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Alexander von Gontard: Psychische Störungen bei Säuglingen, Klein- und Vorschulkindern

Cover Alexander von Gontard: Psychische Störungen bei Säuglingen, Klein- und Vorschulkindern. Ein praxisorientiertes Lehrbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 295 Seiten. ISBN 978-3-17-031671-3. 39,00 EUR.
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Thema

Psychische Störungen sind bei jungen Kindern genauso häufig wie bei älteren Kindern, dennoch werden Auffälligkeiten im frühen Lebensalter oftmals übersehen, nicht adäquat diagnostiziert und behandelt. Dieses Lehrbuch gibt einen Überblick über die verschiedenen psychischen Störungen bei Säuglingen, Klein- und Vorschulkindern und zeigt Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie auf.

Autor

Von Gontard ist Arzt und seit 2003 als Lehrstuhlinhaber und Professor an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums des Saarlandes tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Ausscheidungsstörungen, Verhaltensphänotypien, psychische Störungen bei Säuglingen, Klein- und Vorschulkindern, Spiritualität, Psychotherapie und Sandspieltherapie. Von Gontard hat zahlreiche deutschsprachige und internationale Publikationen, Buchkapitel und Monographien veröffentlicht.

Entstehungshintergrund

Nachdem im internationalen Kontext die Berücksichtigung der Besonderheiten von psychischen Störungen bei jungen Kindern schon lange etabliert ist, hat sich auch in Deutschland in den letzten Jahren eine rasant expandierende Forschungsaktivität gezeigt. Zudem wurden spezielle Ambulanzen, Tageskliniken und stationäre Angebote für Kinder und ihre Eltern geschaffen. Daher hat von Gontard sein Lehrbuch „Kinder- und Jugendpsychiatrie“ (2010) komplett überarbeitet und ergänzt. Als Orientierung wurde hierbei das „Handbook of Preschool Mental Health“ (Luby, 2006) verwendet, das 2017 neu aufgelegt wurde. Der veränderte Titel des vorliegenden Werkes orientiert sich an den neuen interdisziplinären deutschen Leitlinien (AWMF; von Gontard et al., 2015) und soll ausdrücken, dass es die gesamte Altersspanne von der Geburt bis zur Einschulung umfasst.

Aufbau und Inhalt

Das insgesamt 295 Seiten umfassende Werk ist in 16 Kapitel gegliedert. Der Aufbau des Buches „Kinder- und Jugendpsychiatrie“ (von Gontard, 2010) wurde beibehalten, aber in wichtigen Punkten ergänzt. So wurden beispielsweise die Autismus-Spektrum-Störungen als wichtige tiefgreifende Entwicklungsstörungen, die schon im frühen Alter vorhanden sind, aufgenommen. Auch andere, seltenere Störungen bei jungen Kindern (z.B. selektiver Mutismus und Zwangsstörungen) werden ausführlicher dargestellt.

Das vorliegende Buch behandelt nach einer allgemeinen Einleitung zwölf der wichtigsten psychischen Störungen des Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalters:

  1. Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung,
  2. Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem Verhalten,
  3. Ausscheidungsstörungen,
  4. posttraumatische Belastungsstörungen,
  5. Bindungsstörungen,
  6. depressive Störungen,
  7. Angststörungen,
  8. Anpassungsstörungen,
  9. sensorische Verarbeitungsstörungen,
  10. Essstörungen,
  11. Schlafstörungen und
  12. die exzessive Schreistörung.

