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Klaus Ahlheim, Rose Ahlheim: Autonomie statt Gehorsam

Cover Klaus Ahlheim, Rose Ahlheim: Autonomie statt Gehorsam. Zu einer Erziehung nach Auschwitz. Klemm & Oelschläger (Münster) 2018. 40 Seiten. ISBN 978-3-86281-130-4. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR.

Reihe: edition pyrrhus - 1.
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Thema

Erziehung vor und nach 1968.

Autor

Dr. Rose Ahlheim ist Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin und Dozentin und Supervisorin am Institut ESTHER BICK in Berlin. Prof. Klaus Ahlheim lehrte bis 2007 politische Erwachsenenbildung an der Universität Duisburg-Essen.

Entstehungshintergrund

Ist bereits der Titel: Weg von einer autoritären Erziehung zu Gehorsam zu einer Erziehung, die auf Autonomie und Verantwortung und einen respektvollen Umgang miteinander setzt.

Aufbau und Inhalt

Nach Hinweis auf die Kontinuität von autoritären Erziehungsmaximen nach 1945, folgt ein Kapitel ‚Lust am Gehorsam‘ und in Anlehnung an Adorno eins ‚Erziehung nach Auschwitz‘, und Literaturangaben.

Kontinuität nach 1945 (2 Seiten).

Ein ‚epochaler Umbruch‘ im Erziehungsverhalten habe sich durch die 68er Generation Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre vollzogen. Die Bücher von Johanna Haarer, in der NS-Zeit Leiterin des Referats ‚Gausachbearbeiterin für rassenpolitische Fragen in der NS-Frauenschaft‘ bestimmten weitgehend noch nach 1945 das strikt reglementierende Erziehungsverhalten von Müttern (Eltern?) gegenüber ihren Kindern.

Lust am Gehorsam (11 Seiten).

Der von Haarer geforderte Erziehungsstil war nicht von Empathie getragen, sondern von Härte, Unerbittlichkeit und einem ‚planmäßigem Umgang‘ mit Kindern, auch mit Säuglingen; er wurde auch durch Kinderärzte (z.B. Czerny) unterstützt. Die Zeugung (‚rassische Pflicht‘) und Erziehung der Kinder waren für Haarer eine nationale Aufgabe. Sie warnte, dass der gesunde Pflegetrieb der Frauen nicht unkritisch auf ‚lebensunwertes Leben‘ übertragen werden dürfe. Die Richtlinien ihrer Erziehungsvorstellung hatten, auch nach 1945, in Ost- und Westdeutschland noch Bestand.

Erziehung nach Auschwitz (15 Seiten).

1959 wies Adorno auf die verstörende Tatsache hin, dass nationalsozialistische Einstellungen keineswegs tot, Faschismus und Antisemitismus (Schändung von jüdischen Friedhöfen und Hakenkreuzschmierereien) laut Umfragen weiterhin lebendig seien. In zahlreichen Vorträgen warnte er engagiert vor den Gefahren, u.a. im Vortrag ‚Erziehung nach Auschwitz‘ (1966), nachdem am 20.8.1965 in Frankfurt der Auschwitz-Prozess zu Ende gegangen war. Dass Auschwitz sich nicht wiederhole, sei in erster Linie eine Frage der Erziehung. Dabei stützte er sich auf die Ergebnisse der Studien zum autoritären Charakter (1950) und auf eine Arbeit mit Horkheimer über ‚Vorurteil und Charakter‘ (1952). Er schlug eine Erziehung zu Reflexion und Selbstbestimmung (Autonomie) vor, einen ‚wärmenden Erziehungsstil durch liebevolle Zuneigung, respektvolle (demokratische) Berücksichtigung aller Familienmitglieder (auch der Kinder), Orientierungssicherheit durch Zuverlässigkeit und Gewaltfreiheit‘. Ein ‚akzeptierend-zuverlässiger‘ Erziehungsstil wecke auch di Bereitschaft zur Toleranz gegenüber Fremden. Die Gedanken von Adorno hat sich die 68er Studentengeneration zu Eigen gemacht und einen Paradigmenwechsel in der Erziehung erreicht, auch wenn sich 2001, Beispiel der Präsident der FU Dieter Lenzen, Reste autoritärer Erziehung immer noch finden ließen.

Kälte in der Erziehung und Empathielosigkeit seien nach Adorno eine Voraussetzung für Auschwitz gewesen. Die heute wieder zu beobachtende Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Nationalismus zeigten, dass diese Aufgabe immer wieder neu angepackt werden müsse.

Literatur (3 Seiten).

Diskussion

Das schmale, aber inhaltsreiche Büchlein eignet sich gut zur Unterrichtung und Gesprächen mit Jugendlichen und Eltern. Die Bedeutung der 68er Generation für einen Paradigmenwechsel in der Erziehung geht allerdings weit über den gesteckten Rahmen der Familienerziehung hinaus, insofern er in den Erziehungs- und politischen Institutionen konsequent fortgesetzt wurde. Dass das Thema heute noch aktuell ist, zeigt dass die Erfahrungen einer Generation nicht nahtlos auf die nächste übertragen werden können, da diese ihre eigenen Erfahrungen mach muss.

Der Paradigmenwechsel hat die Machtverhältnisse in der Familie und der Gesellschaft verändert, dazu gehört dass man in demokratischen Verhältnissen auch lernen muss, mit Niederlagen umzugehen, was schwierig ist für Menschen, die solche verletzend und entwertend, d.h. traumarisierend, erlebt haben.

Fazit

Ein empfehlenswertes kleines Buch, das auch mit den Literaturhinweisen Anregung zur Vertiefung gibt.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 18.03.2019 zu: Klaus Ahlheim, Rose Ahlheim: Autonomie statt Gehorsam. Zu einer Erziehung nach Auschwitz. Klemm & Oelschläger (Münster) 2018. ISBN 978-3-86281-130-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25287.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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