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Kirsten von Sydow, Ulrike Borst (Hrsg.): Systemische Therapie in der Praxis

Cover Kirsten von Sydow, Ulrike Borst (Hrsg.): Systemische Therapie in der Praxis. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. 1063 Seiten. ISBN 978-3-621-28527-8. D: 89,00 EUR, A: 91,50 EUR, CH: 113,00 sFr.
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Thema

Dieses umfassende, über 1064 Seiten ausmachende Lehrbuch befasst sich ausgiebig mit den diversen Aspekten der Systemischen Therapie. Es ist ein wirklich umfangreiches Werk, das den Scientist- Practitioner-Ansatz verfolgt und fundierte Methoden und Verfahren vorstellt. 75 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich, Israel, Großbritannien, USA, Schweiz und Dänemark haben Beiträge zu dem Werk verfasst. 

Herausgeberinnen

Prof. Dr. phil. Kirsten von Sydow ist Psychologin, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapeutin, systemische Paar- und Familientherapeutin, psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Sie ist Professorin an der Psychologischen Hochschule Berlin und lehrt an unterschiedlichen Ausbildungsinstituten. Sie ist stellvertretendes Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie und (Mit-) Autorin mehrerer Fachbücher.

Dr. rer. nat. Ulrike Borst ist Psychologin und approbierte psychologische Psychotherapeutin und hat Weiterbildungen in systemischer Beratung und Therapie absolviert. Sie ist Supervisorin und leitet das Ausbildungsinstitut für systemische Therapie und Beratung in Meilen/Zürich. Sie hat eine eigene Praxis und ist zudem als In-House-Trainerin und Projektleiterin tätig. Außerdem ist sie Lehrtherapeutin und Lehrende Supervisorin sowie (Mit-) Autorin mehrerer Bücher und Mitherausgeberin der Fachzeitschrift „Familiendynamik“.

Entstehungshintergrund

Dieses umfassende Lehrwerk wurde von den beiden Herausgeberinnen initiiert. Die Idee hierzu kam im Nachgang zu zwei anderen Büchern des Beltz-Verlages („Verhaltenstherapie in der Praxis“ und „Psychodynamische Therapie in der Praxis“), die jeweils mit einer Lehr-DVD herausgegeben wurden. Daher entschlossen sich die Herausgeberinnen ein Lehrwerk zur Systemischen Therapie zu veröffentlichen, zu dem es ebenfalls eine DVD gibt.

Aufbau

Das Werk ist ausgesprochen gut strukturiert und klar aufgebaut.

Nach einer Einführung werden die Grundlagen und Rahmenbedingungen systemischer Therapie beschrieben, insbesondere hinsichtlich des Rahmens der Therapie und der besonderen therapeutischen Beziehung.

Danach werden der Therapiebeginn, das Erstgespräch und die Diagnostik eingehend thematisiert.

Diesem zweiten Großkapitel folgt dann das seitenmäßig stärkste Kapitel zu den diversen Basisinterventionen der systemischen Therapie. Besondere Settings und Anwendungsformen, wie beispielsweise Multifamilientherapien oder aufsuchende Familientherapie, sind im vierten Kapitel Thema, während das fünfte Kapitel sich auf störungs- und problemspezifische Ansätze bei Erwachsenen bezieht und insbesondere Depressionen, psychotische Störungen, PTBS, sexuelle Störungen und Angststörungen zum Thema macht.

Ein ähnlich aufgebautes Kapitel über störungs- und problemspezifische Ansätze findet sich dann für Kinder und Jugendliche bzw. junge Erwachsene zu den Themenbereichen ADHS, Essstörungen, Schulverweigerung, Internet-Störungen und vielen anderen Themenbereichen.

Im siebten Kapitel wird die systemische Therapie in speziellen Kontexten vorgestellt, wie zum Beispiel Krisenintervention, Suizidalität, Kindeswohlgefährdung, Online- Therapie, Migration und Flucht, usw.

