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Björn Kraus: Relationaler Konstruktivismus – Relationale Soziale Arbeit

Cover Björn Kraus: Relationaler Konstruktivismus – Relationale Soziale Arbeit. Von der systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung zu einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 214 Seiten. ISBN 978-3-7799-3949-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Der vorliegende Band umfasst verschiedene Beiträge des Autors aus den Jahren 2006 bis 2018 zu grundlegenden Aspekten der heutigen Sozialen Arbeit auf der Basis einer systemisch-konstruktivistischen Ausrichtung.

Autor

Dr. Björn Kraus ist Professor für Wissenschaft Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Freiburg.

Aufbau

Das vorliegende Buch ist eine Art Kompendium, welches der Autor aus insgesamt vier eigenen Artikeln und zwei Exkursen im 1. Kapitel, sowie aus drei Artikeln im 2. Kapitel aus den Jahren 2006 bis 2018 zusammengestellt hat.

Kapitel 1 umfasst dabei nach einem Vorwort und einer „Hinführung und Einleitung“ folgende Grundlagen eines Relationalen Konstruktivismus:

  • Grundlagen und interaktionstheoretische Konsequenzen
  • Plädoyer für den Relationalen Konstruktivismus und eine Relationale Soziale Arbeit
  • Nicht-Verstehen als professionelle Kommunikations-Kompetenz
  • Macht – Hilfe – Kontrolle. Grundlegungen und Erweiterungen eines systemisch-konstruktivistischen Machtmodells
  • Exkurs 1: Lebenswelt und Lebensweltorientierung – eine begriffliche Revision als Angebot an eine systemisch-konstruktivistische Sozialarbeitswissenschaft
  • Exkurs 2: Manifest für einen Relationalen Konstruktivismus.

Kapitel 2 wiederum fokussiert auf Soziale Arbeit als Wissenschaft und Praxis:

  • Was ist Soziale Arbeit? Zur internationalen Definition und nationalen Bestimmungsversuchen
    Was ist und soll eine Wissenschaft der Sozialen Arbeit? Antworten und Fragen
  • Von der Normativität der Praxis zur Normativität der Wissenschaft der Sozialen Arbeit – ein legitimer Weg?
  • Ein umfangreiches Literaturverzeichnis findet sich in jedem Artikel bzw. Exkurs. Angaben über Drucknachweise schließen das Buch ab.

Inhalt

Wie Kraus in seinem Vorwort (S. 7) ausführt, beschäftigt er sich seit den 1990er Jahren damit, die unterschiedlichen Disziplinen Philosophie und Soziale Arbeit, d.h. zum einen die Frage nach den relationellen Erkenntnis- und Interaktionsbedingungen des Individuums, zum anderen die Frage, was Soziale Arbeit leisten soll oder kann, nach Möglichkeit miteinander zu verbinden. Daraus, so Kraus, entwickelte sich über die Zeit eine relational-konstruktivistische Perspektive bzw. weiterführende Überlegungen zu einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit.

Ausgehend von den Vorarbeiten zum Radikalen Konstruktivismus durch Ernst von Glasersfeld, Heinz von Förster und anderen, den bahnbrechenden Arbeiten von Humberto Maturana und Francisco Varela zur Autopoiese sowie den Werken zur Systemtheorie von Niklas Luhmann, Paul Watzlawick, Siegfried J. Schmidt und anderen versucht der Autor sehr engagiert, seine eigenen Überlegungen zur großen Bedeutung von menschlichen Beziehungen und die Werkzeuge ihrer Handhabung für die alltägliche Praxis auszuführen und für eine Annahme zu werben.

Auf der Basis einer systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung versucht Kraus in seinenArtikeln, die in Sphären der Sozialen Arbeit bekannten Begriffe Lebenswelt und Lebenslage zu konkretisieren, um damit Konsequenzen für professionelle Kommunikationsprozesse ableiten zu können. Dies mündet in einer Problematisierung der beiden zentralen gesellschaftlichen Aufgaben von Sozialer Arbeit, nämlich Hilfe und Kontrolle. Das aus dem immanenten Spannungsverhältnis dieser Aufgaben erwachsende Konfliktpotenzial führt Kraus konsequenterweise zum Begriff der Macht (S. 67 ff.) und zur Polarisierung zwischen „instruktiver Macht“ und „destruktiver Macht“ und deren Kontrollaspekten.

