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Michaela Ströbel-Langer: Das Eigene im Schutz der Rolle zeigen

Cover Michaela Ströbel-Langer: Das Eigene im Schutz der Rolle zeigen. Die Entwicklung eines Praxiskonzepts für das Theaterspielen im Primarbereich. kopaed verlagsgmbh (München) 2018. 506 Seiten. ISBN 978-3-86736-480-5. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.
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Was für ein Theater!

Dieser Ausspruch kann viele Facetten haben: dramatische und desaströse. Theaterspielen ist professionelles und pädagogisches Tun. Wenn Theatermacher Kinder sind, steckt ein didaktischer und dialektischer Sinn dahinter. Dort, wo Kinder Theater spielen, etwa im Schultheater, können Rollenerwartungen und Rollentausch geübt werden. In den weiterführenden Schulen hat die Theater-AG entweder Vorbild-, Vorzeige- oder Ventilator-Charakter. Theaterspielen in der Grundschule ist keine Selbstverständlichkeit. Warum eigentlich?

Entstehungshintergrund und Autorin

Diese Frage hat sich die Nürnberger Grundschullehrerin und Theaterpädagogin Michaela Ströbel-Langer gestellt und 2017 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg im Fachbereich Pädagogik ihre Dissertation zum Thema „Das Eigene im Schutz der Rolle zeigen. Ästhetische Erziehung und Bildung mit dem Ziel der Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen von Theaterspielen in der Grundschule“ vorgelegt.

Nun ist es nicht so, dass das Schultheater als Form der ästhetischen, emotionalen und literarischen Bildung und Erziehung ein Randdasein im verordneten, schulischen Curriculum und Lehrplan spielen würde. Die öffentliche Aufmerksamkeit daran wird durch vielfältige, regionale und überregionale Initiativen wach gehalten; wie z.B. von der in Hannover ansässigen Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Spiel & Theater e.V., der Zeitschrift für Theaterpädagogik, dem Kölner Bundesverband Theaterpädagogik e.V. (BUT), der in der Ständigen Konferenz „Kinder spielen Theater“ 2004 die Resolution veröffentlicht hat: „Theater mit Kindern muss zum unverzichtbaren Bestandteil ästhetischer Bildung werden – überall in Deutschland“. Kindertheatertage, in Zusammenarbeit mit dem Stadt-Theater und Theaterfestivals erzeugen ebenfalls öffentliches Interesse. Initiativen gehen auch von der universitären Lehrerbildung an den Hochschulen aus (siehe dazu: Wolfgang Schneider, Theater für Kinder und Jugendliche. Beiträge zu Theorie und Praxis, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14477.php).

Freilich: Ob in einer Grundschule eine Theater-AG eingerichtet werden kann, hängt vielfach davon ab, ob ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung stehen, bzw. welche offiziellen Aktivitäten seitens der Schulpolitik in die Wege geleitet werden, um z.B. „Darstellendes Spiel“ als verpflichtendes Unterrichtsfach in den weiterführenden Schulen zu etablieren, und für die Grundschularbeit Fortbildungsangebote einzurichten. Klagen gibt es genug, „was wir unseren Kindern in der Schule antun“ (Sabine Czerny, Was wir unseren Kindern in der Schule antun. ...und wie wir das ändern können, 2010,www.socialnet.de/rezensionen/10326.php) und wie wir versäumen, unseren Kindern ein ästhetisches und emotionales Erleben zu vermitteln (Eckart Liebau / Jörg Zirfas, Hrsg., Die Kunst der Schule. Über die Kultivierung der Schule durch die Künste, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/7912.php).

Eine empirische Studie darüber, welche pädagogischen Möglichkeiten gelenktes, didaktisch und methodisch aufbereitetes Theaterspielen von Grundschulkindern für deren Identitätsentwicklung haben, welche kreativen und emotionalen Wirkungen das in eine Rolle schlüpfen erzeugen können, bereitet Wege für ein Schultheater nicht nur als Ausnahme-, sondern als institutionalisiertes Lernangebot: „Das Eigene im Schutz der Rolle zeigen“, erfahren und ausprobieren, das bietet die Forschungsarbeit von Michaela Ströbel-Langer an.

Aufbau und Inhalt

Die umfangreiche Studie wird neben der Einleitung und dem Fazit in die folgenden Kapitel gegliedert:

Mit „Begründung des Themas“ unternimmt die Autorin eine Bestandsaufnahme der Situation der Theaterpädagogik im Primarbereich, diskutiert die vielfältigen, strukturellen Bedingungen im Lehr- und Lernbereich der Grundschule und setzt sich mit den verschiedenen didaktischen und methodischen Konzepten auseinander.

Im Kapitel „Bildung und Erziehung als Rahmen für Theaterspielen mit Kindern in der Grundschule“ verdeutlicht sie anhand des Fallbeispiels der Nürnberger Grundschule St. Leonhard die gesellschaftlichen, erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Aspekte von systemtheoretischer Bildung und Erziehung.

