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Christa Morgenrath, Eva Wernecke u.a. (Hrsg.): Imagine Africa 2060

Cover Christa Morgenrath, Eva Wernecke u.a. (Hrsg.): Imagine Africa 2060: Geschichten zur Zukunft eines Kontinents. Peter Hammer Verlag (Wuppertal) 2019. 160 Seiten. ISBN 978-3-7795-0604-1. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Das Wort ist die Kraft

Die Zeiten, als ethno- und eurozentrierte Behauptungen beinahe allgemeingültig waren, dass es in unserem Nachbarkontinent keine Philosophie – und damit kein Wissen (und keinen Verstand?) – gäbe, sind hoffentlich vorbei. Es waren u.a. Leo Frobenius (1873 – 1938), der in seiner „Kulturgeschichte Afrikas“ begeistert und überzeugt feststellte: „Ihr (der AfrikanerInnen, JoS) ganzes Leben ist erfüllt vom Rhythmus des großen Seins, ausgedrückt durch den Wandel vom Werden und Vergehen und Wiederwerden“ (S. 248). Der Kulturvermittler und Schriftsteller Janheinz Jahn (1918 – 1973) kommt in der Lyrik-Anthologie „Schwarzer Orpheus“ und der Prosa-Anthologie „Schwarze Ballade“ (1954) zu der Aussage: „Das Wort hält den Lauf der Dinge in Gang und verändert die Dinge, verwandelt sie. Und da das Wort diese Macht hat, ist jedes Wort ein Wirkwort, ist jedes Wort verbindlich“ (S. 370/1963). Der interkulturelle Literaturwissenschaftler Manfred Loimeier befreit die literarischen Wortmeldungen aus Afrika aus den vorgefertigten, traditionellen Konzeptualisierungen und Deutungsschemata und legt den Blick frei für die literarische Qualität der Werke (Manfred Loimeier, Literaturen aus Afrika. Eine komprimierte Einführung aus postkolonialer Sicht, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24488.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberinnen

Wenn man die historisch sicherlich einseitig notierte Aussage – „Ex Africa semper aliquid novum“, Aus Afrika kommt immer etwas Neues – in die aktuelle Zeit der sich immer interdependenter, entgrenzender und global entwickelnden (Eine?) Welt hereinholt, vermitteln sich andere Eindrucke. Die Aufbruchsstimmung ist unübersehbar. Zwar bestimmen immer noch in der öffentlichen Wahrnehmung lokale und globale Katastrophen das Bild vom Kontinent: Hunger-, Umwelt-, Migrations-und ökonomische Krisen; doch die Bevölkerungsentwicklung und der interkulturelle Dialog zeigen auf, dass die Menschen in Afrika die vermeintlichen und tatsächlichen Defizite überwinden und selbstbewusst auftreten (vgl. z.B.: Joseph-Achille Mbembe, Politik der Feindschaft, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23618.php).

Mit dem Programm „Stimmen Afrikas“ werden seit zehn Jahren afrikanische Schriftstellerinnen, Schriftsteller und Künstler präsentiert. Dadurch ist ein vielstimmiger, lebendiger und anregender interkultureller Dialog entstanden. Einen Eindruck von der Vielfalt, der Kreativität und Wortgewalt von afrikanischer Literatur will die Anthologie „Imagine Africa 2060“ vermitteln.

Die Herausgeberinnen des Sammelbandes – Christa Morgenrath, Kulturmanagerin, Initiatorin und Leiterin der Literatur- und Bildungsreihe „Stimmen Afrikas“ des Kölner Allerweltshauses und Eva Wernecke, Afrikanistin und Projektassistentin – wollen mit der Anthologie „diese Stimmen dem ungenierten Rassismus und den unerträglichen populistischen Rufen nach Abschottung entgegenhalten, hartnäckige Vor- und Fehlurteile erschüttern und für gegenseitigen Respekt werben“.

Aufbau und Inhalt

Es sind Texte von fünf Schriftstellerinnen und fünf Schriftstellern aus zehn afrikanischen Ländern. Ausgehend vom Jahr 1960, an dem die meisten afrikanischen Kolonialländer unabhängig wurden, reflektierten die Autorinnen und Autoren, wie ihre Heimatländer in 100 Jahren, also 2060, sich entwickeln würden. Diese „Geschichten zur Zukunft eines Kontinents“ vermitteln bei den LeserInnen interessante spekulative, utopische, dystopische und biographische Eindrücke und laden zur Auseinandersetzung ein.

