Christian Hawellek, Ursula Becker: Menschen mit Demenz erreichen und unterstützen
Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 03.06.2019
Christian Hawellek, Ursula Becker: Menschen mit Demenz erreichen und unterstützen – die Marte-Meo-Methode.
Vandenhoeck & Ruprecht
(Göttingen) 2018.
83 Seiten.
ISBN 978-3-525-40626-7.
12,00 EUR.
Reihe: Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten hrsg. von Arist von Schlippe.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension
Thema
Der Umgang mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium besitzt merkbare Anziehungskräfte ähnlich einem Magneten überwiegend für Modelle aus den Bereichen Behindertenhilfe. Konkret bedeutet dies, Konzepte aus diesen demenzfernen Berufsfeldern als Modelle für den Umgang mit Demenzkranken regelrecht neu zu erfinden, um sich auf dem expandierenden Markt der Dienstleistungen einer alternden Gesellschaft etablieren zu können. Als Beispiele hierfür können die Konzepte der „Basalen Stimulation“ (Buchholz et al. 2003) und „Snoezelen“ (Löding 2004) angeführt werden, die bisher noch den Nachweis ihrer Wirksamkeit im Bereich der Demenzpflege und Demenzbetreuung schuldig geblieben sind und aus der Sicht des Rezensenten diesbezüglich geradezu kontraproduktiv sind. Die vorliegende Publikation stellt ein Konzept aus der pädagogischen Beratung für Kinder und Jugendliche aus den Niederlanden vor, das ebenfalls den Anspruch erhebt, zugleich ein probates Unterstützungsmodell für die Versorgung Demenzkranker zu sein.
AutorInnen
Christian Hawellek, Dr. phil., Dipl. Päd., leitet das norddeutsche Marte-Meo-Institut und ist Lehrbeauftragter im Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaft der Universität Osnabrück.
Ursula Becker, Dr. med., Ärztin für Allgemeinmedizin, arbeitet in Alfter bei Bonn in eigener Praxis als systemische Therapeutin und Marte-Meo-Supervisorin.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist in drei Abschnitte mit fünf Kapiteln untergliedert.
In Abschnitt 1 (Der Kontext, Seite 13 - 34) erläutern die AutorInnen ihre Sichtweise auf der Grundlage der „systemischen Erkenntnistheorie“ zur Demenz. Ihrer Meinung nach lässt sich die Frage, „was Demenz eigentlich ist, nicht abschließend beantworten.“ (Seite 19). Es folgen einige kurze Fallvignetten mit dem Schwerpunkt einer erhöhten Vergesslichkeit (wiederholte Gratulation zum Geburtstag und das Erzählen der immer gleichen Geschichten), mittels der der schleichende Verlauf der Erkrankung beschrieben wird. Vertieft wird dieser Aspekt auch mit dem literarischen „Fall“ des demenzkranken Kommissars Wallander des Kriminalautors Henning Mankell in seinem Roman „Der Feind im Schatten“, der in einem Restaurant seine Dienstwaffe vergisst und später seine eigene Enkelin nicht mehr erkennt. Des Weiteren werden die Auswirkungen der Erkrankung auf die Angehörigen der Betroffenen beschrieben, die mit gravierenden Veränderungen in der familiären Rollen- und Verantwortungskonstellation einhergehen. In diesem Kontext wird auf ethnologische Studien über die verschiedenen Formen des altersbezogenen Statuswechsels in Stammesgemeinschaften (Rite de Passage beim Übertritt in den Erwachsenenstatus) als Parallele verwiesen. Den Abschluss des Kapitels bilden knappe Ausführungen über die „medizinische Sicht auf Demenz“ wie Demenzarten, altersbezogene Prävalenz, diagnostische Verfahren und den Krankheitsverlauf mit den verschiedenen Stadien des Abbauprozesses.
Abschnitt 2 (Die systemische Beratung, Seite 38 - 76) enthält zu Beginn einige Daten und Überlegungen zur Pflege Demenzkranker in stationären Einrichtungen der Altenhilfe. Demenzkranke stellen mittlerweile mit Abstand die größte Gruppe an Pflegeheimbewohnern. Anschließend werden Aspekte des „systemischen Denkens“ und der Methode „Marte-Meo“ in der Arbeit mit „Demenzbetroffenen“ kurz erwähnt, ohne jedoch diese Punkte eingehend zu erläutern. Bei der „videobasierten Marte-Meo-Methode“ handelt es sich um die Videoaufzeichnung von Pflege- und Betreuungsinteraktionen mit Demenzkranken und deren späteren Analyse und Interpretation mit Hilfe eines „geschulten Marte-Meo-Beraters“. Ein Orientierungsrahmen hierbei ist der Ansatz der „Salutogenese“ von Antononvsky, demnach die seelische Gesundheit stark von der Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit der Lebenszusammenhänge abhängt. Durch die Erkrankung wiederholt auftretende Fehl- und Minderleistungen werden dann von den Betroffenen als „epistemische Verunsicherung“ erfahren. Der Leitgedanke der „Marte-Meo-Arbeit mit Demenzbetroffenen“ besteht dann darin, „die Beziehung zu den Menschen mit Demenz so zu gestalten, dass das Gefühl der Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Sinnhaftigkeit sowie das Zutrauen zu sich selbst möglichst lange erhalten bleibt.“ (Seite 48). Es folgen Erfahrungsberichte dieser Methode in der Pflege und Betreuung Demenzkranker mittels kurzer Zusammenfassung mehrerer Videoclips. Es handelt sich hierbei um Szenen aus der Pflege und Betreuung: u.a. gemeinsames „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel, Frühstücksituation und Unterstützung beim Zähneputzen. Abschließend werden knapp drei Erhebungen angeführt, die die Wirksamkeit der Methode Marte-Meo bei Demenzkranken belegt haben sollen.