Jedes störungsspezifische Kapitel ist dabei ähnlich aufgebaut: Zunächst werden die Definition und Klassifikation erklärt sowie Studien zur Prävalenz dargestellt. Nach der Abhandlung von speziellen Aspekten der Diagnostik folgen Ausführungen zur klinischen Ausprägung. Im Anschluss an die Darstellung von Ätiologie und Pathogenese werden wirksame und bewährte Behandlungskonzepte vorgestellt. Der therapeutische Schwerpunkt liegt hierbei eindeutig auf der Psychotherapie. Für manche Störungen, wie z.B. ADHS, kann auch bei jungen Kindern eine ergänzende Pharmakotherapie sinnvoll sein. Im Unterkapitel „Verlauf und Prognose“ geht es jeweils darum, wie sich die Erkrankung im weiteren Verlauf entwickelt. Am Ende jedes störungsspezifischen Kapitels werden die wichtigsten Aspekte zusammengefasst und Schlüsselempfehlungen der interdisziplinären deutschen Leitlinien (AWMF) wiedergegeben. Diese Empfehlungen werden durch Flussschemata mit Entscheidungsbäumen grafisch veranschaulicht.

Neben den ausführlich behandelten Störungsbildern finden sich in Kapitel 14 weitere Störungen des jungen Kindesalters, die in kürzerer Form dargestellt werden:

  1. Autismus-Spektrum-Störungen,
  2. Trichotillomanie,
  3. Dermatomanie,
  4. Zwangsstörungen und
  5. Ticstörungen.

Das 15. Kapitel widmet sich den Beziehungsstörungen zwischen Bezugspersonen und Kind, die separat erfasst und klassifiziert werden. Hier wird versucht, die Störung einer Beziehung und nicht die psychische Störung eines Kindes zu definieren.

Nach einem kurzen Ausblick wurden abschließend im Anhang des Buches Materialien zusammengetragen, die in der Praxis hilfreich sein können: eine Übersetzung der amerikanischen Leitlinien zur Diagnostik psychischer Störungen von Säuglingen und Kleinkindern, die Diagnosekriterien der bisherigen DC: 0-3R (2005) sowie eine Zusammenfassung der wichtigen DC: 0-5-Klassifikation (2016), die bislang noch nicht in deutscher Sprache erschienen ist.

Diskussion

Die derzeitige Studienlage zeigt, dass psychische Störungen bei Säuglingen, Klein- und Vorschulkindern weit verbreitet sind. Bei allen Störungen liegt eine multifaktorielle Ätiologie vor, d.h. sie sind durch mehrere, miteinander interagierende Faktoren bedingt, die bei den verschiedenen Störungsbildern jeweils unterschiedlich gewichtet sind. Bei der Darstellung der verschiedenen Störungsbilder stellt von Gontard immer wieder Verbindungen zu anderen Kapiteln bzw. Störungsbildern her und verweist auf mögliche Komorbiditäten mit anderen Störungen.

Das umfangreiche Lehrbuch zeichnet sich durch seine klare Struktur aus, die Darstellung der verschiedenen Störungsbilder erfolgt jeweils nach dem gleichen Aufbau. Besonders hilfreich für die Praxis sind die Zusammenfassungen und Schlüsselempfehlungen am Ende jedes störungsspezifischen Kapitels. Vor allem die Entscheidungsbäume bieten eine praktische Unterstützung bei der Diagnostik und Therapieplanung.

Das vorliegende Buch behandelt verschiedene psychische Störungen, die sich auch bei jungen Kindern differenziert diagnostizieren und behandeln lassen. Von Gontard gibt einen sehr guten Überblick über die drei Klassifikationssysteme psychischer Störungen im jungen Kindesalter, die sich sinnvoll ergänzen. Da die weit verbreiteten Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-5 zusammengefasst nicht alle Besonderheiten des Alters von 0 bis 5 genügend erfassen, bietet die DC: 0–5 fundierte und aktuelle Kriterien von den wichtigsten Störungsbildern speziell für das junge Alter von der Geburt bis zur Einschulung. Der Autor weist darauf hin, dass sie DC: 0–5 hierbei als eine Ergänzung und nicht als Ersatz der ICD-10 und DSM-5 zu verstehen ist. An dieser Stelle ist noch weitere Forschung nötig, um die bisherigen Erkenntnisse empirisch zu validieren.

