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Werner Nienhüser, Heiko Hoßfeld u.a.: Was Menschen über Mitbestimmung denken

Cover Werner Nienhüser, Heiko Hoßfeld, Esther Glück, Lukas Gödde: Was Menschen über Mitbestimmung denken. Empirische Analysen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 242 Seiten. ISBN 978-3-8487-4973-7. 44,00 EUR.
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Gerechtigkeit und Mitbestimmung

Selbst- und Mitbestimmung sind demokratische Werte. Es sind Menschenrechte, wie sie in der globalen Ethik, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechtevom 10. Dezember 1948, von den Vereinten Nationen proklamiert wurden. Mit den Menschenrechten auf Arbeit, gerechte Entlohnung, Rechts- und Interessenvertretung von Arbeitnehmern (Art. 23) wird das Recht auf Mitbestimmung postuliert. Die Auseinandersetzungen darüber bestimmen den Diskurs um soziale Gerechtigkeit: „Eine vernünftige, gerechte und zukunftsorientierte Gestaltung der Arbeitswelt (ist) das Fundament und auch die Lösung für fast alle anderen Herausforderungen. Wer gute, fair bezahlte, sichere Arbeit hat, der wird auch die Kraft haben, sich für Klimaschutz, Biodiversität, Tierwohl, arme Menschen, Geflüchtete und Bildung einzusetzen“; nicht zuletzt natürlich auch für Demokratie eintreten und damit den populistischen Parolen widerstehen können (Anette Dowideit, Die Angezählten. Wenn wir von unserer Arbeit nicht mehr leben können, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25894.php). Im Betriebsverfassungsgesetz von 1952 und im Gesetz über die Mitbestimmung von Arbeitnehmern von 1976 werden die Mitsprache- und Beteiligungsrechte von abhängig Beschäftigten in deutschen Betrieben geregelt. Forderungen nach einem sozialen Europa und einer sozialen, gerechten Einen Welt bestimmen den internationalen Diskurs (Michael Sommer/Hans-Joachim Schabedoth, Hrsg., Europa sozial gestalten! 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6035.php; sowie: David Goeßmann/Fabian Scheidler, Hrsg., Der Kampf um globale Gerechtigkeit, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26334.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Demokratische, gesetzliche Mitbestimmung ist in Jahrhunderten erkämpftes, individuelles und gesellschaftspolitisches Recht. Es sind die ego-, ethnozentristischen und undemokratischen Auffassungen von Kapital und Macht, die die Etablierung und Institutionalisierung von Mitbestimmungsrechten so langwierig und schwierig machen. Es sind aber auch das nachhinkende (Rechts-)Bewusstsein, die Selbstgefälligkeit und sogar das als selbstverständlich und nicht weiter aktiv durchzusetzende Empfinden, mit den Normen der gesetzlichen Mitbestimmung schon das Notwendige erreicht zu haben, die bei der gesellschaftlichen Analyse Defizite erkennen lassen. In den Zeiten von Globalisierung, Profitgier, Kapitalisierung, Machtmissbrauch, Fake News und Fake Follower, braucht es Gesellschafts- und Kapitalismuskritik (Joseph Stiglitz, Der Preis des Profits. Wir müssen den Kapitalismus vor sich selbst schützen, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​26587.php). Die Gefährdungen, die sich durch die lokal und global zunehmende, scheinbar alternativlose Kapitalmacht ergeben, brauchen die höchste, intellektuelle und wissenschaftliche Aufmerksamkeit.

