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Caspar Hirschi: Skandalexperten, Expertenskandale

Cover Caspar Hirschi: Skandalexperten, Expertenskandale. Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems. Matthes & Seitz (Berlin) 2018. 398 Seiten. ISBN 978-3-95757-525-8.
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Thema

Thema ist die Herrschaft der Experten, eine ‚Expertokratie‘, als eine Gefahr für die Demokratie, wenn diese auf Politik ausgerichtet oder finanziell von ihr abhängig sind.

Autor

Caspar Hirschi ist in Zürich geboren und lehrte nach dem Studium der Geschichte in Fribourg und Tübingen an der Universität Cambridge und z.Zt. an der ETH Zürich. Seine Forschungsgebiete sind die Geschichte und Theorie des Nationalsozialismus, die Organisationsstruktur wissenschaftlicher Institutionen und das Verhältnis von Wissenschaft und Politik in Geschichte und Gegenwart Seit 2014 ist er Mitglied im Evaluationsausschuss des Deutschen Wissenschaftsrats.

Entstehungshintergrund

Politiker berufen sich gern bei ihren Entscheidungen auf Experten, die dadurch einerseits eine privilegierte Position in der Gesellschaft und Einfluss bekommen, andererseits aber auch negativ für Entscheidungen verantwortlich gemacht werden, die Politiker getroffen haben. Die Verflechtung von Wissenschaft und Politik und die gegenseitige Abhängigkeit hat negative Auswirkungen auch für die Wissenschaft, da sie in finanzielle Abhängigkeit gerät und Kontroversen – bei Berufungen und Forschungsmittelzuwendungen -nicht öffentlich verhandelt werden und ‚aus Politik Wissenschaft und aus Wissenschaft Politik gemacht‘ wird.

Aufbau

Nach einer Einleitung folgt

  • ein Kapitel über den ‚Aufstieg und Fall eines drogenpolitischen Technokraten‘ (Nutt),
  • dann ‚Die Geburt des Experten im Gericht‘,
  • ‚Der animalische Magnetismus vor dem Expertentribunal‘ (Franz Anton Mesmer),
  • ‚Mord oder Selbstmord? Experten in der Affaire Calas‘,
  • ‚Die Affaire Dreyfus als Expertenskandal‘ (Schriftexperten),
  • ‚Das Erdbeben von L’Aquila‘ und
  • zum Schluss ‚Die Disziplinierung der Wissenschaft‘.

Inhalt

Einleitung: Der Traum von der Wissensgesellschaft (20 Seiten).

Hirschi erinnert an Träume in den 1990er Jahren vom ‚Sieg der Information über Ideologie und Ignoranz‘. Inzwischen habe sich gezeigt, dass auch mit dem Internet keine ‚expertenbasierte Konsensdemokratie‘ entstanden sei. Politische Extremisten und religiöse Fundamentalisten verbreiteten Propagandalügen und Fehlinformationen. Wissenschaft und Experten seien zu Hassobjekten geworden.

Der Politologe E. Lane hegte 1966 die Erwartung, dass wissenschaftliche Kriterien in der Politik den Vorrang vor polarisierenden und rivalisierenden Parteien bekommen würden. Anstelle einer Expertenberatung habe sich jedoch eine Instrumentalisierung von Wissenshaft für politische Zwecke entwickelt.

Anhand von Fallstudien über den englischen Drogenexperten Nut und italienische Erdbebenexperten zeigt Hirschi, dass nicht nur die Politik sondern auch die Medien zu einer Idealisierung der Experten beigetragen und damit unerfüllbare Erwartungen geweckt hätten. Große Skandale aus dem 18. Und 19. Jahrhundert zeigen die Verstrickung der ‚Experten‘ durch überzogene Ansprüche bei Wissenskonflikten und daraus folgend ein Degraduierungsritual, an dem die Medien auch einen Anteil hatten. Ähnliche Konstellationen sind auch heute noch, unter veränderten Bedingungen, zu beobachten.

