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Anne Guhn, Stephan Köhler u.a.: Kiesler-Kreis-Training

Cover Anne Guhn, Stephan Köhler, Eva-Lotta Brakemeier: Kiesler-Kreis-Training. Manual zur Behandlung interpersoneller Probleme. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 250 Seiten. ISBN 978-3-621-28653-4. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Autor*innen

Dr. rer. nat. Anne Guhn arbeitet in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin im Fachbereich Affektive Störungen mit Forschungsschwerpunkt für Chronische Depression. Sie ist approbierte Verhaltenstherapeutin sowie zertifizierte Therapeutin und Trainerin für das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP).

PD Dr. med. Stephan Köhler ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Mitte. Er ist approbierter Verhaltenstherapeut sowie CBASP-Therapeut und -Trainer und hat weitere psychotherapeutische Ausbildungen im Bereich der Schematherapie (advanced level der ISST) und der systemischen Paar- und Sexualtherapie (DGfS) absolviert. Weiterhin leitet er an der Charité die Arbeitsgruppe Affektive Störungen.

Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier, Professur für Psychotherapieforschung, Fachbereich Psychologie, Philipps-Universität Marburg. Prof. Brakemeier ist approbierte Verhaltenstherapeutin sowie zertifizierte Therapeutin, Supervisorin und Trainerin in der Interpersonellen Psychotherapie (IPT) und dem Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP).

Aufbau

Der Band umfasst sieben Kapitel. Die ersten beiden befassen sich mit den theoretischen Hintergründen, Kapitel drei bis fünf mit der Umsetzung des Kiesler-Kreis-Trainings im Gruppentraining und in der Einzeltherapie, Kapitel sechs widmet sich schwierigen Therapiesituationen und das letzte der Evaluation des Trainings.

Das Buch versteht sich als ein praktischer Leitfaden mit transdiagnostischem Ansatz. Es legt seinen Fokus auf interpersonelles Verhalten, das mit Hilfe des Kiesler-Kreis-Trainings in verschiedenen Schritten modifiziert wird. Vor allem bei Patient*innen mit Depression, Borderline oder mit einer sozialen Phobie ist der Zusammenhang zwischen einer eingeschränkten Beziehungsfähigkeit und der psychischen Erkrankung signifikant erkennbar.

Inhalt

Kapitel eins widmet sich der Frage, was interpersonelle Probleme sind und wie sich diese auswirken? Ein wesentlicher Faktor für psychische Gesundheit sind zwischenmenschliche Beziehungen und die Fähigkeit, diese aufbauen und halten zu können. Für diese These präsentieren die Autor*innen entsprechende Studien. Doch was ist ein gelingendes sozial kompetentes Verhalten? Zur Beantwortung dieser Frage beziehen sich die Autoren auf Hinsch und Pfingsten, die es als „die Verfügbarkeit und Anwendung von kognitiven, emotionalen und motorischen Verhaltensweisen, die in bestimmten sozialen Situationen zu einem langfristig günstigen Verhältnis von positiven und negativen Konsequenzen für den Handelnden führen“ definieren. (S. 23) Anhand von imaginären Fallbeispielen (Herr Unruh: soziale Phobie, Frau Instabil: Borderline und Frau Panzer. chronische Depression) wird dieser Aspekt weiter vertieft.

Als Ursache von interpersonellen Problemen werden negative und traumatisierende Beziehungserfahrungen angesehen. Diese werden häufig wichtigen Bezugspersonen in der Kindheit zugeschrieben, die damit „prägend“ für das Verhalten wurden. Auch dieser Aspekt wird wieder anhand der o.g. Fallbeispiele dargestellt. Erwartungen (insbesondere vor Enttäuschungen) prägen somit die Beziehungen von Menschen mit interpersonellen Problemen. Wie diese zu einer Verfestigung der Beziehungsprobleme werden ebenfalls mit den Fallbeispielen anschaulich illustriert. Um schwierige zwischenmenschliche Situationen funktionaler meistern zu können, stellen die Autoren die Analyse- und Lösungsschritte des Kiesler-Kreis-Trainings in einem ersten Schritt vor:

  1. Reflektieren des eigenen Verhaltens auf dem Kiesler-Kreis-Modell
  2. Zusätzlich wird die verbale und vor allem die non-verbale Kommunikation analysiert und es werden neue Formen dieser Kommunikationsmuster erlernt.
  3. Da Patient*innen häufig Probleme haben, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, wird die Empathiefähigkeit geschult.
  4. Alle Elemente werden in Rollenspielen eingeübt.

