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Barbara Kuhn, Ursula Winter: Grenzen

Cover Barbara Kuhn, Ursula Winter: Grenzen. Annäherungen an einen transdisziplinären Gegenstand. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2018. 300 Seiten. ISBN 978-3-8260-6516-3. D: 40,00 EUR, A: 41,20 EUR.
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Lob und Schrecken von Grenzen

Beim individuellen und lokal- und global-kollektiven Dasein von Menschen sind Grenzen sowohl physische als auch psychische Zustände und Erfahrungen. „Eine Grenze überschreiten“ kann deshalb sowohl eine tatsächliche Tätigkeit und ein Ortswechsel, als auch eine intellektuelle Meinungs- und Verhaltensänderung sein. Mit dem Begriff „Grenzsituation“ bezeichnet der Philosoph Karl Jaspers die menschliche Situation, „in der das menschliche Dasein in seinem Wesen und seiner Verfasstheit ausdrücklich wird“ ( Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 2009, S. 284 ). Im anthropologischen, aristotelischen philosophischen Denken kommt zum Ausdruck, dass da, „wo Entstehen (genesis) und Bewegung (kinêsis) ist, auch eine Grenze sein muss“ ( J. Hübner, in: Ottfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 438 ). In dieser Spannweite des Begriffs befinden wir uns, wenn wir wissenschaftlich über „Grenzen“ sprechen. Dabei mag die Feststellung helfen, dass sich im individuellen und kollektiven Leben der Menschen Begrenzungen in vielfältiger Weise zeigen. Sie kann beginnen mit der Feststellung, dass der anthrôpos, der mit Vernunft ausgestattete, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigte und zwischen Gut und Böse, richtig und falsch unterscheidungsfähige Mensch ein „unfertiges“ und verletzbares Lebewesen ist ( Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php), und sie reicht hin bis zur Verantwortung im globalen Migrationsprozess, dass nationale Grenzen keine Bollwerke des Ein- und Ausschlusses, sondern Willkommensorte sein sollen (Hannes Hofbauer, Kritik der Migration. Wer profitiert und wer verliert, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24927.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberinnen

Es ist die Vielfalt und die Interdependenz, dass Grenzen Mauern und Brücken sein können, zu trennen und zu verbinden in der Lage sind. Mit der Frage – „Wo, wie, warum ziehen wir unsere Grenzen?“ – gilt es, Grenzen zeitlich und räumlich, politisch, kulturell und symbolisch, materiell und geistig, psychologisch und philosophisch, disziplinär und interdisziplinär, individuell und kollektiv zu betrachten. Die aus einer Vortragsreihe hervorgegangenen philologischen, theologischen, philosophischen, politischen, geographischen und historischen Beiträge werden von der Literaturwissenschaftlerin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Barbara Kuhn, und der Doktorandin Ursula Winter im Sammelband herausgegeben. Die Herausgeberinnen sind überzeugt, dass wissenschaftliche Fragen zu „Grenzen“ transhistorisch und transdisziplinär beantwortet werden müssen.

Aufbau 

Der Sammelband wird, neben der Einführung in die Thematik als „Grenzgänge“, in drei Kapitel gegliedert.

  • Im ersten geht es um „Grenzen des Wissens – Grenzen der Welt“;
  • im zweiten werden die Zusammenhänge von „Normativen Grenzen – entgrenzte Normen“ thematisiert; und i
  • m dritten Kapitel „Grenzen der Künste – Künste als Grenzgänger“ reflektiert.

Inhalt

Die einzelnen, fachbezogenen Beiträge sind zum Teil bereits in anderen Zusammenhängen und Publikationen veröffentlicht worden, wie z.B. die Ausführungen des Eichstätter Altphilologen Bardo Maria Gauly: „Die Welt und ihre Grenzen bei Seneca und dem Älteren Plinius“. Es geht darin um die imaginäre und immanente Frage nicht nur nach dem Sichtbaren, Erkennbaren und Erlebbaren, sondern auch nach der „Ordnung der Welt, die hinter den Phänomenen liegt“ (vgl. auch: Timo Storck, Das dynamisch Unbewusste, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25677.php). Erkennbar und nachvollziehbar wird dabei die (aktuelle) Aufforderung, die traditionelle „Trennung zwischen Antike und Neuzeit zu relativieren“.

Die Philosophin von der Freien Universität Berlin, Frauke A. Kurbacher, geht von der von ihr entwickelten „Philosophie der Haltung“ (2016) aus, wenn Sie in ihrem Beitrag „Zwischen Bedingung und Ermöglichungsgrund“ philosophisch-kritische Überlegungen zu einem grenzwertigen Phänomen anstellt. Mit der Metapher „Grenze der Grenze“ verweist sie auf die Doppelstruktur des Gedankenmodells: „Die Grenze, die wir uns selbst offenbar im Leben bilden, ja selbst sind, wird fassbar als Möglichkeit des Haltungswechsels“.

