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Reiner Becker, Sophie Schmitt (Hrsg.): Beratung im Kontext Rechtsextremismus

Cover Reiner Becker, Sophie Schmitt (Hrsg.): Beratung im Kontext Rechtsextremismus. Felder - Methoden - Positionen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2019. 380 Seiten. ISBN 978-3-7344-0607-2. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Politik und Bildung.
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Thema

Rechtsextreme Einstellungen und Handlungen sind in vielen Teilen Deutschlands eine traurige Realität. Sie äußern sich sehr unterschiedlich: von alltagsrassistischen Äußerungen zu organisierten Aufmärschen, von Diskriminierungen im lokalen Sportverein bis hin zu Gewalttaten gegen Minderheiten. Nicht erst 2015 – mit dem starken Anstieg von Anschlägen gegen Einrichtungen von Geflüchteten sowie der Etablierung wöchentlicher Demonstrationen gegen Migration und Islam – steht die Frage im Raum, wie mit solchen demokratiegefährdenden Tendenzen auf lokaler Ebene umzugehen ist und wie politisch gegengesteuert werden kann. In diesem Kontext ist die Arbeit der Beratungsstellen und -Netzwerke unverzichtbar geworden. Sie sammeln Wissen über Hintergründe und Tendenzen, stehen in ständigem Austausch mit einem vielfältigen Netzwerk von lokalen Akteuren, um Probleme frühzeitig zu identifizieren und vermitteln Expertise und Bildungsangebote für den konkreten Umgang mit rechten Umtrieben. Besonders wichtig: Die Monitoring Programme, die belastbaren Zahlen aufbereiten, und über den Stand der Demokratie vor Ort berichten.

Über die Jahre hinweg hat sich die Arbeit der Beratungsstellen ausgeweitet und sich institutionell zunehmend etabliert. Allerdings gibt es doch viele lokale Unterschiede in der Arbeit dieser Stellen und in dem methodischen Vorgehen bei ähnlichen Problemsituationen. Zeit also, die Wissens- und Erfahrungsstände in der Beratungsarbeit gegen rechts aufzunehmen und sie für eine breitere Öffentlichkeit aufzubereiten. Reiner Becker und Sophie Schmitt nehmen sich dieser Transferaufgabe an und zeichnen ein vielfältiges Bild der Beratungsarbeit in Deutschland, das spannende Einblicke in den Alltag, die Herausforderungen und die Ambivalenzen einem sich professionalisierenden Berufszweig bieten.

HerausgeberInnen

Reiner Becker ist der Leiter des Demokratiezentrums Hessen an der Philipps-Universität Marburg und Mitherausgeber der Zeitschrift „Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit“. Sophie Schmitt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Demokratiezentrum Hessen.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist eine Pionierarbeit. Er dokumentiert erstmalig systematisch das Feld der Beratungsarbeit im Kontext des Rechtsextremismus und diskutiert die (normativen) Grundlagen der Arbeit. Die Beitragenden arbeiten aus unterschiedlichen Perspektiven zum Thema und ergänzen sich durch ihre verschieden gelagerten Perspektiven und Expertisen.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich neben zwei einleitenden Kapiteln, die einerseits über den Anspruch des Buchs informieren und andererseits die Entwicklung des Arbeitsfeldes mit Blick auf die Zielgruppen, Arbeitsweisen und Rahmenbedingungen nachzeichnen, in drei Abschnitte, die in der Folge kursiv vorgestellt werden:

Der erste Teil stellt die Mobile Beratung als Gemeinwesenarbeit vor. Friedemann Bringt und Heiko Klare zeigen auf, wie die Arbeit der Beratungsstellen sich immer an den Bedürfnissen vor Ort orientiert. Von partizipativen Konzeptentwicklungen bis zu Sicherheitskonzepten und der Vermittlung von Handlungskompetenzen ist die Arbeit der lokalen Beratungsstellen immer an breitere Netzwerke gebunden, die die Arbeit auf unterschiedlichen Ebenen begleiten. In der Folge werden von mehreren AutorInnen die Arbeit mit vier verschiedenen Zielgruppen vorgestellt, die jeweils eine sehr eigene Herangehensweise erfordern. Die mobile Beratung von Kommunen umfasst Fragen, wie zivilgesellschaftliche Bündnisse, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren, professionell begleitet werden können, wie die Interaktion mit politisch Verantwortlichen zu gestalten ist und welchen Herausforderungen die Beratungsstellen im Kontext polarisierender Debatten um Flucht und Asyl ausgesetzt sind. Weitere Zielgruppen, die interessante Fallstudien enthalten, sind die mobile Beratung von Schulen, Sportvereinen und Familien, die jeweils ein sehr spezifisches Fingerspitzengefühl für die Kooperation voraussetzen.

