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Markus Sauerwein: Qualität in Bildungssettings der Ganztagsschule

Cover Markus Sauerwein: Qualität in Bildungssettings der Ganztagsschule. über Unterrichtsforschung und Sozialpädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 500 Seiten. ISBN 978-3-7799-3684-8. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.

Reihe: Studien zur ganztägigen Bildung.
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Thema

„Im Mittelpunkt der Arbeit stehen zwar auch Bildungssettings im Verständnis von Unterricht daneben aber eine stärkere Einbeziehung von Sozialpädagogik“ (S. 15), da diese in der bisherigen Ganztagsschulforschung kaum zur Geltung kommt. Vorwegnehmend sei auf ein zentrales Ergebnis verwiesen: In der Ganztagsschule kommt es zur Durchmischung unterrichtlicher und sozialpädagogischer Qualitäten.

Autor

Der vorliegende Band wurde als Dissertation bei der Goethe Universität Frankfurt eingereicht. Der Autor, Dr. phil. Markus N. Sauerwein, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung (DIPF).

Aufbau

Der Band umfasst acht Kapitel:

  1. Einleitung,
  2. Qualitätsverständnis,
  3. Ziele von Ganztagsschule: Bewertungskriterien für die Prozessqualität,
  4. Prozessqualität für die Ganztagsschule,
  5. Entwicklung der empirischen Fragestellung,
  6. Die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen – Sekundarstufe (StEG-S) – Stichprobe,Variablen und Methoden,
  7. Ergebnisse,
  8. Zusammenfassende Diskussion.

Inhalt

1. Kapitel

Dieses Kapitel gibt einen kurzen Einblick in die aktuelle Ganztagsschuldiskussion und einen Überblick über die Arbeit und die dahinterstehenden Begründungen und Zielsetzungen. Von Bedeutung sind auch Hinweise auf die Aufgabenzunahme von Ganztagsschulen, weil diese u.a. Aufgaben übernehmen, die früher von Familien und sozialpädagogischen Einrichtungen übernommen wurden.

2. Kapitel

Erörtert werden unterschiedliche Qualitätsverständnisse wobei der Autor Wert darauf legt, dass die Basis eines Verständnisses sich sowohl auf bildungspolitische Zielvorgaben beziehen kann (z.B. individuelle Förderung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mehr Bildungsgerechtigkeit) wie auch auf wissenschaftsbasierte Bewertungskriterien. Die in der Studie erarbeitenden Kriterien folgen dabei der wissenschaftsbasierten Perspektive. Hierin wird auch ein Unterschied zu den meisten Forschungsarbeiten zur Ganztagsschule gesehen, die an bildungspolitischen Zielen ausgerichtet sind. Die wissenschaftsbasierte Perspektive ermöglicht, zugleich schultheoretische wie auch sozialpädagogische Zielbestimmungen aufzunehmen.

3. Kapitel

„Ganztagsschule wird in dieser Arbeit als Zusammenhang von Schule, Unterricht sowie Sozialpädagogik […] verstanden“ (S. 33). Vor diesem Hintergrund wird zunächst die Spannung zwischen Schule und Sozialpädagogik erörtert und darauf verwiesen, dass formales und non-formales Lernen weitere Bildungspotenziale erschließen können. Es folgt dann die Beschreibung schultheoretischer (z.B. nach Fend) und sozialpädagogischer Zugänge (z.B. nach Scheer und Thole). Dies führt zu einer Synthese der dargestellten Ziele seitens der Schule sowie der Sozialpädagogik. Solche Ziele sind: Kompetenzen, Normen und Werte, gesellschaftliche Strukturen, Hierachien und Demokratie als Gesellschafts- und Lebensform sowie kustodiale Ziele wie Betreuung.

4. Kapitel

Dargestellt werden die Qualitätsdimensionen, die zur Erreichung der genannten Ziele beitragen können. Noch einmal wird unter dem Titel „Transformation von Schule“ auf die Notwendigkeit der unterlegten Doppelperspektive von Schule und Sozialpädagogik verwiesen. Ein Beispiel hierfür ist die Öffnung der Schule zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, ein anderes die Auflösung des Monopols von Unterricht weil auch außerunterrichtliche non-formale und informelle Lernpotenziale eine Rolle spielen. In der Folge stellt Sauerwein Forschungen und differenzierte Modelle guten Unterrichtes dar. Herausgehoben werden Classroom-Management, kognitive Aktivierung und Motivationsunterstützung. Eine Durchsicht der Qualität der Kinder- und Jugendarbeit führt zu folgenden Heraushebungen: Lebensweltorientierung, Anerkennung, Partizipation und extracurriculare Activities. Diese aufgeführten Merkmale des Bildungssettings werden zu einer Heuristik für die Prozessqualität in der Ganztagsschule zusammengeführt und die jeweiligen Zusammenhänge erläutert. Als Beispiel sei der Zusammenhang von Zielen der Ganztagsschule mit kognitiver Aktivierung genannt: Kognitive Aktivierung bezieht sich sowohl auf festgelegte Kompetenzen wie auch auf das Ausschöpfen aller Begabungspotenziale. Das trifft auf den Unterricht zu aber auch auf das Merkmal der gesellschaftlichen Normen und Werte. Auf Normen und Werte bezogen können Pädagoginnen und Pädagogen Auseinandersetzungen über Wertvorstellungen anregen und Jugendlichen dabei helfen, diese Prozesse zu ihrer Subjektwerdung und Selbstbestimmung aufzunehmen. „Diese mäeutische Praxis kann als kognitive Aktivierung verstanden werden“ (S. 204). Andere Zusammenhänge beziehen sich auf Ganztagsschule und Partizipation oder Ganztagsschule und Autonomieunterstützung. Vorbereitend auf den empirischen Teil der Arbeit wird geklärt, dass bei der Erforschung der Qualität im Unterricht und in Ganztagsangeboten das individuelle Erleben der befragten Schülerinnen und Schüler im Fokus steht.