Der Historiker von der Universität Salzburg, Martin Knoll, fragt: „Natürliche Grenzen?“, indem er über den Umgang mit Region und Territorium in der Frühen Neuzeit nachdenkt. Am Beispiel des Grenz(fluss-)Verlaufs zwischen Österreich und Bayern diskutiert er die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von „natürlicher Begrenzteit und Entgrenztheit“ und weitet die Phänomene als globalhistorische Betrachtung aus. Mit der Annahme, die Menschheit befinde sich heute in einem „postfrontier-Zeitalter begrenzter und knapper Ressourcen“ landet er im Hier und Heute der globalisierten Welt.

Der Historiker vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, Jakob Zollmann, setzt sich mit seinem Beitrag „Koloniale Staatsgrenzen festlegen und überwinden“ auseinander mit der völkerrechtlichen und internationalen Diskussion um Grenzen in Afrika. Er untersucht „Grenzregime, Verkehr und Schmuggel in Deutsch-Südwestafrika, 1886 – 1915“. Es sind die Unterscheidungen, die im aktuellen, nationalen afrikanischen Diskurs zwischen dem Prinzipien uti possidetis und status quo ante bellum diskutiert werden.

Der Kulturgeograph von der Universität Bamberg, Marc Redepenning, wirft mit dem Beitrag „Grenzziehungen und Grenzen“ einen sozialgeographischen Blick auf die Unterscheidungen zwischen einem weiten und engen Grenzbegriff. Es sind Fragen nach den Gründen, Ursachen, Interessen und Machtverhältnissen von politischen, territorialen Grenzen. Es ist die These, dass „die grundsätzliche Funktion von Grenzziehungen ( ) die Erzeugung von Ordnung (ist)“. Und es ist die Aufforderung, bei den Festlegungen von räumlichen, ethnischen und nationalen Grenzen darauf zu achten, dass es zu raumbezogener Gerechtigkeit und nicht zu räumlicher Ungleichheit kommt.

Der Karlsruher Medizinhistoriker und -Ethiker Axel W. Bauer beginnt das zweite Kapitel mit der Frage: „Normative Entgrenzung der Lebenswissenschaften?“. Er bezieht Stellung zur Funktion und Bedeutung von Medizin und Bioethik im politischen Diskurs der Gegenwart. Es sind neu entwickelte und teilweise bereits angewandte medizinische, gentechnische und neurologische Instrumentarien, wie z.B. „Social Freezing“, die einer besonderen, ethischen Aufmerksamkeit bedürfen.

Der Göttinger Theologe Andreas Gößner nimmt den Begriff „Auslaufen“ zum Anlass, um über Grenzerfahrungen im konfessionell geschlossenen Raum nachzudenken. Es sind die historisch hergeleiteten Situationen, dass Menschen sich von der Zugehörigkeit einer Weltanschauung abwenden, sie verlassen und ihr entsagen. Anhand von zahlreichen Beispielen von „Auslaufbewegungen“, etwa Kloster- und Kirchenaustritten, zieht der Autor Parallelen zu aktuellen Entwicklungen von Entkonfessionalisierung und Entreligiosität.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für den Nahen und Mittleren Osten der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, Rocio Daga Portillo, informiert mit dem Beitrag „Kultur und Religion in Bewegung“ über Entwicklungen bei Muslimen in den Zeiten von Flucht und Migration. Unter Einbeziehung von eigenen Fremdheitserfahrungen berichtet sie über Probleme und Möglichkeiten bei Einwanderungs- und Integrationssituationen. Es sind sprachliche, kulturelle, ökonomische, rechtliche, mentalitätsbestimmte und religiöse Grenzen und Konflikte, die nur mit einer „Kultur des Dialogs“ unter Beachtung der Menschenwürde und Menschenrechte bewältigt werden können.

„Sprachgrenzen – Grenzen im Raum und in der individuellen Kompetenz“, das ist das Thema des Münsteraner Romanisten Wolf Dietrich. Es sind historische Anlässe, Grenzen zwischen gleich- und verschiedensprachigen Gemeinschaften zu ziehen. Es sind Abgrenzungen, die sich mental und kulturell gebildet haben und sowohl zu Ausgrenzungen als auch zur Mehrsprachigkeit oder zur Benutzung einer gemeinsamen Fremdsprache (wie etwa Haussa in Westafrika oder Pidgin in englischsprachigen oder indigene Sprachvermischungen in Lateinamerika) führen. Die Überwindung von Sprachgrenzen gehört im Hier, Heute und Morgen zu den humanen Herausforderungen.