Beim Lehrstuhl für Arbeit, Personal und Organisation der Universität Duisburg-Essen – den WirtschaftswissenschaftlerInnen Werner Nienhüser und Heike Hoßfeld, den Sozialwissenschaftlerinnen Esther Glück und Lucas Gödde – wurde eine empirische Studie darüber durchgeführt, was Menschen in Deutschland über Mitbestimmung wissen. Es sind drei Fragen, die von den Forscherinnen und Forschern gestellt werden:

  1. „Was wissen Menschen im erwerbsfähigen Alter über Mitbestimmung, das heißt, wie viel wissen sie darüber und welche inhaltlichen Vorstellungen haben sie?“
  2. „Wie bewerten die Menschen die Mitbestimmung, welche Einstellungen zur Mitbestimmung existieren in der Bevölkerung?“
  3. „Wie lassen sich mögliche Unterschiede in den Einstellungen, aber auch im Ausmaß und in den Inhalten des Mitbestimmungswissens erklären? Warum gibt es (keine) Unterschiede, vor allem zwischen sozialen Gruppen?“.

Betont wird, dass die Forschungsanalyse keine Meinungsumfrage sein will, sondern eine umfängliche, theoriebasierte Datenerhebung von mehr als 13.000 Assoziationen bei 3.203 zufällig ausgewählten (telefonischen) Befragungen und 41 qualitativen Interviews mit jungen Menschen. Die Zusammenarbeit mit der Hans-Böckler-Stiftung führt auch dazu, dass die Studie zusätzlich als 408. Band der Reihe „Study“ der HBS veröffentlicht wird.

Aufbau

Die Analyse zur Mitbestimmungsforschung ist zum einen besonders deshalb bemerkenswert, weil in den Ergebnissen der Studie zum einen Antworten darauf gegeben werden, welche meinungsbildenden, motivierenden und innovativen Wirkungen beim aktiven Mitbestimmungswissen für positives, gesellschaftspolitisches Dasein ausgehen; zum anderen wird deutlich, dass Mitbestimmung zur sozialen Gerechtigkeit beiträgt. Neben der Einführung in Forschungsfrage und zum Forschungsstand, wird die Studie in sechs weitere Kapitel gegliedert und mit der Zusammenfassung der Ergebnisse gegliedert:

  1. Theoretischer Rahmen und Orientierungshypothesen
  2. Methodische Überlegungen
  3. Beschreibungen der quantitativen Erhebung
  4. Ergebnisse I der Telefonumfrage: Beschreibung der ‚Denkwelt‘
  5. Ergebnisse II der Telefonumfrage: Unterschiede im Mitbestimmungsdenken zwischen sozialen Gruppen
  6. Befunde der qualitativen Studie: Junge Menschen zwischen Resignation und dem Wunsch nach mehr Partizipation.

Zahlreiche Abbildungen, Grafiken und Tabellen markieren und illustrieren die Studie, die für sich in Anspruch nimmt, die bisher in der Sozialforschung erkennbare Lücke zur Mitbestimmungsforschung füllen zu helfen.

Inhalt

„Denken über …“ soll im demokratischen, sozialen Repräsentationsprozess bewirken: „Handeln zum…“. Es ist der Brückenschlag vom Individuum zur Gemeinschaft. In der Forschung wird diese humane Herausforderung mit unterschiedlichen, psychologischen, soziologischen, anthropologischen und philosophischen Konzepten angegangen; etwa mit dem „Habitus-Konzept“ als Rahmenkonstrukt. Weil Wissen immer gründen soll auf Fragen, Auseinandersetzung und Erfahrung, kommt es darauf an zu erkunden, wie Einstellungen und Meinungen entstehen, bestehen und sich verändern. Meinungsumfragen (vgl. z.B. dazu auch: Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Wie sie unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir sie beeinflussen, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​22651.php) und Gesellschaftsanalysen unterliegen immer auch Irrungen und Manipulationen (Heiner Hastedt, Hg., Deutungsmacht von Zeitdiagnosen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25798.php). Sie erfordern deshalb für die Forschung verifizierbare qualitative und quantitative Erhebungsverfahren. Der ausführliche Aufweis der bei der Studie benutzten Methoden und Instrumente ist hilfreich, aussagekräftig und für Anschlussforschungen greifbar.