I. Aufstieg und Fall eines drogenpolitischen Technokraten (30 Seiten).

Experten übersetzen ihr Fachwissen in eine für Laien verständliche Form (Bsp. Sachverständige vor Gericht). Man erwartet von ihnen eine unabhängige Position. Wie schnell sie jedoch in die ‚Mühlen der Politik‘ geraten können, zeigt Hirschi am Fall des Drogenexperten Nutt, der versuchte, systematisch die Gefährdung durch Drogen zu untersuchen, und dabei in Widerspruch mit Angehörigen von Ecstasy-Opfer und dem unter Druck geratenen Innenministerium geriet. Ähnlich strittig waren seine Einschätzungen der Gefahr durch Drogenkonsum und einer Überdosis von Medikamenten. Er provozierte mit der These, dass man die Gefährlichkeit von Drogen mit menschlichen legalen Aktivitäten (z.B. Reiten, oder Alkohol ‚schlimmer als Ecstasy‘) vergleichen müsse, und löste damit eine öffentliche Diskussion aus. BBC und verschiedene Printmedien stellten sich in der Kontroverse mit dem Innenministerium auf Nutts Seite. Wissenschaftler schalteten sich ein mit den Forderungen, die akademische Freiheit zu uneingeschränkter Äußerung zu respektieren, die wissenschaftliche Unabhängigkeit von Expertenkommissionen zu garantieren und angemessen zu berücksichtigen. Die Handlungslogiken von Politikern, Experten und Journalisten, vor allem ihre Unterschiede, werden von Hirschi analysiert: Nutt wurde von der Presse instrumentalisiert, weil er keinen Blick für deren strategische Interessen (Skandalnutzen) hatte, und von der Politik, aufgrund ihrer konträren Motive und Positionen.

II. Geburt das Experten im Gericht (28 Seiten).

Nach Bank hatte der Experte aufgrund seiner Kenntnisse Fragen zu beantworten, die die Regierung gestellt hatte. In Frankreich waren im Code Louis 1667 Richtlinien für die Nomination von Experten festgelegt (bei widersprechenden Gutachten Hinzuziehung eines dritten Experten). Den Experten wurde aber keine Unabhängigkeit gegenüber Leuten aus ihrem eigenen ‚métier‘ zugestanden, weshalb im Zweifelsfall die ‚bourgeois‘ (als nicht mehr in der Praxis tätige Experten) bei der Abstimmung in der Überzahl waren.

In der Folgezeit war die Einberufung von Experten zur Beurteilung von Handschriften/Fälschungen und zur Qualitätskontrolle (z.B. Bautechnik und Messverfahren) allein den Richtern vorbehalten. Später folgte die Einbeziehung von Chirurgen, Physiologen und Hebammen für Sachfragen, während die Rechtsfragen dem Richter vorbehalten blieben. Es entwickelte sich eine Begünstigung durch epistemischen, finanziellen (für das Amt musste bezahlt werden) und erblichen Vorteilen gegenüber Bauherren und Zünften, und eine zunehmende Korruption. Eine Trennung von Praxisverbot der ‚première classe‘ gegenüber der ‚deuxième classe‘ (Unternehmer) wurde notwendig. Praxis und Rechtsgrundlagen gewannen an Bedeutung und wurden zunehmend zu einer Konkurrenz zu den amtlichen Experten.

Colbert zur Académie royale de sciences: In der Hierarchie oben renommierte Wissenschaftler (mit Pensionen, Stimm- und Wahlrecht), darunter Schüler ohne Rechte aber unter Protektion eines Wissenschaftlers. Es gab die Unterklassen Mathematik (Geometrie, Astronomie, Mechanik) und Physik (Anatomie, Botanik, Chemie). Die Gutachter prüften bei Innovationen die Anträge und gaben Empfehlungen (Beratertätigkeit). Aus Höflichkeit gab es selten kategorische Zurückweisungen. Réaumur forderte eine stärkeren wirtschaftlichen Nutzen und eine von materiellen Sorgen unabhängige Professionalisierung und so wurde die Académie im 18. Jahrhundert zu einer wissenschaftlichen Expertenbehörde. Mit dem selbsterklärten Ziel, Gutachtertätigkeit für den Staat mit Kritik am Staat zu verbinden, beanspruchten die Akademiemitglieder einen höheren Status als die amtlichen Sachverständigen vor Gericht; beide waren aber insgesamt gegenüber den Autoritäten entgegenkommender als gegenüber den Handwerkern. In den 1780er Jahren kam es in Frankeich zu einer Expansionsstrategie der Experten und der Akademie. Lavoisier schlug vor die Richter- und Expertenrolle klarer auseinander zu halten: Letztere sollten nur Empfehlungen geben, hatten aber tatsächlich einen Urteilscharakter. Sie galten als Gütesiegel und wurde von Krone auch zu Propagandazwecken instrumentell genutzt.