In Kapitel zwei wird der Entwickler des Trainings und sein Modell genauer vorgestellt. Er widmete sich vor allem der Beschreibung zwischenmenschlicher Kommunikation und deren Auswirkung auf die psychische Stabilität. Rigides, nicht an die Situation angepasstes Verhalten führt zu Konflikten und beeinflusst u.U. Beziehungen so massiv, dass psychische Störungen auftreten. Ziel der Therapie ist es deshalb, dieses dysfunktionale Verhalten zu verändern und zu überwinden. Das aktuelle dysfunktionale Verhalten lässt sich mit dem Kiesler-Kreis als Ist-Stand abbilden, indem es kreisförmig in verschiedene Kategorien von freundlich-zugewandt bis aggressiv-destruktiv eingeordnet wird.

Kapitel drei beschreibt auf der Grundlage der theoretischen Elemente von Kiesler ein Training in der Gruppe. Die Autoren zeichnen nach, welche Vorteile eine Gruppe gerade bei interpersonellen Problemen bietet. Sie schafft Bündnisse über gemeinsam erlebtes Verhalten und die einzelnen Teilnehmer werden zum Verhaltenskorrektiv für die anderen. Zusätzlich bietet die Gruppe die Möglichkeit des Modell-Lernens. In der Gruppe kann der/die Teilnehmer*in überprüfen, wie er/sie auf andere wirkt und was das Verhalten der anderen in ihm auslöst. Es können Rückmeldungen eingeholt werden und neue alternative Verhaltensmuster aus dem Kiesler-Kreis eingeübt werden, um korrigierende Beziehungserfahrungen machen zu können (vergl. Seite 71).
Es wird auf Gruppenregeln verwiesen, die im Idealfall gemeinsam erarbeitet werden. Indiziert ist das Gruppentraining für motivierte Personen, die an einer chronischen Depression, an einer sozialen Phobie oder an einer Borderlinestörung leiden.

Kapitel vier befasst sich mit den einzelnen Elementen des Gruppentrainings. Es umfasst vier Module mit insgesamt 23 Sitzungen: Modul I – Kennenlernen des Kiesler-Kreises, Modul II – Nonverbale Kommunikation, Modul III – Verbale Kommunikation, Modul IV – Konflikttraining, Modul V – Empathie und korrigierende Beziehungserfahrungen. Jede Sitzung wird in ihrem Ablauf (zeitlich, inhaltlich) genau vorgestellt und beschrieben. Es wird auch auf mögliche Probleme eingegangen, die während der Sitzung auftreten können.

Das nächste Kapitel fünf geht auf das KK-Training in Einzelsitzungen ein. Auch wenn die Autor*innen darauf hinweisen, dass es durchaus gute Gründe gibt, das KK-Training in der Gruppe durchzuführen, führen sie auch an, welche Indikation für ein Einzeltraining sprechen. Vor allem, wenn der/die Patient*in keine positiven Erfahrungen in Gruppen gemacht hat oder wenn er/sie nach einem Gruppentraining einzelne Elemente nacharbeiten will. Zu Beginn wird auf die Beziehungsgestaltung zwischen Therapeut*in und Patient*in eingegangen. Hier werden vor allem die Elemente der Übertragung und des Commitment thematisiert. Ziel der Sitzungen ist wie in vielen Hilfeprozessen die „Hilfe zur Selbsthilfe“. Genau wie beim Gruppentraining bearbeitet das Einzeltraining die Themen Grundlagen des Trainings, nonverbale und verbale Kommunikation, Kommunikation und Konflikttraining. Hinzukommen die Abschnitte Empathie und korrigierende Beziehungserfahrungen sowie die Reflexion der Beziehung mit einer Bezugsperson. Wie beim Gruppentraining werden die einzelnen Sitzungen wieder in ihrem genauen Ablauf dargestellt und mit Material und Fallbeispielen unterfüttert.

