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Jean-Pierre Wils (Hrsg.): Resonanz

Cover Jean-Pierre Wils (Hrsg.): Resonanz. Im interdisziplinären Gespräch mit Hartmut Rosa. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 214 Seiten. ISBN 978-3-8487-4645-3. 29,00 EUR.
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Thema

Das Buch ist eine interdisziplinäre Reaktion und eine internationale Antwort auf Hartmut Rosas Buch „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung.“ Die 11 Autoren des Buches liefern Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen und unterschiedlichen Anwendungsfeldern. Zudem hat Hartmut Rosa selbst eine ‚Eröffnung‘ und zum Schluss eine ‚Replik‘ auf die Beiträge des Buches verfasst.

Herausgeber

Jean-Pierre Wils (Hrsg.) ist Professor für philosophische Ethik und Kulturphilosophie an der Radboud Universität Nijmegen, Niederlande.

Aufbau

Nach einer Einleitung des Herausgebers, Prof. Jean-Pierre Wils, kommt Prof. Hartmut Rosa selbst zu Wort um kurz sein eigenes Resonanzverständnis zu beschreiben. In Kurzfassung werden hier die unterschiedlichen Dimensionen und Ebenen der Resonanz dargestellt und so sowohl die philosophischen Grundlagen angerissen als auch einige gesellschaftliche und politische Phänomene aus der Sicht der Resonanz beschrieben.

Die „Stellungnahmen“ aus unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen folgen ohne deutlich erkennbare Logik. Sie reichen von den eher zur Philosophie zuzuordnenden Beiträgen über einen afrikawissenschaftlichen bis zu einem eher praktisch orientierten Beitrag aus dem Bereich der Pflege. Vor Rosas „Schlusswort“ würdigt ein Laudatio Rosas Werk.

Inhalt

Als Einleitung des Buches führt Jean-Pierre Wils als Herausgeber kurz in die Resonanztheorie von Rosa ein und kontextualisiert nüchtern die Begeisterung um die Resonanz. Als ‚Eröffnung‘ beschreibt Hartmut Rosa die Reichweitenvergrößerung, mitsamt deren nahezu pathologischen Formen der modernen Gesellschaft, als dynamische Stabilisierung. Damit beschreibt Rosa den Zwang der modernen Gesellschaften immer weiter zu wachsen, immer neue Innovationen auf den Markt zu bringen, in einer permanenten Beschleunigung zu leben und dieses um ihre Struktur zu erhalten und zu reproduzieren. (S. 13) 

Die dynamische Stabilisierung greift gleich der erste Aufsatz von Hille Haker auf. In Form eines Briefes stellt sie gleich fest, dass die „Welt“ von Rosas „Weltbeziehung“ recht deutsch sei und die „Welt“ von der USA aus ganz anders aussähe. Präzise, aber im positiven Grundtenor hält sie interessanterweise die Frühromantik als Referenzfläche für Rosas Theorie. In der Tat scheinen die Romantiker die Entfremdung, das Verstummen der Welt und die Sehnsucht nach Resonanz auch schon beschrieben zu haben. Geschickt nimmt Haker den Gegenbegriff der Sehnsucht, die Ironie, als einer Art Ausweg aus der Entfremdung: „Ironie ist Kritik der Entfremdung und derjenigen Resonanz, die meint, der Entfremdung entkommen zu können“ (S. 39). 

„Das gute Leben“ nimmt der nächste Text von Holmer Steinfarth als Ausgangspunkt für seine Überlegungen. Kurz zusammengefasst diskutiert der Autor die Möglichkeiten und Grenzen des Resonanzbegriffs „das gute Leben“ zu ersetzten und kommt nach seinen eigenen Worten „zu dem wenig spektakulären Schluss, dass die Resonanztheorie in ihren besten Teilen eine Theorie des guten Lebens bereichern kann, dass sie aber nicht selbst die umfassende Theorie des guten Lebens liefert.“ Steinfarth hält trotz allem fest, dass Rosas Beitrag zur Diskussion über das gute Leben unersetzlich ist.

Hilge Landweer wiederum greift den Dualismus der „guten“ und „schlechten“ Resonanz auf. Als extremes Beispiel von einer schlechten „Echobeziehung“ nimmt Landweer den Nationalsozialismus. In Rosas Sprache handelt es sich hier um eine Resonanzpathologie, um repulsive Form der Resonanz. Offen bleibt sowohl bei Rosa als auch für Landweer, wie solche repulsiven „Echokammern“ überhaupt zustande kommen. (S. 62) Es bleibt die Frage nach der „Genese“ solcher Resonanzen. Interessant sind weiter Langweers Ausführungen zur leiblichen Resonanz: Was passiert – leiblich gesehen – bei der Resonanz bei Massenveranstaltungen? Inwiefern geht es hier um ein Individuum, um „einpolige Resonanz“? 

