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Abdel-Hakim Ourghi: Ihr müsst kein Kopftuch tragen

Cover Abdel-Hakim Ourghi: Ihr müsst kein Kopftuch tragen. Aufklären statt Verschleiern. Claudius Verlag (München) 2018. 144 Seiten. ISBN 978-3-532-62821-8. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR, CH: 16,90 sFr.
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Autor und Entstehungshintergrund

Abdel-Hakim Ourghi ist Abteilungsleiter am Institut für Islamische Religionspäda­gogik der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Ourghi hat den Impetus, den Islam zu reformieren und freiheitliche und eigenverantwortliche Glaubensgrundsätze des Korans zur Geltung zu brin­gen. In seinem aktuellen populärwissenschaftlichen Buch setzt er sich eindringlich mit der Bedeutung des Kopftuchs für muslimische Mädchen und Frauen auseinander, in dem er ein Symbol der männlichen Unterdrückung sieht.

Aufbau

Der Text des Buches umfasst 138 Seiten und ist in acht Kapitel unterteilt. Dem schließen sich sechs Seiten mit Anmerkungen an, die auch die Literaturangaben beinhalten.

Bei der Übersetzung der Korantexte bezieht sich Ourghi auf Rudi Paret (2010): „Der Koran. Übersetzung“, Stuttgart: Kohlhammer und auf Hartmut Bobzin (2010): „Der Koran. Aus dem Arabischen neu übertragen“, München: C.H. Beck. Außerdem hat Ourghi, der in Algerien geboren wurde, einige Texte selbst übersetzt. Neben den Berbersprachen wird in Algerien überwiegend Hocharabisch gesprochen. Leider wurde von Ourghi nicht vermerkt, aus welcher Quelle die jeweiligen Übersetzungen stammen.

Da ich selbst keine der Sprachen spreche, habe ich den Doktoranden Mojtaba Beidaghy vom Zentrum für kooperative Theologie und Kulturwissenschaften der Universität Paderborn gebeten, die von mir übernommenen Zitate hinsichtlich der Richtigkeit der Übersetzung zu überprüfen. Er kam teilweise zu abweichenden Deutungen, da Ourghi die Texte stark verkürzt widergegeben hat. Ich werde an den entsprechenden Stellen die modifizierte Meinung des Doktoranden vortragen.

Ourghi hat das Buch seiner Mutter gewidmet.

Aufbau und Inhalt

Ich will sprachkritisch an das Buch herangehen und beginne mit dem Titel, den ich, wie im Original, durch Großantiqua hervorhebe. IHR MÜSST KEIN KOPFTUCH TRAGEN ist ein Satz, der im Imperativ steht, einer grammatischen Form, mit der ein Wunsch, eine Bitte, eine Aufforderung oder ein Befehl ausge­drückt werden kann. Gegenüber der Verwendung des Konjunktivs als Höflichkeitsform, spricht der Imperativ den Hörer unmittel­bar und fordernd an. 

IHR müsst kein Kopftuch tragen. Das IHR ist eine pronominale Vertrautheitsform in der zweiten Person Plural im Nominativ, die üblicherweise an die Hörerrolle einer Gruppe von vertrauten Menschen, insbesondere von Kindern und Heranwachsenden adressiert wird. Die Höflichkeitsform SIE MÜSSEN KEIN KOPFTUCH TRAGEN wäre eine distanziertere Anrede und diese spräche junge Mädchen vermutlich nicht an. Diese stehen aber besonders im Focus des Autors. Das Geschlecht der hier Angesprochenen ist unbestimmt, denn anders als im Arabischen und Türkischen wird im Deutschen beim Personalpronomen der 2. Person Plural nicht zwischen der weiblichen und der maskulinen Form unterschieden. Wollte man nur weibliche Adressaten ansprechen, so wäre eine entsprechende Ergänzung notwendig. Doch besteht offensichtlich kein Zweifel daran, dass sich das Buch speziell an Frauen und Mädchen wendet. Vielleicht macht es gerade deshalb auch Männer auf den Inhalt neugierig.