5. Kapitel

Die zentralen Forschungsfragen im Rahmen der empirischen Studien werden in diesem Buchabschnitt entwickelt. Überprüft werden soll die Heuristik der Qualitätsdimensionen im Zusammenhang mit den Zielen der Ganztagsschule (Ziele: Kompetenzen, Normen und Werte, gesellschaftliche Strukturen/Lebensformen, kustodiale Unterstützung; Qualitätsdimensionen: Zeitnutzung als Subdimension von Claasroom-Management, kognitive Aktivierung, Autonomieunterstützung, Partizipation, Alltagsorientierung, Anerkennung in den Bereichen Emotionalität, Solidarität, Recht). Fragestellungen:

  1. Lässt sich die dargestellte Qualitätsheuristik empirisch wiederfinden?
  2. Welche Faktoren beeinflussen die Qualitätsurteile der Schülerinnen und Schüler?
  3. In welchem längsschnittlichen Zusammenhang stehen die Prozessmerkmale von Angebot und Unterricht mit gewünschten Outputs aufseiten der Schülerinnen und Schüler?

6. Kapitel

Eingegangen wird auf die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschule“ (StEG). Das verwendetet Datenmaterial entstammt dieser Studie bzw. einem Teilprojekt (StEG-S). Diese Teilstudie umfasst 66 Schulen mit 2105 befragten Schülerinnen und Schülern. Bei der Wahl der Stichprobe mussten Schultypen und dortige Angebotsformen berücksichtigt werden. Die eingesetzten Methoden und ihre Zielsetzungen werden detailliert beschrieben:

  • Leseverstehen – Skalierung und Equating,
  • Soziale Selbstwirksamkeit,
  • Selbstwert,
  • Unterrichts- und Angebotsqualität,
  • Factor Scors,
  • Regressionsanalysen.

7. Kapitel

Dieses sehr umfangreiche Kapitel stellt die Ergebnisse der empirischen Studie vor. Jeweils zusammenfassend beantwortet der Autor die o.g. Fragestellungen:

zu 1.) Die empirische Validierung erbringt Befunde, die zeigen, dass das untersuchte Setting, also Unterricht und Ganztagsangebote, eine sinnvolle Bildungserweiterung darstellt. Ganztagsangebote profitieren davon, dass Qualitätsdimensionen des Unterrichts übertragen werden und dies gilt auch für die Umkehrung der Übertragung. Dieses bedeutet auch, dass Befürchtungen der Jugendarbeit bzw. Sozialpädagogik, die ihnen innewohnenden pädagogischen Stärken gingen in der Ganztagsschule unter, keineswegs richtig ist (siehe S. 345). Weiterhin wird darauf verwiesen, dass die dem Unterricht häufig unterstellte Lebensferne in der sozialpädagogischen Argumentation nicht ohne Weiteres aufrecht gehalten werden kann. Ebenso findet die Annahme, die Ganztagsschule befinde sich in einem Transformationsprozess empirische Unterstützung.

zu 2.) Insgesamt sind die erzielten Effekt gering. Trotzdem scheint es so zu sein, dass Schülerinnen und Schüler bei freiwilliger Teilnahme die sozialpädagogischen Angebote besser beurteilen. „Freiwilligkeit kann demnach als günstige Voraussetzung für das Erleben von Qualität verstanden werden […]“ (S. 367). Auch der Migrationshintergrund übt einen Einfluss aus. Positive Effekte treten beim Leseangebot auf vereinzelte negative Effekte beim sozialen Lernen. Insgesamt wird die Qualität des Unterrichts und der sozialpädagogischen Angebote von den befragten Schülerinnen und Schüler hoch bewertet.

zu 3.) Untersucht werden im Rahmen dieser Fragestellung Zusammenhänge zwischen den Qualitätsdimensionen und den Variablen Selbstwirksamkeit, Selbstwert und Leseverstehen.. Dabei stellt sich heraus: „Die Förderung von Selbstwert und sozialer Selbstwirksamkeit gelingt im Unterricht genauso wie in den Ganztagsangeboten“ ( S. 425). Allerdings sind dafür in Angeboten des sozialen Lernens sozialpädagogische Qualitätsdimensionen verantwortlich, im Unterricht hingegen die kognitive Aktivierung, die Autonomieunterstützung und die Partizipation. Insgesamt sind die ermittelten Effekt klein. Der Autor verweist darauf, dass beim Leseverständnis testbedingte Fehler aufgetreten sein könnten. Zugleich wird deutlich, dass der Zeitfaktor, also die „Beschulungsdauer“, eine Rolle spielt.