Die Germanistin von der Universität Siegen, Annette Runte, berichtet mit ihrer Frage: „Geschlecht(er) ohne Grenzen?“ über schreibende Nomadinnen im Orient. Sie stellt zwei Frauen vor, die im literarischen Diskurs als Kultfiguren in der aktuellen Frauenreiseforschung gelten: Die 1877 als illegitime Tochter einer russischen Adeligen deutsch-jüdischer Herkunft geborene Isabelle Eberhardt, und die 1908 geborene Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach. Es sind Phantasien, Phantasmen, Illusionen und Projektionen, die für sie den „Orient“ als Raum des Unentdeckbaren und Unerkennbaren spiegeln.

Der Konstanzer Romanist Michael Schwarze beginnt das dritte Kapitel mit der Untersuchung „Im Grenzgebiet“, indem er zum Zeit-Raum-Denken in Dantes Göttlicher Komödie schreibt. Er verweist darauf, dass die Commedia auf der „Vorstellung von der spatialen Ordnung als einem Grenzgebiet (von) … einem rechtsstaatlichen Verständnis (fußt)“. Menschlicher Gerechtigkeitssinn und göttlicher Gnadenbegriff verbinden sich und bilden so die Auffassung von „einem literarischen Grenzgebiet, dessen Besonderheit darin liegt, dass es einen Sonderstatus mit besonderen Rechten besitzt“.

Der Eichstätter Kunsthistoriker Dominik Brabant stellt Überlegungen zu „Grenzerkundungen eines Genremalers“ an, nämlich zum Niederländer Adrian Brouwer (1604 – 1638), und den Wirkungen und Einflüssen, die der Maler mit seinem Werk für die nachfolgende Zeit hatte. Es sind die sozialen Ausdrucksformen und in seiner Zeit eher ungewohnten, schichtenspezifischen Daseins-Darstellungen, die das Genre kennzeichnen.

Die Musikwissenschaftlerin von der Rostocker Hochschule für Musik und Theater, Friederike Wißmann sucht mit dem Beitrag „Begrenzt grenzenlos“ nach nationalen Konnotationen in der „Neuen Musik“. Es sind menschengemachte, mentalitäts-, gesellschaftspolitisch bestimmte musikalische Ausdrucksweisen die künstlerische Subjekt-Objekt-Beziehungen provozieren und zum Klingen bringen: „Grenzen werden der Musik dann aufoktroyiert, wenn sie funktionalisiert wird“.

Die Medienwissenschaftlerin Verena Richter reflektiert „Generationengrenzen und ästhetische Innovation“, indem sie sich mit der filmischen Modellierung von Adoleszenz bei François Truffaut auseinandersetzt. Es sind Vorbilder und Verführungen, die sich in Generationengrenzen und -distanzen ausdrücken, die allerdings „nicht zu einseitig als etwas Trennendes gesehen werden“ sollte.

Der Eichstätter Filmwissenschaftler Sergej Gordon setzt sich mit dem Schlussbeitrag „Treibende Transgressionslust“ mit filmischen Darstellungen über Situationen an der Grenze zwischen Mexiko und den USA auseinander. Die aggressive, menschenverachtende Politik der US-amerikanischen Administration unter Trump an der „Frontera“ trägt nicht nur zu inneramerikanischen Konflikten und innerpolitischem Streit bei, sondern führt auch bei den regionalen und internationalen Beziehungen der nord- und südamerikanischen Länder zu Entwicklungen, die der Autor als „Kulturfront und Invasionsphantasma“ bezeichnet.

Fazit

Ist Freiheit dort, wo sie grenzenlos ist? Sind Grenzen Mauern oder Brücken? Ist Grenzüberschreitung Lust oder Last? In dem von Barbara Kuhn und Ursula Winter herausgegebenem Sammelband „Grenzen“ wird fach-, sachbezogen und transdisziplinär engagiert auf den doppelten Charakter von Grenzgängen hingewiesen. Die verschiedenen Interpretationen von „Grenze“ beruhen auf der Annahme, dass es wenig sinnvoll ist, eine gemeinsam gültige Definition des Begriffs zu suchen; vielmehr bedarf es des transdisziplinären Blicks und der Überzeugung, dass die Thematik aus der Perspektive eines einzelnen Fachs nicht angemessen bearbeitet werden kann. Die interdisziplinären Ergebnisse der Eichstätt-Ingolstädter Wintervortragsreihe „Grenzen“ können sich sehen lassen und tragen dazu bei, die wissenschaftliche Transdisziplinarität als innovative Herausforderung zu verstehen.

Wenn der Sammelband auch als Handbuch benutzt werden soll, fehlen ihm zwei wünschenswerte und handhabbare Informationen und Zugriffe. Zum einen wäre es für Theoretiker und Praktiker hilfreich, ein Sach-Begriffs-Register zur Verfügung zu haben; zum anderen fehlt ein Verzeichnis mit wenigstens den wichtigsten Angaben über die wissenschaftlichen Präferenzen der beteiligten Autorinnen und Autoren.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.02.2020 zu: Barbara Kuhn, Ursula Winter: Grenzen. Annäherungen an einen transdisziplinären Gegenstand. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2018. ISBN 978-3-8260-6516-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25266.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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