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Manuel Menke: Mediennostalgie in digitalen Öffentlichkeiten

Cover Manuel Menke: Mediennostalgie in digitalen Öffentlichkeiten. Zum kollektiven Umgang mit Medien- und Gesellschaftswandel. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2018. 400 Seiten. ISBN 978-3-86962-266-8.
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Wandel und Veränderung

Der anthrôpos, das menschliche, mit Vernunft ausgestattete, zur Urteilsbildung, zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähige, das gute, gelingende Leben anzustrebende Lebewesen existiert evolutionär. Diese Auffassung ist es, die den Menschen als erdverbunden, rational und emotional darstellt. Der Mensch ist, um überleben zu können, darauf angewiesen, friedfertig und gleichberechtigt mit den Mitmenschen zusammen zu leben. Diese anthropologische und mundane Erkenntnis stellt den Menschen nicht über die Natur, sondern in sie hinein (Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php). Der Homo agens, der bewusst handelnde Mensch, ist ein Homo viator und Homo varians, der sich in seiner individuellen und kollektiven Existenz dauernd verändert und auf seinen Lebensweg unterwegs ist. Ob es sich dabei um einen Zwiespalt und Konflikt, oder um das Bewusstsein handelt, dass Tradition und Moderne zusammen gehören, bestimmen seine Identität (Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php). Die landläufigen, traditionellen Einstellungen, dass Veränderungen im persönlichen und kollektiven Leben schlecht und abzulehnen sind, wie etwa: „Das haben wir schon immer so gemacht!“ – „Das haben wir noch nie so gemacht!“ – „Da könnte ja jeder kommen!“ sind meist Merkmale dafür, dass der Mensch nicht oder falsch informiert und nicht aufgeklärt ist (vgl. z.B. dazu: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen, in: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363 – 373).Dadurch entstehen Irritationen und Kakophonien, die sich auf die allgemeine Stimmung in einer Gesellschaft auswirken: „Politik ist ein schlechtes Geschäft!“ – „Die da oben…!“ – „Ohne mich!“ – „Lügenpresse“. Sie stellen sich als Menschen- und Technikfeindlichkeit dar und drücken sich in ego-, ethnozentristischen, rassistischen, populistischen und demokratiefeindlichen Parolen aus.

Autor

„Woran festhalten, in einer Welt im Wandel?“ – dieser Frage stellt sich der wissenschaftliche Mitarbeiter beim Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, Manuel Menke, in seiner als Dissertationsschrift vorgelegten Studie: „Mediennostalgie in digitalen Öffentlichkeiten“. Er identifiziert einen möglichen, durchaus gängigen Weg, mit Wandlungs- und Veränderungsprozessen umzugehen: Nostalgisches Denken und Handeln.

Im „Wahrig“- Wörterbuch wird der Begriff Nostalgie erklärt als „Heimweh, Sehnsucht nach der (als besser erscheinenden) Vergangenheit“; und bei Wikipedia wird darauf verwiesen, dass nostalgische Gefühle „eine sehnsuchtsvolle Hinwendung zu vergangenen Gegenständen oder Praktiken“ ausdrücken. Sie können sich auf persönlich erlebte Erfahrungen, wie auch auf in der Kultur und Geschichte übertragene Erzählungen beziehen und gewissermaßen als „Hörensagen“ daher kommen. In der öffentlichen Wahrnehmung werden dabei Vorkommnisse und Ereignisse aus der Vergangenheit verklärt, die einer objektiven Geschichtsanalyse nicht standhalten. Nostalgiker sind meist nicht zu überzeugen; sie beharren auf ihren Einstellungen und Meinungen (Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Was unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir der kollektiven Dummheit entkommen können, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22651.php).

Aufbau und Inhalt

Der Umgang der Menschen mit den Neuen Medien als seriöse Informationsmittel und Unterhaltungsangebote, wie auch als manipulative Machtmittel, hängt wesentlich davon ab, ob, wie und in welchem Maße eine kritische Auseinandersetzung und Handhabung praktiziert wird. Medienkritik stellt somit eines der wichtigsten Bildungsherausforderungen dar. Denn Medien sind vielfach Erzeuger, Vermittler und Wertmesser von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen. Ein in der in der Studie empirisch ermittelter Aspekte nämlich bezieht sich auf die Frage, „welche medienbezogenen Veränderungen Menschen in ihren Lebenswelten wahrnehmen und wie sie durch kollektives nostalgisches Erinnern an bedeutungsvolle Medienerfahrungen ihrer Vergangenheit mit dem Erleben von Wandel umgehen“. Es sind die verschiedenen, individuell entwickelten und kollektiv gewordenen und gemachten Erinnerungsstrategien und -gewohnheiten, die den nostalgischen Umgang mit Veränderungsphänomenen bestimmen.

