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Christian Hawellek, Ursula Becker: Menschen mit Demenz erreichen und unterstützen

Cover Christian Hawellek, Ursula Becker: Menschen mit Demenz erreichen und unterstützen – die Marte-Meo-Methode. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 83 Seiten. ISBN 978-3-525-40626-7. 12,00 EUR.

Reihe: Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten hrsg. von Arist von Schlippe.
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Thema

Der Umgang mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium besitzt merkbare Anziehungskräfte ähnlich einem Magneten überwiegend für Modelle aus den Bereichen Behindertenhilfe. Konkret bedeutet dies, Konzepte aus diesen demenzfernen Berufsfeldern als Modelle für den Umgang mit Demenzkranken regelrecht neu zu erfinden, um sich auf dem expandierenden Markt der Dienstleistungen einer alternden Gesellschaft etablieren zu können. Als Beispiele hierfür können die Konzepte der „Basalen Stimulation“ (Buchholz et al. 2003) und „Snoezelen“ (Löding 2004) angeführt werden, die bisher noch den Nachweis ihrer Wirksamkeit im Bereich der Demenzpflege und Demenzbetreuung schuldig geblieben sind und aus der Sicht des Rezensenten diesbezüglich geradezu kontraproduktiv sind. Die vorliegende Publikation stellt ein Konzept aus der pädagogischen Beratung für Kinder und Jugendliche aus den Niederlanden vor, das ebenfalls den Anspruch erhebt, zugleich ein probates Unterstützungsmodell für die Versorgung Demenzkranker zu sein.

AutorInnen

Christian Hawellek, Dr. phil., Dipl. Päd., leitet das norddeutsche Marte-Meo-Institut und ist Lehrbeauftragter im Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaft der Universität Osnabrück.

Ursula Becker, Dr. med., Ärztin für Allgemeinmedizin, arbeitet in Alfter bei Bonn in eigener Praxis als systemische Therapeutin und Marte-Meo-Supervisorin.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei Abschnitte mit fünf Kapiteln untergliedert.

In Abschnitt 1 (Der Kontext, Seite 13 - 34) erläutern die AutorInnen ihre Sichtweise auf der Grundlage der „systemischen Erkenntnistheorie“ zur Demenz. Ihrer Meinung nach lässt sich die Frage, „was Demenz eigentlich ist, nicht abschließend beantworten.“ (Seite 19). Es folgen einige kurze Fallvignetten mit dem Schwerpunkt einer erhöhten Vergesslichkeit (wiederholte Gratulation zum Geburtstag und das Erzählen der immer gleichen Geschichten), mittels der der schleichende Verlauf der Erkrankung beschrieben wird. Vertieft wird dieser Aspekt auch mit dem literarischen „Fall“ des demenzkranken Kommissars Wallander des Kriminalautors Henning Mankell in seinem Roman „Der Feind im Schatten“, der in einem Restaurant seine Dienstwaffe vergisst und später seine eigene Enkelin nicht mehr erkennt. Des Weiteren werden die Auswirkungen der Erkrankung auf die Angehörigen der Betroffenen beschrieben, die mit gravierenden Veränderungen in der familiären Rollen- und Verantwortungskonstellation einhergehen. In diesem Kontext wird auf ethnologische Studien über die verschiedenen Formen des altersbezogenen Statuswechsels in Stammesgemeinschaften (Rite de Passage beim Übertritt in den Erwachsenenstatus) als Parallele verwiesen. Den Abschluss des Kapitels bilden knappe Ausführungen über die „medizinische Sicht auf Demenz“ wie Demenzarten, altersbezogene Prävalenz, diagnostische Verfahren und den Krankheitsverlauf mit den verschiedenen Stadien des Abbauprozesses.

