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Florian G. Hartmann: Analysen zur Übereinstimmung beruflicher Interessen

Florian G. Hartmann: Analysen zur Übereinstimmung beruflicher Interessen in der Familie. Eine Studie zur Bestimmung der dyadischen Ähnlichkeit bei mehrdimensionalen Konstrukten im familialen Kontext. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. 342 Seiten. ISBN 978-3-8309-3906-1. 34,90 EUR.

Reihe: Empirische Erziehungswissenschaft - 68.
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Thema

Das Buch fügt sich in die Reihe „Empirische Erziehungswissenschaft“ (Band 68) ein. Es behandelt eine quantitative Analyse von Daten die nach der Berufswahltheorie von Holland erhoben wurden. Der Autor zeigt in vielfältigen Berechnungen statistische Zusammenhänge zwischen der Berufswahl von Studierenden und den Berufen derer Mütter und Väter. Es geht also um die Übereinstimmung beruflicher Interessen innerhalb der Familie. Florian Hartmann beschäftigt sich mit dem theoretischen Person-Umwelt-Modell von Holland, welches Berufliche Interessen und Berufswahlprozesse beschreibbar macht.

Autor und Entstehungshintergrund

Hartmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bildungswissenschaft (Fakultät für Humanwissenschaften) der Universität der Bundeswehr München. Dort wurde die Studie als Dissertation 2016 erfolgreich angenommen. Das Interesse von Personen an Berufen steht im Zentrum der Studie bzw. die Frage inwieweit sich Generation und Geschlecht innerhalb von Familien als Variablen auf das Interesse an bestimmten Berufen beeinflussen. Die Studie nutzt Sekundärdaten aus früheren Erhebungen, die jeweils das standardisierte Erhebungsinstrument AIST(Allgemeiner Interessens Struktur Test nach Bergmann) anwenden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in dreizehn Kapitel gegliedert. Abbildungs-, Tabellen- und Literaturverzeichnis sowie Anhänge runden das Werk ab.

Die Einleitung bildet Kapitel eins. Auf knappen 3,5 Seiten gibt der Autor einen Überblick über das 340 Seiten starke Buch und stellt klar, dass hinter den statistischen Analysen das „Interesse“ als Konzept steht. Berufliche Interessen werden als stabile Handlungstendenzen verstanden.

In den Kapiteln zwei bis vier erläutert der Autor die theoretischen Konzepte die seiner Arbeit zu Grunde liegen. Er beschreibt Berufe als Umwelten mit charakteristischen Tätigkeitsbündeln und streift kurz die historische Dimension des Begriffs (Kap. zwei). Die theoretische Grundlage für Florian Hartmanns Studie bildet das Person-Umwelt-Modell von Holland, welches in Kapitel drei ausführlich dargelegt wird. Demnach können alle Personen mit sechs idealtypischen Personenorientierungen charakterisiert werden, wobei die Idealtypen bestimmte Ziele, Werte, Fähigkeiten und Interessen repräsentieren. Analog dazu gibt es die Dimensionen der Umwelt, die ebenfalls in sechs Idealtypen zusammengefasst werden. Die Passung zwischen Person und Umwelt-Typus ergibt eine größere oder kleinere Zufriedenheit mit dem Beruf bzw. lässt dem Modell entsprechend eine höhere oder geringere Wahrscheinlichkeit den Beruf zu wechseln ableiten. Dieses Modell wird seit den 1990er Jahren in vielen Studien empirisch getestet und angewendet. So wurden beispielsweise Zusammenhänge mit demographischen Variablen wie dem Geschlecht identifiziert. Analysen können auf individueller Ebene erfolgen, wie aber auch mit aggregierten Daten.

Neben dem Geschlecht wird der Frage der Veränderungen zwischen Generationen in den Interessens- und Umweltprofilen von Menschen in empirischen Studien nachgegangen. Kapitel vier widmet sich diesem Aspekt. Holland geht dabei von einer intergenerationalen Transmission aus, nach derer sich die Interessen der Eltern auf jene der Kinder auswirken. Dieser Aspekt interessiert Hartmann besonders. Dazu führt er noch weitere Berufswahltheorien in den Diskurs ein, um das Argument, das Eltern eine einflussreiche Rolle auf die Interessensentwicklung ihrer Kinder haben, genau zu prüfen.

Die folgenden Kapitel fünf und sechs beschreiben vertiefte forschungstechnische Aspekte zur Messung der Übereinstimmung beruflicher Interessen und bisheriger Befunde. Der Autor gibt einen knappe Übersicht zu bisher international durchgeführten Studien um seine anschließenden Analysen zu verorten.

Die Fragestellungen und Hypothesen legt Florian Hartmann in Kapitel sieben sehr übersichtlich dar. Er hat für deine Untersuchungen sieben Fragen mit insgesamt zwölf Hypothesen aufgestellt:

  • Fragestellung I – Geschlechtereffekte: Unterscheiden sich Männer und Frauen in ihren beruflichen Interessen?
  • Fragestellung II – Generationseffekte: Unterscheiden sich Personen unterschiedlicher Generationen in ihren beruflichen Interessen?
  • Fragestellung III – stereotype accuracy: Ist die Übereinstimmung beruflicher Interessen in der Familie geprägt von einer stereotypen Ähnlichkeit und besteht darüber hinaus eine Ähnlichkeit zwischen Studierenden und ihren Eltern?
  • Fragestellung IV – Korrelation: Stehen die Interessen der Studierenden in Zusammenhang mit den Interessen ihrer Eltern?
  • Fragestellung V – Interessen oder Elternberufe: Ist die Kongruenz zwischen den angestrebten Berufen nach dem Studium und den Interessen der Studierenden größer als die Kongruenz zwischen den angestrebten Berufen nach dem Studium und den Berufen der Eltern?
  • Fragestellung VI – Klassifikation: Lassen sich Familien anhand der beruflichen Interessen ihrer Mitglieder sinnvoll in Klassen einteilen?
  • Fragestellung VII – Rekonstruktion: Lassen sich die Gesamtvektoren der Studierenden durch Addition der Gesamtvektoren der Eltern rekonstruieren?