Die empirische Forschungsarbeit wird in zwei Hauptkapitel gegliedert:

  1. Im ersten Teil setzt sich der Autor mit der „theoretischen Verortung“ auseinander;
  2. und im zweiten Kapitel wird die „empirische Untersuchung“ thematisiert.

Allein die Auseinandersetzung mit dem schillernden, unbestimmten und differenzierenden Begriff „Nostalgie“ verdeutlicht die Wegerichtungen, Stolpersteine und Sackgassen, in die Forschungen geraten können, aber auch, wo die psychische Ressource positiv auf die Person-(Gesellschaft-)Umwelt-Beziehung Einfluss nehmen kann. Wenn es stimmt, dass affektive, nostalgische Reaktionen auf die sich immanent vollziehenden, gesellschaftlichen und politischen, lokalen und globalen Entwicklungen wirken und gewissermaßen die Moderne hervorbringen, kommt es entscheidend darauf an, kollektive Nostalgien zu analysieren und zu bewerten. In der interdisziplinären Forschung über die Bedeutung und Wirkung von Medien auf individuelles und kollektives Erinnern im Zusammenhang mit Wandel und Beständigkeit werden, das zeigt die Bestandsaufnahme des Autors, tun sich Lücken und Einbahnstraßen auf, die zu füllen und mehrspurig als Durchgangstrassen zu erweitern sind.

Es sind die verschiedenen Lebenswelt-Modelle und -Konzepte, die je unterschiedlich und stringent auf nostalgisches, emotionales öffentliches Erinnern wirken. Ihre Einschätzung und Bewertung zum Umgang mit Wandlungsphänomenen hängt entscheidend davon ab, wie die Zusammenhänge – „Öffentlichkeit“, „Bürgerschaft“, „Digitalisierung“ – in den gesellschaftlichen Prozessen gehandhabt werden. Bezugnehmend auf das Habermas’sche „Öffentlichkeitsmodell“ und das „Drei-Ebenen-Modell“ (Elisabeth Kaus) filtert der Autor die gewonnenen Einsichten und Kontrapunkte, wie sie sich für digitale Erinnerungsgemeinschaften zeigen, in zwei Einflusssphären: „Zum einen ist davon auszugehen, dass sie an der Entstehung von Interessen der Individuen mitwirkt und damit die Auswahl der passenden Erinnerungsgemeinschaft leitet, … (zum anderen kann sie) aber auch als kollektive Emotion in Erscheinung treten, die die Mitglieder als geteilte kollektive Nostalgie wahrnehmen und sich dessen über kommunikative Erinnerungspraktiken versichern“. Weil nämlich Menschen Gesellschafts- und den zugeordneten und konstitutiven Medienwandel zuvorderst in ihrem existentiellen Lebensvollzug wahrnehmen und sich damit auseinandersetzen, bedarf es der Nachschau, wie Veränderungsnostalgien entstehen, wie mit ihnen umzugehen ist, und wie sie eingebunden werden können in Einsichten und aufgeklärtes Wissen.

Der theoretischen, nachschauenden und analysierenden Betrachtung der Phänomene des kollektiven Erinnerns und der Mediennostalgie folgt im zweiten Teil die empirische, nachweisende Studie zur Nutzung von Facebook durch User in Deutschland. In den ARD/ZDF-Online-Untersuchungen von 2015/16 wird nachgewiesen, dass täglich rund 15 Millionen deutsche Nutzer online sind, und zwar 49 % in der Altersspannweite von der 14- bis 29-Jährigen, von 30 % der 30- bis 49-Jährigen, 10 % der 50- bis 69-Jährigen und 4 % der über 70-Jährigen.

Manuel Menke ermittelt in zwei wissenschaftlichen Studien die Zusammenhänge, wie sie sich für in Facebook zusammengefundenen Erinnerungsgemeinschaften ergeben:

  1. In der ersten, qualitativen Untersuchung befragte er ausgewählte Personen (n = 35) „über ihre Motive, Erfahrungen, Sichtweisen und Praktiken bezüglich Erinnerung, kollektiver Mediennostalgie, Medien- und Gesellschaftswandel und Vergemeinschaftung“.
  2. In der zweiten, quantitativen Studie wurden Posts und Kommentare von fünf ausgewählten digitalen Erinnerungsgruppen analysiert, um „die Objektivierung von kollektiv mediennostalgischen Erinnerungen und Aussagen über Medienwandel zu untersuchen, die durch kommunikative Erinnerungspraktiken dort Eingang finden, und darzulegen, wie digitale mittlere Öffentlichkeiten hergestellt werden“.

