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Ursula Reitemeyer: Praktische Anthropologie

Cover Ursula Reitemeyer: Praktische Anthropologie oder die Wissenschaft vom Menschen zwischen Metaphysik, Ethik und Pädagogik. Wendepunkte. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. 244 Seiten. ISBN 978-3-8309-3860-6. 34,90 EUR.

Reihe: Internationale Feuerbachforschung - 8.
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Es gibt kein Ich ohne ein Du!

Die Suche nach dem ontologischen Gefüge des menschlichen Daseins ist ein uraltes Begehren menschlichen Denkens und Forschens, über alle Zeiten hinweg. Die Anthropologie als das Wissen und die Lehre vom Menschen stellt sich die Aufgabe, die Suche nach den Wesenszügen des Menschen zu ergründen und zu beschreiben. Es sind biologische, kulturelle, philosophische und politische Fragen, die in der Anthropologie bedeutsam sind. Die Kantische Frage „Was ist der Mensch?“ wird von den verschiedenen Disziplinen unterschiedlich beantwortet. Die Bedeutung, die dabei den jeweiligen Existenz- und Einflusssphären zugeschrieben wird, formt auch das individuelle und kollektive Weltbild (vgl. dazu z.B.: Werner Petermann, 2010; Jörn Rüsen, 2010; Hans Lenk, 2013; Tzvetan Todorov, 2015, in: socialnet-rezensionen).

Autorin

Die Erziehungswissenschaftlerin von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, Ursula Reitemeyer, ist Präsidentin der Internationalen Gesellschaft der Feuerbachforscher (Societas Ad Studia De Hominis Condicione Colenda), einem Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die das Werk des Philosophen Ludwig Feuerbach (1804 – 1872) als zeitbedingte wie gleichzeitig zeitlose, unabhängige Philosophie erschließen, erhalten und deren Bedeutung für aktuelle Fragen der Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft aufzeigen wollen.

Entstehungshintergrund

In der Praktischen Philosophie (vgl. z.B. dazu: Claus Baumann, u.a., Hrsg., Philosophie der Praxis und die Praxis der Philosophie, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16849.php) geht es, wie in der verwandten wissenschaftlichen Disziplin der Praktischen Anthropologie darum, leben zu lernen, und zwar in der anthropologischen Bedeutung, dass der anthrôpos ein mit Vernunft befähigtes Lebewesen ist, das danach strebt, für sich und die Menschheit ein gutes, gelingendes Leben zu erreichen. In der Gedichtstrophe – „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst“ – kommt zum Ausdruck, dass der Mensch in seiner Individualität nur dann ganz er ist, wenn er sich seines Angewiesenseins auf die Mit-, und Umwelt bewusst ist. Die „Lehre vom Menschen“ zielt somit auf Menschenbildung. Damit wird Herausforderung deutlich: „Die (humane Gegenwart, JS und) Zukunft der Menschheit (ist) nicht von der Frage der Mitmenschlichkeit, der Humanität, zu trennen ( )“. Die Suche nach einem „realen Humanismus“, wie sie etwa in der internationalen Feuerbachforschung forciert wird, will das Interesse auf Fragen nach der Existenz des Menschen, seines Ursprungs und seines Verhältnisses zur Natur, Geschichte und Gesellschaft richten.

Die philosophischen, leibanthropologischen Auffassungen Feuerbachs wurden insbesondere von den Vertretern einer materialistischen Geschichtsauffassung kritisiert und in den Marxschen Feuerbach-Thesen (1845) kritisiert, dass in der klassischen Philosophie die Philosophen die Welt nur verschieden interpretierten, ohne sie zu verändern. Veränderungen aber sind nur dann möglich, wenn es gelingt, das Bewusstsein mit dem Verstand in Einklang zu bringen – durch Aufklärung, Bildung und Erziehung (siehe dazu auch: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen! In: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363 – 373). Es ist die philosophische, soziologische und politische Pädagogik gefragt (vgl. dazu die Publikationsreihe zur internationalen Feuerbachforschung beim Waxmann-Verlag). Das Forschungsvorhaben mit, durch und über Feuerbach hinaus eine „Wissenschaft vom Menschen zwischen Metaphysik, Ethik und Pädagogik (als) philosophische Anthropologie“ darzustellen, gestaltet sich als „eine Anthropologie im Horizont der Humanität und nicht weniger als eine ‚Grammatologie des Weltbürgertums bzw. eine Theorie der Menschen- und Weltkenntnis“.

Aufbau und Inhalt

Ursula Reitemeyer untertitelt ihre Forschungsarbeit mit „Wendepunkte“. Sie erhebt damit den Anspruch, im bildungs- und erziehungswissenschaftlichen Sinn einen Perspektivenwechsel vorzunehmen.

Die Arbeit wird in drei Teile gegliedert.