Abschnitt 3 (Am Ende, Seite 80 - 83) besteht aus dem Literaturverzeichnis und AutorInnenhinweisen.
Diskussion und Fazit
Die vorliegende Publikation vermag aus vielerlei Sicht nicht zu überzeugen, denn die Ausführungen beruhen aus der Sicht des Rezensenten auf einer gravierend deutlichen Form eines Dilettantismus im Bereich Demenzpflege und Demenzbetreuung, der gegenwärtig in Deutschland en vogue zu sein scheint.
Belegen lassen sich diese fachlichen unzureichenden Leistungen u.a. anhand der folgenden Aspekte:
- Demenz wird hier als Erkrankung und zugleich als Nichterkrankung deklariert. So werden z.B. neben dem Begriff Krankheit auch die Begriffe „Phänomen“ und „Betroffenheit“ („demenzbetroffene Personen“) verwendet. Hierdurch wird der Kausalzusammenhang von Hirn und Verhalten im pathologischen Kontext negiert. Auch in der Begrifflichkeit „demenzielle Entwicklungen“ wird der Sachverhalt einer nichtpathologischen Sichtweise der Demenz eklatant. Bei Demenzen handelt es sich jedoch nicht um „Entwicklungen“, sondern um neurodegenerative Abbauprozesse gemäß den Reisberg- und Braak-Stadien mitsamt der damit einhergehenden krankhaften Verhaltenssymptomatik.
- Es wird kein wissenschaftlich belegbarer Orientierungsrahmen vorgestellt, der die „Marte-Meo-Methode“ demenzspezifisch fundieren könnte. Der bloße Verweis auf die so genannte „Salutogenese“ ist in diesem Zusammenhang nicht ausreichend und auch nicht angemessen.
- Der Einsatz von Beobachtungen als Regulierungsinstrumentarium hat sich in der Demenzpflege und Demenzbetreuung weder bewährt noch durchgesetzt, wie es das Beispiel „Dementia Care Mapping“ (DCM) vor Jahren deutlich gezeigt hat (Innes 2004). Diese Vorgehensweisen werden von den Betroffenen als befremdlich, künstlich und damit zugleich auch als belastend erlebt, sodass diese Methoden als Instrumente zur Optimierung hierbei weder effektiv noch effizient sind.
Der Dilettantismus im Bereich der Demenzpflege und Demenzbetreuung kann teils mit dem unrühmlichen Sachverhalt erklärt werden, dass trotz immerwährender Ankündigungen seitens der pharmakologischen Forschung es bisher noch nicht gelungen ist, Demenz als Krankheit Einhalt zu gebieten. Neurodegenerative Demenzen sind also immer noch unheilbar. Hierdurch verlor für viele die neurowissenschaftliche Forschung die ihr eigentlich zustehende Deutungshoheit. Hinzu kam noch der Umstand, dass neurowissenschaftliche Erkenntnisse wie z.B. die Nonnenstudie von David Snowdon in Fachdiskussionen unzureichend und teils auch völlig falsch interpretiert wurden (Snowdon 2001). Diese Gegebenheiten führten in den Bereichen Pflege und Betreuung zu einer Orientierungslosigkeit, denn es fehlte nun ein wissenschaftlich allgemeinverbindlicher Bezugsrahmen. Hierdurch entstand dann Raum für diverse Sichtweisen und Einstellungen, das „Phänomen“ Demenz teils sehr individuell zu deuten.
Diese aus pflegerischer Sicht unzumutbaren Umstände einer fachlich völligen Unverbindlichkeit im Umgang mit Demenzkranken verunsichert alle Betroffenen: die beruflich Pflegenden und Betreuenden, die pflegenden Angehörigen und letztlich damit auch indirekt die Demenzkranken. Es bleibt zu hoffen, dass der Forderung von Gutzmann und Zankaus dem Jahre 2005 möglichst bald einmal Rechnung gezollt werden wird, dass auch in der Demenzpflege und Demenzbetreuung psychosoziale Interventionsformen einen empirisch abgesicherten Wirksamkeitsnachweis und gleichzeitig auch Nachweis der Unschädlichkeit vor Zulassung in der Versorgung Demenzkranker erbringen sollten (Gutzmann et al. 2005).
Es kann das Fazit gezogen werden, dass die vorliegende Veröffentlichung keine neuen Impulse für die Demenzpflege und Demenzbetreuung enthält. Dementsprechend darf dann auch nicht mit einer „Win-win Situation“ (Klappentext) beim Einsatz dieser Vorgehensweise gerechnet werden.
Literatur
Buchholz, T. und Schürenberg, A. (2003): Lebensbegleitung alter Menschen. Verlag Hans Huber (Bern). www.socialnet.de/rezensionen/299.php
Gutzmann, H. und Zank, S. (2005): Demenzielle Erkrankungen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart). www.socialnet.de/rezensionen/2741.php
Innes, A. (2004). Die Dementia Care Mapping Methode (DCM). Verlag Hans Huber (Bern). www.socialnet.de/rezensionen/1647.php
Löding, C. (2004): Snoezelen. Urban & Fischer (München, Jena). www.socialnet.de/rezensionen/641.php
Snowdon, D. (2001). Lieber alt und gesund. Karl Blessing Verlag (München).
Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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