8. Kapitel

Es werden die Ergebnisse der Studie zusammengefasst und nochmals darauf verwiesen, dass mittels dieser Studie erstmals Basisdimensionen des Unterrichts mit handlungsleitenden Maximen der Sozialpädagogik in Verbindung gebracht werden. Das Ziel ist die Erstellung einer Heuristik für Qualität in Bildungssettings der Ganztagsschule. Die Ergebnisse zeigen, dass es zu einer Durchmischung kommt, also z.B. Persönlichkeitsbildung der Schülerinnen und Schüler im Unterricht wie auch in den sozialpädagogischen Angeboten gestärkt wird. Dies trifft allerdings nicht auf die Verbesserung messbarer kognitiver Kompetenzen (Schulleistung) zu. Trotzdem scheinen die Konturen zwischen zwischen Schul- und Sozialpädagogik zu verwischen. Dabei wird Sozialpädagogik nicht verdrängt, sondern erfährt eine Aufwertung und eine von dort kommende Skepsis erscheint nicht angemessen zu sein. Speziell konnten die empirischen Analysen zeigen, dass mithilfe der Qualitätsheuristik positive Wirkungen auf Selbstwirksamkeit und Selbstwert der Schülerinnen und Schüler durch Unterricht und Ganztagsangebote erreicht werden. Damit erscheint sich die Ausformung eines neuen Konzeptes einer Ganztagsschulpädagogik abzuzeichnen. Eine solche Entwicklung erfordert auch Veränderungen in Studium und Ausbildung der beteiligten Berufe. Dementsprechend gehören sozialpädagogische Inhalte ins Lehramtsstudium und Essentials guten Unterrichts in das Studium und die Ausbildung von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen.

Diskussion

Die umfangreiche und komplexe Anlage der Studie erfüllt nicht alle Erwartungen, die bei Leserinnen und Lesern geweckt werden. Ein Grund dafür ist die z.T. schwache Aussagekraft empirischer Ergebnisse und Zusammenhänge auf die der Autor allerdings auch selbst hinweist. Dies beeinträchtigt aber nicht die Zielsetzung der Studie, eine beginnende Phase eines Transformationsprozesses im Rahmen der Ganztagsschule empirisch „in den Griff“ zu bekommen. Dieser Prozess ist gekennzeichnet von einer Durchmischung unterrichtlicher und sozialpädagogischer Qualitäten und die damit einhergehenden und wechselseitigen Übertragungen begründen eine neue, eine dritte Qualität. Es werden in der Zukunft noch viele Studien notwendig sein, um diesen Transformationsprozess in seiner Breite und Tiefe zu erfassen. So gesehen liefert die Arbeit dazu einen ersten neuen Messpunkt einschließlich der notwendigen Fakten, Interpretationen und Perspektiven.

Abgesehen von dieser allgemeinen Feststellung ergeben sich interessante „Nebenergebnisse“. Dazu gehört z.B., dass Unterricht wie auch Ganztagsangebote Selbstwert und Selbstwirksamkeit bei Schülerinnen und Schülern stärken. Eine Domäne, die häufig als Alleinstellungsmerkmal von der Sozialpädagogik/Sozialen Arbeit gerade auch bezogen auf die Schule in Anspruch genommen wird. Für die manchmal spannungsreiche multiprofessionelle Kooperation in Ganztagsschulen dürfte dieses Ergebnis hilfreich sein. Auch muss die ausgeprägte Kritik des 15. Kinder- und Jugendberichtes der Bundesregierung (2017) mit den von Markus Sauerwein erarbeiteten Ergebnissen konfrontiert werden. In diesem Bericht gibt der festgestellte geringe Einfluss von Jugendarbeit/Jugendhilfe in der Ganztagsschule Anlass zu der fachlichen und fachpolitischen Mahnung, diesen Zustand zu verbessern.

Fazit

Eine umfangreiche und komplexe empirische Studie, die in der Fachwelt bzw. in der Ganztagsschulforschung Aufmerksamkeit beanspruchen darf. Geht es doch um die Transformation der Ganztagsschule mittels einer Durchmischung unterrichtsspezifischer mit sozialpädagogischen Qualitäten. Mit der Aufnahme dieser Doppelperspektive erschließt der Autor neue wissenschaftliche Fakten, Interpretationen und Perspektiven für die Entwicklung der Ganztagsschule und ihrer pädagogischen Konzepte.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 07.02.2019 zu: Markus Sauerwein: Qualität in Bildungssettings der Ganztagsschule. über Unterrichtsforschung und Sozialpädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3684-8. Reihe: Studien zur ganztägigen Bildung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25270.php, Datum des Zugriffs 20.04.2019.


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