José Eduardo Agualusa (*1960) ist ein angolanischer Schriftsteller und Journalist. Er lebt in Lissabon und gilt als einer der bedeutendsten Gegenwartsschriftsteller in portugiesischer Sprache, die er für sich als afrikanische Sprache versteht. „Als die Welt untergegangen war…“ ist ein Auszug aus dem Roman „A Vida no Céu“ (Das Leben im Himmel, 2013). „Schwieriges Leben?“ – „Tote Zeit?“ – „Himmlisches Leben?“ – Die Zukunft bin ich!

Ellen Banda-Aaku ist 1965 in Großbritannien geboren. Sie wuchs in Sambia auf. Sie studierte öffentliche Verwaltung und arbeitete in Sambia, Ghana, Südafrika und Großbritannien. An der Universität in Kapstadt erwarb sie das Diplom für Kreatives Schreiben. Für ihre Kinderbücher, Kurzgeschichten, Prosatexte und Dokumentarfilme wurde sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet. „Froschaugen“ – entstelltes oder charakteristisches Gesicht? „Wir scheißen alle und vergessen das nie“ – „natürlich“ nicht!

Ken Bugul (*1947), so der Name der senegalesischen Schriftstellerin. „Eine, die unerwünscht ist“, wird ihr Name in ihrer Muttersprache Wolof übersetzt. Ihren Text titelt sie mit „Utopie“. Es geht ihr um Gleichberechtigung und Rechte der Frauen. „Wir werden nicht handeln wie die Clique“, und wir werden glücklich sein, „mit Anstand und Respekt“.

Die 1978 in Paris geborene Tochter von malischen Eltern, Aya Cissoko, hat sich im wahrsten Sinne des Wortes durchs Leben geschlagen. Ihr Vater, ihr Bruder und ihre Schwester werden bei einem rassistischen Brandanschlag getötet; als Kickboxerin wird sie Europa- und Weltmeisterin. Ihre Verletzungen zwingen sie, den Boxsport aufzugeben. Sie studiert Politikwissenschaft und beginnt zu schreiben. Mit ihren Romanen hat sie Erfolg. Ihre Autobiographie „Danbé“ (Würde in Malinke) wird mit dem Titel „Wohin ich gehe…“ verfilmt. Mit dem Text „Die Rückkehr“ setzt sie sich mit der scheinbaren Unmöglichkeit auseinander, Zukunft zu denken. Das Sprichwort ihres Volkes, der Mandinka, drückt es aus: „Die Welt ist alt, doch die Zukunft entspringt der Vergangenheit“. Das wichtigste ist, Mensch zu sein und zu bleiben!

Youssouf Amine Elalamy (*1961) ist ein marokkanischer Literaturwissenschaftler und Schriftsteller. Seine Werke wurden ausgezeichnet, als Theaterstücke bearbeitet und als Kunstwerke präsentiert. Mit dem Text „Er ist schön, der Krieg“ schreibt er sein Existentielles, sein Schuld- und Unschuldhaftes in sein Leben. Und der Rat – „Hau ab, zieh Leine, geh egal wohin, aber bleib bloß nicht hier. Der Krieg ist kein Land für dich“ – öffnet alle Spekulationen und Vergleiche mit dem Hier und Jetzt.

Der simbabwische, in Edinburgh lebende Autor Tendai Huchu (*1982) denkt sich mit seinem Text „Data Farming“ in die Möglichkeiten, Wirklichkeiten und Absurditäten der technologischen Entwicklungen im Alltagsleben hinein. Ein alternder, gestresster, aus einem landwirtschaftlichen Betrieb stammender Manager mit einer für ihn viel zu jungen Frau lebt – oder funktioniert nur: „Die Tabletten halfen ihm über die Runden, Pillen gegen Angststörungen, sein Mittel gegen zu hohen Blutdruck, Metformin wegen seines Typ-2 Diabetes, Opioide als Schmerzstiller…“.