III. Der animalische Magnetismus vor dem Expertentribunal (28 Seiten).

Dieses Kapitel befasst sich ausführlich mit der Therapie durch Übertragung magnetischer Kräfte von Franz Anton Mesmer, die von der medizinischen Fakultäten reserviert aufgenommen wurde, obgleich er einen Publikumserfolg hatte. Seine Theorie, tierischen Magnetismus wie Elektrizität speichern zu können, ließ sich wissenschaftlich nicht nachprüfen. Dennoch gründete er eine eigene Akademie mit entsprechenden Geldeinnahmen. Eine Aufklärung der Wirkungsweise sollte auf Anordnung des Königs durch öffentliche Experten erfolgen, denen Mesmer die Kooperation verweigerte. Es gab dennoch einen geheimen Expertenbericht, der jedoch riskant war, weil er Anspielungen auf einen Sexualakt enthielt (die beobachtete Person war eine Frau) und somit einen Affront für die Betroffene und ihre Angehörigen beinhaltete. Den Akademiemitgliedern wurde ‚Imagination‘ (Charles Deslon) vorgeworfen. Es kam zu Solidarisierung mit Mesmer vonseiten politischer Kritiker( Vorwurf ‚despotische Wissenskultur‘) und zu dem Verdacht einer Komplizenschaft mit der Krone, womit der Ruf als unabhängiges Beratungsgremium ruiniert war.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Wissenschaftsforschung intensiv mit dem Status des Experten befasst, den Spannungen zwischen formeller und informeller Beratungstätigkeit, zwischen wissenschaftlicher Unabhängigkeit und politischer Instrumentalisierung und der Gefahr der Abhängigkeit der Experten von dem öffentlichen Vertrauen (oder auch Misstrauen) der Politiker.

IV. Mord oder Selbstmord? Experten in der Affaire Calas (84 Seiten).

Der Skandal beginnt, als am 13.10.1761 der Sohn Gaubert des Tuchhändlers Jean Calas durch Mord oder Selbstmord, was nie aufgeklärt wurde, stirbt. Da die Ermittler von Mord ausgingen, wurden die Ermittlungen selbst nur oberflächlich ausgeführt, insbesondere da das Motiv klar zu sein schien: Der protestantisch aufgewachsene Sohn wollte gegen den Willen des Vaters zum Katholizismus übertreten. Von Beginn an herrschte ein reges öffentliches Interesse. Ausführlich schildert Hirschi, wie es zur ersten Verurteilung des Vaters unter der Annahme eines religiösen Fanatismus und zur Hinrichtung kam, obgleich auch unter Folter kein Geständnis des Vaters vorlag. Voltaire befasste sich mit der Sache zunächst intellektuell unter dem politischen Aspekt eines Justizskandals in Verbindung mit religiösem Fanatismus und gab ein Plädoyer für Zivilisation und Aufklärung, ohne sich selbst mit der Familie getroffen zu haben. Der Prozess bekam damit eine verstärkte Publizität. Voltaire interpretierte die Geheimhaltung der Gerichtsunterlagen als indirektes Schuldeingeständnis und bezahlte zwei renommierte Anwälte: Der eine beantragte die Eröffnung des Revisionsverfahrens, während der andere meinungsbildend die Familie vertrat und Stellungnahmen veröffentlichte. Sie legten neues Wissen zu ihren Gunsten aus und bedienten sich auch des forensischen Experten Antoine Louis, Mitglied der Académie, der zwar zum Fall selbst nichts sagen konnte, aber für zukünftige Fälle genauere Untersuchungen forderte. Die Strangulationen an der Leiche hätten durch eigene oder fremde Hand zustande kommen können. Durch eine Kompression der Halsvenen und nicht eine Unterbrechung der Atemwege sei der Tod eingetreten. Selbstmord interpretierte er – nicht moralisierend – als Folge einer Krankheit. Der spät erfolgte Freispruch war ein Triumpf der Rollenteilung zwischen der Mobilisierung der Öffentlichkeit durch Voltaire, den Anwälten und dem Experten.

Es folgt ein Epilog: Von der Affaire Calas zur Guillotine als einer Entwicklung zu einer ‚humanen Hinrichtung‘.

V. Die Affaire Dreyfus als Expertenskandal (56 Seiten).

Der Skandal um Dreyfus wurde nahezu vollständig geklärt und zeigte einen fundamentalen Wissenskonflikt der ‚Experten‘. Hirschi geht auf die Unterschiede zum Fall Calas ein. Der Vorwurf lautete Spionage und gründete sich auf ein handschriftliches Schriftstück, das nach Prüfung durch Schriftexperten Dreyfus zugeschrieben wurde. Nach erfolgtem Urteil (Verbannung) bemühte sich die Familie um eine Wiederaufnahme des Verfahrens, wobei die widersprüchlichen Schlüsse von ‚Schriftexperten‘, deren Glaubwürdigkeit infrage gestellt wurde, eine Rolle spielten. Da auch ein Autor selbst seine Schrift verfälschen kann, was Dreyfus zeitweise unterstellt wurde, machte die Entscheidung noch komplizierter. Für ihn sprach, dass die Spionage für Deutschland auch nach seiner Verbannung weiterging und sich der Kreis der Experten nicht einig war. Emile Zola wandte sich mit publizistischen Mitteln gegen die Gerichtsgutachter.

Es wurden dann auch Sprachgutachter hinzugezogen, deren Expertisen ebenfalls zu zweifelhaften Schlüssen kamen. Inzwischen war der Prozess zu einem Medienspektakel und einem Kulturkampf geworden. In einem zweiten Verfahren wurde Dreyfus verurteilt, aber begnadigt. Längst handelte es sich nicht mehr um eine Dreyfus-, sondern um eine Experten-Affaire mit der Folge, dass die Graphologie als ‚exakte Wissenschaft‘ infrage gestellt wurde.

VI. Das Expertenbeben von L’Aquila (42 Seiten).

Das Erdbeben in den Abruzzen 5./6.4.2009 zerstörte weite Teile von L’Aquila und umliegende Dörfer. Sechs Wissenschaftler wurden am 22.10.2012 zu Gefängnisstrafen verurteilt wegen fahrlässiger Tötung von 29 Menschen; ihnen war eine falsche Prognose unterstellt worden. Die Presse und viele Wissenschaftler waren auf Seiten der Angeklagten. Allerdings ging es nicht um die Prognoseunfähigkeit der Erdbebenexperten, sondern um die Konsequenzen ihrer Handlungsanweisungen in Bezug auf Zivilschutzmaßnahmen. Das Verfahren hatte mit falschen Anschuldigungen begonnen und zu einem Fehlurteil geführt; die Experten wurden ideologisch überschätzt und andererseits politisch instrumentalisiert. Die Erdbebenprognosen eines Amateurseismologen, der gemessen am Ausstoß von Radon auf seismische Aktivitäten im Erdinneren ‚verlässliche‘ Vorwarnungen machte, löste einen Fehlalarm aus. Das führte erneut zum Einsatz von Experten, um der Bevölkerung die Angst zu nehmen. Die Annahme, dass mehrere kleine Beben das Risiko eines großen minimieren, wurde von den Experten nicht geteilt; dennoch wurde die Bevölkerung aus politischen Gründen irreführend informiert.

 Nach dem großen Erdbeben riss Berlusconi die Entscheidungskompetenz an sich, leistete Notfall-Einsatz und versprach Wiederaufbauhilfen: humanitäre Hilfe als Propagandapolitik. Wegen Korruption musste der Bertolaso, die rechte Hand von Berlusconi zurücktreten. Aber auch die Experten hatten irreparablen Schaden genommen, weil sie sich von politischen Beruhigungs-Kampagnen nicht distanziert hatten. Der Experte Boschi hatte zwar auf die Gefahr eines starken Erdbebens hingewiesen, aber ohne eine konkrete Aussage. Dennoch wurde er mit weiteren Wissenschaftlern und zwei Zivilfahndern wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Der Anwalt von Boschi verwies darauf, dass das sorglose Verhalten der Bürger nicht kausal mit der Äußerung des Experten zusammenhänge könne, da diese nicht bekannt gewesen sei. Dennoch kam es zu einer Verurteilung der Angeklagten. Die Presse reagierte entrüstet auf den Vorwurf der fehlenden Voraussage, obgleich das nicht Anlass der Verurteilung gewesen war. Der später offizielle Freispruch bestätigte die Unschuld der Experten unter Hinweis auf den seismologischen Wissensstand zur Tatzeit.

