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Bärbel Schomers: Coming-out - queere Identitäten zwischen Diskriminierung und Emanzipation

Cover Bärbel Schomers: Coming-out - queere Identitäten zwischen Diskriminierung und Emanzipation. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 300 Seiten. ISBN 978-3-86388-789-6. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
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Thema

Im rezensierten Werk werden queere Identitäten – also solche, die nicht dem heteronormativen Konsens entsprechen, beleuchtet. Behandelt wird die geschichtliche Entwicklung des gesellschaftlichen Umgangs mit queeren Identitäten. Es wird des Weiteren auf das Spannungsfeld zwischen aktueller und historisch gewachsener Emanzipation und Diskriminierung eingegangen. Ergänzt wird dieser theoretische-historische Teil durch einen ähnlich umfangreichen empirischen Teil in Form einer qualitativen Studie und vergleichend hinzugezogener quantitativer und qualitativer Studien insbesondere zum Coming-out-Prozess.

Autorin

Dr. phil Bärbel Schomers, Studium der Soziologie, Politischen Wissenschaften und Erziehungswissenschaften (M.A.) sowie 1. Staatsprüfung in Pädagogik und Sozialwissenschaften (Sek. I & Sek. II). Promotion in Soziologie in Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Sie ist Spezialistin für Coaching und Mediation in Diversity-Zusammenhängen und Gendermainstreaming und verfügt über langjährige Tätigkeiten in verschiedenen Berufsfeldern der Sozialen Arbeit. Arbeitsschwerpunkte: Queer & Gender Theory, Exklusion & Inklusion, Jugend- & Mediensoziologie. Sie lehrt Soziale Arbeit an der IUBH Düsseldorf.

Entstehungshintergrund

Gerade in den Jahren ab 2015 scheint der Diskurs über Emanzipation und Diskriminierung Fahrt aufgenommen zu haben. Vor dem Hintergrund, dass Schomers ihre Interviews um das Jahr 2007 geführt hat und somit etwa zehn Jahre in die weitere Forschung investiert hat, scheint die Veröffentlichung ihres Buchs unbeabsichtigt zu einem guten Zeitpunkt innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses um die Diskriminierung und Emanzipation queerer Identitäten erfolgt zu sein.

Aufbau und Inhalt

Die auf breiter Literaturbasis fußende Studie beginnt mit einer Einleitung, die das Themenfeld nicht nur skizziert, verortet und legitimiert, sondern zunächst auch aus der Perspektive der antiken griechischen Philosophie diskutiert und damit direkt argumentativ öffnet.

Die eigentliche Untersuchung ist im Folgenden zweigeteilt.

1) In einem ersten Hauptteil wird eine historische Genese des gesellschaftlichen Umgangs mit queeren Identitäten nachgezeichnet. Hier wird das europäische Werden kollektiver queerer Identitäten auf der Grundlage einer breit angelegten Literaturanalyse diskurstheoretisch nachgezeichnet. Dabei benennt Bärbel Schomers Prozesse und Mechanismen der Diskriminierung, aber auch der Emanzipation. Dieses erste Hauptkapitel ist wiederum in sieben Unterkapitel strukturiert. In diesen Unterkapiteln zeichnet die Autorin die Konstruktion der Prozesse von Emanzipation und Diskrimierung nach. Dabei liegt das Augenmerk auf den folgenden, vielfach miteinander in Wechselwirkung stehenden und sich wechselseitig beeinflussenden Aspekten von

  • Pathologisierung (medizinische Aspekte),
  • Marginalisierung (politische Prozesse),
  • Kriminalisierung und Legalisierung (juristische und soziale Prozesse).

Vertiefend zeigt Schomers zahlreiche Diskurse in Strafrecht, Sexualwissenschaft, Pädagogik, Theologie und Psychologie auf. Der erste Hauptteil bildet so die historische und diskurstheoretische Basis der Publikation.

2) Die Deskription und Analyse des Queeren, die das was ist, als etwas, das geworden ist begreift und damit bereits einen Ansatz für die Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse gibt, wird durch einen zweiten empirischen Teil ergänzt. Hier wird mittels einer qualitativen Studie gezeigt, dass queere Identitäten durch ihre potentielle Unbestimmtheit weitgehende Möglichkeiten zu einer Neugestaltung des Umgangs mit Identitätskonzepten bieten. Zu diesem Zweck hat Dr. Schomers Tiefeninterviews, die online abrufbar transkribiert sind, mit sechs homo-, bi- und transsexuellen Menschen geführt, die sich zum Zeitpunkt der Erhebung im Alter von 24 bis 54 Jahren befanden. Damit hat sie nicht allein ein soziologisches Verfahren, sondern im Sinne des empirischen Kulturwissenschaftlers Hermann Bausinger auch eine ethnologische Methode verwandt. Zudem werden die wenigen bereits vorliegenden qualitativen und quantitativen Studien zum Themenbereich in einer Sekundäranalyse ausgewertet. Auf diese Weise wird der als zentraler Faktor queerer Identität verstandene Coming-Out-Prozess als öffentliches Bekenntnis zur eigenen Identität und dem damit verbundenen Begehren, dekonstruiert und in seiner dynamischen Logik erklärt. Das Coming-Out erscheint vor diesem Hintergrund nicht als einmaliger Vorgang, sondern als bekenntnis- bzw. geständnisgeleiteter biografischer Abschnitt mit großem Leidensdruck und intensiver Lebenserfahrung. Hier wird auch die Struktur der intensiven und permanenten Thematisierung des Sexuellen in einer nie endenden Coming-Out-Phase sichtbar gemacht. Gegen Ende des zweiten Hauptteils geht Bärbel Schomers auf die neuen Praxen der Identitätskonstruktion und –performanz in der digitalisierten Gegenwart ein.

