socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Luis Alegre: Lob der Homosexualität

Cover Luis Alegre: Lob der Homosexualität. Verlag C.H. Beck (München) 2019. 224 Seiten. ISBN 978-3-406-73668-1. 17,95 EUR.

Thomas Schultz (Übersetzer).
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Luis Alegres „Lob der Homosexualität“ ist eine Auseinandersetzung mit der heteronormativen Verfasstheit der (westlichen) Gesellschaften und der Frage nach der Rolle sexueller und geschlechtlicher Dissident*innen. Dabei liegt der Schwerpunkt nicht auf Ausschlüssen und unterschiedlich verteilten Privilegien, vielmehr interpretiert er schwule, lesbische, bisexuelle trans*- und inter*-Personen sowie Queers als revolutionäre Avantgarde und Vorreiter*innen gesellschaftlicher Befreiungstendenzen. 

Autor

Luis Alegre (16.3.1977) ist Professor für Philosophie an der Complutense-Universität von Madrid und Gründungsmitglied von Podemos.

Inhalt

„Lob der Homosexualität“ ist eine Mischung aus wissenschaftlichen Bezügen und politischem Anliegen, die in Form eines Essays vorgestellt wird.

Zentral für Alegre ist dabei die Denkfigur der „Waben“. Diese dienen als Erklärungsmodell für die diskursive Verfasstheit der Welt, also der Vorstellung, dass Sprache Wirklichkeit schafft und dass durch als naturhaft wirkende Strukturen Gesellschaft geordnet wird. Damit schließt Alegre an unterschiedliche Wissensbestände aus den Bereichen der Geschlechterforschung und der Sprachphilosophie an, die er mit Teilen Freud’scher Theorie kombiniert. Inhaltlich bezieht er sich dabei auf das Konzept der Heteronormativität, ohne es aber so zu benennen. Dahinter steht die Vorstellung, dass die heterosexuelle Kleinfamilie und die Existenz von genau zwei, voneinander unterschiedenen Geschlechtern als natürliche Daseinsform des Menschlichen (absolute) Gültigkeit besitzt. Die heteronormativen Vorstellungen kommen bei Alegre als „Pakete“ zum Tragen, Bündel von Eigenschaften und Konventionen, die das Erleben der Welt für die einzelne Person anleiten – zum Beispiel in der Vorstellung von romantischer Liebe, die sich von der einer Freundschaft unterscheidet. Erstere hat eine sexuelle Komponente, letztere gerade nicht, womit beide sexuelles Begehren und sexuelle Handlungen organisieren und den Restriktionen heteronormativer Strukturen unterliegen.

„Wenn diese Pakete“ – so schreibt Alegre dazu – „sich jedoch mit Wesenhaftigkeiten oder Naturgesetzen vermischen, werden sie zu einem Käfig mit all seinen unerbittlichen Auswirkungen“ (S. 39). Davon ausgehend konzipiert er nun Homosexualität nicht als das konstitutive und sozial benachteiligte Andere der Heterosexualität (was durchaus zum heteronormativen Diskurs gehört) sondern sieht sie als Möglichkeit der Veränderung: „Die Homosexualität als solche ist ein Mittel, die Forderungen des Konzepts und der festgefügten Mittel zu lockern“ (S. 39). Etwas weiter gefasst: schwule, lesbische, bisexuelle trans*- und inter*-Personen sowie Queers sind durch ihre Existenz gezwungen, sich mit der scheinbaren Normalität der „Waben“ und ihrer handlungsanleitenden „Pakete“ auseinanderzusetzen und können, da ihnen das Leben nach den so vorgegebenen Mustern verwehrt ist, andere Lebensformen, Verbindungen und Praktiken entwickeln. In diesem Prozess sieht der Autor einen Zugewinn an Freiheit, der sich auf den Ebenen der geschlechtlichen Repräsentation, in neuen Formen des Zusammenlebens und vor allem in einem anderen – experimentelleren und nicht durch Konventionen eingeschränkten – Umgang mit Sexualität darstellt. Diese Freiheit kommt sowohl der sie entwickelnden Gruppe als auch heterosexuell begehrenden Menschen zugute, da sie die festgefügten Wabenformationen in Frage stellen und aufweichen. Damit schreibt er dieser Freiheit auch ein höheres Potenzial für die Entwicklung eines, im Kant’schen Sinne verstandenen, – mündigen Lebens zu.

Diskussion

Luis Alegres Text bietet eine Sichtweise, die jenseits des häufig vorzufindenden repressiven Modells argumentiert und so dazu einlädt, Geschlechter und Sexualitäten in heteronormativ verfassten Gesellschaften anders zu denken. Diese Einladung fordert zu Nachfragen und zum Weiterdenken heraus. Dennoch hat der Essay auch mindestens zwei fundamentale Schwachstellen. Zum einen stellt sich die Frage, wie Prozesse der Assimilierung und Normalisierung nicht-heterosexuellen Begehrens auf die vorgestellte avantgardistische Funktion wirken – ändern sich wirklich die mehrheitsgesellschaftlichen Formen von Zusammenleben und Sexualitäten oder schwächen diese Prozesse nicht vielmehr die Freiheiten und Weiterentwicklungen, die Alegre schwulen, lesbischen, bisexuellen, trans*- und inter*-Personen sowie Queers zuschreibt?

Zum anderen hat der Autor offensichtlich einen ausgesprochen positiven Zugang zur – hier spricht er in erster Linie über schwule Männer – sexuellen Subkultur, der er, vor allem durch ihre einfache Zugänglichkeit, eine große Befreiungswirkung zuschreibt. Dass diese Subkultur aber von strikten Regulierungen von Körpern, von Jugendwahn und damit gerade durch immense Ausschlüsse, die sehr viel mit dem „männlichen Blick“ zu tun haben, geprägt ist, bleibt dethematisiert und so reproduziert sich in diesem Kontext ein stereotyper Blick auf – männliche – Homosexualität. 

Fazit

Das „Lob der Homosexualität“ ist eine das konventionelle Nachdenken über Geschlechter und Sexualitäten herausfordernde Schrift. Sie ermöglicht einen spannenden und gut lesbaren Zugang zum Verhältnis unterschiedlicher geschlechtlicher und sexueller Positionen und kennzeichnet vor allem gleichgeschlechtliches Begehren als eine mehr für alle Teile der Gesellschaft Freiheit und Mündigkeit ermöglichende Lebensweise, die zudem die heteronormativen Begrenzungen herausfordert und lockert.


Rezensent
Dr. Klemens Ketelhut
Akademischer Mitarbeiter Inklusion, Universität Heidelberg/Verbundprojekt Heidelberg School of Education
Homepage hse-heidelberg.de/heidelberg-school-of-education/ue ...
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Klemens Ketelhut anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klemens Ketelhut. Rezension vom 01.07.2019 zu: Luis Alegre: Lob der Homosexualität. Verlag C.H. Beck (München) 2019. ISBN 978-3-406-73668-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25262.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung