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Corinna Scherwath: Was Klaras Verhalten uns sagen kann

Corinna Scherwath: Was Klaras Verhalten uns sagen kann. Ressourcenorientierte Zugänge bei auffälligem Verhalten. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2018. 95 Seiten. ISBN 978-3-589-15969-7. D: 12,99 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 16,20 sFr.

Reihe: Kinder verstehen und im Kita-Alltag professionell begleiten.
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Thema

Was Kinder mit sogenannten Verhaltensauffälligkeiten verbindet ist ein Mangel an ausreichenden Schutzfaktoren in ihrem Leben. Unterstützung können sie erhalten, wenn Ursachen für auffälliges Verhalten erkannt und versteckte Ressourcen und Potenziale in der Arbeit mit den Kindern gefunden werden. Hilfreich sind Erzieher*innen, die ihre eigene Haltung überprüfen und an einem wertschätzenden Blick auf die Kinder arbeiten. Der Ratgeber gibt zahlreiche Praxisbeispiele, Handlungsempfehlungen und Tipps, die die Auseinandersetzung mit dem Thema erleichtern und aufzeigen, wie ein ressourcenorientierter Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern so gelingen kann, dass die Kinder sich verstanden und angenommen fühlen.

Entstehungshintergrund:

Das Buch ist in der Reihe „Kinder verstehen und im Kita-Alltag professionell begleiten“ erschienen.

Autorin

Corinna Scherwath ist Dipl.-Sozialpädagogin, Kinder-/Jugendsozialtherapeutin und Fachberaterin für Psychotraumatologie und Traumapädagogik (zptn). Sie arbeitet freiberuflich als Bildungsreferentin und Fortbildnerin. Zudem leitet sie das Pädagogisch-Therapeutische Fachzentrum in Hamburg.

Aufbau

Das Buch ist im DIN A 5 Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 95 Seiten. Diese gliedern sich in sechs Kapitel und zahlreiche Unterkapitel auf. Auf dem linken oberen Seitenrand befindet sich die jeweilige Kapitelüberschrift, auf der rechten Seite der Titel des Unterkapitels. Zentrale Aussagen im Fließtext sind fett gedruckt, Textboxen in grau heben sich ab und enthalten zusätzliche „gut zu wissen“ Hinweise und Anregungen sowie Tipps. Fallbeispiele sind in kursiv gedruckt und am Rand markiert.

  1. Was Klaras Verhalten uns sagen kann
  2. Was Kinder stärkt – Die Grundlagen pädagogischer Schatzsuche
  3. Was ist eigentlich „normal“?
  4. Schätzenswertes in der Entwicklung entdecken – Individualität, Hirnentwicklung, Entwicklungsaufgaben
  5. Wenn Kinder hoch belastet sind – Schätze in schwierigem Gebiet entdecken
  6. Schätze bergen – Methoden und Handlungsansätze
  7. Literaturverzeichnis

Inhalt

Kapitel eins erläutert einführend, was Klaras Verhalten mitteilen kann. Auffälliges Verhalten kann Ausdruck innerer Nöte und nicht erfüllter Bedürfnisse sein. Manchmal ist es auch einfach ein Verhalten, dass nicht in den institutionellen Rahmen einer Einrichtung z.B. einer Kita passt.

Das zweite Kapitel widmet sich dem, was Kinder stärkt. Es erläutert Grundlagen pädagogischer Schatzsuche wie z.B. die Schutzfaktoren von Kindern und die Schatzsuche mit einer resilienz- und ressourcenorientierten Pädagogik. Ein wertschätzender Blick ist hilfreich, dieser sollte sich von einer problemorientierten Sicht wegbewegen und sich zu einer ressourcenvollen und anerkennenden Perspektive hinwenden. Das Kapitel endet mit Fähigkeiten und Voraussetzungen pädagogischer Fachkräfte.