Das Buch endet mit einem Ausblick, welcher in Komplexität der Einleitung gleicht. In diesem wird unter anderem resümiert, dass queere Individuen noch immer mit individueller und struktureller Diskriminierung konfrontiert werden. Queere Menschen werden trotz aller Fortschritte auch in unserer Gesellschaft und in unserer Zeit weiterhin pathologisiert, marginalisiert und diskriminiert, so das Fazit der Autorin.

Diskussion

Bereits die Einleitung der Dissertationsschrift von Schomers ist überraschend komplex. Hier wird das Themenfeld der Publikation nicht nur, wie zu erwarten wäre, akademisch vorgestellt, sondern darüber hinaus argumentativ geöffnet. Diese Öffnung der Diskussion von der Antike bis in die Gegenwart zeugt von den zahlreichen Diskursen, welche sich um queere Menschen gruppieren lassen. Dieser „Blick über den Tellerrand“ wird sodann wieder enger geführt auf die Soziologie und vor allem die Fragestellung, inwieweit es queeren Menschen möglich ist, in den postmodernen westlichen Gesellschaften frei von Diskriminierungen zu leben. In der Einleitung offenbart sich schon, dass Leser*innen viel Zeit mitbringen müssen, um dem Inhalts- und Gedankenreichtum der Publikation angemessen folgen zu können. Damit wird gut in die eigentliche Untersuchung übergeleitet, welche sich den Leser*innen sodann in zwei Hauptteilen darbietet.

Der soziologische Blick des ersten Hauptteiles auf die historische Genese des gesellschaftlichen Umgangs mit queeren Identitäten zeugt von der profunden theoretischen Kompetenz der Autorin. Die Ausbildung kollektiver queerer Identität zeichnet Schomers sehr belesen auf breiter Literaturgrundlage diskurstheoretisch nach. Sowohl Mechanismen und Prozesse von Diskriminierung und auch Emanzipation werden hier fachkundig benannt. Manchmal mag daraus der Eindruck entstehen können, dass die Autorin die umfassende eigene Belesenheit allzu sehr unter Beweis stellt. Dies jedoch ist sicher auch dem Umstand geschuldet, dass es sich bei einer Dissertationsschrift eben um eine akademische Qualifikationsschrift handelt. Jedenfalls wird den Leser*innen sehr plausibel und kundig vermittelt, wie Schomers queere Identitäten für ihre Publikation begreift: als Prozess der Identitätsbildung. Identität, auch die individuellen queeren Identitäten, lassen sich ohne dieses Werden und den weiten, historischen Kontext, nicht fruchtbringend wissenschaftlich reflektieren. Diesem wohl fundierten theoretischen Fundament des ersten Hauptteils folgt, als Überleitung zum zweiten Hauptteil, die Beschreibung des Studiendesigns der von Schomers durchgeführten qualitativen Studie.

Ausführlich wird dann im anschließenden zweiten Hauptteil diese Studie diskutiert und durch die in einer sekundären Analyse der wenigen vorliegenden qualitativen und quantitativen Studien kontrastiert. Damit wird der im ersten Teil gelieferte Ansatz zur Analyse gegenwärtiger Verhältnisse ergänzt. Der Coming-Out-Prozess wird von Schomers in diesem Teil der Arbeit facettenreich und kundig dekonstruiert und erläutert. Hier offenbart sich neben der profunden Kenntnisse relevanter Theorien eine weitere Stärke der Publikation: die Praxis wird nicht aus dem Auge verloren. Selten für eine akademische Qualifikationsschrift dieser Güte bezieht Schomers couragiert Stellung. Kundig zeigt sie die ungebrochene Aktualität der Politik der ersten Person auf, ohne die Parole „Das Private ist politisch“ zu bemühen. Dabei fällt die Begründung dieser durchaus streitbaren Position derart profund aus, dass eine sachliche Argumentation dagegen einerseits einiges an Sachverstand fordert und andererseits auch kritische Leser*innen zu überzeugen vermag.