Sonwabiso Ngcowa (*1984) ist ein südafrikanischer, in Kapstadt lebender Schriftsteller. In seinen Kurzgeschichten und Romanen setzt er sich mit den sozialen Problemen seines Landes auseinander: Apartheid, Homophobie, Rassismus, Ungleichheit. Mit dem Text „Die Wahrheit“ schreibt er in Slang Alltäglichkeiten, Zumutungen und Gewalt im Gespräch mit „Mamma“ herunter: „Was machst du, wenn sie deiner Schwester das Herz geklaut ham, und die Nieren?“. An Ngcowas Karriere als Schriftsteller hat der deutsch-niederländische Schriftsteller und Friedensarbeiter Lutz van Dijk Anteil (siehe dazu: Lutz van Dijk, Hrsg., African Kids. Eine südafrikanische Township-Tour, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/15006.php).

Okwiri Oduor (*1989) ist eine kenianische Schriftstellerin. Sie stellt fest: „Ich möchte Literatur in englischer Sprache schreiben – weil die Sprache mir vermacht wurde und mich quasi dazu verdammt, mich ihrer zu bedienen – ohne dabei aber Englisch zu sein“. Mit ihrem Text „Heimwärts“ drückt sie diesen Zwiespalt s aus. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer bin ich? – es sind immer wieder dieselben Fragen, auf die es keine Antwort gibt.

Nil Ayikwei Parkes (*1974) ist ein im englischen Linkolnshire geborener ghanaischer Lyriker und Essayist. Er pendelt zwischen Großbritannien und Ghana hin und her und setzt sich dafür ein, in Afrika junge SchriftstellerInnen zu fördern. Sein Text „Organoide“ hat nur indirekt mit der wissenschaftlichen Methode zu tun, im Reagenzglas körperliche Lebensvorgänge zu erforschen; vielmehr geht es um Erinnerungen und um geborene und verlorene Kontakte, zur Großmutter, zu Freunden, und zu den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Lebens: „Meine Großmutter hält Hoffnung für gefährlich“.

Chika Unigwe wurde 1974 in Nigeria geboren. Sie ist an der Emory University in Atlanta/Georgia. als Literaturwissenschaftlerin tätig. Sie gründete den „Awele Creative Trust“, der junge NigerianerInnen beim Schrei en fördert. Mit ihrem Text „Amara for President“ setzt sie sich auseinander mit den Traditionen und Fortschritten im Leben, für Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis. Anpassung und Widerstand sind die Motoren dazu: „Integrität heißt, dass man das Richtige tut und mit sich selbst im Reinen leben kann“. Ihre Absicht, als Kandidatin bei den Präsidentschaftswahlen 2060 anzutreten und dabei auch persönliche Wünsche zurückzustellen, und diese auch zu gewinnen, führte zu bisher unmöglich erscheinenden Veränderungsprozessen im Land.

Mit dem Nachwort ordnet der Heidelberger Literaturwissenschaftler und Afrikanist Manfred Loimeier die zehn Geschichten in den interkulturellen Zusammenhang ein. Er verweist didaktisch und kulturvergleichend darauf hin, dass die literarischen Stimmen Afrikas „ein gesellschaftskritisches Anliegen (vermitteln), Literatur als Form des Engagements (nutzen)“.

Im Anhang listen die Herausgeberinnen die Veranstaltungen und Projekte auf, die beim Label „Stimmen Afrikas“ in den Jahren 2009 bis 2018 stattfanden. Sie verdeutlichen damit die bemerkenswerten Aktivitäten des Kölner Allerweltshauses.

Fazit

Die Anthologie „Imagine Africa 2060“ stellt ohne Zweifel den anerkennenswerten Versuch dar, Literatur als interkulturelles Mittel herauszustellen, wie es notwendig und möglich ist, den Anderen, Fremden und Unbekannten kennen zu lernen und seine Fragen nach dem „Wer bin ich?“ zu verbinden mit den notwendigen eigenen, und so das zustande zu bringen, was als „globale Ethik“, in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zuvorderst gefordert wird: Die Anerkennung der allen Menschen innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt. Hilfreich bei der Frage: „Wer sind die Afrikaner?“ ist das Buch, in dem die Geschichte Afrikas einmal anders, afrikanisch, dargestellt wird (Lutz van Dijk, Afrika – Geschichte eines bunten Kontinents. Neu erzählt mit afrikanischen Stimmen, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20698.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.02.2019 zu: Christa Morgenrath, Eva Wernecke u.a. (Hrsg.): Imagine Africa 2060: Geschichten zur Zukunft eines Kontinents. Peter Hammer Verlag (Wuppertal) 2019. ISBN 978-3-7795-0604-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25291.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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