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Joseph A. Schumpeter: Wie studiert man Sozialwissenschaft?

Cover Joseph A. Schumpeter: Wie studiert man Sozialwissenschaft? Duncker & Humblot (Berlin) 2013. 2. Auflage. 54 Seiten. ISBN 978-3-428-16941-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Schriften des Sozialwissenschaftlichen Akademischen Vereins in Czernowitz, Heft II. Reihe: Duncker & Humblot reprints.
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Thema

Der vorliegende Band dokumentiert einen Vortrag, den Josef Schumpeter im Jahr 1910 für den Akademischen Sozialwissenschaftlichen Verein in Czernowitz gehalten hat.

Autor

Josef Schumpeter (1883-1950) war ein österreichisch/US-amerikanischer Ökonom. Durch seine Arbeiten zur Ökonomie wurde er zu einem der einflussreisten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Ein Klassiker der ökonomischen Literatur ist die „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ (2006 [2012]). In seinem Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (1993) untersucht er die politischen Implikationen der Ökonomie.

Aufbau und Inhalt

Josef Schumpeter beginnt seinen Text mit einigen grundsätzlichen Anmerkungen. Die Frage, wie man ein Fach zu studieren habe, würde in Bezug auf andere Fächer, z.B. die Physik wenig Sinn machen, denn sie sind im Bildungswesen etabliert, das praktische politische Interesse hat viele unberufene auf ihr Feld gelockt und viel Literatur hervorgebracht, die im Grunde nicht als wissenschaftlich gelten könnte. Auf viele Fragen sei aus dem Stehgreif keine verlässliche Antwort zu geben, der Ökonom Schumpeter nennt hier die Zollpolitik. Diese Irritation ist in aktuellen politischen Debatten nach wie vor anzutreffen, es sei nur an diverse Steuerungs- und Regulationsdebatten erinnert.

In Abgrenzung zur Ökonomie wird die Soziologie als die Disziplin erklärt, die sich mit „Dingen“ befasst, die sich nicht durch wirtschaftliche „Momente“ erklären lassen. Diese definiert Schumpeter als die „Lehre von den Wechselbeziehungen zwischen den Individuen und Gruppen von Individuen im sozialen Ganzen.“ (S. 9). Die Soziologie wird als eine empirische Wissenschaft eingeordnet, die sich mit der Sammlung von Tatsachen zu befassen habe.

Eine weitere Problematik erkennt Schumpeter in der schon damals stark ausgeprägten Spezialisierung in der Soziologie, dass ein Werk, dass für Anfänger mit Gewinn lesbar ist, denn auch die gelehrten Soziologen zu Schumpeters Zeit bewegten sich auf verschiedenen Wissensgebieten mit unterschiedlichen Qualitäten (S. 10). Die Arbeit in den Sozialwissenschaften wird genau so beschrieben, wie es auch die Physiker tun, als eine Sammlung von Material. Dieses Material wird nicht ohne Sinn gesammelt, sondern der eigentliche Kern der Sozialwissenschaft wird in der Theoriearbeit gesehen. Das Durcharbeiten von Theorien wird als „reine Wirtschaftslehre“ oder „reine Soziologie“ eingeführt (S. 18).

Als essenzielle Lerninhalte für den Anfänger werden die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens dargestellt. Um wissenschaftlich arbeiten zu können, müsse ein Anfänger der Sozialwissenschaften lernen, zwischen Wissenschaft und Politik, Erkennen und Wünschen unterscheiden lernen (S. 22). Das entspricht den Forderungen der Werturteilsfreiheit.

Für das Studium der sozialwissenschaftlichen Theorien wird betont, dass diese immer nur einen Ausschnitt der Realität zeigen können. In der Physik werde diese Annahme akzeptiert, etwa dass jeder Teil eines Körpers die Tendenz habe, zu Boden zu fallen, aber das das nicht für den Gesamtkörper gelten müsse. Dieser beschränkte Geltungsbereich für Theorien wird in den Naturwissenschaften akzeptiert, aber oft nicht in den Sozialwissenschaften. Schumpeter hofft darauf, dass sich dieses Problem mit der Etablierung der Sozialwissenschaften legen würde (S. 24). Ebenso wird darauf hingewiesen, dass theoretische Sätze nicht solitär zu verstehen seien, sondern als Theoriegebäude. Viele Kritiker einer Theorie greifen sich oft einen Satz heraus und dieser wird eher aus Unwissenheit über das ganze Theoriegebäude kritisiert (S. 27).

Als Anhang wird eine Literaturliste mit Arbeiten zum Selbststudium angegeben. Einige der Namen wie „Philippovic“ oder „Schmoller“ sind im Jahr 2019 vermutlich eher von historischem Interesse als dass sie am Anfang des Studiums gelesen werden sollten. In diesem Studium soll Wert darauf gelegt werden, zu fragen, unter welchen Voraussetzungen ein Satz gelte und unter welchen nicht. Die Materialsammlung sollte nicht ohne theoretische Reflexion stattfinden. Am Ende dieses einführenden Textes steht die Warnung vor dem induktiven Schluss: Wenn man sich bei den Tatsachen, die man anhäuft nichts denkt, so nutzt es nichts, sie immer wieder neu anzuhäufen (S. 41).