Die Frage nach der ethischen Dimension der Resonanz, auf die Landweers Beitrag endet, steht im Mittelpunk bei Charles Taylor. In seinem englischsprachigen Beitrag holt der kanadische Philosoph etwas weiter aus und sucht sozusagen für die Resonanztheorie eine Stelle in der Tradition der philosophisch-ethischen oder ethisch-politischen Diskussion. So untersucht er Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Populismus, Emotionen in der Politik und zuletzt auch noch den interessanten Aspekt des menschlichen Handelns der nicht-humanen Welt gegenüber. Was auf den ersten Blick hier aufgelistet recht diffus scheint, ergibt in Taylors Beitrag einen Sinn, in dem er zwar nicht direkt über die Resonanz an sich spricht, aber über andere Arten des Zugangs zur Welt. Die Resonanztheorie bietet eine Alternative zur rationalen Betrachtung der menschlichen Existenz. Für diese Perspektiven gibt Taylor Innenansichten.

Tief in die philosophische Diskussion taucht Michael Kühnlein und wirft einen kritischen Blick auf die Resonanztheorie. Vor allem läuft die Kritik unter dem Stichwort ‚Monismus‘: Für Kühnlein stellt Rosas Resonanz einen monistischen Superbegriff dar, der als solche „methodisch-kritisch“ nicht ausreichend über die „außeralltäglichen Erfahrungsethik des guten Lebens“ hinaus geht. (S. 93)

Mit wiederum einen anderen Blickwinkel will Rose Marie Beck als Afrikawissenschaftlerin die westlich-europäische Wissenschaftsmacht kritisieren. Wie schon im oben beschriebenen Beitrag von Hille Haker anklang, schien die „Welt“ der „Weltbeziehung“ von den USA aus eine vollkommen andere zu sein als die von Rosas deutscher Welt. Rose Marie Beck stellt die kulturelle, geographische und wirtschaftliche Differenz in den Vordergrund und fragt im Grunde genommen, inwiefern Rosas Resonanztheorie eine universale Bedeutung haben kann und ob der Begriff ausreichend Transformationspotenzial hat um wirklich als kritische Sozialtheorie zu fungieren.

Auf gewisse Weise kann man Ort auch als einen der Schlüsselbegriffe in Jean-Pierre Wils‘ Beitrag „Heimatversprechen und Weltverstummen“ sehen. Die Grundfrage ist jedoch die Verortung des Individuums in den Weltbeziehungen, die in den Prozessen der „dynamischen Stabilisierung“ der modernen Welt entstehen. Eine Art Lösung findet Wils in dem Begriff ‚Heimat‘. In einer phänomenologischen Analyse beschreibt Wils nicht nur Heimat und damit oft verbundene Kindheit. Mit „Stimmung“ scheint Wils einen Ort der Resonanz gefunden zu haben, wo man die Vertrautheit und Ruhe der resonierenden Welt findet.

Auf den Prüfstand der Theologie wird die Resonanz von Klaas Huizing gebracht. Als einer der „vertikalen Resonanzachsen“ ist Religion von Rosa selbst in den Betracht gezogen worden. Im Kern stehen hier die Fragen nach den Resonanzverhältnissen Gott – Mensch, Gott – Welt, Mensch – Welt, Mensch – Mensch und wie diese theologisch gesehen werden können – oder eben auch nicht. Nach Huizings Ausführungen scheinen diese Verhältnisse nicht restlos in der Resonanztheorie aufzugehen.

Einen weiteren theologischen Beitrag leistet „Das poröse Selbst und die universale Reichweite der Resonanztheorie“ von Christoph Hübenthal. Die Ausgangsthese bei Rosa lautet in Hübenthals Interpretation, dass die beiden Entitäten (Subjekt und Welt) eine ontologische Eigenständigkeit verweisen und das wäre auch für die Resonanztheorie konstitutiv. (S. 140) Rosa lehnt mit den Begriffen das „poröse“ und „abgepufferte“ Selbst sich an Taylor an, womit er die Verwandlung des Menschen vom Mittelalter zu unserer Zeit beschreibt – und zwar als Geschichte der Säkularisierung. Allerdings zeigt Hübenthal mit recht komplexen Ausführungen in der philosophischen Theologie, dass der Versuch einer säkularen Resonanztheorie nicht die theologische Ontologie übersetzen oder ersetzen kann.