Es gibt im Orient auch Männer, die ihren Kopf bedecken. In der Osmanischen Zeit war in Tunesien und in Marokko z.B. der Fes weit verbreitet. Außerdem trugen Männer in der Türkei einen Turban, der jedoch durch Kemal Atatürk verboten wurde. Im Süden des Irans tragen ihn heute noch Männer, weil sie im Freien wegen der enormen Hitze ihren Kopf bedecken müssen. Sicherlich war das Tragen des Kopftuches durch die Frauen ursprünglich auch der Hitze geschuldet gewesen (vgl. das Interview mit Dördelmann, S. 124). Da ich als Kind während des zweiten Weltkrieges bei Verwandten auf dem Lande aufwuchs, kannte ich es nicht anders, als dass Frauen bei der Feldarbeit ein Kopftuch trugen.

Ihr MÜSST KEIN Kopftuch tragen. MÜSSEN ist ein Modalverb, mit dem der Sinn des Vollverbs modifiziert wird. Es geht, wie bei dem Modalverb SOLLEN um die Notwendigkeit, mit der etwas geschieht oder auch um einen fremden Willen, dem man Folge leisten muss. Die satzinterne Negation durch KEIN lehnt diese Unterordnung unter einen fremden Willen sowie den ausgeübten Zwang entschieden ab. Ohne Zwang kommen die Modalitäten des eigenen Willens zum Zuge, als da wären WOLLEN oder MÖGEN sowie die Modalität der Erlaubnis als da wären DÜRFEN oder KÖNNEN.

Es gab durch die Reformen Atatürks eine laizistische Zeit, in der das Tragen des Kopftuches im öffentlichen Raum verboten war. Inzwischen wird das Verbot von Präsident Erdogan wieder aufgeweicht. In den 1970er Jahren habe ich bei einer Anhörung im Land­tag in Düsseldorf mit zwei jungen Türkinnen gesprochen, die erklärten, dass sie u.a. in Deutschland studierten, weil sie hier ohne Repressionen ihre Kopftücher in öffentlichen Raum tragen könnten, dies sei ihnen ein religiös motiviertes Anliegen.

Der Titel des Buches lässt zwei Lesarten zu:

Wenn ihr Mädchen und Frauen kein Kopftuch tragen möchtet, so könnt ihr das lassen, ihr müsst das nicht tun, ihr seid frei in eurer Entscheidung euch für oder auch gegen das Tragen des Kopftuches zu entscheiden.

Oder aber:

Ihr steht unter dem Zwang der Fremdbestimmung und dagegen MÜSST ihr Euch wehren. Diese Lesart wird durch das Layout betont, denn die drei Wörter: „MÜSST KEIN KOPFTUCH“ wurden durch Fettdruck hervorgehoben. Außerdem ist auf dem Cover ein schwarzes Kopftuch abgebildet, das an einem Nagel hängt. Im Deutschen gibt es die Metapher: „DAS KANNST DU AN DEN NAGEL HÄNGEN“, die bezeichnet, dass etwas unterbrochen wurde.

Mit dem Titelzusatz: „Aufklären statt Verschleiern“ wird deutlich, dass Ourghi beide Aspekte beleuchtet. Der Autor, der mit seinen 40 Thesen, die er in Berlin an die Tür einer Moschee geschlagen hat, den Islam reformieren will, hat auch in diesem aktuellen Buch dazu Denkanstöße gesetzt. Mutig greift er dabei ein sehr kontrovers geführtes Thema auf, welches mit dazu beitragen kann, die Rolle der Frauen in der islamischen Welt zu revolutionieren. Dabei bezieht Ourghi sich explizit auf europäische Denker wie Kant, Gadamer, Habermas, Foucault und Bourdieu, mit denen er starke Zeichen der Aufklärung setzt und den Sieg der kritischen Vernunft befördern will. Durch seine Textstudien will Ourghi Unwissenheit erhellen und Fehlinterpretationen der koranischen Vorschriften korrigieren.

Das 1. Kapitel führt in das Thema ein, in dem Ourghi über Interviews berichtet, die er selbst mit Frauen geführt habe, die sich zum Tragen des Kopftuchs entschieden hätten. Bei einem jun­gen Mädchen sei dies auf Druck seiner Eltern geschehen, denen es sich traditionsgemäß zum Gehorsam verpflichtet gefühlt habe. Eine jungen Frau, die zum Islam konvertierte, habe das Tragen des Kopftuches zu ihrer persönlichen Entscheidung erklärt, dabei sei sie überzeugt ge­wesen, dass sie damit eine religiöse Pflicht des Islams erfülle. Ourghi deutet jedoch ihre Entscheidung für das Tragen des Kopftuches als einen Wunsch, durch ihr Äußeres ihre Zugehörig­keit zur Gemeinde zu demonstrieren. Der Autor zweifelt an der Freiwilligkeit der Entscheidung und glaubt dahinter ihren Wunsch zu sehen, von den anderen Musliminnen ernst genommen zu werden. Dass die jungen Frauen selbst davon überzeugt scheinen, sich freiwillig für das Tragen des Kopftuchs entschieden zu haben, erachtet der Autor als eine Selbsttäu­schung. Vielmehr sei prototypisch, dass sich die Frauen damit den männlichen Machtstrukturen unterordneten, denn durch die kulturelle Symbolik des Verschleierns unter dem Deckmantel der Religion, solle jegliches kritische Hinterfragen der gegebenen Strukturen unterbunden werden.