Im dritten Kapitel wird reflektiert, was eigentlich „normal“ ist. Kern bildet der Hinweis, dass Normalität eine soziale Konstruktion ist. Als Normative gelten die eigene Biografie und tradierte Erziehungsvorstellungen. Der Autorin begegnet der Erfahrung in ihrem beruflichen Umfeld immer wieder, dass das als nicht normal angesehen wird, was als schwierig erscheint. In diesem Zusammenhang weist sie auch auf die Inflation psychiatrischer Diagnosen hin. Als weiteres Pathologisierungsrisiko beschreibt sie die Institutionalisierung von Kindheit.

Schätzenswertes in der Entwicklung entdecken – Individualität, Hirnentwicklung, Entwicklungsaufgaben sind Themen des vierten Kapitels. Den Einstieg bilden Ausführungen zur Entwicklung aus Sicht der Neurobiologie, der Beschreibung des sozialen Gehirns, im Mittelpunkt des präfrontalen Kortex, die Spiegelneuronen und ihre Bedeutung und die Entwicklung aus der Perspektive der Entwicklungspsychologie. Aufgrund von inter- und intraindividuellen Unterschieden gibt es unterschiedliche Entwicklungstempi. Zentraler Hinweis: Entwicklung verläuft nicht linear. Entsprechend des Lebensalters stellen sich unterschiedliche Entwicklungsaufgaben: im 1. Lebensjahr gilt es, eine sichere Bindung zu finden und Vertrauen zu fassen, im 2. - 3. Lebensjahr stehen Exploration, Erkundung, Autonomie und Ich-Entwicklung im Mittelpunkt und im 4. - 6. Lebensjahr dreht sich alles um die soziale Entwicklung, mit dem Ziel, Teil einer Gruppe zu werden.

Schätze lassen sich auch dann entdecken, wenn Kinder hoch belastet sind (Kap. 5) z.B. indem eine Schatzkarte geschrieben wird. Diese kann zum Wegweiser guter Gründe, positiver Absichten und besonderer Bedürfnisse werden. Begleitpersonen müssen wissen, dass Verhalten von Erfahrungen geprägt ist und dass hinter jedem Verhalten eine positive Absicht steckt. Menschen verhalten sich immer aus ihren Bedürfnissen heraus. Als Methode ist das sog. Reframing nützlich, mit dem die andere Seite entdeckt werden kann. Das Verhalten wird dabei in einen anderen Rahmen (Frame) gestellt und damit neu eingeordnet und betrachtet. Damit gelingt es, Verhaltensweisen anders zu sehen.

Das Buch schließt mit Methoden und Handlungsansätzen, wie man vorhandene Schätze bergen kann. Man kann ein „Basislager gestalten“, so bezeichnet die Autorin eine Möglichkeit des bindungsorientierten Ansatzes. In diesem Zusammenhang nennt sie zudem Präsenz, Feinfühligkeit, emotionale Resonanz, Assistenz und Stressregulation. Ressourcenorientierte Interventionen lassen sich anhand der Schatzkarte anwenden, hier weist sie auf die Methode „Tabu der Schwächen – Stärken stärken“ hin. In dieser Methode löst man sich von einer problemzentrierten Sicht und wendet sich einer ressourcenorientierten Sicht zu, die die Stärken in dem gezeigten Verhalten herausarbeitet und nutzt. Als weitere Methode wird exemplarisch der Ansatz „Schatzname“ vorgestellt. Dieser Schatzname entsteht auf Grundlage des Namens des Kindes z.B. Niklas. Den einzelnen Buchstaben werden Ressourcen aus der Ressourcenanalyse zugeordnet. Dieser Schatzname kann in vielen Zusammenhängen genutzt werden z.B. als Einstieg für ein Elterngespräch. Zu einer kleinen Methodenschatzkiste kann neben dem Schatznamen auch ein sog. Früchtebaum gehören, bei dem Fähigkeiten und Stärken in Form von Früchten dargestellt werden. Bewährt haben sich auch ein Anerkennungsbrief, eine Expertenurkunde oder die kleine Schatzkiste.

Diskussion

Ein Mangel an ausreichenden Schutzfaktoren kann zu sogenannten Verhaltensauffälligkeiten führen. Wichtig ist, Ursachen für auffälliges Verhalten zu erkennen, denn kein Kind handelt subjektiv unlogisch. Auffälliges Verhalten kann Ausdruck innerer Nöte und nicht erfüllter Bedürfnisse sein. Manchmal ist es auch einfach auch nur ein Verhalten, dass nicht in den institutionellen Rahmen einer Einrichtung z.B. einer Kita passt.