Erst Melissa Lane wies kritisch auf die Ungewissheit einer wissenschaftlichen Expertise hin, bedingt durch die Ungewissheit über die Entwicklung des Wetters (ständig wechselnde Faktoren) und den Stand des Wissens, die Untersuchungsmethoden und konkurrierende Wissensansprüche. Das Bedürfnis nach Sicherheit vernachlässige die Unsicherheitsfaktoren (Wunschszenarien). Anstelle die Grenzen der Seismologie anzuerkennen, hätten die Seismologen die Propaganda des Zivilschutzamtes mitgetragen als verlängerter, und nicht unabhängiger Arm der Regierung. Die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes forderte, dass sich Seismologen auch mit den gesellschaftliche, kulturellen und kommunikativen Voraussetzungen in Erdbebengebieten auseinander setzen müssten.

Hirschi spricht von der Doppelmoral einer ‚klientilistischen Expertenkultur‘, einer hierarchischen Abhängigkeit und wechselseitigen Verflechtung (Loyalität) anstelle wissenschaftlich geforderter Unabhängigkeit. Klientilismus spiele in allen Lebensbereichen in Italien eine Rolle (Arbeit, Justiz, Gesundheit). ‚Gemeinwohl-Ethik‘ schütze vor Korruption, aber nicht vor ‚Netzwerk-Ethik‘ (Moral der Eingeschlossenen). Niklas Luhmann sah den Klientilismus als ein ‚Korrelat der Moderne‘. Mit der Prekarisierung junger Generationen und Polarisierung demokratischer Auseinandersetzungen werde dieser zum entscheidenden Faktor beim sozialen Fortkommen: Gemeinwohlethik (Ethik der Exkludierten) gegen Netzwerkethik Ethik (der Inkludierten). Wissenschaftler als Experten hingegen sollten ihre Kenntnisse in den Dienst der Allgemeinheit stellen und nicht als Klienten die Interessen ihrer Patrone vertreten (‚schmutzige Hände mit dem Anschein einer weißen Weste‘).

Schluss: Die Disziplinierung der Wissenschaft (34 Seiten).

Die moderne Gesellschaft ist angewiesen auf Experten. Auch populistische Politiker kommen nicht ohne Experten aus, die ihnen allerdings auch nach dem Mund reden können. Zur Zielscheibe der Kritik werden sie, wenn ihnen zur von der Politik eine unzulässige Legitimierungsfunktion übertragen wird oder sie im Extremfall zur Propagandazwecken benutzt werden. Die Gefahr für die Wissenschaft ist, dass ihr jeder Wahrheitsanspruch aberkannt wird und sie ihre Rolle als Instanz der öffentlichen Kritik aufgibt.

Im Unterschied zur Politik haben Expertengremien in der Wissenschaft Entscheidungsgewalt bei Forschungsprojekten und Zeitschriftenaufsätzen, unterstützt durch eine anonymisierte Expertentätigkeit, in Form von externen Gutachtern, für Expertengremien (Beispiel ‚Peer Review‘). Es gibt zwei Kategorien von Experten: Die Technokraten, Herausgeber von Zeitschriften und Forschungsräte in Fördergremien, und die Sachverständigen als anonyme Gutachter für die Technokraten.

‚Peer Review‘’ bearbeitet hierarchisch wissenschaftliche Publikationen und Projekte, beantragt von Experten, begutachtet von einen für das Fachgebiet entscheidenden Forschergremium, für dessen Auslese die Entscheidungsorgane verantwortlich sind. Solange diese mit ausgewiesenen Spezialisten besetzt sind, ist das Verfahren formal gesichert: Sachkompetenz geht vor Unabhängigkeit. Die direkte Konkurrenz kann aber interessegeleitet zu einer Verfälschung führen. Das Ethos der Sachlichkeit wird infrage gestellt, wenn die Gutachter meinen, die Person von der Sache trennen zu müssen und die Entscheidung anonym bleibt. Symbolisch entstehen dann Hierarchien aufgrund ungleicher Handlungsmöglichkeiten. Die Experten erzielen Gewinne auf Kosten der Begutachteten, die sich nicht zur Wehr setzen können.