Ourghi warnt vor der Gefahr des politischen Islams, bei dem radikale Muslime staatliche Strukturen mit einem Totalitätsanspruch aufbauen wollen, der die gesamte Menschheit beherrschen soll. Dem setzt Ourghi entgegen:

„Aufgeklärte Reformer vertreten hingegen die These, dass der Islam in seinen vielfältigen Auslegungen eine geistige Bewe­gung ist, die die Bindung des Individuums an Gott festigen will. Sie beinhaltet ein religiöses Angebot spiritueller Werte, die ein tiefes religiöses Leben ermöglichen und fördern. Ensprechend dieser Sichtweise gehört zum Westen nur der reformierte und aufgeklärte Islam auf der Basis einer reflektierenden, kritischen Vernunft.“ (12 f.)

Ourghi sieht in der Etablierung der Dachverbände, die zum Teil ein erzkonservatives Islamverständnis vertreten, ein Hindernis für eine wirkliche Selbst- und Islamkritik unter den Muslimen. Nach meiner Meinung haben sie möglicherweise eine Leerstelle unseres Bildungssystems ausgenutzt.

In meiner Dissertation habe ich mich bereits vor zehn Jahren mit dem Thema auseinandergesetzt und seinerzeit den Mangel an Religionsunterricht für die muslimischen Schüler an öffentli­chen Schulen beklagt. Eine Schwierigkeit lag damals darin begründet, dass es dem Wesen des Islams widerspräche, als eine Glaubensrichtung aufzutreten. Es konnte jedoch nicht erwartet werden, dass der Islam die gleichen Organisationsstrukturen aufwies, wie die christlichen Kirchen. M. Rohe forderte 2001, dass es des­halb als verfassungsmäßige Pflicht gelte, andere Lösung zu finden (vgl. Zellerhoff, 2009), (vgl. auch Ourghi, eben hier S. 36).

Der Autor plädiert für eine Islamkritik als essenzielle Grundlage für die Etablierung eines humanistischen Islams. Sein Ziel ist die Verwirklichung eines diskursiven und reformierbaren Islams auf dem Boden unseres Grundgesetzes, welches die Freiheit des Individuums und des Wortes betont. Ourghi klärt die Machtstrukturen der Unterdrückung der Frauen durch islamische Männer auf. Die Verschleierung sei dafür nur ein Zeichen symbolischer Gewalt gegen die Frauen, die jedoch ihrerseits das Bestreben der Männer sich zu Eigen machten und tradierten. Dem setzt Ourghi ein konstruktives ethisches Programm entgegen, mit dem muslimische Frauen sich selbstbestimmt entwickeln und entfalten können. Er will sie ermutigen, ihren eige­nen Lebensweg einzuschlagen, sich neu im westlichen Kontext zu definieren und sich in der selbst gewählten Freiheit zu entfalten.

Kapitel 2:Die öffentliche Sichtbarkeit der Unsichtbarkeit“ schildert, dass Reformer bereits in früheren Jahrhunderten das Tragen des Kopftuches nicht als religiöse Vorschrift gesehen hätten, vielmehr seien die Frauen verehrt worden. Andere sehen dagegen die Unterdrückungsme­thoden vorislamischer Zeiten im Rahmen des patriarchalischen Geistes fortgesetzt. Das Kopftuch sei damit das am häufigsten diskutierte äußere Merkmal der Unterdrü­ckung und gleichzeitig ein Ausdruck religiöser Einstellungen, das von der überwiegenden Mehrzahl der Muslime als eine essenzielle religiöse Pflicht gesehen würde. 

