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Reimer Gronemeyer: Tugend

Cover Reimer Gronemeyer: Tugend. Über das, was uns Halt gibt. Edition Körber (Hamburg) 2019. 220 Seiten. ISBN 978-3-89684-269-5. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Was macht Tugend möglich?

Im anthropologischen, psychologischen und philosophischen (Nach-)Denken und Handeln der Menschen haben Tugenden als Richtwerte für die Conditio Humana eine hohe Bedeutung. In der antiken griechischen Philosophie wird aretê als Besstheit und Vortrefflichkeit benannt. Aristoteles unterscheidet zwischen ethischen und dianoetischen Tugenden. Während die ersteren auf den Charakter zielen, orientieren sich die anderen eher an der Vernunft der Menschen. Immanuel Kant fasst die unterschiedlichen Eigenschaften und Kompetenzen zusammen, indem er mit dem kategorischen Imperativ den Maßstab für menschliches Verhalten setzt, das in der „globalen Ethik“, der allgemeingültigen und nicht relativierbaren Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck kommt: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnende Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.

Autor

Der an der Universität in Gießen lehrende und forschende Soziologe und Theologe Reimer Gronemeyer findet mit seinen vielfältigen Arbeiten und Veröffentlichungen auch im Internet-Rezensionsdienst socialnet Aufmerksamkeit. Die Spannweite seines Denkens reicht dabei von der Generationenfrage (2004), den Reflexionen über Leben und Sterben (2008, 2013, 2015), den Auseinandersetzungen über Professionalisierung (2017), bis hin zu interkulturellen und globalen Aspekten (Reimer Gronemeyer / Matthias Rompel, Verborgenes Afrika. Alltag jenseits von Klischees, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6955.php).

Mit dem Essay „Tugend“ macht sich der Autor auf die Suche nach den Werten, die in den Zeiten der Verunsicherungen, der ego-, ethnozentristischen, nationalistischen, fundamentalistischen und populistischen Weltentwicklungen Halt geben können. Sind es überholte, nicht mehr überzeugende oder im Weltenwandel unbrauchbare Tugenden? Oder braucht es eines neuen Nachdenkens und Wertbewusstseins darüber, wie die Menschheit human überleben kann? Die Weltkommission Kultur und Entwicklung hat 1995 zu einem Perspektivenwechsel aufgerufen: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Gronemeyer ist ein Optimist. Er glaubt an die Vernunftbegabung der Menschen; an die moralische und tugendhafte Fähigkeit, Gutes vom Bösen unterscheiden zu können und nach einem guten, gelingenden Leben zu streben, und zwar human, also nicht egoistisch, sondern solidarisch. Es ist die Überzeugung, dass eine gerechte, friedliche und gleichberechtigte Eine Welt möglich ist. Er legt Schlüsse und Schlüssel hin zu gelebten Tugenden zu seinem 80. Geburtstag vor!

Aufbau und Inhalt

Neben der Einführung in die Studie, in der er fragt, ob die bekannten, überlieferten, anthropologischen Tugenden als erledigter Fall im Wandlungs- und Veränderungsprozess der Menschheit zu betrachten seien, gliedert er das Buch in die folgenden Kapitel:

Mit der Frage: „Wie gefährdet ist die Gemeinschaft?“ nimmt er eine Bestandsaufnahme zur Lage und Entwicklung der Welt vor. Die Feststellung, dass das Alte, Hergebrachte, Traditionelle, Überlieferte, Gewohnte und Erhoffte zerbricht, und sich Egoismus, Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit breit machen, wird nicht mit Fatalismus und Ohnmacht beantwortet. Es wird vielmehr danach gefragt, wie das Neue, Widerständige, Gegenwartsverändernde und Zukunftsorientierte aussehen muss. Es braucht den Perspektivenwechsel, wenn wir Ausschau halten wollen nach den „neuen Tugenden, die wir brauchen“. Und siehe da: Es sind Tugenden, die wir kennen. Es braucht (nur) eine neue Aufmerksamkeit, Empfindsamkeit, Empathie und Selbstbegrenzung.

Mit der Aussicht – „Wie die Gemeinschaft wieder geheilt werden kann“ – appelliert Gronemeyer dafür, „über ein neues, demütiges und respektvolles Verhältnis zu dem (nachzudenken), was wir arrogant ‚Umwelt‘ nennen“. Es wäre vermessen und auch nicht zu erwarten, präsentierte der Autor in diesem Dilemma von Sollen und Wollen nun ein Rezept.

In der „Schlussmelodie über den Zusammenhalt“ geht es vielmehr darum, Hoffnung zu singen und Mut zuzusprechen, Tugenden zu erkennen und lokal und global Menschenfreundschaft zu leben, die sich nicht mehr nur auf Freundschaft zwischen Menschen bezieht. Sie muss sich auch für die Natur und eine humane Umwelt öffnen. Sie muss Widerstand leisten gegen neoliberale und kapitalistische Entwicklungen, bei denen die Wohlhabenden und Besitzenden in der Welt immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden. Es geht um ein Umdenken bei den technologischen, momentanistischen und „Alles-Machbarkeits-Bewusstsein“.

Fazit

Ein solches Bewusstsein und tugendhaftes Denken und Handeln freilich fällt weder vom Himmel, noch wird es per Ordre du Mufti verordnet. Es braucht aufgeklärte Individuen und Gesellschaften, die wissen, dass neue Tugenden mühsam und anstrengend erworben werden müssen, am besten gemeinschaftlich und gemeinsinnig. So ließe sich der kapitalistische Spruch – „Alles ist möglich!“ – auch umwandeln in die solidarische und humane Bedeutung: Es ist möglich und machbar, lokal und global ein tugendhaftes Leben zu führen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.05.2019 zu: Reimer Gronemeyer: Tugend. Über das, was uns Halt gibt. Edition Körber (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-89684-269-5.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25272.php, Datum des Zugriffs 19.07.2019.


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