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Bruno W. Nikles: Bahnhofsmission und Bahnhofsdienste in Deutschland

Cover Bruno W. Nikles: Bahnhofsmission und Bahnhofsdienste in Deutschland. Ein historischer Abriss ihrer Aufgaben- und Organisationsentwicklung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 302 Seiten. ISBN 978-3-8474-2269-3. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.
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Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft

Im wissenschaftlichen Diskurs hat die Auseinandersetzung mit der intellektuellen und existentiellen Frage – „Wie sind wir geworden, wie und was wir sind?“ – Tradition. Es sind die institutionellen Entwicklungen von Vereinen, Organisationen, Verbänden, Firmen, staatlichen und nichtstaatlichen Einrichtungen, die sich einer Nachschau ihres gewollten und ungewollten, positiven und negativen gesellschaftsrelevanten Wirkens stellen sollten. Dass dabei Entwicklungen zutage treten, die von den Beteiligten eher verschwiegen oder tabuisiert worden wären, ist eines der Ergebnisse der Nachforschungen; ein anderes sind Gewissheiten, die dazu auffordern, sich der Vergangenheit zu stellen und Lehren für die gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen der jeweiligen Einrichtung zu ziehen (vgl. z.B. dazu: Marion Reinhardt / Bernd Umbach, Hg., Von Altlasten und Neuanfängen. Die ersten Jahrzehnte des Internationalen Bundes, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25933.php).

Entstehungshintergrund

Es sind Aktiv- und Sozialräume, deren Entstehen und Verändern die für wissenschaftliche Forschungen interessant sind. Die Bahnhöfe überall in der Welt sind Orte des Ankommens und Weggehens; es sind Aufenthalts-, Warte-, Verweil- und Sehnsuchtsorte, die Präsenz und Angebot von sozialen Diensten notwendig machen. Die „Bahnhofsmission“ als soziales Angebot der christlichen Wohlfahrtspflege wendet sich an hilfsbedürftige und notleidende Menschen. Sie besteht seit nunmehr 125 Jahren; „Wie kaum eine andere wohlfahrtspflegerische Einrichtung in freier Trägerschaft war und ist sie … an einen klar umgrenzten sozialen Raum gebunden“. Der Bahnhof wird zu einem sozialen Aufmerksamkeits- und Tätigkeitsfeld für Helfer und Hilfsbedürftige. Es waren in den Anfangsjahrzehnten der Bahnhofsmission christliche Initiativen, die den aus behüteten, ländlichen Gebieten in der unbekannten und verführerischen Stadt ankommenden Mädchen und jungen Frauen Quartier und Versorgung anboten und auf die Versuchungen und Gefahren der Großstadt aufmerksam machten. Die Ausweitung auch auf andere Ankommende, junge Männer, Arbeiter, Familien, Flüchtlinge, Kranke…, führte auch dazu, dass sich bald Vernetzungen und Zusammenschlüsse der haupt- und ehrenamtlichen Dienste überall in den Großstadt-Bahnhöfen im Land bildeten. Der Begriff „Bahnhofsmission“ war Hinweis- und Markenzeiten für soziale, christliche Dienste am Bahnhof. Die Organisations- und institutionalisierte Ordnungsform entwickelte sich zu einem karitativen Selbstverständnis bei den Gebenden und Nehmenden, das sich in Verbandszeitschriften, Versammlungen, Tagungen und Festen ausdrückte. Die Arbeit der Bahnhofsmission bei Kriegszeiten setzte sich freilich ab von „Hurra-Bekundungen“ und beschränkte sich überwiegend auf die Wohlfahrtspflege.

Autor

Der Essener Sozialwissenschaftler Bruno W. Nikles hat über die Jahrzehnte hinweg mehrere Studien über die Geschichte, Zielsetzungen und Aktivitäten der Bahnhofsmission vorgelegt. Mit dem Buch „Bahnhofsmission und Bahnhofsdienste in Deutschland“ fasst er die historischen und aktuellen Zusammenhänge, Kooperationen, Differenzierungen und Entwicklungen auf dem Gebiet der wohlfahrtspflegerischen Angebote am Bahnhofsort zusammen und schreibt die sich ergebenden und vorhersehbaren Weiterentwicklungen fort.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort und dem zusammenfassenden Überblick thematisiert der Autor das Werden und Verändern dieser spezifischen Sozialdienste in 20 Kapiteln.