„Die Verschleierung ist eine Erscheinungsform des poltisch-konservativen Islam. Die kopftuchtragenden Frauen werden sichtbar, obwohl ihr Körper durch die Verschleierung unsichtbar wird.“ (Ourghi, 28).

Mit der Verschleierung wird der weibliche Körper quasi eingesperrt und dabei gleichzeitig zur Schau gestellt. So bleibt der Schleier andauernd auch in der westlichen Welt im Gespräch. So ging es in der Rechtsprechung um die Frage, ob eine Frau, die ein Kopftuch trägt als Lehre­rin arbeiten darf. Dass diesem Verlangen nachgegeben wurde, wertet Ourghi als einen Sieg des konservativen Islams in einem pluralistischen und demokratischen Land.

Aktuell berichtet „das goethe“ (eine Broschüre des Goethe-Instituts München) über den starken Rechtsstaat Dänemark, der im August 2018 ein Verbot der Ganzkörperverschleie­rung erlassen hat und nun auch eine entsprechende Strafe einer jungen Frau auferlegte, die sich nicht an das Gesetz gehal­ten hatte. Dagegen hätten die Dänen demonstriert (vgl. Schipler 2018). Die Zustim­mung zu diesem Gesetz kann nach meinem Dafürhalten jedoch als demokratisch legiti­miert gelten.

Im 3. KapitelDie Kunst der Macht: Herrscher und Beherrschte“ berichtet Ourghi über die entsetzlichen Gräueltaten, die in dem blutigen Bürgerkrieg zwischen Islamisten und dem damali­gen Militärstaat Algeriens vielen Frauen einen grausamen Tod brachten. Waren zunächst nur die betroffen, die sich nicht verhüllten, so eskalierten die Schandtaten der morden­den Islamisten und sie machten auch vor verschleierten intellektuellen Frauen nicht halt. Ein Mädchen, das sich dem generellen Verschleierungsverbot widersetze, wurde hingerichtet.

Ourghi bedauert, dass es keine wissenschaftlichen Untersuchungen der Machtstrukturen gibt, die bei der Unterwerfung von Frauen zum Tragen kommen. Er stellt die Vermutung an, dass das Kopftuch ein Produkt der männlichen Herrschaft sei und jeder Versuch der Frauen, an­ders zu sein, damit unterbunden werde. Dazu setze die männliche Herrschaft alle Strafmittel ein, die ihr zur Verfügung stünden. Ourghi behauptet, dass selbst eine Sozialisierung in der westlichen Welt gegen diese männlichen Machtstrukturen nichts ausrichten könnte. So würde das Erziehungssystem in den muslimischen Gemeinden nicht nur mit dem westlichen Erziehungs­sys­tem konkurrieren, sondern es sogar verdrängen. Die Machtstrukturen des ewig Männlichen über das ewig Weibliche hätten sich im Laufe der Jahrhunderte verfestigt. Durch Sittengesetze werde den Menschen gepredigt, wie sie sich zu verhalten hätten. Die Grenzen zwi­schen Erlaubtem und Verbotenem seien klar festgelegt. Indem es der männlichen Herrschaft gelungen sei, die Macht mit religiösen Meinungen zu verschmelzen, habe sie erreicht, den Widerstand unter die Unterwerfungsabsichten als Sünde zu brandmarken. Die Imame beanspruch­ten für sich, die einzigen Vermittler der göttlichen Wahrheit zu sein. Wenn sich Frauen der Unterwerfung widersetzten, so würden sie als Außenseiter betrachtet und ihre Zugehö­rigkeit zur muslimischen Gemeinde in Frage gestellt. Ourghi bezieht sich auf Avishai Margalit, die glaubt, dass Muslime als Minderheit in der westlichen Welt auf die Anerkennung ihrer Glaubensgemeinschaft angewiesen wären, denn ohne deren seelischen Rückhalt fühlten sie sich hilflos. 