Das sechste Kapitel geht schließlich auf schwierige Situationen im Therapieverlauf ein. „Die psychotherapeutische Arbeit mit Patienten, die Störungen auf der Beziehungsebene aufweisen, ist oftmals herausfordernd, da sich die interpersonellen Probleme des Patienten natürlich auch im Therapieraum abbilden.“ (S. 217) Diese wissen erfahrene Therapeut*innen zu meistern. Es gibt aber auch Situationen, in denen auch sie nicht mehr spontan weiter wissen. Genannt werden Situationen mit schwierigen Interaktionsinhalten, der interpersonelle Teufelskreis und therapeutische Metakommunikation. Weiter wird auf die Bedeutung der therapeutischen Selbstöffnung eingegangen und im Anschluss schwierige Therapiesituationen in der Gruppe beschrieben (Patient*innen beteiligen sich nicht, Patient*in verlässt unerwartet die Gruppe, Gruppenteilnehmer*innen greifen sich untereinander an). Die Autoren verweisen mit Fallbeispielen wieder auf Lösungsmöglichkeiten für solche Konflikte, die eine Momentaufnahme der persönlichen Verhaltensmuster der Betroffenen darstellen. „Interpersonelle Konflikte, die innerhalb des therapeutischen Kontexts auftreten, stellen ein Abbild der Beziehungsrealität der Patienten dar. Sie sind demnach eine willkommene Möglichkeit, genau die Probleme therapeutisch zu bearbeiten, die zu Leidensdruck und Beeinträchtigungen im Leben des Patienten führen.“ (S. 233)

Das letzte und siebte Kapitel thematisiert die Evaluation des Kiesler-Kreis-Trainings. Dargestellt werden Ergebnisse aus einer Evaluation an der Charité in Berlin. „Über den Verlauf der 12-wöchigen Behandlung kommt es zu einer statistisch signifikanten Veränderung des interpersonellen Verhaltens, sowohl in der Fremdwahrnehmung durch die jeweiligen Therapeuten, als auch in der Selbstwahrnehmung der Patienten.“ (S. 236) Auch Depression findet in diesem Zeitraum eine erkennbare Erleichterung. Die Patient*innen profitieren im Alltag auch in ihren realen Beziehungen vom Training.

Den Abschluss bildet eine Übersicht über das Arbeitsmaterial, das man sich extra herunter laden kann.

Diskussion und Fazit

Das Buch führt kompetent in einen verhaltenstheoretischen Ansatz ein, der es interessierten Therapeut*innen ermöglicht, das Kiesler-Kreis-Training sowohl in der Gruppe, als auch in der Einzeltherapie umzusetzen. Besonders hilfreich dafür sind die im E-Book enthaltenen Arbeitsanweisungen und -blätter. Der Aufbau (Theorie, Einzel- und Gruppentraining, Hindernisse und Probleme, Evaluation) folgt anderen Trainingsbüchern wie z.B. das Soziale Kompetenztraining von Alsleben und Hand. Der/Die Leser*in erhält damit die Möglichkeit, einzelne Abschnitte gezielt zu lesen und zu nutzen.

Auffällig ist, dass es aus einer eindeutig therapeutischen Perspektive auf die Störungsbilder und das damit verbundene Training eingeht. Für die Soziale Arbeit sind damit zunächst nur der Kiesler-Kreis als Diagnostik-Methode anwendbar, um damit dysfunktionales Verhalten zu erkennen und zu benennen. Der weitergehende Einsatz des Trainings erfordert in jedem Fall eine therapeutische Zusatzausbildung.


Rezensent
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 09.09.2019 zu: Anne Guhn, Stephan Köhler, Eva-Lotta Brakemeier: Kiesler-Kreis-Training. Manual zur Behandlung interpersoneller Probleme. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-621-28653-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25275.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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