Abschnitt 2 (Die systemische Beratung, Seite 38 - 76) enthält zu Beginn einige Daten und Überlegungen zur Pflege Demenzkranker in stationären Einrichtungen der Altenhilfe. Demenzkranke stellen mittlerweile mit Abstand die größte Gruppe an Pflegeheimbewohnern. Anschließend werden Aspekte des „systemischen Denkens“ und der Methode „Marte-Meo“ in der Arbeit mit „Demenzbetroffenen“ kurz erwähnt, ohne jedoch diese Punkte eingehend zu erläutern. Bei der „videobasierten Marte-Meo-Methode“ handelt es sich um die Videoaufzeichnung von Pflege- und Betreuungsinteraktionen mit Demenzkranken und deren späteren Analyse und Interpretation mit Hilfe eines „geschulten Marte-Meo-Beraters“. Ein Orientierungsrahmen hierbei ist der Ansatz der „Salutogenese“ von Antononvsky, demnach die seelische Gesundheit stark von der Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit der Lebenszusammenhänge abhängt. Durch die Erkrankung wiederholt auftretende Fehl- und Minderleistungen werden dann von den Betroffenen als „epistemische Verunsicherung“ erfahren. Der Leitgedanke der „Marte-Meo-Arbeit mit Demenzbetroffenen“ besteht dann darin, „die Beziehung zu den Menschen mit Demenz so zu gestalten, dass das Gefühl der Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Sinnhaftigkeit sowie das Zutrauen zu sich selbst möglichst lange erhalten bleibt.“ (Seite 48). Es folgen Erfahrungsberichte dieser Methode in der Pflege und Betreuung Demenzkranker mittels kurzer Zusammenfassung mehrerer Videoclips. Es handelt sich hierbei um Szenen aus der Pflege und Betreuung: u.a. gemeinsames „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel, Frühstücksituation und Unterstützung beim Zähneputzen. Abschließend werden knapp drei Erhebungen angeführt, die die Wirksamkeit der Methode Marte-Meo bei Demenzkranken belegt haben sollen.

Abschnitt 3 (Am Ende, Seite 80 - 83) besteht aus dem Literaturverzeichnis und AutorInnenhinweisen.

Diskussion und Fazit

Die vorliegende Publikation vermag aus vielerlei Sicht nicht zu überzeugen, denn die Ausführungen beruhen aus der Sicht des Rezensenten auf einer gravierend deutlichen Form eines Dilettantismus im Bereich Demenzpflege und Demenzbetreuung, der gegenwärtig in Deutschland en vogue zu sein scheint.

Belegen lassen sich diese fachlichen unzureichenden Leistungen u.a. anhand der folgenden Aspekte:

  • Demenz wird hier als Erkrankung und zugleich als Nichterkrankung deklariert. So werden z.B. neben dem Begriff Krankheit auch die Begriffe „Phänomen“ und „Betroffenheit“ („demenzbetroffene Personen“) verwendet. Hierdurch wird der Kausalzusammenhang von Hirn und Verhalten im pathologischen Kontext negiert. Auch in der Begrifflichkeit „demenzielle Entwicklungen“ wird der Sachverhalt einer nichtpathologischen Sichtweise der Demenz eklatant. Bei Demenzen handelt es sich jedoch nicht um „Entwicklungen“, sondern um neurodegenerative Abbauprozesse gemäß den Reisberg- und Braak-Stadien mitsamt der damit einhergehenden krankhaften Verhaltenssymptomatik.
  • Es wird kein wissenschaftlich belegbarer Orientierungsrahmen vorgestellt, der die „Marte-Meo-Methode“ demenzspezifisch fundieren könnte. Der bloße Verweis auf die so genannte „Salutogenese“ ist in diesem Zusammenhang nicht ausreichend und auch nicht angemessen.
  • Der Einsatz von Beobachtungen als Regulierungsinstrumentarium hat sich in der Demenzpflege und Demenzbetreuung weder bewährt noch durchgesetzt, wie es das Beispiel „Dementia Care Mapping“ (DCM) vor Jahren deutlich gezeigt hat (Innes 2004). Diese Vorgehensweisen werden von den Betroffenen als befremdlich, künstlich und damit zugleich auch als belastend erlebt, sodass diese Methoden als Instrumente zur Optimierung hierbei weder effektiv noch effizient sind.

