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Rebscher Herbert, Kaufmann Stefan (Hrsg.): Zukunftsmanagement in Gesundheitssystemen

Cover Rebscher Herbert, Kaufmann Stefan (Hrsg.): Zukunftsmanagement in Gesundheitssystemen. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. 396 Seiten. ISBN 978-3-86216-482-0. D: 69,99 EUR, A: 72,00 EUR.

Reihe: Gesundheitsmarkt in der Praxis - Band 10.
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Thema

Mit dem Band 10 schließt die seit 15 Jahren bestehende Deutsch-Schweizerische Gesellschaft für Gesundheitspolitik (DSGG) eine Reihe ab, die sich kontinuierlich, zielgerichtet und systematisch mit zentralen Fragen moderner Gesundheitssysteme beschäftigt. Der vorliegende Band richtet den Blick auf die mittelfristige Zukunft und fragt danach, wie die Welt der Akteure in 10 bis 15 Jahren aussehen wird und welche Entwicklungsschritte dafür geplant, realisiert oder auch nur skizziert werden, so in seinem Vorwort der bisherige Präsident dieser Gesellschaft Ueli Müller.

Herausgeber

Herbert Rebscher zeichnet sich als Herausgeber durch eine breite Palette beruflicher Tätigkeiten im Gesundheitswesen aus. Er war u.a. im Bereich der Krankenkassen, in der universitären Lehre und in der Forschung tätig und ist Hauptgeschäftsführer der DSGG. Sein Partner bei der Herausgabe ist Stefan Kaufmann. Beide sind die neuen Präsidenten der DSGG. Den beiden Herausgebern ist es gelungen, ein kompetentes Autorenteam für die Publikation zu gewinnen.

Aufbau und Inhalt

Es sind insgesamt 22 Beiträge, die den Lesern zur Lektüre angeboten werden. Der Titel und die Abschnitte der einzelnen Arbeiten werden auf einer besonderen Inhaltsseite für eine Kurzinformation übersichtlich präsentiert. Die jeweiligen AutorInnen werden danach in Bild und Kurzbeschreibung den Abhandlungen vorangestellt. Ein kurze Inhaltsangabe (Abstract) informiert. Auch ist jedem Beitrag ein Literaturverzeichnis beigegeben. Die Aufarbeitung der Texte durch Bilder, Grafiken, Tabellen etc. ist gelungen und erleichtert die Lektüre.

Dargeboten werden folgende Themenschwerpunkte:

Grundsätzliche Entwicklungstrends

Die Grundlagen von evidenzbasierter Medizin und Big Data Analysen werden im Hinblick auf ihre Nutzenpotenziale verglichen. Big Data Analysen versprechen oft mehr, als sie halten können: Mit der Datenmenge wächst nicht automatisch die Datengüte. Gleichwohl können solche Groß-Daten-Forschungen nützlich sein, wie am Beispiel einer breit angelegten Assoziationsforschung mit Krankenkassendaten gezeigt wird.

Bei der Digitalisierung wird vor der Gefahr der Herausbildung monopolisierter Marktstrukturen gewarnt. Verschläft die Gesundheitspolitik die Digitalisierung, laufen die „Dinge“ nicht nur anders, sondern auch anderswo. Der Gesundheitskonsument wird sich auch abseits des Systems zu orientieren wissen.

Grundsätzlich darf man von Netzwerken und Plattformen eine Verbesserung des Gesundheitssystems erwarten, insofern sich unterschiedliche Akteure mit unterschiedlichen Wissensbeständen zu gemeinsamen Tun zusammenfinden.

Angebotsstrukturen, Plattformen, Netzwerke

Im Management der Digitalisierung des Krankenhauses liegen große Potenziale der Steigerung der Effizienz, der medizinischen Qualität, der Patientensicherheit und des wirtschaftlichen Erfolges (Krankenhaus 4.0). Ausgewählte Ergebnisse und Erkenntnisse der Digitalisierung werden vorgestellt.