  • Im ersten Teil werden die verschiedenen anthropologischen Begriffsbestimmungen, Zugangsweisen und Methoden aufgezeigt und auf das Tablett der philosophischen Anthropologie gebracht.
  • Im zweiten wird die historische Entwicklung hin zum Konzept der Philosophischen Anthropologie erzählt; und
  • im dritten Teil wird der Fokus auf geisteswissenschaftliche Pädagogik gerichtet

„Nicht die abstrakte Einheit des Ich mit sich selbst…, sondern die konkrete, durchaus leiblich gedachte Einheit von Ich und Du ist aus idealismuskritischer Sicht das Wesens- bzw. Gattungsmerkmal des Menschen“. Es ist der differenzierte Ansatz, die philosophische Anthropologie und Pädagogik als Wertmaßstab neben den kulturwissenschaftlichen und soziobiologischen Aspekten zu Wort kommen zu lassen (vgl. auch: Reinhard Mehring, Die Erfindung der Freiheit. Vom Aufstieg und Fall der Philosophischen Pädagogik, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24040.php). Es ist die anthropologische, geschichtliche und mentalitätsorientierte Nachschau beim philosophischen Denken in der Vergangenheit, die eine gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Betrachtung – von den antiken Philosophen, über die Aufklärer bis hin zu den Humanisten – die zu den Forderungen führen: „Aus bildungstheoretischer Sicht ist eine humanisierte pädagogische Praxis die Keimzelle humanisierter sozialer, politischer und ökonomischer Verhältnisse“.

Es ist die „materialistische Wende“, die Mitte des 19. Jahrhunderts Einzug in die anthropologische Forschung hält und den Menschen, wie Feuerbach es ausdrückte, zum „Stoffwechsler“ schrumpfen ließ: „Der Mensch ist, was er isst“. Das Bewusstsein, dass der vernunftbegabte, selbstdenkende Mensch nur dann seine naturgegebenen und kulturell erworbenen Fähigkeiten leben kann, wenn er sich bildet, sollte unumstritten sein. Die Art und Weise, wie diese „Vernunftbewegungen“ verlaufen, bestimmen seine Existenz: Für diese Bildungsprozesse benötigt werden „die Geschichtsphilosophie, die nicht mehr ausmalen, aber doch Zusammenhänge erkennen kann… (wir brauchen) die Bildungstheorie, die neben Begriffsarbeit auch immer eine Theorie gesellschaftlicher und Praxis ist…“. Weitere „anthropologische Wenden“ hin zum psychologischen Bewusstsein und zur „Kritik des inhumanen Positivismus“, wie sie in der „kritischen Theorie“ artikuliert wurde, bewirken interessanterweise eine „Rehabilitierung einer normativen Leibanthropologie“, wie sie bereits von Feuerbach gedacht wurde. Damit aber zeigt sich das Dilemma: Positivistisches Denken steht im Widerspruch zum Anspruch einer praktischen Philosophie, nämlich „eine Philosophie des Menschen und für den Menschen zu sein“.

Eine Lösung aus dieser Sackgasse könnte eine „Theorie der pädagogischen Anthropologie“ sein, obwohl die Autorin sich scheut, den Begriff auf ihr Schild zu heben; nicht zuletzt deshalb, weil anthropologisches Denken und Handeln immanent verbunden ist mit pädagogischem Tun, als „die Lehre von der menschlichen Natur, vom Wesen des Menschen (die) zugleich eine Lehre des werdenden, des seine Natur und seinen Geist herausbildenden Menschen ist“. Mit dieser vierten anthropologischen Wende fokussiert Ursula Reitemeyer ihre mit der Feuerbachschen Theorie korrespondierende wie gleichzeitig in Ansätzen konfrontative Auseinandersetzung hin zu einer bildungstheoretisch vermittelten praktischen Anthropologie.

Fazit

Die Essenz aus den Versuchen, Anthropologie und Pädagogik zusammen zu bringen, nicht als eine neue wissenschaftliche Disziplin, und schon gar nicht als ein Unterrichtsfach, ergibt sich mit der Sinnfrage: Was ist ein guter Pädagoge? „Der Pädagoge ist kein Metaethiker, sondern ein Ethiker, während er versucht, eine Lerngemeinschaft aus Schülern zu bilden, die alle einen unterschiedlichen Wissens- und ethischen Reflexionshorizont mitbringen“. Dadurch ist der Mensch, als Lehrender und Lernender ein Aufgeklärter und Gebildeter, und er ist sich bewusst, ein gleichberechtigter, gleichwürdiger Mensch unter Menschen zu sein.

Historisch, biographisch, fachtheoretisch und -praktisch bedeutsam ist der als Nachbetrachtung getitelte, fiktive Brief, den die Autorin im November 2012 an Max Horkheimer (1895 – 1973) beim Institut für Sozialforschung Frankfurt, New York und Los Angeles schreibt. Sie skizziert darin die wissenschaftliche Schaffensgeschichte des Philosophen, verweist auf seine Werke und deren Bedeutung für die Kritische Theorie und das intellektuelle, anthropologische und philosophische Denken. Der mit der universitären Lehre vertraute Leser kann sich gut vorstellen, welche Aufmerksamkeit dieser „Brief“ bei den Studierenden findet, als Replik und Vision!

Die Autorin empfiehlt ihr Buch „Praktische Anthropologie“ als „vertiefende Lektüre im Rahmen eines bildungswissenschaftlichen Studiums“, und als Literatur für das erziehungswissenschaftliche Fachpublikum. Die Ansage „Wendepunkte“ verweist darauf, dass anthropologisches, philosophisches und pädagogisches Denken und Handeln niemals festgelegt, statisch und ideologisch sein darf, sondern Veränderungsprozessen und Perspektivenwechsel unterliegen muss, so, wie die Autorin in ihrem fiktiven Brief an Horkheimer formuliert: „Wenn Philosophie nicht im Widerstand ist, philosophiert sie nicht, sondern sie schafft sich ab“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.02.2019 zu: Ursula Reitemeyer: Praktische Anthropologie oder die Wissenschaft vom Menschen zwischen Metaphysik, Ethik und Pädagogik. Wendepunkte. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. ISBN 978-3-8309-3860-6. Reihe: Internationale Feuerbachforschung - 8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25256.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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