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Ulrich Lamparter, Hans Ulrich Schmidt (Hrsg.): Wirklich psychisch bedingt?

Cover Ulrich Lamparter, Hans Ulrich Schmidt (Hrsg.): Wirklich psychisch bedingt? Somatische Differenzialdiagnosen in der psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Schattauer (Stuttgart) 2018. 472 Seiten. ISBN 978-3-608-43135-3. D: 59,99 EUR, A: 61,70 EUR.
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Thema

Das neue Konzept des Buches zu psychosomatischen und somatopsychischen Krankheitsbildern ermöglicht einen bisher nicht gängigen differenzierten Blick auf Körper-Seele-Wechselwirkungen sowie Erkrankungen, die durch (nicht ärztliche) Psychotherapeuten voreilig als psychogen eingestuft werden könnten – und somit einer adäquaten, notwendigen und wirtschaftlichen Behandlung vorenthalten würden.

Herausgeber

Dr. med. Dipl. Psych. Ulrich Lamparter ist niedergelassen als Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Psychoanalytiker (DPV).

Prof. Dr. med. Ulrich Schmidt ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Ärztliche Bereichsleitung Psychosomatik im Ambulanzzentrum des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf sowie Professor für Musiktherapie.

Entstehungshintergrund

Bisherige Ansätze waren vorrangig geprägt von psychosomatischem Denken und Ursachenzuschreibung. In weiten Teilen der Literatur wird auf die Gruppe von Patienten fokussiert eingegangen, die körperliche Symptome ohne somatische Ursache erleben und beklagen. Ein alternativer Ansatz, dass es umgekehrt zu einem „Übersehen“ körperlicher Erkrankungen kommen kann, wenn man dem „Somatisierungskonzept“ allzu verständnisvoll gegenüber steht, stellt somit einen Ansatz dar, der in Kliniken zwar lange verfolgt, aber noch nicht zu Buche gebracht wurde.

Aufbau

Das Buch ermöglicht dem Leser nach einem spannend verfassten Einleitungsteil einen kritischen Blick auf Fehleinschätzungen von Symptomkomplexen und wodurch es zu solchen kommen kann.

Nach diesem allgemeinen Teil wird im speziellen Teil auf Symptome/Symptomkomplexe eingegangen, denen jeweils ein Kapitel gewidmet wird.

Ein weiterer Teil deckt spezielle somatische Krankheitsbilder ab, die man in der Praxis kennen sollte, um Differentialdiagnosen richtig erkennen zu können und ggf. abklären zu lassen.

Inhalt

Teil 1

Im ersten Teil wird in der Einführung sowie im ersten Kapitel, beide von Ulrich Lamparter und Hans Ulrich Schmidt verfasst, die Gefahr des „psychogenen Fehlurteils“, d.h. der falschen Attribution als „psychogen oder psychisch bedingt“ (S. 7) als ursächliche Motivation für die Herausgabe des Buches beschrieben. Eine „Systematik der Fehlermöglichkeiten“ (S. 19) auf verschiedenen Ebenen – der Symptombilder und Symptomrepräsentation, der ananmestischen Angaben und der Vorgeschichte, der körperlichen Untersuchungsbefunde, des psychischen Raumes, der zusätzlichen Untersuchungen, der Zusammenschau der Befunde und der Therapie erfolgt.

Das zweite Kapitel von Horst Kächele und Michael Hölzer widmet sich der Darstellung von Fehldiagnosen in der Psychotherapie anhand eines realen Fallbeispiels.

Im dritten Kapitel werden Wege zur Diagnose mit der Idee, auch Methoden der Fehlerminimierung aufzuzeigen, dargelegt.

Teil 2

Der zweite Teil widmet sich nach einer allgemeinen Darstellung verschiedenen Symptomen und Symptomkomplexen. Das vierte Kapitel bietet unter 4.1 eine Einführung in „Schmerz“, mit einer darauf folgenden Unterteilung in Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen und sonstige Schmerzen. Danach wird das Erst- oder Leitsymptom „Erschöpfung und Müdigkeit“ (4.2) und deren verschiedene mögliche körperliche Ursachen, wie Schilddrüsenunterfunktionsstörung und Anämien dargestellt. Informationen über Depressionen (4.3) folgen, da auch sie bei einer großen Zahl somatischer Erkrankungen auftreten können. Als weitere psychisch relevante Erkrankung wird „Angst“ (4.4) kurz dargestellt, danach komprimiert Bewusstseinsstörungen (4.5), Sinnesstörungen (4.6), Schlafstörungen (4.7), motorische Schwäche und Lähmungen (4.8), Gefühlsstörungen (4.9), Schwindel (4.10), Herzbezogene Beschwerden (4.11), Verdauungsstörungen (4.12), Sexuelle Funktionsstörungen (4.13), Chronischer Unterbauchschmerz der Frau (4.14), Symptome bei Allergien und Unverträglichkeiten (4.15) sowie Fieber (4.16). Diese Unterkapitel sind alle ähnlich aufgebaut, zumeist beginnen sie mit einer knappen Definition des Symptombildes sowie Hinweisen und einer organischen und/ oder eine psychosomatischen Genese. Mögliche diagnostische Fehler und Stichwörter, wie diese vermieden werden können, folgen.

