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Rainer Funk: Das Leben selbst ist eine Kunst

Cover Rainer Funk: Das Leben selbst ist eine Kunst. Einführung in Leben und Werk von Erich Fromm. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2018. 269 Seiten. ISBN 978-3-451-03107-6. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 19,50 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch will Einblicke in Leben und Werk des Psychoanalytikers Erich Fromm, der als einer der ersten Denker im 20. Jahrhundert die Bedeutung der eigenen Kräfte entdeckt hat, liefern. Dabei geht es dem Autor darum, herauszustellen, dass für Fromm im Mittelpunkt seines Denkens steht, was ein Mensch denkt, sagt und fühlt, was er will und was ihn antreibt.

Autor

Rainer Funk war Wegbegleiter von Erich Fromm und ist Herausgeber der „Erich Fromm Gesamtausgabe“ sowie der „Schriften aus dem Nachlass“. Der in Tübingen lebende Psychoanalytiker verwaltet die Rechte und den Nachlass des Psychoanalytikers, Sozialwissenschaftlers und Humanisten Erich Fromm

Entstehungshintergrund

Als Herausgeber der „Erich Fromm Gesamtausgabe“, sowie der „Schriften aus dem Nachlass“ oblag dem Autor offenbar die Verpflichtung letztendlich eine Einführung in das Leben und Werk von Erich Fromm zu versuchen und dabei eines der Kernelemente dessen psychoanalytischen Denkens herauszustellen. Dabei geht es um den programmatischen Satz Fromms, „dass das Leben selbst eine Kunst ist“, um damit in der besonderen Zuordnung von Leben und Werk Erich Fromm gerecht werden zu können.

Es handelt sich bei dem Buch um eine Neupublikation, die in weiten Teilen bereits 2007 unter dem Titel „Erich Fromms kleine Lebensschule“ im Herder Verlag erschienen ist. Die vorliegende Neuausgabe wurde an zahlreichen Stellen überarbeitet und ergänzt; insbesondere ist auf die neue Aufnahme von Fromms Erkenntnissen zum narzisstischen Charakter und zum Gruppennarzissmus hinzuweisen.

Aufbau

Der Band gliedert sich – nach einem ausführlichen Einleitungskapitel, das sich insbesondere mit Gesprächen aus direkten Begegnungen von Angesicht zu Angesicht speist – in die Kapitel

  • 'Zugänge zum Unbewussten',
  • 'Der Einzelne als gesellschaftliches Wesen',
  • 'Was den Menschen gelingen lässt',
  • 'Was die Gesellschaft auf Kosten des Menschen gelingen lässt' und
  • 'Wege zur direkten Begegnung' auf.

Dem folgen Literaturangaben und Anmerkungen.

Inhalte

Der Autor fuhr zu einer direkten Begegnung mit Erich Fromm am 01. September 1972 nach Muralto bei Locarno, um sich dort in einem persönlichen Gespräch mit dem Psychoanalytiker über dessen Erfahrung des Lebens als Kunst und sein psychoanalytisches Denken auseinanderzusetzen.

Dieser ersten Begegnung folgten weitere, insbesondere sind es das fast tägliche Zusammensein in den Jahren 1974 und 1975, die dem Autor Fromms Kunst des Lebens in ihren Wirkungen spüren und reflektieren lassen.

Dabei erkennt Funk, dass es in diesen Gesprächen nicht um Small Talk oder Versteckspiel geht, sondern um das tiefe Eintauchen in die Seele des Anderen, in dessen Welt der Gefühle und Leidenschaften – schließlich um die Kunst des Lebens. Diese stellt eine „Kunst der direkten und gefühlten Begegnung mit dem Eigenen im Fremden und dem Fremden im Eigenen“ dar (S. 31): „Die Haltung dem >Fremden< gegenüber ist von der Haltung sich selbst gegenüber nicht zu trennen. ... Ich entdecke, dass ich jedermann bin und dass ich mich selbst erfahre, wenn ich meinen Mitmenschen entdecke und umgekehrt. ... Ich entdecke den Einen Menschen“ (ebd.)

Funk geht in seiner Darstellung insbesondere auf den persönlichen wie auch wissenschaftlichen – nicht zuletzt von der durch Freud ihm nähergebrachten Welt des Unbewussten – geprägten Lebensweg von Erich Fromm ein, ehe er auf die Problematik der Macht der Rationalisierung bzw. der Relativität der Vernunftfähigkeit des Menschen zu sprechen kommt.

Fromm, dessen Denken durch das entscheidende Erlebnis des Ersten Weltkriegs geprägt wurde, öffnet Zugänge zum Unbewussten, das er zunächst als etwas Verdrängtes erkennt, er benennt verschiedene Indizien die darauf hinweisen und nennt Abwehrstrategien, die gegen das Bewusstwerden des Unbewussten deutlich werden.

