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Martin Rothland, Ina Biederbeck (Hrsg.): Praxisphasen in der Lehrerbildung

Martin Rothland, Ina Biederbeck (Hrsg.): Praxisphasen in der Lehrerbildung im Fokus der Bildungsforschung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. 226 Seiten. ISBN 978-3-8309-3911-5. 34,90 EUR.

Reihe: Beiträge zur Lehrerbildung und Bildungsforschung - 4.
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Thema

Die Bildungsreformdebatte „nach PISA“ hat in vielen Bundesländern dazu geführt, den Vorbereitungsdienst zu verkürzen und praktische Anteile der Lehrerausbildung bereits in die universitäre Phase zu verlagern. Sehr deutlich wird dies an der Ausweitung der Praxisphasen bereits während des Studiums. Die Lehramtsstudiengänge werden an vielen Universitäten mittlerweile fakultätsübergreifend durch eigenständige Zentren der Lehrerbildung koordiniert. Ein Band aus dem Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung der Universität Siegen bietet eine Zusammenschau empirischer Forschungszugänge, die sich mit Praxisphasen im Rahmen der Lehrerbildung beschäftigen.

Herausgeberin und Herausgeber

Martin Rothland ist am Department Erziehungswissenschaft und Psychologie der Universität Siegen tätig.

Ina Biederbeck arbeitet am Zentrum für Lehrerinnen- und Lehrerbildung der Europa-Universität Flensburg.

Entstehungshintergrund

Der Band geht auf die „Siegener Sommerakademie für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuschswissenschaftler“ aus dem Jahr 2016 zurück. Im Rahmen dieser Akademie präsentierten Forscherinnen und Forscher aus sechsundzwanzig Standorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Forschungsarbeiten zu Praxisphasen in der Lehrerbildung. Für die Drucklegung wurden die Beiträge aus dem Kreis des wissenschaftlichen Nachwuchses um weitere Zugänge aus der Feder bereits langjährig erfahrener Coautoren ergänzt.

Der Band verfolgt das Ziel, bestehende Begrenzungen innerhalb des Forschungsfeldes durch eine disziplin- wie standortübergreifende Kooperation zu überwinden. Viele Studien basierten auf lokalen, selektiven Stichproben sowie Selbsteinschätzungen von Studenten. Dadurch seien standortübergreifende Rückschlüsse nur bedingt möglich.

Aufbau

Inhaltlich deckt der Band fünf Teilbereiche ab, die allerdings im Inhaltsverzeichnis nicht eigens ausgewiesen werden. Untersucht werden

  1. Lerngelegenheiten innerhalb von Praxisphasen in der Lehrerbildung,
  2. deren Nutzen und Wirkung,
  3. der didaktisch-methodische Ansatz Forschendes Lernen, der an vielen Universitäten in der Lehrerbildung Einzug gehalten hat,
  4. Fragen im Zusammenhang mit der Begleitung und Betreuung der Studierenden innerhalb der Praxisphasen sowie
  5. Methoden und Instrumente für die Reflexion.

Jedem Einzelbeitrag sind eine kurze Zusammenfassung sowie Schlüsselwörter vorangestellt.

Inhalt

Aufgrund der Vielzahl an Einzelbeiträgen können im Folgenden nicht alle dargestellten Forschungsarbeiten besprochen werden; vielmehr werden exemplarisch Ergebnisse zu allen fünf genannten Bereichen vorgestellt.

Lerngelegenheiten

Katharina Neuber von der Universität Duisburg-Essen zeigt auf, wie Schülerrückmeldungen während der Praxisphase von den angehenden Lehrkräften zur Verbesserung des eigenen Unterrichts genutzt werden können. Diese würden, so die Einschätzung der Forscherin, trotz ihres großen Potenzials selten genutzt. Allerdings bedürfte es hierzu auch einer konzeptionellen Weiterentwicklung der bestehenden Reflexionsinstrumente: „Dies betrifft insbesondere die inhaltliche Gestaltung der Schülerrückmeldebögen zum Unterricht sowie des schriftlichen Reflexionsbogens. Hierbei sollten auch die Vorlieben und Wünsche der jeweiligen Studierenden im Hinblick auf relevante Rückmeldeinhalte (z.B. konkrete Aspekte des Unterrichtshandelns) und Reflexionsschwerpunkte sowie die persönlichen Voraussetzungen der um Rückmeldung gebetenen Schülerinnen und Schüler Berücksichtigung finden, z.B. durch eine altersspezifische Gestaltung der Rückmeldeinhalte und Frageformulierungen“ (S. 42). Neuber hegt die Hoffnung, dass positive Erfahrungen in der Nutzung von Schülerrückmeldungen während der Praxisphasen sich auch in der weiteren Berufslaufbahn fortsetzen und insgesamt der Professionalisierung des Lehrerberufs zugutekommen.