‚Peer Review‘ ist ein Instrument der innerwissenschaftlichen Selbstregulierung und Machtstabilisierung und gleichzeitig undemokratisch elitär und oligarchisch. Für die Politik ist sie eine ‚multifunktionale Blackbox‘: Da Entscheidungen einer demokratischen Diskussion entzogen sind, werden die Wissenschaftler zu Zensoren der staatlichen Forschungsförderung und die Experten als unabhängige Stimmen eingesetzt (Gütesiegel für Qualität). Der Legende nach entstand ‚Peer Review‘ mit dem wissenschaftlichen Zeitschriftenwesen (Harriet Zuckerman und Robert K. Merton).

In der Royal Society und den Akademien wurden vorher auf dem Kontinent und auf wissenschaftlichen Tagungen Erkenntnisse öffentlich präsentiert und kritisiert. Allerdings hatten externe Experten eine Vorpublikationszensur, was z.B. keine neuen Befunde, unzuverlässige Methoden und den Stand der Wissenschaft anbetraf. ‚Peer Review‘ entstand erst im Verlauf der 1960er Jahre in Zusammenhang mit einem massiven Ausbau der staatlichen Förderung von Projekten, die vor allem einen technischen Vorsprung sichern sollten. Man delegierte sowohl das Geld als auch den Wissenstransfer an die Wissenschaft, was dazu führte, dass die Mitglieder von Fördergesellschaften und Expertenkommissionen aus denselben Kreisen rekrutiert wurden, eine Expertenelite. Die Verantwortung für die Vergabe von Fördermitteln wurde anonymen Forschern außerhalb der offiziellen Expertengremien übertragen. Kritik wurde zunehmend als Angriff auf die Unabhängigkeit der Wissenschaft erlebt. Im 19./20. Jahrhundert holten Zeitschriftenredaktionen zur Prüfung eingesandter Manuskripte anonyme Reports ein, die den Autoren zugänglich gemacht wurden: eine pluralistische Ordnung von Auswahlverfahren. Bei ‚Nature‘ wurde nach Konsultation von Redakteuren und Korrespondentengesprächen mit Forschern in souveräner Eigenregie entschieden, was publiziert wurde, u.a. auch die Veröffentlichung von ungewöhnlichen und kontroversen Arbeiten. Nach der Etablierung von ‚Peer Review‘ wurde die Wissenschaftspublizistik uniformiert.

Hinzukam das Korsett der Quantifizierung durch gleiche Anerkennung für das Einwerben öffentlicher Projektgelder und das Publizieren (‚akademische Prestigeökonomie‘). Für die kommerziellen Zeitschriftenverlage wurde das zu einem Instrument der Gewinnmaximierung. Professoren wurden zu unbezahlten Herausgebern, Gutachter zu redaktionellen Gratisarbeitern; dennoch wurden die Kosten sukzessive angehoben. Die quantitative Messung wissenschaftlicher Leistungen machte den Anschein von Vergleichbarkeit (wer, wo, wie oft publiziert und zitiert worden war) und führte zu einer Rangliste von Zeitschriften. Davon profitierten in erster Linie die Verlage. Wissenschaftliche Wahrheit wurde zur Ware degradiert.

Die wissenschaftliche Expertenelite ist jedoch kein machtloser Mitspieler, sondern sie hat Einfluss auf Forschungsthemen und Forscherkarrieren. Gegen die entwerteten Raubtierverlage wurde ‚Peer Review‘ idealisiert (‚falsche‘ und ‚wahre‘ Wissenschaft), wobei in anonymisierten Verfahren die Grenze zwischen rigoroser Qualitätskontrolle und Bestätigungsritual nicht sichtbar wird.

Die Auswirkungen der quantitativen Leistungsmessung zeigen sich auch im Zitationsindex, eine zentrale Kenngröße für die Leistung eines Wissenschaftlers. Bei einer ernsthaften kritischen Auseinandersetzung (Diskutieren von Argumenten, Reproduktion von Experimenten, Verifizierung von Methoden) macht Zählen wenig Sinn. Die kritische Funktion der wissenschaftlichen Publizistik wurde radikal reduziert oder in die vertrauliche Sphäre der ‚Peer Review‘ als ‚Goldstandard‘ verlagert, wo Vorbehalte nicht ausgeräumt werden können und eine Zensur stattfindet. Dieser Effekt trifft vor allem die experimentellen Wissenschaften (Biochemie, Biomedizin, Psychologie). Eine neue Kritikerrolle ohne den Schutz der Anonymität ist notwendig.

