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Martin Endreß, Alois Hahn (Hrsg.): Lebenswelttheorie und Gesellschafts­analyse

Cover Martin Endreß, Alois Hahn (Hrsg.): Lebenswelttheorie und Gesellschaftsanalyse. Studien zum Werk von Thomas Luckmann. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2018. 488 Seiten. ISBN 978-3-7445-1202-2.
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Thema und Entstehungshintergrund

Fünf Monate nach seinem Tod im Mai 2016, fand zu Ehren des herausragenden Soziologen Thomas Luckmann ein Symposion über sein Werk an der Universität Trier statt. Das Buch versammelt die dort gehaltenen Beiträge. Als einzige deutsche Universität hat Trier Luckmann eine Ehrendoktorwürde verliehen. Das war 1999. Die Ehrung ging auf eine Initiative von Alois Hahn zurück, der bis zu seiner Emeritierung 2010 Soziologie-Professor in Trier war. Sein Nachfolger ist Martin Endreß.

Herausgeber

Martin Endreß und Alois Hahn fungieren als Herausgeber des vorliegenden Bandes.

Aufbau

Das Buch ist eine Tagungsdokumentation. Es versammelt Beiträge von 18 Autorinnen und Autoren. Die theoretisch-konzeptionellen und forschungsmethodischen Innovationen im umfangreichen und vielfältigen Werk Thomas Luckmanns werden rekapituliert und auf ihre Weiterentwicklungsmöglichkeiten befragt, vor allem im Hinblick auf eine wissenssoziologische Gesellschaftsanalyse.

Inhalt

Cowboy-Professor

Vielleicht beginnt man die Lektüre des Bandes am besten mit dem abschließenden „Podiumsgespräch“ auf S. 454 ff. Mit Hansfried Kellner, Walter M. Sprondel, Hans-Georg Soeffner, Ulf Matthiessen und Jörg Bergmann zeichnen Kollegen, Mitarbeiter und Schüler Luckmanns ein persönliches Bild des Philosophen und Soziologen. Der 1927 in Jugoslawien geborene Luckmann, der als Österreicher 1938 zum Deutschen wurde, pflegte zeitlebens eine transatlantische Lebensform, als Student, Lehrer und Forscher zwischen den USA und Deutschland pendelnd, Staatsbürger beider Länder, und in seinem ganzen Habitus, „bärtiger Cowboy“ wird er genannt, gar nicht dem Klischee eines C-4-Professors entsprechend, zu dem er Mitte der 1960er Jahre in Frankfurt am Main berufen wurde. Wir lernen einen „neugierigen Denker“ und „strengen Zuchtmeister“ zugleich kennen, zu dem leichter Zugang fand, wer seine außerwissenschaftlichen Passionen teilte und zumindest mit einer der drei Disziplinen („Fliegenfischen, Pistolenschießen und Boxen“) schon persönlich in Berührung gekommen war.

Protosoziologie

Thomas Luckmann hat akademische Abschlüsse in den Fächern Philosophie und Soziologie. Seine Interessen als Student waren darüber hinaus vielfältig, von der Kirchengeschichte bis zur Sprachtheorie. Als Wissenschaftler steht er für eine phänomenologisch fundierte Soziologie mit den Methoden der qualitativ-hermeneutischen Sozialforschung, die von ihm und seinen Mitstreitern erst entwickelt werden mussten, denn an den Universitäten regierten die quantitativ-metrifizierenden Sozialempiriker, die allem, was sich nicht rechnen ließ, skeptisch gegenüber standen.

Luckmanns geistige Wegweiser sind vor allem Alfred Schütz, Helmuth Plessner und der Übervater der verstehenden Soziologie, Max Weber.

Luckmann wird in dem Buch hauptsächlich als Wissens-, Religions-, und Sprachsoziologe vorgestellt; vier von sechs Kapiteln mit insgesamt zehn Aufsätzen widmen sich diesen Fach-Aspekten.

Viel mehr aber ist Luckmann Protosoziolge; auch als Fachsoziologe denkt er protosoziologisch. Dem Protosoziologen geht es um das Selbst- und Sinnverständnis des Gesellschaftswesens Mensch geht. Die Protosoziologie steht der „Machseligkeit“ der angewandten Quanten-Soziologie -exemplarisch: die Umfrageforschung – kritisch gegenüber und kreidet ihr eine technokratische Sinnvergesslichkeit an. – Zwei von sechs Kapiteln mit insgesamt sechs Aufsätzen widmen sich den protosoziologischen Aspekten im engeren Sinne.

Sozialkonstruktivismus

Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist Produkt menschlichen Handelns in Gestalt sedimentierter „Objektivationen“, ein Begriff, den Luckmann oft verwendet. Das Buch „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“, 1966 erstveröffentlicht, ist das bekannteste Werk Luckmanns, das er zusammen mit seinem kakanischen Landsmann Peter L. Berger geschrieben hat. Es ist das Grundbuch des „Sozialkonstruktivismus“, als dessen Begründer Luckmann und Berger gelten.

Mit der Fortschreibung der von seinem verstorbenen Lehrer Alfred Schütz hinterlassenen Manuskripte zu dem Buch „Strukturen der Lebenswelt“ (zuletzt 2003) hat Luckmann auch das begründet, was zuweilen „Sozialphänomenologie“ bezeichnet wird.

