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Rebecca Böhme: Human Touch

Cover Rebecca Böhme: Human Touch. Warum körperliche Nähe so wichtig ist. Verlag C.H. Beck (München) 2019. 192 Seiten. ISBN 978-3-406-72590-6. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR.
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Tausendmal berührt und nichts passiert?

Als Klaus Lage 1984 in seinem Song über die Macht der (richtigen) Berührung erzählte, da rührte er an einer menschlichen Eigenschaft, die in der antiken, griechischen Philosophie als Pathos (πάθος), ein meist selbst nicht beeinflussbares Widerfahrnis bezeichnet wurde. Im anthropologischen Diskurs, in dem die Fragen nach dem „Wer bin ich?“ und „Wie will ich leben?“ bedeutsam sind, wird der anthrôpos als rationales und emotionales Lebewesen bezeichnet (S. Föllinger, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 47ff). Emotionen, Affekte und Gefühle sind Eindrücke, die janusköpfig daherkommen, als Lust und Schmerz. Es sind „Bewegungen der Seele“, die sich körperlich ausdrücken (vgl. dazu auch: Antonio Damasio, Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/8839.php). Es kommt also darauf an, Gefühle als positive, emotionale und rationale Lebensäußerungen zu verstehen, zu zeigen und zulassen zu können. Dass es dabei auch zu einem Clash kommen kann, individuell und kollektiv, darauf hat der französische Politikwissenschaftler Dominique Moïsi hingewiesen (Kampf der Emotionen, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8839.php). Und die Philosophin Martha Nussbaum zeigt auf, dass Emotionen nicht nur Affekte und Gemütsbewegungen sind, sondern den zôon politikon auch in seinem Denken und Handeln bestimmen (Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17720.php).

Entstehungshintergrund

Die Wissenschaft der menschlichen Berührungen ist demnach einerseits Bestandteil des philosophischen und psychologischen Denkens und des emotionalen Umgangs der Menschen miteinander, wie dies in der analytischen Psychologie von C. G. Jung im Zusammenhang von Denken – Empfinden – Fühlen – Intuition mit der Erkenntnis zum Ausdruck kommt: „Was uns nicht berührt, das verwandelt uns nicht!“. Andererseits wird in der Neurologie und in den Neurowissenschaften der Bedeutung des Berührens eine neue Aufmerksamkeit gewidmet. So haben Kognitions- und Neurowissenschaftler festgestellt, dass die Gehirnschwingungen, die durch den Tastsinn erzeugt werden, im Frontallappen Empfindungen bewirken, die entweder als „Streicheleinheiten“ positive, oder als gewaltsames Zupacken negative Reaktionen erzeugen. Als „Human Touch“ werden sanfte, streichelnde Berührungen bezeichnet, die als positive taktile Sinnesreize im Gehirn wirken.

Autorin

Die Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme ist überzeugt, dass durch humane Berührungen Menschen in einer anderen Art miteinander kommunizieren als allein durch sprachliche, rationale Verständigung. Weil „Berühren“ sowohl haptische, als auch Formen der Zuwendung, der Anerkennung, des Verstehens und Aufeinander Zugehens beinhalten, gibt es sogar lebensweltliche Erfahrungen und Ergebnisse, dass zugewendete körperliche Kontakte Wohlbefinden und gesundheitliche Wirkungen erzeugen.

Aufbau und Inhalt

„Berührungsforschung“ ist im wissenschaftlichen Diskurs eine eher neue Aufgabe, besonders deshalb, weil (zumindest im deutschen) bisherigen Bewusstsein eine distanzierte, auf Abstand haltende, kulturelle Einstellung vorherrscht – im Gegensatz etwa zu anderen Kulturen und Mentalitäten. Das zeigt sich z.B. auch in den Unterschieden von Nähe und Distanz bei Begrüßungen, bei der Kommunikation und bei der Erziehung. Auf diese vorfindbaren und erlebbaren Diskrepanzen verweist die Autorin in der Einleitung zu ihrer Untersuchung über Human Touch.

In neun Kapiteln arbeitet sie Formen von emotionaler Nähe heraus, deren positive und wohltuende Wirkungen uns nicht immer bewusst sind.