In der Interview-Studie wurden die folgenden Nostalgie-Aspekte betrachtet:

  • Generationen,
  • DDR,
  • Medien,
  • Heimat;

in der quantitativen Untersuchung waren es die Interessengemeinschaften:

  • Generationengruppe(n),
  • DDR-Gruppe,
  • Musikgruppe(n),
  • Verkaufsgruppe.

Die Aussagen der Individuen und sich bildenden Gruppierungen ergeben drei Kategorien und Typenbildungen.

  • Da sind zum einen die „Vergemeinschafter“,
  • zum zweiten die „Aktivisten“,
  • und drittens die „Zuschauer“.

Ihre je spezifische Beteiligung und Einflussnahme am jeweiligen Nostalgie-Diskurs wird so beschrieben: Während „Vergemeinschafter und Aktivisten als Kommunikatoren auftreten und insbesondere Administratoren die Kommunikationsstrukturen definieren, unter welchen Öffentlichkeit entsteht, agieren die Zuschauer fast nur als Publikum“.

Die Untersuchungen wären nicht vollständig, würden nicht neben der Analyse der Motive, Sichtweisen und Erwartungen von digital agierenden Erinnerungsgemeinschaften auch die Muster und Strukturen in den Blick genommen, die die Meinungen, Auffassungen und Positionen der untersuchten Samples charakterisieren. Es wird der Frage nachgegangen. „ob Medienwandel als belastend wahrgenommen wird, und ob es im Alltag zu Erfahrungen der Entfremdung und Resonanzverlusts in Beziehung zur Welt, zu Menschen und zu Dingen führt“. Die in Beschreibungen, Annahmen, Statistiken und tabellarisch aufgewiesenen Analysen erlauben Einblicke in die differenzierten Abläufe, wie Medienwandel als kollektive Mediennostalgie wirkt.

Fazit

„Das Entstehen posttraditioneller Gemeinschaften im Internet wird in der Kommunikationswissenschaft ambivalent diskutiert“. Die Studie „Mediennostalgie in digitalen Öffentlichkeiten“ will in diesen Diskurs eingreifen. Ambivalenz und Asymmetrie werden deutlich, indem es bei der Zielsetzung von demokratischem Bewusstsein, von Partizipation und Diskursivität sinnvoll und nützlich ist, wenn Menschen real und virtuell miteinander kommunizieren, Meinungen austauschen und ihre Positionen und Erfahrungen (auch) öffentlich kundtun; andererseits kann man kritisieren, dass „sich Öffentlichkeiten dadurch zunehmend fragmentieren und sogenannte ‚echo chambers‘ und ‚filter bubbles‘ entstehen, in welchen es zur Homogenisierung oder sogar Radikalisierung in sich geschlossenen Gruppen kommt“. So ergibt sich aus der Forschungsarbeit, dass es notwendig ist, posttraditionelle, mediennostalgische Aktivitäten im Sinne einer Weiterentwicklung hin zu einer „globalen Ethik“ in den wissenschaftlichen, analytischen Blick zu nehmen und sich mit den Fragen auseinander zu setzen: „Haben spätmoderne Gesellschaften ein Problem mit Medienwandel?“; ebenso: „Ab wann signalisiert kollektive Nostalgie eine derart bedenkliche Überforderung mancher Bevölkerungsgruppen, dass eine Gesellschaft aktiv werden muss und beginnt, Wandel als Problem zu diskutieren?“ und: „Was ist ein gutes Maß an Nostalgie, um Wandel gesund zu verarbeiten?“. Die Analysen und Ergebnisse der Forschungsarbeit von Manuel Menke verweisen darauf, dass „eine gemeinsame Verständigung über gutes Leben in sich stets wandelnden, spätmodernen Mediengesellschaften“ notwendig ist.

Die im Anhang beigefügten Untersuchungs- und Analysematerialien bieten die Möglichkeit, die mit den Methoden der Netzwerk-, Diskursanalyse, des Coping u.a. wissenschaftlichen Methoden erstellte Forschungsarbeit nachzuvollziehen (vgl. auch: Monika Rößiger, Forscherfragen. Berichte aus der Wissenschaft von morgen, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16301.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.01.2019 zu: Manuel Menke: Mediennostalgie in digitalen Öffentlichkeiten. Zum kollektiven Umgang mit Medien- und Gesellschaftswandel. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2018. ISBN 978-3-86962-266-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25273.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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