Nutzen und Wirkung

Manuela Keller-Schneider von der Pädagogischen Hochschule Zürich stellt ihre Forschungen gleichfalls in den aktuellen Diskurs um eine Professionalisierung des Lehrerberufs. Sie untersucht, wie sich das Kompetenzerleben innerhalb der Praxisphasen verändert und inwiefern sich diese Veränderungen auch in den Überzeugungen und Orientierungen der Studentinnen und Studenten widerspiegeln. Dabei zeigen sich differente Entwicklungsverläufe. Bei Studierenden, die während der Praxisphasen ein Absinken ihres Kompetenzerlebens erfahren, kann die weitere Professionalisierung durchaus erschwert werden, während umgekehrt die individuellen Ressourcen erweitert werden können. Die Forscherin fordert daher am Ende: „Aus professionalisierungstheoretischer und gesundheitspsychologischer Perspektive ist daher eine positive Unterstützung und eine den individuellen Möglichkeiten entsprechende Komplexität von Anforderungen wichtig, um das subjektive Kompetenzerleben zu stärken, welches als Ressource für die Auseinandersetzung mit Berufsanforderungen von zentraler Bedeutung ist“ (S. 80).

Forschendes Lernen

Wie kann der Aufbau einer forschenden Grundhaltung im Praxissemester gelingen? – Dieser Frage gehen Martina Homt und Stefanie van Ophuysen in ihrem Beitrag nach. Beide gehören der AG Forschungsmethoden/empirische Bildungsforschung am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Münster an. Dort gilt Forschendes Lernen als wesentliche Zielsetzung für das Praxissemester, das mit dem nordrhein-westfälischen Lehrerausbildungsgesetz 2009 verpflichtend in dem Bundesland eingeführt wurde. Ihre Ergebnisse stellen die beiden Forscherinnen anhand von zwei Fallbeispielen vor. Dabei wird deutlich, dass sich die Dozentinnen und Dozenten innerhalb der Universität sehr unterschiedlich über die Potenziale und die Effekte Forschenden Lernens äußern. Entsprechend entwickeln sich die Einstellungen der angehenden Lehrkräfte im Verlauf der Lehrveranstaltungen, die auf das Praxissemester vorbereiten sollen, sehr unterschiedlich.

Begleitung und Betreuung

Angehende Lehrkräfte in der Praxisphase zu begleiten, setzt voraus, diese motivieren zu können und in ihrer Autonomie zu fördern. Rigide Kontrolle ist gegenüber diesen Anliegen kontraproduktiv. Wie Gabriele Mayer-Frühwirth von der Pädagogischen Hochschule Wien deutlich macht, stellt dies komplexe Anforderungen an die Praxisbetreuung: Hierfür sind Fachwissen, fachdidaktisches Wissen, pädagogisch-psychologisches Wissen und eine entsprechende Routine in der Schulpraxis erforderlich. Überdies ist es wichtig, individuell auf die Bedürfnisse und Erwartungen der Studierenden einzugehen.

Reflexion

Als Reflexionsinstrumente werden im vorliegenden Band Co-Peer-Learning, onlinebasierte Videofeedbacks oder Ratingkonferenzen vorgestellt. Alexander Gröschner, Susi Klaß und Mathias Dehne von der Universität Jena fragen, wie die Reflexions- und Feedbackformate in den Praxisphasen digital unterstützt werden können; untersucht wird das Tool „V-Teach“. Dieses ermöglicht eine videogestützte Selbst- und Fremdreflexion erster berufspraktischer Erfahrungen im Verein mit onlinebasierter Kommunikation. Peers wie Hochschuldozenten können einzelne Unterrichtssequenzen kommentieren. Das Tool wird, wie die Ergebnisse ihrer Studien zeigen, von den Lehramtsstudierenden akzeptiert. Diese fühlen sich dadurch sowohl motiviert als auch im Erwerb von Schlüsselkompetenzen gefördert.