Das erste Kapitel titelt sie mit „Babyzart“, indem sie auf Eindrücke wie Körperwärme verweist und den „Streichel-Sinn“ hervorhebt. Im zweiten Kapitel nimmt sie die Eigenschaften „Trost, Spinnen und Mitgefühl“, um das aktive und passive Ich bewusst zu machen und auf das soziale Selbst aufmerksam zu machen. Im dritten Kapitel geht sie auf „Berührungen im Alltag“ ein. Ihre intellektuellen Deutungen und Verweise auf beabsichtigte oder auch unbeabsichtigte Alltagsgesten (vgl. z.B. dazu auch: Jos Schnurer, Echo. Die Reziprozität menschlicher Beziehungen, Pädagogische Rundschau 3/2019, S. 281ff) zeigen, dass Berührungen immer schon, wie etwa im antiken „Midas-Effekt“, wirksam waren und sind. Das vierte Kapitel ist überschrieben mit „Freundschaft“. Es ist das Erlebnis (und der Wunsch), dass der Mensch des Menschen Freund sein möge (vgl. dazu auch: Dieter Korczak, Hg., Freundschaft. Von Aristoteles bis Facebook, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/26310.php). Im fünften Kapitel setzt sich die Autorin damit auseinander, wie Menschen Empathie, Zuwendung und Kuscheln mit „Haustieren“ erfahren können und sogar therapeutische Erfolge damit erzielt werden. Das sechste Kapitel handelt von „Liebe, Sex und Zärtlichkeit“. Es ist das „Himmel-hoch-Jauchzend“, dem nicht selten das „Zu-Tode-Betrübt“ folgt. Wie Glücksgefühle erhalten werden können, dazu thematisiert Rebecca Böhme Verhaltensweisen und Einstellungen, wie Zufriedenheit, Vertrauen, Pflege der Erotik. Mit dem siebten Kapitel diskutiert sie Möglichkeiten im Zusammenhang von „Berührungen und Krankheit“. Kontakt- und Berührungsmethoden bei psychiatrischen Erkrankungen wie Depression, Schizophrenie, Autismus, ADHS, Magersucht…, aber auch bei Demenz und in Paliativsituationen, werden heute erfolgreich eingesetzt. Beim achten Kapitel wird es für Menschen, die mit konservativen Einstellungen leben und der Auffassung sind, dass man im eigenen Leben im Gleichschritt gehen und sich an das halten solle, das zu denken und zu tun, was man schon immer gedacht und getan habe, gefährlich. Denn der neunte Titel lautet: „Die Wissenschaft hinter Kuschelpartys, Tantra und Wohlergehen“. Bei dem Bemühen, das innere Gleichgewicht zu finden, ist selten hilfreich, auf eingemauerten Standpunkten zu verharren; vielmehr kommt es darauf an, sich zu bewegen und den Perspektivenwechsel zu proben. Im neunten, letzten Kapitel geht es um „Berührungen in Zeiten der virtuellen Kommunikation“. Die obskure Vorstellung, dass die sozialen Medien 1000 Freunde herbeischaffen könnten, wird widerlegt durch zahlreiche Forschungs- und Versuchsergebnisse, dass „Fernbeziehungen“ niemals direkte Körperkontakte ersetzen können. Dabei geht es nicht um Maschinenstürmerei oder Technikablehnung, sondern um das Bewusstsein, dass persönliche Nähe nicht durch Computer, Roboter, Whattsapp-Nachrichten, Smartphone, Skype oder Videotelefon ersetzt werden kann.

Fazit

Mit den Mitteln der Hirnforschung erzählt Rebecca Böhme Geschichten und gibt Informationen, welche Bedeutung „Human Touch“ im individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Leben von Menschen hat. Ihre Bemühungen, die Erkenntnisse aus der Medizin und der Neurowissenschaft populär zu vermitteln, gelingen auch deshalb, weil sie in ihren Erzählungen auf persönliche Erfahrungen eingeht. So ist ein Leitfaden entstanden, der die Frage, warum körperliche Nähe wichtig ist, überzeugend beantwortet. Mit ihrem kurzen Einsprengsel „Zur Methodik der Hirnforschung“ trägt sie dazu bei, die komplizierten, fachspezifischen Informationen über die Neurowissenschaften allgemeinverständlich zu vermitteln. Wenn Antoine de Saint Exupéry den kleinen Prinzen sagen lässt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, will er damit ausdrücken: Beim humanen, friedlichen, gerechten und würdigen Zusammenleben der Menschen kommt es entscheidend darauf an, die Gefühle und Empfindungen zu entwickeln und zu leben.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.12.2019 zu: Rebecca Böhme: Human Touch. Warum körperliche Nähe so wichtig ist. Verlag C.H. Beck (München) 2019. ISBN 978-3-406-72590-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25261.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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