Kleine Mädchen hätten von sich aus kaum den Wunsch ein Kopftuch zu tragen, denn sie wüss­ten wohl noch nichts von den Begehrlichkeiten der Männer. Wenn sie dennoch mit einem Kopftuch in die Schule kämen, so deshalb, weil das in den Moscheen gefordert würde und sie von ihren Eltern dazu angehalten wären. Das Tragen des Kopftuches werde als religiöse Pflicht deklariert. Die Kinder machten sich möglicherweise diesen Wunsch zu Eigen, um sich aus einem seelischen Dilemma zu befreien, wenn ihre Eltern sie mit dem Argument dazu nötigten, ansonsten von Gott nicht geliebt zu werden. Ihnen werde suggeriert, dass sie durch das Tragen des Kopftuches ihre religiöse Identität bekräftigen und ihrem Selbstwertgefühl dadurch Ausdruck verleihen, dass sie als etwas Besonderes gelten. Heranwachsende sollten sich ohne Verschleierung nackt fühlen. Scham, Angst und Schuld sollten bei den unverschleier­ten Frauen geschürt werden. Denn der Körper der Frau werde als eine uner­laubte Zone im Sinne des Verbotenen erklärt, die ständig zu ihrem Schutz überwacht werden müsse. Das Ansehen einer Familie könnte darunter leiden, wenn die Töchter kein Kopftuch tragen. Bereits unterdrückte Schwestern könnten sich an der Überwachung beteiligen. Wenn sich die jungen Mädchen dennoch widersetzten, gäbe es neben diesen subtilen Einflussnah­men auch gravierendere Strafen, wie die Isolation innerhalb der Familie, bei der das Mäd­chen ignoriert wird und keiner mehr mit ihm spricht. Damit sollte der Wille zum Aufstand gebro­chen und jeder Gedanke an die Selbstbestimmung im Keim erstickt werden. Dem Mäd­chen werde ein Schuldgefühl oktroyiert, damit es einsähe, dass es seine Strafe verdient habe. Wenn das nicht zum Einlenken führt, können drastischere Maßnahmen ergriffen werden, wie beispiels­weise eine öffentliche Denunziation in der Gemeinde. Die Strafe kann sogar bis hin zu einem Aussetzen der Heranwachsenden bei Verwandten im Herkunftsland der Eltern rei­chen. Ourghi wertet diese Praxis als eine Gefängnisstrafe in einem mauerlosen Gefängnis.

Das „mauerloses Gefängnis“, in dem die jungen Mädchen in absoluter Isolation leben, erfüllt meines Erachtens den Tatbestand der Freiheitsberaubung und gehört demnach bestraft. Die totale sprachliche Isolierung ist eine Foltermethode (vgl. Zellerhoff, 2016).

Eine ähnliche Praxis, wenn auch aus einem anderen Anlass kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, denn ich habe vor ca. 40 Jah­ren für eine kurze Zeit von Amts wegen das Aufenthaltsbe­stimmungsrecht für ein junges Mädchen erhalten, dass von seinem Va­ter zu seinen Großeltern nach Marokko geschickt werden sollte, um es dort zu verheiraten, nur weil es mit einem deutschen Jun­gen befreundet war, mit dem es einmal alleine ausgehen wollte.

Die Unterwerfung der Frauen bezeichnet Ourghi als „Symbolische Gewalt“, ein Begriff, den er von Bourdieu entlehnt hat. Denn die Männer würden keine nackte Gewalt ausüben, sondern brächten die Frauen auf sehr subtile Weise dazu sich selbst und ihren eigenen Willen zu verleugnen.

Das 4. Kapitel beschreibt „Das Ende des Kopftuchmythos als koranische Vorschrift“. Ourghi schildert darin die Erfahrung einer jungen Frau, die ihr Kopftuch abgelegt hat und sich dadurch befreit fühlte. Indem sie sich mit der Bedeutung des Kopftuchs als eines histori­schen Produkts der männlichen Dominanz auseinandergesetzt hatte, fand sie sich nicht mehr mit dem Schicksal der Unterwerfung ab.

Ourghi berichtet von konservativen Gelehrten, die in der Verschleierung eine gottesdienstliche Handlung sähen und von anderen, die eine Verweigerung mit dem Verlassen der Religionsge­meinschaft gleichsetzten. Er widerlegt die Auffassung, dass das Tragen des Kopf­tuchs im Koran verankert sei. Er fühlt sich dazu aufgerufen, weil im Koran die Rede von Men­schen sei, die in Sachen Religion Verstand besitzen und dass sie ihre Vernunft dazu nutzen sollten, über ihre Religion und ihr Leben nachzudenken. Für ihn ist es also durchaus im Sinne des Korans darüber nachzudenken, ob die Verschleierung der Frauen tatsächlich eine religiöse Vorschrift ist. In seinen Koranstudien seziert Ourghi sehr viele Textstellen, die nach seiner Auffassung zu Fehldeutungen geführt hätten. Dabei ist in verschiedenen Kontexten vonḥiğāb die Rede, von einem Vorhang, der die Sicht auf etwas verhindern soll. Ourghi, der die sieben Stellen, in denen das Wort ḥiğāb vorkommt untersucht hat, deutet dieses aller­dings nicht als Kopftuch sondern bezeichnet es aus seinem historischen Zusammenhang her­aus als ein Tuch, das den Ausschnitt des Kleides der Frau bedeckt. Heute wird eine sehr kontro­verse Diskussion um diese Textstellen geführt.