Der zweite Teil besteht aus einem 60-seitigen Aufsatz von Maike Döcker, Eva Georg und Ludgar Kühling, der Methoden, Techniken und strukturierte Vorgehensweisen der Systematischen Beratung detailliert auffächert. Er verbindet theoretische Überlegungen über Erfolgsmöglichkeiten der Beratungsarbeit und eine ausführliche Reflexion über die Vorgehensmethoden mit konkreten Szenarien. Die AutorInnen differenzieren schließlich zwischen verschiedenen Varianten der Beratung, die eine gute Zusammenfassung der Chancen und Tücken des Arbeitsfeldes darstellen. Dieses Kapitel richtet sich besonders an Fachkräfte.

Der dritte Teil widmet sich mit fünf essayistischen Beiträgen der Frage, wie sich Praktiker/innen im Kontext der scheinbar neutralen Beratungsarbeit politisch und sozial positionieren. Neben Wissen und Können zeigen die Beiträge wie wichtig Haltung in der Beratungsarbeit ist. Sowohl Andreas Born als auch Reiner Becker unterstreichen, dass ohne eine eigene Position, die auch konfliktiv vertreten werden kann oder muss, kein Mensch überzeugt werden kann. Es reicht daher nicht, gegen Positionen nur anzukämpfen, sondern es müsse eine gemeinsame Vision vorgelebt werden – das meinen auch Christa Kaletsch, Stefan Rech und Manuel Glittenberg in ihrem Beitrag. Gerade in Zeiten schnelllebiger, gesellschaftlich aufgeheizter Debatten sei es wichtig, mit Maß und Standhaftigkeit für demokratische Werte einzustehen und sie auch verteidigen zu können. Dazu gehöre nicht nur eine gute Ausbildung, sondern auch Mut.

Diskussion

Die Arbeit von Beratungsstellen gegen Rechtsextremismus bleibt für eine breitere Öffentlichkeit oft schwer nachvollziehbar. Zu selten wird ihre Arbeit prominent gewürdigt. Umso wichtiger ist es, dass der Sammelband sich eine präzise Beschreibung der Arbeit vornimmt und ehrlich mit den Problemen umgeht. Die Vielzahl der Perspektiven ermöglicht es, einen umfassenden Einblick in die Arbeit zu erhalten und auch die Dilemmata zu verstehen, vor denen Beratende stehen.

Generell steht die Arbeit vermehrt unter Druck, seitdem die AfD in die meisten Landesparlamente eingezogen ist und für die Streichung von Finanzierungsmitteln plädiert. Mit der veränderten politischen Lage gewinnt der Band daher nochmal an Bedeutung, auch weil wir uns darauf einstellen müssen, dass es den Beratungsstellen in den kommenden Jahren nicht an Arbeit mangeln wird. Allerdings gerät die Auseinandersetzung mit der AfD und das Problem einer sich zunehmenden Etablierung einer rechtsradikalen Partei als Herausforderung für die Arbeit zu kurz. Wie verhalten sich Beratungsstellen, wenn sie selbst zur Zielscheibe politischer Kämpfe werden? Hier zeigen sich viele Ambivalenzen der Arbeit der Beratungsstellen, die zwischen Neutralität und Haltung pendeln müssen. Für die Zukunft wird dies aber eine zentrale Bedeutung haben.

Was weiterhin zu kurz kommt in dem Band ist die Herausforderung digitaler Technologien, die Möglichkeitsfenster für rechtsextreme Aktivitäten geöffnet haben. Nicht nur kommen viele Menschen erstmalig mit rechtsextremen Gedankengut in den virtuellen Welten in Kontakt, auch werden die verschiedenen Plattformen genutzt, um politische Gegner anzugreifen und politische Debatten zu unterminieren. Wie kann Beratungsarbeit in einer digitalisierten Gesellschaft aussehen? Hier stehen auch Beratungsstellen vor großen Herausforderungen und haben Nachholbedarf bei der Frage, wie sich digitale Hasskulturen in den Alltag übertragen und wie sie den gesellschaftlichen Zusammenhalte herausfordern.

Fazit

Insgesamt bietet der Band einen gewinnbringenden Überblick über den Stand der Beratungsarbeit im Kontext des Rechtsextremismus. Er versammelt viele reflexive Beiträge, die die Grundlagen der Arbeit ebenso verdeutlichen wie die ambivalente Position des/r Berater/in. Hervorzuheben ist die erfrischende Abwechslung von theoretischen Reflexionen und praxisnahen Beispielen, was den Band nicht nur für Expert/innen, sondern auch für ein breiteres Publikum interessant macht.


Rezensent
Maik Fielitz
Politikwissenschaftler; Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg; Promotionsstudent an der Goethe Universität Frankfurt, Doctoral Fellow am Centre for Analysis of the Radical Right.
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Zitiervorschlag
Maik Fielitz. Rezension vom 05.06.2019 zu: Reiner Becker, Sophie Schmitt (Hrsg.): Beratung im Kontext Rechtsextremismus. Felder - Methoden - Positionen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2019. ISBN 978-3-7344-0607-2. Reihe: Politik und Bildung.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25228.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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