Es wird dabei auf die Verdrängung als Zugang zum Unbewussten hingewiesen, ebenso auf die bekannten Indizien für verdrängte Strebungen und Wahrnehmungen die (Selbst-)Täuschungen und Scheinbegründungen in Form von Rationalisierungen sowie der Widerstand gegen alles, wodurch Verdrängtes bewusst zu werden droht (vgl. S. 46).

Funk geht des Weiteren konkreter auf die von Fromm benannten Abwehrstrategien gegen das Bewusstwerden des Unbewussten ein, so insbesondere auf die 'Projektion', mit der man „eine eigene Strebung oder Wahrnehmung dadurch vom Bewusstwerden fernhalten [kann], dass man sie als Eigenschaft oder Impuls eines anderen erlebt“ (S. 50 f.). Als Musterbeispiel führt er die Projektion in sozialen und kriegerischen Konflikten an, wo diese eine zentrale Rolle einnimmt und ohne diese keine Kriege geführt werden könnte. Als weitere Abwehrstrategien werden die 'Verschiebung' und die 'Wendung gegen die eigene Person' genannt.

Funk referiert im weiteren Verlauf Fromms Anlehnung an Freuds 'Traum' oder die 'freie Assoziation', die 'Fehlleistung' und die 'Übertragung' als Zugang zum Unbewussten.

Wendet man sich dem nächsten Kapitel zu, das mit 'Der Einzelne als gesellschaftliches Wesen' überschrieben ist, so nimmt man Einblick in die Kindheitsgeschichte von Fromm selbst und dessen offensichtlich schwieriges Verhältnis als Einzelkind zu seinem Vater. Dabei hebt Fromm – durchaus in Anlehnung an Aristoteles – die Bedeutung des Gesellschaftlichen bzw.die Einbettung des Einzelnen als ein vergesellschaftlichtes Wesen in die Gemeinschaft mit anderen besonders hervor, dabei die wechselseitige Involviertheit sowohl des Einzelnen in die Gesellschaft, wie auch die Abhängigkeit der Gesellschaft von dem Einzelnen hervorkehrend und damit zugleich auch auf die Bedeutung der Charakterbildung für das Individuum, aber ebenso die Formung des Gesellschaftscharakters durch den Einzelnen hinweisend.

In den weiteren Kapiteln geht der Autor auf das besondere Verhältnis von Fromm auf dessen kritische Sichtweise bezüglich des Verhältnisses von Gesellschaft auf Kosten des Menschen wie auch des Menschen in seiner narzisstischen Ausprägung auf Kosten des Interesse am Anderen ein.

Im abschließenden Kapitel werden Wege zur direkten Begegnung aufgezeigt. Gemeint ist damit, dass Fromm seinem Gesprächspartner besondere Lese-Empfehlungen mit entsprechenden Übungen ans Herz legt. So etwa Johann Jakob Bachofen, die Frühschriften von Karl Marx, Meister Eckharts 'Deutsche Predigten', oder aber 'The heart of Buddhist Meditation' von Nyanaponika Mahathera.

Es ging ihm dabei u.a. um die Vorstellung der buddhistischen Lehre von der 'Achtsamkeit' und letztlich um die direkte Begegnung mit sich selbst bzw. mit dem eigenen Selbst und mit der eigenen Seele. Dies stellt nach Fromm die eigentliche Kunst des Lebens dar.

Diskussion

Rainer Funk liefert mit der Aufzeichnung seiner Gespräche und Begegnungen mit Erich Fromm nicht nur Einblicke in Leben und Werk des beutenden und einflussreichen Psychoanalytikers, er öffnet zugleich den Blick in dessen Verständnis von dessen, was man als Kunst des Lebens zu verstehen hat bzw., was es bedeutet, wenn das Leben selbst als eine Kunst zu begreifen ist. Er blickt damit – zusammen mit Fromm – auf den Menschen und auf das, was er fühlt, will und was ihn antreibt und nicht auf das, was er denkt und sagt – somit tiefer in das Innenleben des Menschen, quasi in dessen Seele.

Natürlich muss angemerkt werden, dass mit diesem eher schmalen Band nicht das komplette und durchaus komplexe Werk von Erich Fromm erfasst und dargestellt werden kann. Dazu bedarf es der tieferen Beschäftigung mit dessen Leben und Werk. Und so kann Funk nur Anreize bitten, indem es ausschnitthaft – wenn auch an den Kernaussagen orientiert – vorgeht.

Fazit

Das Werk von Rainer Funk erfüllt durchaus den Anspruch eine erste, sehr persönliche Orientierung geben, Kernelemente des psychoanalytischen Denkens herausstellen und Anreize für eine tiefere Erforschung und Durchdringung bieten zu wollen. Insofern eignet sich die Schrift für all jene, die Fromms Denken ohne weitere Vertiefung kennenlernen wollen, wie auch für jene, die den ersten Schritt für ein weiterführendes Studium damit vollziehen.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 07.10.2019 zu: Rainer Funk: Das Leben selbst ist eine Kunst. Einführung in Leben und Werk von Erich Fromm. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2018. ISBN 978-3-451-03107-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25237.php, Datum des Zugriffs 15.12.2019.


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