  • Im ersten geht es um Informationen über die „Eisenbahn und die Bahnhofsdienste“;
  • im zweiten um die Darstellung der Bahnhofsdienste, wie sie in Berlin und München begannen;
  • im dritten stellt er die „Verbände und Stationen in der Gründungsphase“ vor;
  • im vierten setzt er sich mit den Schwerpunkten „Mädchenschutz und Kriegsfürsorge im Ersten Weltkrieg“ auseinander;
  • die „organisierte Wohlfahrtspflege“ ist das Thema im fünften Kapitel;
  • sechstens geht es um „evangelische und katholische Bahnhofsdienste“;
  • siebtens um „Bahnhofshilfe des Jüdischen Frauenbundes“;
  • achtens um „Verdrängung und Verbot 1939“;
  • neuntens: „Bahnhofsdienste der NS-Volkswohlfahrt“;
  • im zehnten Kapitel wird die Situation in den ersten Nachkriegsjahren geschildert;
  • elftens um „Aufbauarbeit im Westen“;
  • im zwölften Kapitel informiert der Autor über die „Bahnhofsmissionen in der DDR bis zum Verbot 1956“;
  • dreizehntens wird der „Bahnhofsdienst der Volkssolidarität“ thematisiert;
  • vierzehntens kommt der „Bahnhofsdienst des Deutschen Roten Kreuzes“ zur Sprache;
  • fünfzehntens nimmt Nikles die innerdeutschen Verkehrsverbindungen zum Anlass, über die Organisations-, Kooperationsformen und Konflikte im deutsch-deutschen Verhältnis zu reden;
  • sechzehntens: „Reisehilfe und Fürsorge“;
  • siebzehntens werden mit dem Exkurs die „Symbole der Dienste und ihrer Träger“ angesprochen;
  • im achtzehnten Kapitel werden die Auswirkungen der verschiedenen Bahnreformen auf die Bahnhofsmissionen bewertet;
  • neunzehntens erfolgt eine Analyse der verschiedenen Zielsetzungen, Arbeits- und Funktionsweisen der „Bahnhofsmissionen in Ost und West“;
  • und im zwanzigsten Kapitel diskutiert der Autor die unterschiedlichen „Organisations- und Leitbildentwicklungen“.

Fazit

Bahnhöfe entwickelten sich im Laufe der Jahrzehnte von End- und Verbindungspunkten im zwischenräumlichen Verkehr zu zentralen Orten in der jeweiligen Stadtentwicklung. Die dort angesiedelten und tätigen sozialen, karitativen Dienste wurden in diese Veränderungsprozesse einbezogen, und in einigen Fällen wirkten die von den Bahnhofsmissionen garantierten, historischen Kontinuitäten sogar als Innovationstreiber. Die Organisationsformen, Zielsetzungen und personellen Strukturen der Bahnhofsmission reagieren auf die Wandlungs- und Nutzungsformen der Verkehrs- und Kundenentwicklung im Bahnwesen. Mit dem Leitgedanken „Rat und Hilfe für Menschen unterwegs“ verdeutlicht die Bahnhofsmission, dass sie sich mit ihren christlichen und karitativen Wertvorstellungen auf die lokalen und globalen Veränderungen in der (Einen?) Welt einstellen. Nicht erkennbar bisher allerdings sind interreligiöse Antworten und Kooperationen.

Die 18-seitigen Anmerkungen und Quellenverweise und die 17-seitigen Literaturangaben bieten Leserinnen, Lesern und Forschern Anregungen zur Weiterarbeit an diesem bedeutsamen Thema der diakonischen und sozialen Wohlfahrtsarbeit an. Mit der annotierten Chronik wird ein zeitlicher Überblick angeboten. Die zahlreichen schwarz-weiß- und Farbabbildungen lockern den Text auf und veranschaulichen die Studienergebnisse; Abkürzungsverzeichnis und Personen- und Sachregister erleichtern die Benutzung des Buches.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.07.2019 zu: Bruno W. Nikles: Bahnhofsmission und Bahnhofsdienste in Deutschland. Ein historischer Abriss ihrer Aufgaben- und Organisationsentwicklung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8474-2269-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25238.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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