Social construction of reality

Tatsachen sind Sachen, die getan wurden. Wirklichkeit besteht aus Tatsachen, die wirken – und nicht flüchtig sind und folgenlos bleiben. Laut Berger und Luckmann basiert die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit auf einem dialektischen Zusammenspiel von Externalisierung, Objektivation und Internalisierung. Berger / Luckmann zeigen, dass die Wirklichkeit, in der wir leben, eine ist, die erstens in sozialen Handlungen hervorgebracht wird, dass uns – den nachwachsenden Kulturneulingen zumal – die Wirklichkeit zweitens als Tatsache quasi dinghaft gegenübersteht und dass wir sie drittens in unser subjektives Bewusstsein übernehmen müssen, um ein Teil dieser Wirklichkeit zu werden. Dieser tripolare Prozess steckt das Untersuchungsfeld des Sozialkonstruktivismus ab.

Kommunikativer Konstruktivismus

Ein Medium der täglichen Wirklichkeitskonstruktion ist die Alltagskommunikation, das heißt die zeichenvermittelte Interaktion, „Sprache“ im weitesten Sinne. Alltagskommunikation ist „social construction en détail“. Deshalb gilt Luckmann auch als einer der Begründer des „kommunikativen Konstruktivismus“. Die sozialen Wirklichkeiten sind erredete, erschriebene und fotografierte Wirklichkeiten. Luckmann hat empirische Methoden entwickelt, wie Gespräche, Bilder und Filme sequenz- und konstellationsanalytisch erforscht werden können, um den Geheimnissen der Sinnbildung in den verschiedenen Sinnprovinzen des Lebens auf die Spur zu kommen. Er steht damit am Anfang einer Entwicklung, die zur, von Oevermann so benannten, „objektiven Hermeneutik“ geführt hat. Luckmann hat kommunikative Muster unterschieden, die er „Gattungen“ nennt: „Kommunikative Gattungen sind routinierte Lösungen für wiederkehrende kommunikative Probleme.“ Der Smalltalk auf einer Party wird nach einem anderen sozial generierten und individuell verinnerlichten „Skript“ geführt als ein Fachgespräch während eines Symposions oder der Klatsch unter Nachbarn.

Zauberlehrlings Alltag

Heute wirken u.a. die „Neuen Medien“ auf die Kommunikation ein. Die Einbeziehung von Smartphones in Alltagsgespräche verändert diese und führt zu so gennannten „dual front interactions“: Zum leibhaftig anwesenden Gesprächspartner treten kopräsente Smartphonegeister hinzu. Die Behauptung in einem der Beiträge, Smartphones dienten „als Schmieröl eines unterhaltsamen Beisammenseins“, klingt sehr optimistisch.

Immer wieder diskutiert das Buch das Zauberlehrlingsphänomen: Wie die von den Menschen hervorgebrachte Lebenswelt mit ihren Objektivationen wiederum die Menschen beeinflusst, prägt und lenkt. Intendierte Folgen des Handelns werden von unvorhergesehenen „Nebenfolgen“ konterkariert und zwingen zum Umdenken, was die psychische und physische Beweglichkeit der Menschen herausfordert und stresst.

Unter dem Oberbegriff „Dinge“, die uns prägen, werden u.a. „Instrumente“ und „Waren“ unterschieden. Erstere sind über ihre Nützlichkeit definiert, vom Küchenmesser bis zur Verkehrsampel – und fallen erst auf, wenn sie nicht mehr funktionieren; letztere definieren sich über ihren Tausch- und Symbolwert, von der Krawatte bis zur Prunkvilla – und fallen erst auf, wenn sie nicht mehr auffallen.

Diskussion

Tagungsbände sind immer Sammelbände: eklektizistische Anthologien. Vieles wiederholt sich, fast wortgleich, in den einzelnen Beiträgen, vor allem die Bezugnahmen von Thomas Luckmann auf Alfred Schütz. Die Fortschreibung der sozialphilosophischen Phänomenologie (Schütz) zur soziologisch-empirischen Phänomenologie (Luckmann) wird dadurch redundanter, aber nicht zwingend klarer.

Es ist ein Buch für Innenseiter, von Luckmannianern für Luckmannianer. Eine Einladung für Außenstehende ist es nur bedingt.

Luckmann wäre dank seines (selbst-)ironischen Talents mit sich selbst gewiss viel härter ins – vor allem: methodenkritische – Gericht gegangen als es seine posthumistisch betroffenen Nachfahren im vorliegenden Buch tun, wenige Monate nach seinem Tod.

Fazit

In dem 2018 im Hanser-Verlag erschienenen Buch von Heinz Bude, „Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968“, findet sich eine Passage, in der eine damals 24jährige Psychologiestudentin erzählt, wie sie zur „Achtundsechzigerin“ geworden ist:

„Ende der sechziger Jahre lag plötzlich eine Kategorie auf dem Tisch, die alles umkrempelte. Das war die Kategorie Gesellschaft. Die gab es vorher nicht.“ Überhaupt zu denken, dass es eine Gesellschaft gibt, die Menschen prägt, und nicht nur individuelle Erfahrungen einen prägen, das war ein großes Erweckungs-Erlebnis! „So ein Begriff wie gesellschaftliche Bedingtheit des Verhaltens, der hatte unglaubliche Folgen für den Umgang mit Problemen und für den Umgang mit dem einzelnen Menschen.“ Die Entdeckung der gesellschaftlichen Vermittelheit oder Bedingtheit von Allem und Jedem, das war von nun an nicht mehr wegzudenken. – An diesem Aufklärungs-Erlebnis hatte nicht nur die Wiederentdeckung von Marx ihren Anteil, sondern auch der Sozialkonstruktivist Thomas Luckmann.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 22.02.2019 zu: Martin Endreß, Alois Hahn (Hrsg.): Lebenswelttheorie und Gesellschaftsanalyse. Studien zum Werk von Thomas Luckmann. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2018. ISBN 978-3-7445-1202-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25207.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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