Das fünfte Kapitel ist das umfassendste Kapitel. Es widmet sich auf über 300 Seiten den Krankheitsbildern bezogen auf die verschiedenen Körperregionen: Kopf, Gesicht und Hals (5.1), danach folgt der Brustraum (5.2), der Bauchraum (5.3), der Rücken (5.4), die Extremitäten (5.5), die Haut (5.6), Infektionskrankheiten (5.7), entzündliche rheumatische Erkrankungen (5.8), Stoffwechselerkrankungen (5.9), endokrinen Störungen (5.10), genetisch bedingten Störungen (5.11), subsumiert werden in dem Kapitel auch medikamentöse Ursachen einer psychischen Störung (5.12), Sphinxen der Diagnostik wie Morbus Whipple (5.13) sowie ausgewählte Krankheitsgeschichten (5.14).

Diskussion

Das Buch stellt sich der allen Psychotherapeuten bekannten Problematik der adäquaten Berücksichtigung sowie Ursachenzuschreibung von Körperbeschwerden, wie sie unsere Patienten häufig aufweisen. Es ermöglicht dem medizinisch nicht versierten Psychotherapeuten einen hilfreichen Blick auf Krankheitsbilder, die als psychogen missinterpretiert werden könnten. Hier weitet es den Blick auf somatische Phänomene und Erkrankungen, die nicht-ärztlichen Psychotherapeuten nicht standardmäßig geläufig sind. Auch dient es dem ärztlichen Psychotherapeuten als hilfreiches Nachschlagewerk, um sein Wissen aufzufrischen. Es ermutigt dazu, für seine Patienten leichter die Entscheidung für eine weiterführende Diagnostik zu veranlassen, um eine Verschleppung einer möglichen bisher unerkannten somatischen Erkrankung zu verhindern. Zudem fördert es den integrativen Ansatz zwischen somatischen Medizinern und Psychotherapeuten, indem es zu gemeinsamem Austausch und zur Zusammenarbeit anregt. Schwierig scheint für den nicht versierten medizinischen Fachmann die zunächst willkürlich anmutende Aneinanderreihung von Symptomen im vierten Kapitel. Einige Störungsbilder werden gestreift, warum diese ausgewählt wurden wird nicht deutlich.

Fazit

Das Buch ermöglicht dem Leser nach einem guten und griffig verfassten Einleitungsteil einen kritischen Blick auf häufige Fehler bei der diagnostischen Einschätzung körperlicher Symptome in der Psychotherapie. Im darauffolgenden speziellen Teil wird auf Symptome/Symptomkomplexe eingegangen, denen jeweils ein Kapitel gewidmet wird. Ein weiterer Teil deckt spezielle somatische Krankheitsbilder ab, die man in der Praxis kennen sollte, um Differentialdiagnosen richtig erkennen zu können und ggf. abklären zu lassen.

Das Buch ist ein hilfreiches Nachschlagewerk für Fachärzte für Psychotherapie, für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Ohne versiertes medizinisches Fachwissen dient es als Lehrbuch – wobei die Informationen nicht für eigenständige Diagnosestellungen vorgesehen sind, sondern im dargebotenem Überblicks-Umfang lediglich dazu veranlassen sollten, den Patienten zu einem spezialisierten Facharzt weiterzuleiten für eine eingehende Abklärung und Diagnosestellung, ggf. zur Mit- oder Weiterbehandlung. Das Buch ist daher gut geeignet für psychotherapeutische Kolleginnen und Kollegen, die in eigener Praxis arbeiten. Es dient somit als wichtiges Hilfsmittel, den psychotherapeutischen Horizont zu erweitern und eine Offenheit für somatopsychische Faktoren zu kultivieren sowie Austausch und Zusammenarbeit der Disziplinen Medizin und Psychotherapie sinnvoll zu fördern.


Rezensentin
Dr. Sandra Lentzen
Kinder- und Jugendpsychotherapeutin
Homepage www.psychotherapiepraxis-lentzen.de
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Zitiervorschlag
Sandra Lentzen. Rezension vom 08.05.2019 zu: Ulrich Lamparter, Hans Ulrich Schmidt (Hrsg.): Wirklich psychisch bedingt? Somatische Differenzialdiagnosen in der psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Schattauer (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-608-43135-3.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25285.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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