Vor allem in der ärztlichen Versorgung gibt es noch große Lücken in der Digitalisierung, sodass medizinische Daten nicht überall elektronisch dokumentiert und mit Kollegen ausgetauscht werden können. Treiber der Digitalisierung sind u.a. Ärzte-Netze, elektronische Patientendossiers, Generationswechsel.

Am Beispiel des Universitätsklinikums Heidelberg wird demonstriert, wie Kooperationsstrukturen mit anderen Krankenhäusern, aber auch mit den niedergelassenen Ärzten aufgebaut und zukunftsorientierte Modelle der Zusammenarbeit – Umsetzung der telemedizinischen Netzwerkbildung – erprobt werden können.

Natürlich erfordert die Digitalisierung in den Bereichen der vernetzten Medizin auch besondere Formen der Vergütung und Umlagen, die hier angesprochen werden.

Auch der verzögerte Ausbau der technischen Infrastruktur hat dazu beigetragen, dass der digitale Transformationsprozess – Digitalisierung, E-Health, Telemedizin – erst am Anfang steht. Dabei bietet dieser Prozess große Chancen bei der Versorgung einer älter werdenden Gesellschaft unter der Bedingung der Personalknappheit.

Die Anstrengungen der Krankenversicherer, den Datenaustausch zwischen Leistungserbringern, Versicherten und ihnen zu optimieren, um Leistungsabrechnung und Administration effizienter zu gestalten, gehören sicherlich auch zum Thema.

Kommunikationsbeziehungen

Die Schweizer Post bemüht sich in ihrem Kerngeschäft – Transport von Gütern, Geld, Informationen, und Personen – digitale Services und Partnerschaften einzuführen. Auch solche Aktivitäten können nachhaltig die Patienten-Versorgung verbessern.

Wenn die an der gesundheitlichen Versorgung Beteiligten auf der Grundlage der Digitalisierung kooperieren, kann Erstaunliches geleistet werden: Anhand der Hypertonie wird solcher Fortschritt für die Patienten beschrieben.

Von Produkten zu Lösungen

In den kommenden zehn Jahren sind zentrale Veränderungen zu erwarten: Kleine mobile Analysegeräte, Entkoppelung von medizinischen Leistungen von bisherigen Leistungsorten, Verwandlung der akuten Behandlung zur permanenten Betreuung, Ergänzung der Behandlung durch proaktive Vorsorge. Der Beitrag ist eine Aufforderung, sich mit diesen mit der Digitalisierung verbundenen und wohl unaufhaltsamen Entwicklungen ernsthaft zu befassen.

Auch die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz werden zu erheblichen Verbesserungen in den Arbeitsabläufen, der Diagnostik und der Leistungsabrechnung führen. Die als Beispiel fungierende Radiologie entwickelt sich zu einer datengetriebenen Forschungsdisziplin.

Auch die Pflege wird sich vorteilhaft verändern, wenn die Möglichkeiten der Digitalisierung und der darauf beruhenden Problemlösungen genutzt werden. Wenn dabei auf die Funktion der Kommunen als Träger der Daseinsvorsorge in besonderer Weise hingewiesen wird, bleibt eine Portion Bodenhaftung gewahrt.

Viele Chancen der Optimierung der Krebsversorgung bieten sich auch in den zertifizierten Onkologie-Zentren als regionale Versorgungsnetzwerke an.

Besonders die Frage, wie die besten Produkte für die beste Therapie entwickelt werden können, was also industrielle Forschung und Entwicklung zum patientenorientierten Versorgungsmanagement beitragen können, bleibt auf der Tagesordnung. Zusammenarbeit und Partnerschaften sind der Königsweg für Innovationen. Beispiele für innovative Forschungskooperationen werden vorgestellt.