Während Hübenthals Beitrag die theologische Deutung der Welt untersucht, betrachtet Bernd Sommer die Resonanz aus der Sicht der Sozialforschung. Im Titel seines Textes würdigt er die Resonanz neben der Nachhaltigkeit als Schlüsselbegriff der zeitgenössischen Gesellschaftskritik. In seinem Beitrag untersucht er die Berührungspunkte und Parallelitäten der beiden Begriffe. ‚Nachhaltigkeit‘ wird hier außer der zukunftsfähigen Benutzung der Naturressourcen auch als ‚innere Ressourcen‘ verstanden. Rosa zitierend wird beschrieben, wie „Der spätmoderne Mensch dazu [neigt] Raubbau an seinen körperlichen Ressourcen zu betreiben […] “ (S. 155). Eine Parallelität bei Resonanz und Nachhaltigkeit sieht Sommer an dem Doppelcharakter. Beide sind als deskriptive und normative Kategorien zu verstehen. Resonanz als Beschreibung der Weltbeziehung ist deskriptiv, als Maßstab eines gelungenen Lebens aber normativ. Bei Nachhaltigkeit verhält sich das ähnlich: Beispielsweise der Verbrauch der Energiequellen, die Beschreibung des Klimawandels etc. seien deskriptiv, der Appell mit den Ressourcen nachhaltig umzugehen bildet den kategorischen Imperativ. Mit der Frage, ob Resonanz- und Nachhaltigkeitskrise denselben Ursprung haben, schließt Sommer seinen Text und bleibt bei der Fassung, dass „moderne Gesellschaften heute nicht in der Lage sind, ihre eigenen normativen Versprechen einzulösen – weder das der Resonanz, noch das der Nachhaltigkeit.“ (S. 161)

Aus dem Bereich des Sozialen stammt der Beitrag von Alfons Maurer. Hier wird das Schlüsselwort Digitalisierung angesprochen. Maurer fragt, was die Digitalisierung für die Pflege bedeutet – vor allem, wenn man Pflegebeziehungen als Resonanzbeziehungen versteht. Maurer hält fest, dass die Digitalisierung eben „nicht nur Technik oder Methode ist, sondern auch Inhalt“. Unter dem Deckmantel der Effizienz und Messbarkeit wird in der Administration „mit Organisationswahn und Regelungswut“ vieles quantifiziert, was nicht messbar (so wie menschliche Beziehungen) ist und dies dient den Adressaten und Betroffenen selbst gar nicht.

Die Laudatio, die Dietmar Mieth zur Verleihung des Erich Fromm – Preises 2018 für Rosas Werk „Resonanz“ gehalten hat, hebt meines Erachtens vor allem den Aspekt hervor, dass Rosa als Soziologe nicht die Moral, sondern den Sinn des Lebens in den Vordergrund stellt. Mieth rückt zurecht auch die falschen Erwartungen, dass Rosa mit Resonanz alle Fragen des Bösen oder des Todes erklären könne: Dies ist auch nicht seine Intention. Die Resonanz bzw. Rosa „bleibt bei seinen soziologischen Leisten“ (S. 185) und hat nicht den Anspruch auf die Fragen und Antworten der Theologie das Vokabular zu finden.

Das Schlusswort hat Hartmut Rosa selbst: In seiner Replik geht er auf die Kritik ein, wehrt sich gegen Missverständnisse, klärt die in einer verständlichen Sprache auf und führt die in den Texten angefangenen Diskussionen ein Stück weiter, zeigt, wie die Texte für ein Resonanzverhältnis einen Beitrag leisten.

Diskussion

Das von Prof. Wils herausgegebene Buch ist zwar als eigenständiges Werk auch verständlich, aber eine Rosa – Lektüre im Vorfeld ist zu empfehlen. Während Rosas Schreibstil eher allgemeinverständlich ist, setzen zumindest einige Beiträge des hier rezensierten Buches vertiefte wissenschaftliche Kenntnisse in den Geisteswissenschaften voraus. Dem, dem der Resonanzbegriff ein verführerisch alleserklärender All-around -Begriff zu sein scheint, bietet diese Textsammlung erfrischende, ergänzende Perspektiven.

Fazit

Dass renommierte WissenschaftlerInnen aus unterschiedlichen Disziplinen und über Landes- und Sprachgrenzen hinaus einem Werk ein Buch widmen, spricht bei der teilweise auch heftigen Kritik, für die Wertschätzung der Kollegen. Da die Kritik meistens gegründet und sachlich bleibt, trägt es im positiven Sinn zum Weiterdenken der Resonanztheorie bei. Dass dieses auch im Sinne des Herausgebers ist und dass die Beiträge zur Diskussion mit Hartmut Rosa und anderen Resonanztheoretikern reizen sollen, zeigt die Replik von Rosa als Schlusswort. Hier wurde Rosa noch anschließend noch die Möglichkeit gegeben, unmittelbar auf die Beiträge zu reagieren.


Rezension von
Dr. Mari Mielityinen-Pachmann
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Zitiervorschlag
Mari Mielityinen-Pachmann. Rezension vom 09.04.2020 zu: Jean-Pierre Wils (Hrsg.): Resonanz. Im interdisziplinären Gespräch mit Hartmut Rosa. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-4645-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25248.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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