Hartmann nimmt eine Sekundärdatenanalyse vor. Er arbeitet mit Daten aus drei unterschiedlichen Studien aus Österreich und Deutschland. Kriterium für die Auswahl der Sekundärdaten war das Vorhandensein von Befragungsdaten von den Ankerpersonen und ihren Müttern und Vätern. Alle drei Studien erheben die Interessen im Sinne von Holland mit den Gesamtnormen von Bergmann und Eder. In Kapitel acht bis elf stellt der Autor die drei Studien im Detail vor, um anschließend in Kapitel zwölf seine eigenen Auswertungen, Analysen und Interpretationen der Daten vorzunehmen. Dabei geht Florian Hartmann sehr in technische Details ein und zeigt eindrucksvoll, wie statistische Analysen die Fragestellungen und ihre Hypothesen beantworten können.

Personen verschiedenen Geschlechts oder unterschiedlicher Generation unterscheiden sich in ihren beruflichen Interessen. Der Autor diskutiert statistische Fragen der Kontrolle von „stereotyper Ähnlichkeit“ bei den Berechnungen. Er fragt z.B. danach, ob die Interessensprofile von Töchtern jenen ihrer Mütter ähneln weil sie gleichen Geschlechts sind oder weil sie zu einer Familie gehören? Ohne „stereotypadjustierte Profilkorrelation“ komme es zu einer Überschätzung der Ähnlichkeiten zwischen Töchter und Mütter und Unterschätzung der Ähnlichkeiten zwischen Töchtern und Vätern und Söhnen und Müttern. Mit kanonischen Korrelationsanalysen berechnet Florian Hartmann neuerlich Zusammenhänge zwischen Interessen der Studierenden und ihren Eltern, wobei sich differenzierte Ergebnisse für die Zusammenhänge je nach Geschlecht und Berechnungsart ergeben. Die Frage, ob sich Familien anhand der beruflichen Interessen ihrer Mitglieder sinnvoll in Klassen einteilen lassen, beantwortet der Autor nach entsprechenden Clusteranalysen mit ja. Hypothese VII. muss verneint werden. In Kapitel 13 diskutiert der Autor die Ergebnisse abschließend.

Diskussion

Das Werk zeigt eindrücklich, wie genaue Fragestellung und Hypothesenbildung handlungsleitend für die Analyse von Daten sein können. In der Analyse arbeitet sich der Autor an den vorher gebildeten Hypothesen Schritt für Schritt ab und behält somit einen roten Faden. Inhaltlich ist besonders interessant, dass der Autor mit statistischen Methoden (z.B. Kanonische Korrelationen) Aussagen gewinnt, die Stereotype Ähnlichkeit von familiärer Ähnlichkeit differenziert. Er geht davon aus, dass das Kontrollieren der stereotypen Ähnlichkeit, dann eingesetzt werden sollte, wenn jener Anteil der Ähnlichkeit quantifiziert werden soll, der auf familiale Verbundenheit zurückzuführen ist (S 258). Eine Kritische Diskussion bisheriger Studien auf Basis der Ergebnisse des vorliegenden Werks ist möglich. Als Interessierte an Themen zu Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung werden die Hinweise, dass geschlechtsspezifische Stereotype abnehmen besonders sensibel aufgenommen. Hier liegt ein interessantes Teilergebnis vor, das es Wert wäre, mit aktuellen Daten zu überprüfen.

Fazit

Der Autor beschäftigt sich in seinem Werk intensiv mit der statistischen Analyse von Daten aus Befragungen Studierender und ihrer Eltern. Zusammenhänge zwischen Berufswahl und -interessen der Studierenden und ihrer Mütter und Väter werden auf unterschiedliche Wege berechnet und interpretiert. Florian Hartmann stellt dabei zuerst die angewendeten theoretischen Modelle (Person-Umwelt-Modell von Holland, AIST nach Bergmann) vor, stellt konkret seine Fragestellungen und Hypothesen vor und arbeitet diese dann Schritt für Schritt ab. Die diskutierten Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild auf die Möglichkeiten der quantitativen Forschung z.B. familiäre Ähnlichkeiten von geschlechterstereotypen Ähnlichkeiten zu differenzieren. Dies ist insbesondere für die weitere Erforschung der Frage der geschlechterstereotypen Berufswahl und anschließende Handlungskonzepte entscheidend.


Rezensentin
Dr. Lea Putz-Erath
Geschäftsführerin femail, FrauenInformationszentrum Vorarlberg
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Zitiervorschlag
Lea Putz-Erath. Rezension vom 16.08.2019 zu: Florian G. Hartmann: Analysen zur Übereinstimmung beruflicher Interessen in der Familie. Eine Studie zur Bestimmung der dyadischen Ähnlichkeit bei mehrdimensionalen Konstrukten im familialen Kontext. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. ISBN 978-3-8309-3906-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25258.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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