Zukunftsperspektiven

Eigentlich wollte ich keinen Beitrag dieser Publikation besonders herausstellen, doch möchte ich den Beitrag „ Gesundheitssystem 2025 - zu schön, um's wahr zu machen?“ dem Leser zur besonders aufmerksamen Lektüre empfehlen. Der Autor hat einen kritischen Blick auf unsere Gesundheitspolitik und benennt Missstände und Fehlentwicklungen, ohne das Blatt vor dem Mund zu nehmen. Heute eine seltene Eigenschaft! Die Probleme und Herausforderungen des Versorgungssystems werden seit über zwei Jahrzehnten beschrieben. Seit dieser Zeit werden auch Lösungen vorgeschlagen, die jedoch nie umgesetzt wurden. Es gibt keine Konzepte der GKV für Digital Health und der deutsche Fachminister, weiß nicht, was „state of the art“ ist und im Ausland bereits in Sachen Digitalisierung gespielt wird.

Wenn die Konzentration bei den Gesundheitsunternehmen auf den Staat gerichtet ist, dann besteht eine Hauptursache darin, dass die unternehmerischen Aktivitäten zur Lösung der Probleme wenig ausgeprägt sind. Es fehlt bei den meisten Beteiligten der Wille, den Konsumenten des Gesundheitssystems ernst zu nehmen und seine Interessen und Bedürfnisse in den Focus zu stellen. Statt insuffiziente Strukturen durch mehr Geld und mehr Vorschriften in Gang zu halten, wird ein freiheitlicher Rechtsrahmen gefordert, der ein Mehr an Kreativität ermöglicht. Zurück in die Vergangenheit und Zukunftsangst sind keine guten Ratgeber!

Der abschließende Beitrag formuliert die Herausforderungen für die medizinische Versorgung der Zukunft auf der Grundlage der Bedarfsveränderungen, der Prozessoptimierung durch Digitalisierung, der Plattformen und Netzwerke und stellt ein ordnungsökonomisches Grundkonzept vor, das zukunftsfähig ist.

Diskussion

Wir alle wissen, dass die Verheißungen der Technik nicht immer eins zu eins umgesetzt werden, ja manchmal sogar das Potenzial einer Verschlechterung enthalten. Gerade bei der Medizin bleibt immer die Frage nach der Einbettung der eigengesetzlich fortschreitenden Technik in die menschliche Verantwortung und besonders in die im Gesundheitssystem System herrschende Ethik und Moral. Daher ist durchaus Skepsis angebracht, wenn die digital-medizinischen Versprechungen und Erwartungen hoch angesetzt werden.

Gleichwohl bleibt der Befund, dass wir in Deutschland doch wohl ein wenig die Zukunft verschlafen, ja verspielen. Digitalisierung ja, aber nicht wirklich. Einerseits scheint die erforderliche Infrastruktur nicht vorhanden zu sein, andererseits verfangen sich Vorschläge und das Zukunftsmanagement in dem ausufernden Dickicht des Gesundheitsdschungels. Politiker, die wenig bewandert sind, Funktionäre, die von Politikern eingesetzt werden, und so weiter. Der Parteien- und Verbändestaat schätzt Anpassung mehr als Qualifikation. In der GKV und bei der Gesundheitspolitik des Bundes scheint diese Tendenz der Zweit- bzw. Nullstellung beruflicher Erfahrungen und erworbener Kompetenzen mittlerweile wie anderswo auch endemisch zu sein.

Allerdings zeugen die Autoren dieses Bandes davon, dass es durchaus einige Experten gibt, die Lösungen für die Zukunft unserer Versorgung anbieten können und dabei durchaus die alten Pfade der vergangenen Gegenwart verlassen.

Fazit

Da das Buch für viele zu teuer sein wird, um es selbst anzuschaffen, so sollte der Weg zur Bibliothek gehen, um es anschaffen zu lassen. Die Lektüre lohnt sich nicht nur für einen Einblick in die technische Entwicklung der nächsten Jahre, sondern auch für einen Einblick in die Lage und die Probleme der gegenwärtigen Gesundheitssysteme. Die Weichen der zukünftigen Entwicklung werden allerdings in der Politik gestellt. Das lässt wenig Hoffnung zu.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 14.05.2019 zu: Rebscher Herbert, Kaufmann Stefan (Hrsg.): Zukunftsmanagement in Gesundheitssystemen. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. ISBN 978-3-86216-482-0. Reihe: Gesundheitsmarkt in der Praxis - Band 10.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25230.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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