Diskussion

Ein erziehender Unterricht wird darauf gerichtet sein, dass die Educandi nicht allein bestimmte Fähigkeiten oder Inhalte erwerben, sondern sich zu diesen in ein subjektiv bestimmendes Verhältnis setzen. Das heißt: Sie müssen das Erlernte auch bewerten und nach der Bedeutsamkeit des Gelernten für das eigene Handeln fragen. Hierfür sind differenzierte Kompetenzen zur Selbstwahrnehmung wie pädagogische Urteilsbildung aufzubauen. Die Studierenden sollten daher im Rahmen ihrer schulpädagogischen Studien ein pädagogisches Wissen über Theorie und Praxis der Schule erwerben, sie sollten dazu befähigt werden, hinsichtlich der von ihnen pädagogisch in der Schule zu treffenden Entscheidungen wie auch gegenüber der wissenschaftlichen und politischen Diskussion über die Schule sowie ihre künftige Entwicklung ein eigenständiges, fachlich begründetes Urteil einzunehmen, und sie sollten schließlich in die Lage versetzt werden, daraus Konsequenzen für ihre eigene Lehrerrolle abzuleiten. Da die Studierenden mittlerweile im Rahmen ihres Lehramtsstudiums verstärkt Praktika absolvieren werden, kann in den Lehrveranstaltungen auf eigene Praxiserfahrungen zurückgegriffen werden, die den Wissensaufbau entscheidend stärken.

Dabei wird auf ein angemessenes Verhältnis der fachlichen wie praktischen Anteile im Rahmen des Studiums zu achten sein. Denn die angehenden Lehrkräfte sollten nicht bei einem subjektiven oder kontingenten Alltagsverständnis von Schule stehen bleiben. Ein geklärtes und professionelles Selbstverständnis als Lehrer oder Lehrerin setzt einen theoriegeleiteten Blick auf das Arbeitsfeld Schule und das eigene Handeln in diesem Feld voraus. Die Beschäftigung mit verschiedenen Theorien zu Schule, Bildung und Erziehung soll dazu dienen, alternative Denk- oder Handlungsmöglichkeiten kennen zu lernen sowie die eigenen Möglichkeiten im Lehrerhandeln, dessen Bedingungen, aber auch Grenzen differenziert sowie reflexiv einschätzen und beurteilen zu können. Gleichzeitig ist es wichtig, die Praxisphasen entsprechend wissenschaftsbasiert und professionsorientiert zu begleiten sowie zu reflektieren.

Der vorliegende Band diskutiert, wie dieser Anspruch umgesetzt werden kann und zeigt dabei eine Vielzahl methodischer Möglichkeiten für die Praxisbegleitung auf. Eine bildungstheoretische Rahmung der vorgestellten methodischen Ansätze bietet der Band allerdings nicht. Diese müsste gleichzeitig geleistet werden. Denn ein anspruchsvoller erziehender Unterricht wird ohne pädagogisch-hermeneutische Kompetenzen der Lehrpersonen nicht gelingen. Und gerade hier zeigt sich ein Defizit gegenwärtiger Lehrerbildung: Wie der Band belegt, wird Forschendes Lernen im Lehramtsstudium ausschließlich im Modus empirischer Bildungsforschung ausgelegt. Hermeneutische Zugänge fallen dadurch aus. So wichtig die Erkenntnisse empirischer Bildungsforschung sind, so müssen diese gewichtet werden, wenn am Ende nicht ein pädagogischer Methodeneklektizismus stehen soll. Ein professionalisierter Habitus bleibt darauf angewiesen, dass die erworbenen Kompetenzen in eine ganzheitliche Lehrerpersönlichkeit integriert werden. Denn Lehrer wirken entscheidend über ihre Person und die personale Beziehung, die sie zu ihren Schülern aufbauen können.

Positiv hervorzuheben ist, dass die Beiträge des vorliegenden Bandes in aller Regel gut zu lesen sind, was bei empirischen Forschungsarbeiten nicht immer der Fall ist. Auf diese Weise bietet der Band einen anschaulichen, leicht zugänglichen Überblick über aktuelle Fragestellungen, zu denen gegenwärtig bildungswissenschaftlich geforscht wird. Da es sich vielfach um Werkstattberichte handelt, sind nicht bei allen Arbeiten bereits Ergebnisse darstellbar, mitunter bleibt es bei der Darstellung der Forschungsfragen und des Untersuchungsdesigns.

Fazit

Praxis allein verbessert die Lehrerausbildung nicht zwingend. Wichtig bleibt eine pädagogisch begleitete und professionell reflektierte Einübung. Der Band macht deutlich, wie eine solche in der Lehrerausbildung implementiert werden kann.


Rezensent
Dr. theol. Dipl.-Päd. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 27.08.2019 zu: Martin Rothland, Ina Biederbeck (Hrsg.): Praxisphasen in der Lehrerbildung im Fokus der Bildungsforschung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. ISBN 978-3-8309-3911-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25259.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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