Nach Beidaghi ist die Bedeutung philologisch umstritten. Das Wort werde meist als Tuch gedeutet, das aber auch den Kopf verhülle. Die Deutung Ourghis sei jedoch möglich, so der Doktorant. 

Es hat den Anschein, dass viele das Wort sehr weit, je nach ihrem Gusto, auslegen. Die Ausdeute­rei erscheint mir jedoch als obsolet, weil Men­schen nach dem Koran ihren Verstand gebrauchen sollen. Darum wäre zu wünschen, dass sich alle religiösen Muslime, und zwar gleichermaßen Männer und Frauen ob mit und ohne Kopftuch als von Gott geliebt erfahren sollten, denn wie aufgeklärte Reformer betonen, ist der Islam

„… in seinen vielfältigen Auslegungen eine geistige Bewegung (ist), die die Bindung des Individu­ums an Gott festigen will. Sie beinhal­tet ein religiöses Angebot spiritueller Werte, die ein tiefes religiöses Leben ermöglichen und fördern. Entsprechend dieser Sicht­weise gehört zum Westen nur der reformierte und aufgeklärte Islam auf der Basis einer reflektierenden kritischen Vernunft.“ (Ourghi, 12f).

Im 5. Kapitel:Aufklären statt verschleiern“ setzt sich Ourghi mit Tendenzen der westli­chen Linksliberalen und der Feministinnen auseinander. Er kritisiert, dass diese die Ver­schleierung der Frauen als ein Persönlichkeitsrecht verteidigen, wobei sie wohl nicht rezipiert hätten, dass es sich beim Tragen des Kopftuches nicht um eine freie Entscheidung der Frauen sondern um eine Folge der Machtstrukturen der islamischen Männer handele. Während Rechtspo­pulisten die Furcht vor dem Fremden schürten, seien die Linken von dem Wunsch beseelt, die Persönlich­keitsrechte der verschleierten Frauen zu schützen. Durch ihre „Bevormun­dung von oben“ trügen sie dazu bei, dass die Aufklärung und die Reform des Islams verhindert würde, die schweigende Mehrheit der Muslime im Westen brauche jedoch keine Anwälte.

Um die Mädchen von der Pflicht zur Verschleierung zu überzeugen, werde ihnen das Bild eines rachsüchtigen, strafenden und bösen Gottes vorgezeichnet und Schreckenszenarien im Jenseits angedroht. Damit soll das freie Denken unterdrückt werden. Doch der ethische Koran zeichnet ausdrücklich das Bild eines liebenden Gottes:

„Gott vergibt euch all eure Sünden“ (Koran 39:53). (103)

Allerdings, so Beidaghy heißt der Koranvers 39:53 knapp: „Gott vergibt alle Sünden“. Durch die Erweiterung „euch“ und „eure“ werde ein dialogisch-personaler Bezug zu Gott angedeutet, den der Originaltext nicht hergebe.

„Die Liebe Gottes zu seinen Menschen ist unendlich, denn seine Barmherzig­keit kennt keine Grenzen“ (Koran 7:156). (103).

Der Koranvers 7:156 wurde nach Beidaghi verkürzt widergegeben. Im Original heiße es: „Meine Gnade umgreift alles und so werde ich sie jenen verleihen, die gottesfürchtig sind und die Abgabe entrichten und die an unsere Zeichen glauben“. Die Gnade Gottes ist hier also sehr wohl an Bedingungen geknüpft und ist nur dann grenzenlos, wenn man glaubt und dies durch Werke zeigt.

„Die Vergebung Gottes ist nicht von seiner Liebe zu den Menschen zu trennen, denn er liebt seine Menschen und vergibt ihnen ihre Schuld (Koran 3:31)“ 104.

