen bis hin zum früheren rebellischen Verhalten. Wobei wiederholt „[d]ie Wahl von illegalisierten Substanzen anstelle von Alkohol als Genussmittel“ (S. 136) angesprochen wird. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Möglichkeit eines ‚kontrollierten Konsums‘. „Von den sechs befragten Personen gaben alle an, ihr Konsumverhalten derzeit als kontrolliert oder zumindest eher unproblematisch einzustufen.“ (S. 54). Sie betonen ‚reflektiert‘ zu konsumieren, um nicht den (Berufs-)Alltag zu beeinflussen, folgen selbst-gesetzten Regeln und Konsum-Pausen. „Sobald es zu Regelverstößen kommt, wird dies als Warnsignal wahrgenommen, der Konsum als problematisch erlebt und das Verhalten bewusst beeinflusst und verändert.“ (S. 65). Weswegen die Autorin unter Berufung auf die näher dargestellten Kriterien der ICD 10 festhält: „wird trotz wiederkehrender problematischer Phasen kein schädlicher Gebrauch erkannt, da dieser über einen längeren Zeitraum vorhanden sein muss.“ (S. 68). Neben dem Einfluss von Freunden und Familie helfe dabei eine abwechslungsreiche Freizeit-Gestaltung, während professionelle Hilfe eher abgelehnt wurde, weil „das eigene Wissen zur Thematik und private Ressourcen besser und hilfreicher wäre, als das, was Beratungsstellen bieten könnten.“ (S. 76). Ihre eigenen Drogen-Erfahrungen beeinflussten sowohl ihre Berufs-Wahl wie auch ihr professionelles Selbstverständnis. In diesem wollen sie zugleich auf die Eigenverantwortung ihrer Klienten setzen, wie auch „auf die Gesellschaft einwirken, toleranter gegenüber anderen Lebensweisen zu sein, die als faszinierend erlebt werden. Dieser politische Auftrag konnte früher auch mit KlientInnen diskutiert werden und war diesen auch bewusst. Heutzutage passierte kaum noch eine Auseinandersetzung der KlientInnen mit dieser Problematik.“ (S. 86).

Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit dem ‚Paradigmenwandel in der Suchthilfe‘ und zur ‚Frage der Entkriminalisierung und Legalisierung‘, spricht die Autorin ausführlicher das berufliche Dilemma an, „dass der eigene Substanzkonsum kein offenes Thema im beruflichen Kontext darstellt, was vor allem an der Illegalität der Handlung liegt.“ (S. 95). Obwohl man dafür plädiert „in der Arbeit mit KlientInnen authentisch zu sein, wird versucht, so wenig wie möglich über sein Privatleben preiszugeben […] Der seitens der KlientInnen durchaus nicht selten nachgefragte Substanzkonsum der BeraterInnen wird von diesen jedoch konsequent verneint.“ (S. 97). Stattdessen arbeite man im ‚Sinne der Akzeptanzorientierung‘ und versuche, über die Substanzen und gesundheitliche wie rechtliche Risiken aufzuklären (S. 99f).Auch auf der MitarbeiterInnen und Leitungs-Ebene könne man nicht über den eigenen Substanz-Konsum sprechen: „Auch in Teamsitzungen ist das Thema ‚Selbstmedikation durch Cannabis‘ immer wieder präsent und es zeigt sich in den Argumenten ein sehr freizügiger Umgang mit der Thematik. Klare Bekenntnisse gibt es jedoch keine.“ (S. 103).

Nach einem kurzen Ausblick auf die allgemeine – zumeist Alkohol-bezogene – ‚betriebliche Suchtprävention‘ belegen die Interviews für die ‚Praxis sozialer Organisation‘ sowohl bei den MitarbeiterInnen wie aber auch bei den beiden LeiterInnen, angesichts fehlender Richtlinien große Unsicherheiten „über Konsequenzen und Umgang im Anlassfall“, zumal es „um die Reputation der Einrichtung [gehe], welche berücksichtigt werden müsse. Zum einen hinsichtlich der Geldgeber, zum anderen bezogen auf die KlientInnen. Ein Bekanntwerden könnte erheblichen Schaden für die Organisation bedeuten.“ (S. 112). Die sich hier aus der Illegalisierung ergebenden ‚Widersprüche und Ambivalenzen‘ werden angesprochen. Rollenkonflikte, „diesbezüglich belügen zu müssen“ werden „gegenüber dem Arbeit- und Gesetzgeber [jedoch] als belastender wahrgenommen als der Rollenkonflikt in der direkten KlientInnenarbeit, aus Angst vor negativen Auswirkungen auf das eigene Leben.“ (S. 119), wobei „die Tabuisierung in den Einrichtungen und die Tatsache, dass es keinen offiziellen Umgang mit illegalisierten Substanzkonsum im Kollegium gibt, den Rollenkonflikt der betroffenen MitarbeiterInnen hinsichtlich ihrer Ängste fördert.“ [125].

Diskussion

Die Autorin spricht ein höchst ambivalent besetztes, doch bisher wenig untersuchtes Thema an. Sie bewegt sich dabei gleichsam an vorderer Front gegenwärtiger Drogen-Politik-Diskussion: Akzeptanz-Paradigma, kontrollierter Freizeit-Konsum, Entkriminalisierung. Vor allem aber legt sie die Finger in die Wunde einer ‚unehrlichen‘ und unglaubwürdigen, angeblich ‚authentischen‘ Berater-Klient-Beziehung, die das dafür notwendige Vertrauen untergraben, weswegen die Interviewten diese auch für ihre eigene Person ablehnten: Ein weiteres negatives Folge-Produkt der gegenwärtigen Illegalisierung ‚alltäglich‘ konsumierter Substanzen.

Fazit

Eine fundierte, gut verständliche Einführung in die Thematik, die man allen angehenden und praktizierenden ‚Akteuren der Suchthilfe‘ ans Herz legen möchte.


Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 12.03.2019 zu: Susanne Aldrian: Illegalisierter Substanzkonsum von Akteuren aus der Suchthilfe. Eine Gratwanderung zwischen Freizeit und professionellem Auftrag. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-24263-3. Reihe: BestMasters. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25200.php, Datum des Zugriffs 26.05.2019.


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ISSN 2190-9245

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