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Katrin Schiefer: Familienleitbilder in Ost- und Westdeutschland

Cover Katrin Schiefer: Familienleitbilder in Ost- und Westdeutschland. Dimensionierung, Struktur und Determinanten. Ergon Verlag (Würzburg) 2018. 275 Seiten. ISBN 978-3-95650-418-1. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR.

Reihe: Familie und Gesellschaft - Band 34.
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Thema

Die vorliegende Dissertation setzt sich mit der Kultur der Familie in Ost- und Westdeutschland auseinander, um Erklärungsmechanismen und zukünftige Entwicklungen besser einschätzen zu können.

Autorin

Katrin Schiefer ist vermutlich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz am Fachbereich 02 – Sozialwissenschaften, Medien und Sport (nähere Angaben sind im Buch nicht zu finden), wo diese Arbeit als Dissertation angenommen wurde.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben einer Danksagung in sechs Kapitel differenzierter Länge gegliedert.

Im ersten Kapitel „Einleitung“ wird betont, dass Paare nach der Geburt eines Kindes wieder auf komplementäre Geschlechterrollen zurückgreifen würden und sich somit ein Re-Traditonalisierungsschub vollziehe und auf die Unterscheidung zwischen Ost und West nicht verzichtet werden könne. Primäres Ziel der Arbeit sei die umfassende Analyse von Familienbildern, deren theoretische Ausdifferenzierung auf dem Konstrukt der Familienleitbilder beruhe.

Mit „Der Wandel der Familie(nformen) in Deutschland“ ist das nächste Kapitel überschrieben. Es wird eine Minimaldefinition entwickelt, die die Familie als Gruppe mit besonderem Interaktionspotenzial beschreibt, die in einem sehr engen Verhältnis zueinander stünden (S. 30). Sie wird als „Keimzelle der Gesellschaft“ verstanden, weil sie das Nachwachsen weiterer Generationen sichere. Danach werden die Unterschiede zwischen west- und ostdeutschen Familien herausgearbeitet.

Die „Familienpolitik als Determinante für den Wandel der Familie(nformen)“ ist das Thema des folgenden Kapitels. Hier wird die Entwicklung der Familienpolitik über die Zeit analysiert und diese zwischen der BRD und DDR unterschieden. Der Kern der Familienpolitik bestehe in der Befähigung zur Reproduktions- und Sozialisationsfunktion.

Im vierten Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit „Familienbilder: Theoretische Konzepte, Forschungsstand und Hypothesen“ (S. 80 ff). Leitbilder seien sozial geteilte Vorstellungsmuster komplexer Art, die sich häufig in Bildern manifestieren und unser Handeln und Denken beeinflussten (S. 87). Ehe als Institution habe im Osten eine geringere Bedeutung, weil die Frauen ökonomisch unabhängig seien, auch die Heiratsneigung sei trotz Kinder schwächer. Obgleich die Wende nun schon mehr als 25 Jahren vorbei ist, existierten zwei separate „Heiratsregimes“ in einem Land nebeneinander. So zeige sich auch eine starke Asymmetrie hinsichtlich der Familienleitbilder.

Im fünften Kapitel werden „Empirische Analysen der Familienleitbilder in Deutschland“ thematisiert (S. 147 ff). Hier steht die empirische Analyse der Dimensionierung der Familienleitbilder und Hypothesen zu den Ost-West-Unterschieden im Vordergrund. Es wird auf Daten des Bundesministeriums für Bevölkerungsforschung (BiB), die auf 5000 Probanden im Alter zwischen 20 und 39 Jahren beruhen, zurückgegriffen. Es zeige sich, dass Westdeutsche über traditionellere Familienleitbilder verfügten als Ostdeutsche, wobei die Unterschiede bezüglich der Kinderbetreuung und der Geschlechterrollenverteilung besonders groß seien. Nach umfangreichen statistischen Verfahren ließen sich drei Leitbildtypen identifizieren, die sich zwischen der traditionellen Alleinernährer- und der stärker egalitär ausgerichteten Doppelverdienerfamilie bewegten.

Im letzten Kapitel „Zusammenfassung, Diskussion und Ausblick“ soll noch einmal die Vorgehensweise und zentrale Ergebnisse diskutiert werden (S. 221 ff). So träfen 1990 zwei diametral entgegengesetzte Familienkonzeptionen aufeinander und was noch überraschender sei – die vermutete Annäherung blieb aus, sondern es zeige sich eine dauerhafte Manifestation der Unterschiede zwischen Ost und West. Das Modell der egalitären Doppelverdienerfamilie scheine im Osten Deutschlands fest verankert zu sein, sodass nicht von einer Abkehr dieses Modells auszugehen sei. Es sei zu vermuten, dass sich die Entwicklung tendenziell zum egalitären Familienmodell vollziehe, zumindest was die weibliche Erwerbstätigkeit angehe.

Fazit

Wenn eine Dissertationsschrift veröffentlich wird, bedeutet es meist, dass sie nur für eine eingeschränkte Leserschaft geeignet ist. In diesem Fall ist das nicht so. Die Thematik ist für viele Leser und Leserinnen interessant und der Sprachduktus ist leicht verständlich. Natürlich ist die Ausführlichkeit der statistischen Verfahren zuweilen zu detailliert und es gibt zudem Mängel was die Antwortmodelle betrifft. Wissenschaftlich sinnvoll sind vierstufige Antwortmodelle, weil sie den Probanden zu einer eindeutigen Antwort zwingen und keine Mittelposition zulassen. Leider wird dieses Prinzip im Fragebogen nicht durchgängig eingehalten und schmälert dadurch die Aussagekraft. Insgesamt aber ist es eine lesenswerte Publikation, die alle jene interessieren dürfte, die sich mit Familienpolitik und –bildung beschäftigen.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 12.07.2019 zu: Katrin Schiefer: Familienleitbilder in Ost- und Westdeutschland. Dimensionierung, Struktur und Determinanten. Ergon Verlag (Würzburg) 2018. ISBN 978-3-95650-418-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25252.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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