Die Ergebnisse der Studie führen nicht dazu, „Es ist vollbracht“- und Jubelschreie auszustoßen. Zwar zeigt sich bei Analyse der Antworten aus der Telefonumfrage I, dass der Durchschnitt der Befragten grundsätzlich gesellschaftliche und gesetzliche Mitbestimmung befürworten; doch in den Einzelergebnissen wird deutlich, dass die Mehrheit der Bevölkerung über keinen hohen Wissensstand darüber verfügt, nämlich nur 36 % der Befragten. Ein weiteres Ergebnis ist bemerkenswert: Beim Meinungscheck kommt zum Ausdruck, dass rund 77 % der Befragten nicht an die gesetzliche Mitbestimmung in der Arbeitswelt denken, sondern eher an individualgesellschaftliche Zusammenschlüsse oder (immerhin!) an gesellschaftspolitische Strukturen. Um hier nähere Erkenntnisse zu gewinnen, bedarf es der Nachschau darüber, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede beim Mitbestimmungsdenken zwischen sozialen Gruppen vorherrschen. Die „Korrespondenz-Analyse“ bringt erstaunliche und bemerkenswerte Resultate hervor. Da ist zum Beispiel der Befund, dass es zwischen den verschiedenen, sozialen Gruppen in der Gesellschaft vehement unterschiedliche Auffassungen über Mitbestimmungsfragen, Bedeutung von Gewerkschaften… gibt und ein produktiver Dialog darüber kaum stattfindet. Die ausführlich und differenziert in Tabellen und Statistiken ausgewiesenen, aussagekräftigen Ergebnisse können als ein wesentlicher Hauptteil der Forschungsstudie angesehen werden.

Die zukunftsorientierte Betrachtung, über welches Wissen, welche Interessen, Erfahrungen, Wünsche und Hoffnungen junge Menschen über Mitbestimmung verfügen, wird von den Forschern „zwischen Resignation und dem Wunsch nach mehr Partizipation“ beantwortet. Es sind dieselben Feststellungen, wie sie als allgemeiner Trend zum Ausdruck kommen: Wenig Wissen, wenig Interessen: „Negative Erfahrungen mit Organen der Mitbestimmung, aber auch Folgen nicht vorhandener Mitbestimmung, spielen offenbar eine größere Rolle in der ohnehin seltenen Kommunikation über dieses Thema als positive Erfahrungen“.

Fazit

Die Forschungsstudie, die sich zum Ziel gesetzt hat zu ermitteln, was Menschen über Mitbestimmung denken, vermittelt ein Ja, aber zum einen stellt sie fest, dass „sowohl im quantitativen als auch im qualitativen Teil unserer Studie eine breite Akzeptanz des Mitbestimmungsgedankens in einem allgemeinen Sinn“ zu verzeichnen ist. Andererseits wird deutlich, dass sich „bei der konkreten Anwendung ( ) Grenzen, Einschränkungen und Relativierungen (zeigen)“. Die Antwort freilich kann nicht sein: „Dann braucht es diese Auseinandersetzung nicht!“ – vielmehr kann und sollte die Studie ein Appell sein, in der allgemeinbildenden, schulischen und Erwachsenenbildung ein stärkeres Wissen über die institutionalisierte Mitbestimmung zu vermitteln, Didaktiken und Methoden anzuwenden, die Zusammenhänge zwischen der eigenen, individuellen Lebenssituation und der Arbeitnehmermitbestimmung zu verdeutlichen und theoriebasierte, praxisorientierte Aufklärung zu realisieren (Tim Engartner, u.a., Was ist gute ökonomische Bildung? Leitfaden für den sozioökonomischen Unterricht, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26039.php).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.03.2020 zu: Werner Nienhüser, Heiko Hoßfeld, Esther Glück, Lukas Gödde: Was Menschen über Mitbestimmung denken. Empirische Analysen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-4973-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25253.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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