Die Grunddiagnostik beruht auf einer klinischen Einschätzung und kann durch standardisierte Verfahren ergänzt werden. Nach differenzierter Indikationsstellung und abhängig vom Behandlungssetting sind unterschiedliche psychotherapeutische Verfahren und Anwendungsformen indiziert, die vom Autor ausführlich dargestellt werden. Von Gontard betont hierbei die Wichtigkeit eines multimodalen, interdisziplinären Zugangs. Positiv hervorzuheben ist die systemische Betrachtung kindlicher Störungen, so wird beispielsweise immer wieder auf die Notwendigkeit der Einbeziehung der Eltern in die Behandlung ihres Kindes hingewiesen.

Dem Autor gelingt es sehr gut, auch die vielen neuen Entwicklungen und Forschungsergebnisse der letzten Jahre in sein Werk zu integrieren. Während manche Störungsbilder in den letzten Jahren intensiv erforscht wurden (z.B. Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung, Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem Verhalten), liegen zu anderen wesentlich weniger Publikationen vor (z.B. depressive, Angst-, Ess- und Fütterstörungen). In Zukunft ist es wichtig, dass auch diesen weniger untersuchten Störungen in der Forschung mehr Aufmerksamkeit gegeben wird.

Das vorliegende Buch macht deutlich, dass sich psychische Störungen auch bei jungen Kindern differenziert diagnostizieren und behandeln lassen. Somit können Beeinträchtigungen und Entwicklungsrisiken schon im frühen Alter verringert oder sogar verhindert werden. Allerdings ist die Versorgungsstruktur in Deutschland völlig unzureichend und nur wenige junge Kinder mit psychischen Erkrankungen erhalten tatsächlich eine adäquate Behandlung. Obwohl die Kinderpsychiatrie über die Kompetenzen zur Diagnostik und Therapie psychischer Störungen bei jungen Kindern verfügt, bieten nur wenige Kliniken ein spezialisiertes Behandlungsangebot für diese Altersgruppe an. An der Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums des Saarlandes hat von Gontard seit dem Jahr 2003 den Schwerpunkt der psychischen Störungen bei Säuglingen, Klein- und Vorschulkindern etabliert und ein integriertes Versorgungskonzept mit ambulanten, teilstationären und stationären Angeboten aufgebaut. Die zahlreichen praktischen Erfahrungen des Autors können daher als Orientierung für weitere spezifische Behandlungskonzepte für junge Kinder mit psychischen Störungen dienen.

Im gesamten Werk finden sich zahlreiche Rechtschreib- und Grammatikfehler, sodass man sich eine sorgfältigere redaktionelle Überarbeitung wünschen würde.

Fazit

Das vorliegende Lehrbuch gibt in leicht verständlicher Sprache einen umfassenden und fundierten Überblick über die verschiedenen psychischen Störungen bei Säuglingen, Klein- und Vorschulkindern. Grundlage hierfür bilden die interdisziplinären Leitlinien, die verschiedenen Klassifikationssysteme, aktuelle Forschungsergebnisse sowie die langjährigen praktischen Erfahrungen des Autors. Die verschiedenen Störungen werden detailliert dargestellt und konkrete Empfehlungen für die Diagnostik und Therapie von jungen Kindern gegeben. Daher zeichnet sich das vorliegende Werk durch eine hohe Praxisrelevanz aus.

Literatur

Luby, J. L. (Hrsg.) (2006). Handbook of preschool mental health – development, disorders, and treatment. New York, London: The Gilford Press.

Luby, J. L. (Hrsg.) (2017). Handbook of preschool mental health – development, disorders, and treatment (2. Auflage). New York: The Gilford Press.

von Gontard, A. (2010). Säuglings- und Kleinkindpsychiatrie – ein Lehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer.

von Gontard, A., Möhler, E., Bindt, C. (2015). Leitlinien zu psychischen Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter (S2k), AWMF Nr.: 028/041, online.


Rezensentin
Deborah Metz
Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin (M.A.), Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin i.A.
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Zitiervorschlag
Deborah Metz. Rezension vom 18.09.2019 zu: Alexander von Gontard: Psychische Störungen bei Säuglingen, Klein- und Vorschulkindern. Ein praxisorientiertes Lehrbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-031671-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25224.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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