Im Anhang des Textes findet sich eine Literaturliste.

Sie gliedert sich:

  • Nationalökonomie
  • Finanzwirtschaft
  • Soziologie
  • Agrarwesen
  • Handel und Gewerbe
  • Handelspolitik
  • Versicherungswesen
  • Bankwesen und Geldmarkt
  • Sozialpolitik
  • Lehrbücher der Statistik
  • Lexika

Diskussion

Die Frage „Wie studiert man Sozialwissenschaft?“ sollte in dem vorliegenden Werk eher, „wie und wozu studiert man Klassiker?“ heißen. Eine Frage, die sich jeder Kohorte von Studierenden der Sozialwissenschaften immer wieder stellt. Was macht einen Emile Durkheim oder einen Josef Schumpeter auch für die heutige Welt richtungweisend?

Diese Frage wurde vielfältig diskutiert und alle Argumente zu sichten, wäre für diese Rezension zu umfangreich. Ein häufig vorgetragener Grund, sich den Klassikern zuzuwenden besteht in der Aussage, dass sie Prinzipen diskutieren, die in der heutigen Gesellschaft nach wie vor relevant sind, etwa Anomie bei Durkheim.

Aus Schumpeters kurzen Text kann man als Sozialwissenschaftler einiges lernen. Hierzu gehört die Diskussion der Sozialwissenschaft in der öffentlichen Debatte, was in heutigen Zeiten eher die Abwesenheit im Diskurs sein kann, als das Vertreter anderer Disziplinen über sozialwissenschaftliche Themen in der Öffentlichkeit reden, etwa Ökonomen – so ist es in zahlreichen Debatten über die Zukunft der Soziologie zu lesen. Welche Strategien die Soziologie aus dieser Situation nimmt, ist eine Frage der individuellen Forscherstrategie.

Die Hinweise die Schumpeter Anfängern in den Sozialwissenschaften gibt, sind aus heutiger Perspektive sehr antiquiert und z.T. nicht ohne Kommentar verständlich, etwa die Aufforderung, man sollte sich in Fragen üben, die bereits gut erörtert sind, wie die Frage der „Schutzzölle“ und des „Bimetallismus“. Im heutigen Studium wären diese Fragen eher unverständlich. Der Hinweis, man sollte sich für ein oder zwei Themen besonders engagieren, und sein Selbststudium entlang dieser Themen zu gestalten.

Einige Tipps, die Schumpeter den angehenden Studierenden gibt, sind weniger Nachzuvollziehen, etwa der Hinweis, das richtige Urteil in einer sozialwissenschaftlichen Frage findet man durch Lebenserfahrung und den „richtigen Blick“ (S. 12). Ist es nicht gerade der Zweck von Sozialwissenschaft, Einsichten zu Tage zu fördern, die sich einem Common Sense oder den Lehren des Lebens entziehen? In einer bestimmten Hinsicht ist dieser Hinweis nachvollziehbar. Ein Sozialwissenschaftler mit Ambitionen, etwas bewirken zu wollen, benötigt diese Lebenserfahrung und diesen Blick. Die Erfahrung mit politischen Prozessen zeigt, dass oft entgegen besseren Wissens gehandelt wird, z.B. in der Klimapolitik, der Bildungspolitik usw. Was in einem sozialwissenschaftlichen Seminar einleuchtet ist in einem politischen Gremium schwer vermittelbar. Hier bedarf es des „langen Bohrens harter Bretter“, wie es Max Weber – ein anderer Klassiker – in Politik als Beruf beschrieben hat.

Fazit

Ein durchaus lesenswerter Text, der gegen den Strich gelesen durchaus einige lehrreiche Aussagen transportiert. Die Lektüre sei jedoch eher fortgeschrittenen Studierenden empfohlen und weniger Studienanfänger, da die Schwerpunktsetzung auf einige ökonomische Themen – z.B. „Schutzzölle“ auf Anfänger durchaus irritierend wirken könnte.

Literatur

Schumpeter, Josef: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin 1912; Neuausgabe hrsg. von Jochen Röpke und Olaf Stiller, Berlin 2006.

Schumpeter, Josef: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Einführung von Eberhard K. Seifert. 7. erweiterte Auflage. UTB, Stuttgart 1993.


Rezensent
Martin Gloger
Diploma Hochschule – Fachhochschule Nordhessen
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Zitiervorschlag
Martin Gloger. Rezension vom 30.10.2019 zu: Joseph A. Schumpeter: Wie studiert man Sozialwissenschaft? Duncker & Humblot (Berlin) 2013. 2. Auflage. ISBN 978-3-428-16941-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25205.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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