Das Buch gibt Anstöße, eine problemorientierte Sichtweise zu verlassen und versteckte Ressourcen und Potenziale zu entdecken. Dazu braucht es Handwerkszeug und ein Umfeld, das die eigene Haltung überprüft und an einem wertschätzenden Blick auf die Kinder arbeitet. Dieser kleine Ratgeber fasst Praxisbeispiele, Handlungsempfehlungen und Tipps zusammen, die die Auseinandersetzung mit dem Thema erleichtern und aufzeigen, wie ein ressourcenorientierter Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern so gelingen kann, dass die Kinder sich verstanden und angenommen fühlen.

Ich schließe mich der Aussage der Autorin an, dass Normalität eine soziale Konstruktion ist. Als Normative gelten z.B. die eigene Biografie und tradierte Erziehungsvorstellungen. Vorschnell wird geurteilt. Das Verhalten, was als schwierig erscheint, wird oft als nicht normal angesehen. Wichtig ist eine Offenheit für andere Verhaltensformen und eine fortlaufende Reflektion, die sich mit der Dynamik der Verhaltensweisen auseinander setzt, statt nur an Symptomen zu kurieren. Als weiteres Pathologisierungsrisiko nennt Scherwath die Institutionalisierung der Kindheit und den damit verknüpften Bedingungen, heute verbringen Kinder viel Zeit in Institutionen, ohne dass die Qualität des Angebots und die Ausbildung der dort arbeitenden Personen entsprechend angepasst wurde.

Als weiteres Problem wird herausgearbeitet, dass nicht selten zu beobachten ist, dass nicht die Bedingungen analysiert werden, die zu Verhaltensweisen führen, die der Situation angemessen wären, sondern dass stattdessen das Kind diagnostiziert wird. In diesem Zusammenhang macht Scherwath auch auf die Inflation psychiatrischer Diagnosen aufmerksam. Syndrome, die man früher als Tick einordnete werden heute wie Erkrankungen behandelt, von ursprünglich sechs Störungsbildern ausgehend zählt man heute 200 Störungsmerkmale (im Buch S. 25).

Fazit

Was Kinder mit sogenannten Verhaltensauffälligkeiten verbindet ist ein Mangel an ausreichenden Schutzfaktoren in ihrem Leben. Unterstützung können sie erhalten, wenn Ursachen für auffälliges Verhalten erkannt und versteckte Ressourcen und Potenziale in der Arbeit mit den Kindern gefunden werden. Hilfreich sind Erzieher*innen, die ihre eigene Haltung überprüfen und an einem wertschätzenden Blick auf die Kinder arbeiten. Der kleine Ratgeber gibt Praxisbeispiele, Handlungsempfehlungen und Tipps, die die Auseinandersetzung mit dem Thema erleichtern und aufzeigen, wie ein ressourcenorientierter Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern so gelingen kann, dass die Kinder sich verstanden und angenommen fühlen.

Kinder können sich stabil entwickeln in einem passenden Umfeld, das das Verhalten nicht bewertet, sondern diesem mit Verständnis begegnet und Rahmenbedingungen schafft, die dem Kind und seiner Situation gerecht werden.

Das Buch fasst auf nur 95 Seiten Basiswissen zusammen, stellt Methoden und Handlungsansätze für den pädagogischen Alltag vor und macht Ursachen und Hintergründe für auffälliges Verhalten verständlich. Entscheidend ist die Haltung des erziehenden Umfeldes und die Bereitschaft, zu reflektieren. Grundlage einer pädagogischen Schatzsuche ist ein entwicklungsstärkender und wertschätzender Blick. Das Buch ist absolut empfehlenswert!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 18.03.2019 zu: Corinna Scherwath: Was Klaras Verhalten uns sagen kann. Ressourcenorientierte Zugänge bei auffälligem Verhalten. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2018. ISBN 978-3-589-15969-7. Reihe: Kinder verstehen und im Kita-Alltag professionell begleiten.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25269.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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