Die Arbeit schließt mit einem in Komplexität der Einleitung in nichts nachstehendem Ausblick. Die Autorin greift zahlreiche Fäden wieder auf und so wie in der Einleitung die Antike einbezogen wird, bezieht Schomers die neuen Praxen der Identitätskonstruktion und –performanz in der digitalisierten Gegenwart mit ein. In ihrer Diskursanalyse kommt Schomers zum Schluss, dass queere Individuen nach wie vor Diskriminierung ausgesetzt sind. Mit dem Ausblick am Schluß der Arbeit schließt sich der Kreis zur Einleitung. Da bereits in der Einleitung die Leser*innen auf eine anspruchsvolle und aufregende Lektüre eingestellt werden, ist es erfreulich, dass Schomers dieser Anspruchshaltung nahezu durchgängig gerecht werden konnte.

Klar ist, dass es der Autorin nicht um eine Art lexikalische Definition der Begrifflichkeiten wie Emanzipation oder Diskriminierung geht. Dies ist erfrischend, da die Leser*innen nicht mit umfangreichen Abschnitten definitorischer Art gelangweilt werden. Vielmehr operationalisiert die Autorin, an keiner Stelle mehr als notwendig, die von ihr zur Analyse herangezogenen Modelle und Begriffe. Auf der anderen Seite verdeutlicht diese Herangehensweise den hohen Anspruch an die Vorbildung der Leser*innen. Erleichtert wird die Lektüre allerdings durch die klare Sprache und die auf den Punkt gebrachten Erläuterungen, welche sich im Text und in den Fußnoten wohl dosiert finden. Die langjährige Beschäftigung der Autorin mit dem Themenfeld ihrer Dissertation spiegelt sich in der umfangreichen, herangezogenen Literatur, welche deutlich interdisziplinär ist. Ein grundlegendes Verständnis von Judith Butlers Konzept der gleichmäßigen Betrauerbarkeit eines jeden Leides oder der Begrifflichkeit des Ereignisses von Alain Badiou, vielleicht auch der in der Arbeit operationalisierten Beiträge von Michel Foucault oder Pierre Bourdieu vorausgesetzt, lassen sich explizite, spannende Forschungsanliegen über die Publikation hinaus formulieren.

Fazit

Als Fazit der Rezension lässt sich ziehen, das Schomers in der Summe einen ebenso relevanten wie spannenden Untersuchungsgegenstand identifiziert und mit ihrer anspruchsvollen und immer wieder vorbildlich interdisziplinären Studie zur Schließung einer Forschungslücke beigetragen hat. Ebenso innovativ wie die Fragestellung und der Methodenmix ist die größtenteils originär soziologische, in Teilen aber auch interdisziplinär-kulturwissenschaftliche methodische Herangehensweise. In der Summe hat die Autorin eine wissenschaftliche Leistung von Rang erbracht und ein Werk vorgelegt, dessen Ergebnisse die Forschung, bei entsprechendem Verständnis, nachhaltig zu bereichern vermögen. Eine anspruchsvolle und anregende Lektüre, welche jedoch auf Grund des Inhalts- und Gedankenreichtums die Leser*innen zeitlich und akademisch herausfordert. Eine Leseempfehlung nicht für zwischendurch, sondern ein hohes Reflexionsniveau fordernd. Da Schomers darüber hinaus für eine akademische Arbeit insbesondere im deutschsprachigen Raum couragiert Stellung bezieht, auch eine Empfehlung als im besten Sinne streitbare Lektüre, welche die Leser*innen immer wieder fordert ebenso fundiert wie die Autorin Stellung zu beziehen. Denn bei theoretisch begründeten Identitätspolitiken belässt es Schomers nicht, sondern liefert einen unmittelbaren, praktisch-politischen Anwendungsbezug, welcher die Leser*innen auch persönlich herauszufordern vermag.

Literatur

Badiou, Alain: Ethik. Versuch über das Bewusstsein des Bösen; Berlin 2003

Bourdieu, Pierre: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns; Frankfurt am Main 1998

Butler, Judith: Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung; Frankfurt am Main 2016

Engel, Antke: Differenz (der) Rechte – Sexuelle Politiken und der Menschenrechtsdiskurs; in: quaestio (Hrsg.): Queering Demokratie. [sexuelle politiken]; Berlin 2000; S. 157-174

Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit. Band 1; Frankfurt am Main 1983

Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses; Frankfurt am Main: 1994

Hark, Sabine: Magisches Zeichen; in: Hark, Sabine (Hrsg.): Grenzen lesbischer Identitäten. Aufsätze; Berlin 1996; S. 96-133

Hark, Sabine: Heteronormativität revisited. Komplexität und Grenzen einer Kategorie; in: Kraß, Andreas (Hrsg.): Queer Studies in Deutschland. Interdisziplinäre Beiträge zur kritischen Heteronormativitätsforschung; Berlin 2009; S. 23-40

Kosofsky Sedgwick, Eve: Epistemologie des Verstecks; in: Kraß, Andreas (Hrsg.): Queer Denken, gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies); Frankfurt am Main 2003; S. 113-143


Rezensent
Dr. André Latz
Unternehmensberater / Coach Führungskompetenz, Soziologie
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Zitiervorschlag
André Latz. Rezension vom 23.01.2019 zu: Bärbel Schomers: Coming-out - queere Identitäten zwischen Diskriminierung und Emanzipation. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-86388-789-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25267.php, Datum des Zugriffs 19.03.2019.


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