Die Kapitel 8 und 9 befassen sich mit systemisch-integrativen Therapiemanualen bei Erwachsenen bzw. bei Kindern und Jugendlichen.

Das zehnte Kapitel hat das Thema „Methodenintegration“ und weitere Aspekte professioneller Praxis. Hier werden ethische Fragestellungen, Approbationsausbildung, Aus- und Weiterbildung sowie die wissenschaftliche Anerkennung zum Thema gemacht.

Auf knapp 80 Seiten werden im Anhang dann die verwendete Literatur und die Herausgeberinnen vorgestellt sowie zwei Verzeichnisse der Autoren/-innen und der verwendeten Sachwörter zur Verfügung gestellt. 

Inhalt

Dieses fast zwei Kilogramm schwere Buch enthält in zehn großen Teilen ein weites Spektrum an Ansätzen der systemischen Therapie. Hierzu zählen traditionell-systemische genauso wie neuere Ansätze. Den zehn Großkapiteln sind jeweils orientierende Einführungen durch die Herausgeberinnen vorangestellt. Die einzelnen, jeweils ähnlich aufgebauten Kapitel leben von einem guten Layout, das neben den Absätzen durch Fett- und Kursivdruck sowie durch Graphiken und Tabellen sowie Grauunterlegungen das Buch sehr gut strukturiert. Zudem helfen Kästen mit FAQ, Beispielen und Übersichten sich in dem vielseitigen Buch zurecht zu finden.

Die Grundhaltungen der systemischen Therapie, der besondere Rahmen einer Therapie sowie die spezifische therapeutische Beziehung werden im ersten Kapitel gut von den beiden Herausgeberinnen dargestellt.

Hieran schließt im zweiten Kapitel der Therapiebeginn, das Erstgespräch und die Diagnostik an. Hier ist es gut, wie die einzelnen Autoren/-innen sich intensiv mit Erstgesprächen, Auftrags- und Zielklärung, der Diagnostik, gebotenen Indikationen sowie der Qualitätssicherung, Evaluation und den Umgang mit Diagnosen und Arztbriefen befassen.

Der dritte Teil mit 16 Unterkapiteln ist derjenige, welcher als der Kernteil des Buches angesehen werden kann; jedenfalls in der Hinsicht, wenn es um „Basisinterventionen der systemischen Therapie“ geht. Hier schaffen es die Autoren/-innen ein breites Spektrum klassisch-bewährter und neuerer Interventionen abzudecken. Dabei beschreibt das gute Duzend an Autorinnen und Autoren, die aus der Praxis und der Lehre kommen, von Ressourcenaktivierung über Arbeit mit Ritualen oder inneren Anteilen, Skulpturen und Aufstellungen bis hin zum Externalisieren oder videogestützten Interventionen tatsächlich die Vielfalt darzulegen und dabei praktische und theoretische Anteile gut miteinander zu verknüpfen. Für die passende Reflexion der einzelnen Interventionen sorgen die jeweils gut dargestellten theoretischen Hintergründe und die kritischen Einordnungen.

Da systemische Therapien in unterschiedlichen Settings praktiziert werden, ist es folgerichtig, dass den „Settings und Anwendungsformen“ ein eigener Teil (vier) gewidmet wird. So werden hier acht unterschiedliche Settings beschrieben und auch auf die Veränderung eines Settings als Interventionsform eingegangen. Über die Einzel- oder Familientherapie hinaus werden sowohl die Paar-, Gruppen, Multifamilientherapie vorgestellt als auch die Arbeit mit komplexen Helfersystemen und die aufsuchende Familientherapie.