Diese staatliche Projektförderung erlaubt auch Eingriffe, indem Forschungsvorhaben ver- oder behindert werden. Antragsteller, die anonyme Gutachter ablehnen, sind benachteiligt. Indem man begutachtet und nicht kritisiert, exponiert man sich auch nicht persönlich und ist auch keinen Sanktionen vonseiten der Fördergesellschaften ausgesetzt. Die Kritik wird gegenüber der Expertise abgewertet, oder diese erscheint als Fortsetzung der Kritik mit anderen Mitteln. Die forschende Mehrheit allerdings erlebt dieses System wie eine Lotterie, der man sich klaglos unterwerfen muss: Es hängt zufällig von der Person ab, die den Antrag genehmigt oder nicht. Für die meisten Forscher erscheint heute ‚Peer Review‘ alternativlos. Zunehmende Spezialisierung muss aber nicht durch anonyme Gutachtertätigkeit bewältigt werden. Ein Experiment, Forschern fehlerhafte Arbeiten vorzulegen, zeigte dass kein einziger a l l e Fehler gefunden hatte.

Die meisten geisteswissenschaftlichen Zeitschriften im deutschsprachigen Raum haben ein entsprechendes Verfahren trotz der Diskrepanz zwischen praktischer Relevanz und zweifelhafter Wirksamkeit eingeführt. ‚Peer Review‘ ist ein effizientes Instrument, um Ungleichheiten zwischen Personen und Institutionen durch ein Verfahren zu vergrößern (konfrontationsfreie Machtausübung), bei dem die Gutachter kein Gesicht und die Begutachteten keine Stimme haben.

Expertengremien können Konsensmaschinen werden, wenn sie entscheidungsbefugt und durch ein anonymisiertes Gutachtersystem flankiert werden. Forschende müssen dann, um erfolgreich zu sein, viel stärker den Meinungen etablierter Kollegen über relevante Themen und richtige Methoden Rechnung tragen (‚Kultur der Irritationsvermeidung‘).

Anmerkungen mit Literaturhinweisen (64 Seiten).
Abbildungsnachweise (3 Seiten).
Dank (2 Seiten).

Diskussion

Das nicht immer leicht zu lesende Buch gibt anhand der Beispiele eine gute Einführung in die historische Entwicklung des Gebrauchs von Experten, die Grenzen und Problematik ihres Wissenshorizonts (Selbstüberschätzung) und die Gefahr der Verwicklung durch eine Instrumentalisierung durch Politik und Politiker. Dennoch hat mich das letzte, und wie nur lose angefügte Schlusskapitel am meisten interessiert, weil es aktuell die Gefahren einer anonymen Gutachtertätigkeit in wissenschaftlichen Gremien benennt, die sich einem kritischen Diskurs nicht stellen müssen und damit eine Machtstellung gegenüber den Begutachteten haben, die nicht nur den Betroffenen, sondern – und vor allem – der Sache selbst schadet. Da Hirschi selbst so einem Gremium beiwohnt, spricht er, vermute ich, als Insider und mit leidenschaftlichem Engagement für eine offene und kritische Auseinandersetzung über Forschungsvorhaben, Bewertung von Arbeiten (nicht nach der Zahl, sondern der Qualität) und einer – um sein Wort zu brauchen – gesunden kritischen ‚Irritationskultur‘. Wissenschaftler stehen auf den ‚Schultern von Riesen‘, und auf ihre Schultern wird die nächste Generation steigen. Ohne eine kritische Diskussion über die Grenzen unseres Wissens ist ein Fortschritt nicht möglich.

Fazit

Das Buch ist zu empfehlen für Leser, die sich für die Geschichte und Probleme der Hinzuziehung von Experten, bei Gericht, in der Wissenschaft und der Politik, interessieren. Aktuell wichtig wird es jedoch für Leser aus dem akademischen Bereich (und Lehrer, die Schüler auf ein akademisches Studium vorbereiten) darauf zu achten, dass offen und kritisch Argumente ausgetauscht, Wissen auf Augenhöhe und ohne Abhängigkeiten geprüft, kritisch bewertet und auf dieser Grundlage Forschungsvorhaben unterstützt werden. Außer dem persönlichen Gewinn ist vor allem der Gewinn für den wissenschaftlichen Fortschritt, und damit für uns alle, nicht zu unterschätzen.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 04.04.2019 zu: Caspar Hirschi: Skandalexperten, Expertenskandale. Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems. Matthes & Seitz (Berlin) 2018. ISBN 978-3-95757-525-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25288.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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ISSN 2190-9245

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