Im Kapitel „Theoretische Grundlagen einer ästhetischen Erziehung und Bildung“ kommen Fragen zur Bedeutung von sinnlicher Wahrnehmung, eigenen Aktivitäts- und Bewegungserfahrung zur Sprache, und die Autorin verweist auf die Grundlagen und Bedeutung des Autonomiecharakters beim ästhetischen Lernen. „Theatral-ästhetische Bildung und Erziehung … bereichert nicht nur Kinder, Theaterlehrer und Zuschauer, sondern auch das Schulleben und die Identität der Institution“.

Das Kapitel „Spiel im Kontext von Entwicklung“ reflektiert die physischen und psychischen Entwicklungsprozesse von Kindern im Grundschulalter. Das Kind ist in diesem Alter im wahrsten Sinne des Wortes ein „Rollenspieler“. Denk- und Handlungsprozesse vermischen sich mit Fantasie, Fiktion und Wirklichkeit. Das freie Kinderspiel bietet emotionale und motivatorische Möglichkeiten, die für das schulische Theaterspielen genutzt werden können.

Wie „theaterpädagogische und rollenorientierte Modelle für die Arbeit mit Kindern in der Grundschule“ aussehen, verdeutlicht die Autorin im nächsten Kapitel. Sie setzt sich mit verschiedenen Konzepten auseinander und verweist auf die Bedingungen, Strukturen, Vorzügen und Nachteile für das schulische Lernen; wie etwa den Verweis auf die „natürliche Theatralität“ von Kindern (Karola Wenzel), Rückbezüge beim „Playbacktheater“ (Gitta Martens), und psychodramatische Aktivitäten (Alfons Aichinger).

Im Kapitel „Konzeptentwicklung“ fasst Michaela Ströbel-Langer die bisherigen theoretischen und praxisorientierten Aspekte zum Theaterspielen im Primarbereich zusammen und entwickelt ein eigenes Modell, dem als Zielsetzung die „theaterästhetische Produktivität“ und die „ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung“ vorangestellt werden. Dabei bringt die Autorin vielfältige Erfahrungen und praktische Beispiele aus ihrer theaterpädagogischen, schulischen und außerschulischen Arbeit ein. Deutlich wird dabei, dass Theaterspielen in der Schule auf grundlegenden, fachbezogenen und fächerübergreifenden Bildungserfahrungen und -zugängen beruhen. „Die Auseinandersetzung mit Rolle, die in die Ausbildung einer Rollenidentität mündet, bietet ein großes Angebot zu Selbstgestaltung und Selbsterkenntnis“.

Rollen- und Theaterspielen in der (Grund-)Schule als intentionales Lernen schafft Freiräume, die Bildung und Aufklärung brauchen. Es sind spontane und eingeübte Aspekte, zufällige und geplante Aktivitäten, erfahrungsorientierte und kreative Einfälle, die es den Lernenden ermöglichen, mit Trial und Error, mit Begriffen und Gesten (vgl. dazu: Jos Schnurer, Am Anfang war die Geste. Ein didaktischer Zwischenruf, in: Pädagogische Rundschau, PR 5/2017, S. 565 – 570), erfinderisch und nachahmend selbst denken und handeln zu lernen.

Fazit

Die bemerkenswerte Studie der Theaterpädagogin und Grundschullehrerin Michaela Ströbel-Langer zur ästhetischen, ganzheitlichen Bildung und Erziehung in der Primarstufe verweist auf wesentliche Aspekte des Lehrens und Lernens: Sinnliche Wahrnehmung und Bewegungserfahrung. Nicht erst seit den Blockaden, die (anscheinend) durch die medialen Entwicklungen des Momentanismus auftreten, sondern auch durch die Bewusstwerdung, „wie stark Kinder unbewusst freies Spiel zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung nutzen und welchen Einfluss es auf ihre Lebensbewältigung hat“, ist es sinnvoll und notwendig, einen konzeptionellen und didaktischen Perspektivenwechsel hin zum ästhetischen, emotionalen, ganzheitlichen, interkulturellen, gleichberechtigten Lernen zu vollziehen. Die Forschungsarbeit „Das Eigene im Schutz der Rolle zeigen“ verweist auf die curricularen, didaktischen und methodischen Möglichkeiten und Chancen – auch in der Grundschule – Theaterspielen als allgemeinbildende Perspektive zu begreifen und anzuwenden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.04.2019 zu: Michaela Ströbel-Langer: Das Eigene im Schutz der Rolle zeigen. Die Entwicklung eines Praxiskonzepts für das Theaterspielen im Primarbereich. kopaed verlagsgmbh (München) 2018. ISBN 978-3-86736-480-5.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25264.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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