Auch hier wird durch eine verkürzte Zitation ein Aspekt ausgeklammert „Sag (oh Prophet). Wenn ihr Gott liebt, folgt mir. So wird Gott euch lieben und euch eure Sünden vergeben, denn Gott ist vielvergebend, ein Gnadenspender.“ D.h., dass hier die Liebe Gottes an die Nach­folge der Menschen geknüpft ist, die ihre Liebe zu Gott zeigen und auf die dann Gott liebend antwortet.

Legt man die ausführliche Fassung des Korantextes zu Grunde, so könnten Frauen durchaus ihre Verschleierung als geboten und das Tragen des Kopftuchs als Folgsamkeit in Gottes Ge­bote erklären.

Dass Frauen ihre Verhüllung als ein emanzipatorisches Zeichen sehen, die sie in ihrer Selbstbe­stimmung stärke, sich als entsexualisiert in der Öffentlichkeit zu präsentieren, erachtet Ourghi als Illusion, denn gerade durch die Verhüllung sei das Thema Sexualität dauerprä­sent, lenke doch die Verhüllung die Aufmerksamkeit gerade auf das Verhüllte. Schöne Ge­fühle, wie Freundschaft, Liebe und der Genuss von Partnerschaft und Sexualität bekämen keinen Raum und würden unterdrückt und verdrängt. Ourghi plädiert für den Feminismus, für Frei­heit, Unabhängigkeit und Emanzipation.

Das 6. Kapitel heißt „Sorge um sich selbst“ Die Ablehnung des Kopftuches sei nichts anderes, als eine Weigerung sich zu unterwerfen. Durch eine selbstbewusste Lebensweise könnten Frauen für sich selbst sorgen. Sie würden nicht in die Pflicht genommen, sich in die Unterdrü­ckungsmechanismen der Männer einzubringen und sich in blinder Hingabe um andere zu sor­gen. Die Selbstaufopferung stünde der Selbstverwirklichung und Selbsterfüllung im Weg, denn Gott zu dienen und sich seinem Willen zu ergeben, bedeute nicht, dass sich der Mensch selbst vergessen müsse, sondern dass er seinen Wünschen und Bedürfnissen Aufmerksam­keit schenken dürfe.

„Der Islam als eine individuelle Beziehung zwischen Gott und dem Einzelnen geht keinen etwas an. Gott braucht für seine Reli­gion keine männliche Herrschaft als 'Testamentsvollstrecker'“ (117).

Das 7. Kapitel handelt „Vom Sieg der kritischen Vernunft“. In einem Interview mit einem Mediziner klärt Ourghi folgendes: Schon allein aus gesundheitlichen Gründen ist die Verschleie­rung und das Tragen des Kopftuches unverantwortlich, vor allem bei Kindern und Heranwachsenden, die dadurch in unseren Breiten nicht genügend Sonnenlicht tanken dürfen. Die­ses ist aber wesentlich für die Produktion des Vitamin D, das ein wichtiger Baustein für den Knochen­aufbau und -stoffwechsel ist. Auch bei Frauen, die sich oft stundenlang im Haus aufhalten, werde der Mangel eklatant. Die Haut braucht Licht und Luft. In Deutschland besteht im Gegensatz zum Orient ein Mangel an Licht, sodass das Vitamin D oft substituiert werden muss. Dieses wird jedoch überwiegend aus Schweinegelatine gewonnen und daher von Musli­men oft abgelehnt.

Dass es als Alternative hierzu auch Vitamin D aus Algen gibt, wird in dem Interview nicht erwähnt. Die Kosten für Nahrungsergän­zungsmittel werden von den Krankenkassen in der Regel nicht erstattet, was ich auch richtig finde, denn ich er­achte es als selbstschädigendes Verhalten, wenn Menschen nicht die natürlichen Ressourcen zu ihrer Gesunderhaltung nutzen, dazu Ourghi:

„Würden die verschleierten Musliminnen den ethischen Koran in Betracht ziehen, der viel Wert auf die Unversehrtheit des Kör­pers legt, dann würden sie keine Sekunde zögern, das Kopftuch abzulegen. In diesem Kontext soll die folgende Koranstelle zitiert wer­den: 'Und stürzt euch nicht mit eigenen Händen ins Verderben! Tut Gutes! Gott liebt diejenigen, die Gutes tun!' (Koran 2:195)“ (126).

Das 8. Kapitel ist übertitelt: „Ich bin ich, und ich kann nicht anders“. Diese Überschrift hat große Ähnlichkeit mit den Worten, die der Reformator Martin Luther als Verteidigung vor dem Wormser Reichstag sinngemäß gesagt haben soll: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Das ist sicher kein Zufall, denn Ourghi möchte, dass die Musliminnen wie der Reformator für sich selbst denken und dass sie zu sich selbst stehen. Indem sie sich ihrer Situation bewusst wer­den und sich selbst dazu positionieren, könnten sie beginnen ihre Möglichkeiten auszuschöp­fen und sich damit selbst aus der Bevormundung des Mannes zu befreien. Dieser Selbstbefreiungsakt führte sie zur Mündigkeit und dadurch erlangten sie den Frieden mit sich selbst.

Diskussion

In seinem Buch geht es Ourghi besonders um die Themen religiöser Toleranz sowie um die Gleichstellung von Mann und Frau. Er ermutigt Frauen für sich selbst zu sorgen und ihre Töchter zu selbstbewuss­ten Menschen zu erziehen.

Nach der Lektüre des Buches fragte ich mich: Ist der Islam noch zu retten? Wenn man liest, dass Frauen, die ein Kopftuch tragen zu etwa 40 Prozent von ihren Müttern dazu bewogen wurden, dann kann einem schon bange werden, doch hier ist ja nur von den Mitgliedern muslimi­scher Gemeinden, also von einem kleinen Teil der Muslime, die Rede. Die überwiegende Mehrheit sind Muslime die Ihre Reli­gion als Hingabe nach den fünf Säulen des Korans in ihren Familien leben. Sie sehen den Islam als private Beziehung zwischen sich und Gott.

„Denn diese Muslime, die ihren Glauben als Privatsache betrachten, sind in der Lage, sich ein kla­res und sachliches Bild über ihre eigene Religion zu bilden. Und sie alle sind, seien es liberale Frauen oder Männer, Vertreter einer reflektierenden Selbst- und Islam­kritik.“ (100).

Ourghis Buch weist eine sehr differenzierte Sprache auf, mit der es dem Autor gelingt, auch kom­plexe Inhalte präzise darzustellen und im Anschluss knapp zusammengefasst in einem Haupt­satz auf den Punkt zu bringen, wodurch der Text eine proklamatorische Kraft gewinnt.

Fazit

Es wäre zu wünschen, dass die liberalen Muslime die Oberhand gewinnen und dass sie die Frauen, die ein Kopftuch tragen, aufklären und bewegen können sich von der Verschleie­rung zu befreien. Hierfür bietet Ourghis Buch viele überzeugende Argumente. Sicherlich wird er mit seinen Studierenden Koranverse finden, mit denen er gegen jeden Widerspruch Menschen von einem bedingungslos liebenden Gott überzeugen kann.

Die Tatsache, dass Prof. von Stosch in diesem Jahr von dem iranischen Staatspräsidenten mit dem höchsten Buchpreis des Landes für sein Werk über die Annäherung von Islam und Christen­tum geehrt wurde, lässt hoffen.

Dass sich auf der diesjährigen Islamkonferenz Menschen außerhalb der Religionsverbände zu einer Islam-Initiative für einen aufgeklärten Islam einsetzen und neue Wege der Kommunikation suchen, erachte ich ebenfalls als Hoffnungsschimmer. Wie die Wochenzeitschrift DIE ZEIT am 22. November berichtet, wünscht sich der Psychologe Ahmad Mansour Neutralität für alle Vertreter des Staates und fordert daher neben anderm auch: „Keine Kopftücher“.

Literatur:

Schipler, David K. (2018): Bedrohte Freiheit, in: das goethe, Nr. 2, S. 6–7.

Die Zeit: Zehn Stimmen für einen aufgeklärten Islam, 22.11.2018, S. 54

Zellerhoff, Rita (2009): Didaktik der Mehrsprachigkeit, Frankfurt: Peter Lang

Zellerhoff, Rita (2016): Komplexe sprachliche Strukturen in der Jugendliteratur, Frankfurt /M.: Peter Lang Edition, Reihe: ZOOM Kultur und Kunst


Rezensentin
Dr. phil. Rita Zellerhoff
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Zitiervorschlag
Rita Zellerhoff. Rezension vom 19.12.2018 zu: Abdel-Hakim Ourghi: Ihr müsst kein Kopftuch tragen. Aufklären statt Verschleiern. Claudius Verlag (München) 2018. ISBN 978-3-532-62821-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25203.php, Datum des Zugriffs 23.01.2019.


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