Kritisch anzumerken ist hier, dass der Autor bei seiner Wortwahl von instruktive versus destruktive Macht scheinbar nicht berücksichtigte, dass es in Bezug zur Sozialen Arbeit mindestens noch eine dritte Dimension von Macht gibt. In der Tradition von Heinz von Förster ist es stimmig, von der Annahme auszugehen, dass ein Mensch – da keine triviale Maschine – nicht zu instruieren ist, es also letztlich auf seine Mitwirkung bzw. Zustimmung ankommt. Die andere Seite aber nur als destruktiv zu bezeichnen, weil sie letztlich nur auf Befehl und Zwang beruht, ist aber für den Bereich der Sozialen Arbeit unzureichend, weil nur defizit-orientiert. Das wichtige Dritte, was hier fehlt, ist der Verweis auf eine „protektive Funktion“ von Macht, die beispielsweise Kinder und Jugendliche vor Vernachlässigung und Kindeswohlgefährdung schützt. Destruktiv ist hier Macht nur m.E. in den Einzelfällen wie beispielsweise beim Versagen öffentlicher Schutzinstanzen in der aktuellen Missbrauchsgeschichte von Lügde in Westfalen.

Im zweiten Kapitel des Buches versucht Kraus einen ersten Beitrag, was eigentlich Soziale Arbeit ist. Dabei bezieht er sich auf die internationale Definition der International Federation of Social Workers (IFSW) bzw. nationale durch die Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGAS) bzw. den Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH). Der 2. Beitrag möchte hier weiterführen und Antworten auf die Frage anbieten, was eine eigene Wissenschaft der Sozialen Arbeit sein könnte. Hier wird auf wenigen Seiten deutlich, wie heterogen sich diese wissenschaftliche Community zeigt und wie vielschichtig und ggf. auch widersprüchlich viele Aussagen dazu nebeneinander stehen.

Beendet wird das Buch inhaltlich mit einer Arbeit über Normativität, bei der eine erkenntnistheoretisch-konstruktivistische Diskussion angeboten wird (S. 170 f.). Dabei werden – inhaltlich sehr verdichtet – Aspekte von Moral und Ethik, Wahrheitsanspruch und das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis thematisiert.

Fazit

Das vorliegende Buch ist sehr engagiert geschrieben und verlangt von Lesenden eine große Menge gedanklicher Mitarbeit, um die sehr komplexen theoretischen Annahmen eines Relationalen Konstruktivismus und später die praxisbezogenen Konsequenzen für eine relational-konstruktivistische Soziale Arbeit nachvollziehen und prüfen zu können.

Durch die Zusammenstellung der angeführten Artikel und Exkursen ist das Buch einerseits thematisch sehr verdichtet, andererseits durch die gedankliche Tiefe der Theorie sehr komplex. Bedingt durch diese Komplexität, die sich auch durch die umfangreichen Literaturverzeichnisse abbilden lässt, verlangt es im Grunde von Lesenden eine gehörige Portion Vorwissen oder aber die Bereitschaft, viel „Sitzfleisch“ und Durchhaltevermögen einzubringen.

Summary

This book is written with a great deal of dedication and requires a great deal of intellectual cooperation from readers to understand and examine the very complex theoretical assumptions of a relational constructivism and later the practical consequences for a relational-constructivist social work.

Through the compilation of the mentioned articles and excursuses, the book is thematically very condensed on the one hand, and on the other hand very complex due to the theoretical depth of the theory. Due to this complexity, which can also be reflected in the extensive bibliography, it basically requires from readers a good deal of prior knowledge or the willingness to contribute a lot of „the ability to sit still“ and perseverance.


Rezensent
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 29.07.2019 zu: Björn Kraus: Relationaler Konstruktivismus – Relationale Soziale Arbeit. Von der systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung zu einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3949-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25276.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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