Der Dilettantismus im Bereich der Demenzpflege und Demenzbetreuung kann teils mit dem unrühmlichen Sachverhalt erklärt werden, dass trotz immerwährender Ankündigungen seitens der pharmakologischen Forschung es bisher noch nicht gelungen ist, Demenz als Krankheit Einhalt zu gebieten. Neurodegenerative Demenzen sind also immer noch unheilbar. Hierdurch verlor für viele die neurowissenschaftliche Forschung die ihr eigentlich zustehende Deutungshoheit. Hinzu kam noch der Umstand, dass neurowissenschaftliche Erkenntnisse wie z.B. die Nonnenstudie von David Snowdon in Fachdiskussionen unzureichend und teils auch völlig falsch interpretiert wurden (Snowdon 2001). Diese Gegebenheiten führten in den Bereichen Pflege und Betreuung zu einer Orientierungslosigkeit, denn es fehlte nun ein wissenschaftlich allgemeinverbindlicher Bezugsrahmen. Hierdurch entstand dann Raum für diverse Sichtweisen und Einstellungen, das „Phänomen“ Demenz teils sehr individuell zu deuten.

Diese aus pflegerischer Sicht unzumutbaren Umstände einer fachlich völligen Unverbindlichkeit im Umgang mit Demenzkranken verunsichert alle Betroffenen: die beruflich Pflegenden und Betreuenden, die pflegenden Angehörigen und letztlich damit auch indirekt die Demenzkranken. Es bleibt zu hoffen, dass der Forderung von Gutzmann und Zankaus dem Jahre 2005 möglichst bald einmal Rechnung gezollt werden wird, dass auch in der Demenzpflege und Demenzbetreuung psychosoziale Interventionsformen einen empirisch abgesicherten Wirksamkeitsnachweis und gleichzeitig auch Nachweis der Unschädlichkeit vor Zulassung in der Versorgung Demenzkranker erbringen sollten (Gutzmann et al. 2005).

Es kann das Fazit gezogen werden, dass die vorliegende Veröffentlichung keine neuen Impulse für die Demenzpflege und Demenzbetreuung enthält. Dementsprechend darf dann auch nicht mit einer „Win-win Situation“ (Klappentext) beim Einsatz dieser Vorgehensweise gerechnet werden.

Literatur

Buchholz, T. und Schürenberg, A. (2003): Lebensbegleitung alter Menschen. Verlag Hans Huber (Bern). www.socialnet.de/rezensionen/299.php

Gutzmann, H. und Zank, S. (2005): Demenzielle Erkrankungen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart). /www.socialnet.de/rezensionen/2741.php004

Innes, A. (2004). Die Dementia Care Mapping Methode (DCM). Verlag Hans Huber (Bern). www.socialnet.de/rezensionen/1647.php

Löding, C. (2004): Snoezelen. Urban & Fischer (München, Jena). www.socialnet.de/rezensionen/641.php

Snowdon, D. (2001). Lieber alt und gesund. Karl Blessing Verlag (München).


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
E-Mail Mailformular


Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Folgende Replik der AutorInnen des rezensierten Buchs wurde am 17.06.2019 veröffentlicht:

Es ist schon erstaunlich, mit welcher verbalen Wucht sich der Furor eines sich zweifellos als rechtschaffen erlebenden Wissenschaftlers gegen den „ausufernden Dilettantismus“ in seinem Fachgebiet Luft verschaffen kann. Ein solches Beispiel liefert Dr. Sven Lindt von der gerontologischen Beratung Haan, der in einer seiner vielen Rezensionen das vernichtende Verdikt einer „gravierend deutlichen Form“ von Dilettantismus auch gegen unser kleines Buch aus der Reihe „Leben, Lieben, Arbeiten“ verhängen zu müssen meint. Es trägt den eigentlich unverdächtigen Titel „Menschen mit Demenz erreichen und unterstützen – die Marte Meo Methode“ und fasst unsere mehrjährigen Erfahrungen im Kontext der Arbeit mit demenzkranken Personen und dem entsprechenden Fachpersonal in sehr unterschiedlichen Einrichtungen zusammen – praktisches und professionelles Erfahrungswissen also. Der Rezensent reklamiert für sich die Seite evidenzbasierter Fachlichkeit. Fremde Ansätze, darunter eben auch Marte Meo, stuft er als „geradezu kontraproduktiv“ ein (allerdings bleibt er den Beleg für die Evidenzbasierung dieser Aussage schuldig). Mehr noch: er verdächtigt sie, sich (lediglich) „auf dem expandierenden Markt einer alternden Gesellschaft“ etablieren zu wollen. Damit ist ein Bild gezeichnet, in dem sich die richtige Wissenschaft der Gerontologie gegen den ungezügelten Wildwuchs fachfremder Übergriffe verteidigen muss. Soviel zu den zumindest noch verständlichen Motiven für die Rezension.

Doch nun zum eigentlich Ärgerlichen, den vorgetragenen Argumenten. Die Ausführungen belegen eine eklatante Unkenntnis der Grundlagen einer beobachtungsgeleiteten systemischen Sozialarbeit nach der Marte Meo Methode. Diese ist aus der sozialen Praxis heraus entstanden und findet im Kontext professionellen Handels in der kontinuierlichen Differenz von Theorie und Praxis statt. Konkrete Beobachtungen von Alltagssituationen werden in der Marte Meo Arbeit zum Gegenstand einer gemeinsamen Beobachtung und Evaluation, vor allem mit Blick auf gelingende soziale Abläufe. Die Videoarbeit ermöglicht es dabei, auch kleine gelingende Interaktionen, ein Lächeln, einen Blickkontakt, ein übersehenes Kooperationsangebot o.ä. hervorzuheben. Diese Form der Rückmeldung wurde, wie Herr Lind richtig hervorhebt, in der Arbeit mit Familien mit kleinen Kindern entwickelt. Seine Vorstellung eines imperialen Griffs auf die lukrative Arbeit mit Alten und Dementen greift aber zu kurz: es liegt hier eine ausgearbeitete Methodologie für die Arbeit mit Menschen vor, deren sprachliche Ausdrucksfähigkeiten noch nicht (Babies) oder nicht mehr (alte und demente Personen) so zur Verfügung stehen, dass sie aktiv daran mitwirken können, soziale Situationen gut zu gestalten. So lernen die professionellen Helfer mit der Marte Meo Methode Mikrosignale bei den ihnen Anvertrauten lesen und darauf entsprechend zu reagieren.

Genau dieses Erfahrungswissen sollte unser Buch den LeserInnen nahebringen. Offenbar ist uns dies nicht so gelungen, dass wir den Rezensenten überzeugen konnten. Daher sei er freundlich eingeladen, sich detailliert über die Methode zu informieren und sich von ihrem zukunftsweisenden Potential in der Arbeit mit Menschen mit Demenz zu überzeugen. Denn im Kern verfolgen er und wir doch das gleiche Ziel: die betroffenen Menschen in ihrem Schicksal professionell und wissenschaftlich gestützt so gut wie möglich zu begleiten. Nur sehen wir den Begriff „wissenschaftlich“ offenbar wesentlich weiter gefasst als der Rezensent.

Christian Hawellek, Ursula Becker


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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 03.06.2019 zu: Christian Hawellek, Ursula Becker: Menschen mit Demenz erreichen und unterstützen – die Marte-Meo-Methode. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-40626-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25211.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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