Den in den letzten Jahren verstärkt zu verzeichnenden Trend, störungs- und problemspezifisch beim systemischen Arbeiten anzusetzen, werden die Teile fünf und sechs gerecht. Denn hier finden sich sowohl für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche zu allen speziellen und gängigen Themenbereichen entsprechende Kapitel. Nach einem kurzen Überblick über die jeweilige Diagnose, wie z.B. Angststörungen, psychotische Störungen, Substanzgebrauchsstörungen, Schulverweigerung oder Essstörungen, wird dargelegt, welche Herangehensweisen bislang als hilfreich erachtet wurden, welche weitere Optionen es gibt und welche möglichen Probleme und Schwierigkeiten auftreten können.

Der siebte Teil des Bandes rückt nicht die möglichen Störungen bei einzelnen Personen in den Fokus, sondern konzentriert sich auf besondere Kontexte. Hier werden vor allem Praktiker/-innen davon profitieren können, dass sie zu speziellen Themenbereichen und Kontexten klare Aussagen erhalten. Hierzu gehören als Themen unter anderem Suizidalität, Trennung, Kindeswohlgefährdung, Patchwork, Sterben und Tod, alte Menschen, geschlechtsspezifische Aspekte sowie Schreiben in der Systemischen Therapie oder Online-Therapie.

Im Abschnitt acht und neun des Bandes werden diverse systemisch-integrative Manuale vorgestellt, die sich auf die Anwendung in der klinischen Praxis beziehen, aber auch in anderen Bezugsrahmen Anwendung finden können. Die altersgruppenspezifische Darstellung ist dabei sehr hilfreich, da systemische Therapeuten/-innen oftmals entweder bei Kindern und Jugendlichen oder bei Erwachsenen hauptsächlich tätig sind; auch wenn es hier diverse Schnittmengen gibt. Beispielhaft sind hier das „Ich schaff's – Programm“ oder das durch von Schlippe und Omer konzipierte elterliche Präsenz- Programm zu nennen.

Im letzten großen Buchabschnitt werden spezielle Gesichtspunkte aus der professionellen Praxis zum Thema gemacht, die oftmals nur am Rande von Aus- bzw. Weiterbildungen thematisiert werden. Dazu zählen die Ethik und das Berufsrecht, die aktuelle Situation der kassenrechtlichen Anerkennung der systemischen Therapie, die Approbationsausbildung und -prüfung sowie die Entwicklung der Aus- und Weiterbildung in systemischer Therapie an Hochschulen und privaten Ausbildungsinstituten.

Diskussion

Dieser Fachsammelband bringt die Leserinnen und Leser auf den neuesten Stand der systemischen Therapie in Praxis und Theorie und zeigt mit der Darstellung bewährter Methoden und theoretischer Hintergründe ein ungemeines Spektrum. Das Nebeneinanderstellen unterschiedlicher Konzepte erfolgt durch einen klaren, nachvollziehbaren Aufbau und erleichtert so ungemein die Lesbarkeit. Die einzelnen Kapitel überzeugen durch Alltags- bzw. professionsbezogene Beschreibungen. Die Herausgeberinnen überzeugen insbesondere durch die Offenlegung ihrer Buchkonzeption und die so sorgsame Verknüpfung von Wissenschaft, Forschung und Praxis. Die gründlich durchdachte Layout- Gestaltung und die gut nachvollziehbare Kapiteleinteilung machen diesen Band zu einem Durchblätter- und Nachschlagebuch, welches sowohl für Personen in der Ausbildung wie auch für Praktiker/-innen und Lehrende eine wahre Fundgrube darstellt. 

Fazit

Ein phänomenal gut konzipiertes systemisches Fachbuch, welches Methoden theoretisch untermauert und Theorien praktisch nachvollziehbar werden lässt. Auch wenn der Preis und der Umfang zunächst abschreckend wirken können, so lohnt sich doch die Anschaffung dieses Werkes, welches das Zeug hat, zum Standardwerk zu werden!


Rezensent
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 26.06.2019 zu: Kirsten von Sydow, Ulrike Borst (Hrsg.): Systemische Therapie in der Praxis. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. ISBN 978-3-621-28527-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25222.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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